Das Hochhaus

„Nicht jetzt!“ Mehr als ein Zischen war es nicht. Wie so oft sah sie einzig eine abweisende Handbewegung. Ihr leidenschaftliches und lärmendes Bemühen ein Gespräch zu führen, abgewürgt mit der unbewussten Geste der Ungeduld.
Ihr Vater war am Telefonieren und wollte nicht gestört werden. Nahm sie nicht einmal wahr und wies das kleine Mädchen mit einer kurzen Umdrehung ab. Halb neun war es und Sophie hatte ihren Vater ins Büro begleitet. Ihre Mutter arbeitete halbtags und so wurde das Gebäude, in dem ihr Vater arbeitete, während den Schulferien zu ihrem Hort. Was genau Sophies Vater arbeitete, wusste sie nicht. Manager, antwortete er immer, wenn sie fragte. Aber verstehen tat sie es dennoch nicht. Manchmal sah sie ihm dabei zu, wie er arbeitete. Allerdings war dieser ständig am Telefonieren und hatte niemals Zeit. Dann stand er da, so wie jetzt, vor der großen Fensterscheibe und stierte über das Meer der Häuser unter ihm. Mit der Hand im Nacken versuchte er sich selbst zu entspannen.
Sophie konnte nicht begreifen, wieso man sich beim Telefonieren so sehr aufregen konnte. Und der Sinn der Arbeit entging ihrem Verständnis völlig. Mit jedem redete ihr Vater – nur mit ihr nicht.
So seinem Rücken zugewiesen, zuckte sie mit den Schultern, ließ Papier und Stifte auf dem Boden liegen und öffnete lautlos die Tür aus dem Büro.
Der Flur war offen und hell. Reines Tageslicht mischte sich unter elektrisches kaltes Leuchten. Etwas verträumt schlenderte sie umher und wurde von der seitlichen Fensterfront magisch angezogen. Mit der Hand stets an einer Wand entlang schleifend, näherte sie sich der lichtdurchfluteten Scheibe.
Ein blauer Himmel lag über den Dächern der Häuser, von denen einige im Grund zu versinken schienen. Keiner der sichtbaren Häuser ragte bis dorthin, wo das kleine Mädchen sich die Nase an der dicken Glasscheibe platt drückte. Sie mochte es zu sehen, wie die Autos wie bunte Ameisen sich mit ihren rot aufglühenden Augen durch die schmalen Gassen schlangen und beinahe lückenlose Reihen bildeten.
Vor ihrem Gesicht wurde das Glas weiß und ließ die Stadt nur noch schemenhaft erkennen. Ihr Atem ging schneller und sie hauchte immer kräftiger gegen die Scheibe, bis schließlich ein großer Kreis aus kondensiertem Wasser dort erschien und ihre Nase und ihren Mund abbildete. Beglückt gluckste sie auf und tupfte zwei Augen in ihr Kunstwerk, lachte ihrem gegenüber zu, drehte sich um und hüpfte den Flur hinunter. Leise sang sie vor sich hin und klopfte mal an der einen, mal an der anderen Seite gegen die Wand und vergaß völlig, was ihr Vater ihr so oft gepredigt hatte.
Scheinbar ziellos zog sie durch die ihr so vertrauten Gänge des oberen Geschosses. Die Fenster beachtete sie schon lange nicht mehr und ihre Kreise zogen sich immer enger um den inneren Kern.
Plötzlich blieb sie stehen und ihr Summen verstummte. Sie hatte ein helles und kurzes Läuten vernommen und war blitzschnell wieder um die Ecke gesprungen.
Vorsichtig lugte sie hervor und sah eben noch, wie sich die chromsilbrigen Türen öffneten. Im Kontrast zu dem Licht im Flur, wirkte jenes, das aus der Kabine herausflutete leicht gelblich.
Ein großer schwarzer Schuh stahl sich hervor und bald darauf folgte ein schwarz bekleidetes Bein. Ein Mann stieg eben aus dem Fahrstuhl. In einer Hand trug er einen dunklen Koffer. Mit der anderen griff er sich an den Hals und rückte seine Krawatte zurecht. Als Einziges an seiner Erscheinung besaß diese Farbe. Blassblau, wie der Himmel an einem wolkenlosen Winternachmittag. Auch seine Frisur erfuhr eine rasche Überprüfung, bevor er eiligen Schrittes in einen der Flure verschwand. Das Mädchen hatte er dabei gar nicht bemerkt. Sein Blick war nicht für den Bruchteil einer Sekunde von seiner Richtung abgewichen.
Vorsichtshalber blieb Sophie dennoch hinter der Biegung stehen, wartete, bis die Schritte des Mannes endlich verhallten, und wagte sich dann erst hervor.
Mit weit nach oben geregtem Haupt blieb sie vor den silbrigen Türen stehen und beäugte misstrauisch die großen leuchtenden Zahlen über dem Rahmen. Eine große 1 stand da. Gleich daneben noch eine, gefolgt von einer Sieben. Ihr Herzschlag wurde wieder langsamer. Der Fahrstuhl war bereits viele Stockwerke tiefer. Beruhigt begann sie wieder zu trällern und spielte weiter. Vor dem Fahrstuhl gefiel es ihr am besten, denn hier hatte sie am meisten Platz. Ein großer Bereich, aus dem drei Gänge führten. Ohne ihrer Umgebung noch weiter Beachtung zu schenken, lief sie in großen Kreisen durch die Halle. Ihr Summen und ihre Schritte hallten wieder und verdrängten jedes andere Geräusch.
Die Gefahr vergessend, bemerkte sie zu spät, dass sich die Kabine sich abermals näherte. Erst das Läuten ließ sie verharren. Erschreckt blickte sie sich um. Jegliche rettende Ecke unerreichbar weit weg. Schon öffnete sich die Tür. Sophie stand immer noch so da, wie sie nach ihrem letzten Sprung das Gleichgewicht wieder gewonnen hatte. Mit nach hinten gerissenen Armen und nach vorne gebeugtem Oberkörper. Ein leicht grauhaariger Mann, etwas hager – wie die meisten in diesem Gebäude – trat hervor und verengte leicht die Augenbrauen, während er das Mädchen prüfend ansah. Dieses lächelte ihm frech entgegen und schlich sich an ihm vorbei, bevor dieser auf die Idee kommen könnte, sie nach ihren Eltern zu fragen. Oft genug schon hatte der Hausmeister sie zu ihrem Vater zurückgeschleppt. Der Mann drehte sich um, wollte etwas sagen, doch die Fahrstuhltür schloss sich bereits. Als hätten seine Gedanken den Faden verloren, schüttelte er den Kopf und ging weiter.
Sophie lehnte am hinteren Spiegel und sah nach oben in die hellen Leuchten. Erleichtert atmete sie aus. Der Förderkorb setzte sich in Bewegung. Das vertraute Gefühl des Fallens ergriff sie. Leise begann sie wieder zu kichern. In der Aufregung hatte sie nicht einmal bemerkt, auf die Taste sie gedrückt hatte und war enttäuscht als sich bald schon die Türen öffnete. 4 konnte sie dort lesen, gefolgt von einer 2. Das ging besser dachte sie und hupfte aufgeregt, um an den obersten der Knöpfe zu reichen. Gleich darauf zogen die dicken Seile sie wieder nach oben. Vergnügt ließ sie sich hinfallen und legte sich auf den Rücken. Es gab eh nur eine Art wie man Fahrstuhl fahren konnte – nämlich liegend. Jetzt spürte sie die ganze Kraft, fühlte, wie sie sich der Erde entfernte, fühlte gar das leichte Vibrieren des Bodens. Das war besser als die Wippe im Kindergarten.
Kaum hatte der Druck auf ihren Rücken nachgelassen, erkannte sie vor sich auch schon wieder die Empfangshalle des Geschosses, in dem ihr Vater arbeitete. Doch sie dachte nicht einmal daran auszusteigen. Eilig sprang sie auf und gab den Befehl ins Erdgeschoss zu fahren. Mit aufleuchtender Taste bestätigte die Kabine die Reise und ließ Sophie erneut fallen. Diesmal sprang sie gar und lachte jedes Mal auf, wenn sie die Platte von Neuem berührte. Sophie konnte ehrlich nicht verstehen, was die anderen in ihrer Klasse nur an der Schaukel fanden. Dieses Spielzeug war ihr viel lieber.
Kaum wollte das Programm die Pforte öffnen als Sophie ihre Meinung auch schon wieder revidierte und sich auf den Weg zu dem obersten Stock machte. Lange ging das nie gut, aber solange keiner sie davon abhielt, würde sie dies wiederholen. Ganze Morgende hatte sie so verbracht – meistens unterbrochen von dem schief lächelnden Haumeister, der es nie fertigbrachte, streng zu werden.
Auf einmal stand unten ein Mann, als der Fahrstuhl sie zum wiederholten Male entlassen wollte. Sie beäugte ihn skeptisch, befand dann, dass sie ihn nicht kannte, lächelte in frech an und stieg aus. Das musste sie so machen, anders würde der Hausmeister wieder einen Anruf bekommen. Mit der Zeit hatte sie herausgefunden, wie sie am längsten spielen konnte.
So also stand sie nun draußen, im Erdgeschoss und wartete etwas ungeduldig darauf, dass der Fahrstuhl erneut leer ihr die Türen öffnete. Stehend verging die Zeit viel zu langsam. Unbewusst begann sie zu wippen. Bis sie einen Schatten hinter sich wusste und gelähmt innehielt. Bedächtig schielte sie zur Seite und glaubte sich ertappt. Doch auch dieser Mann war ihr fremd. Ein wenig von seiner Erscheinung fasziniert begutachtete sie ihn von unten bis oben. Ein stattlicher, eher auffällig fülliger Mann in dunklem Kostüm und roter Krawatte stand neben ihr. Trotz seiner überschüssigen Kilos besaß sein Gesicht einiges an Schärfe und selbst Strenge im Übermaß. Sein Blick durchbohrte sie, während er auf sie herab sah und ihr Benehmen wortlos missbilligte.
Sophie musste schlucken und sah beschämt zur Erde. Am liebsten hätte sie sich in Luft aufgelöst. Der Mann war ihr unheimlich und flößte ihr gar Angst ein. Sie verkrampfte all ihr Muskel und verbot sich jede Bewegung. Sie wagte nicht einmal mehr, ihn anzusehen. Angespannt horchte sie auf jedes noch so leise Geräusch.
Dann endlich war es da, das Läutern auf das sie gewartet hatte. Sie war ihn los! Innerlich jubelte sie, riskierte aber immer noch keine Regung oder gar einen Ton anzudeuten. Der Mann tat zwei Schritte noch vorn. Bange Sekunden. Er blieb stehen. Mit schlimmer Vorahnung sah Sophie zu ihm auf. Seine Augen verengt, verzogen sich seine Brauen zusehens. Bald würde er fragen. Warum sie nicht einsteige? Was sie eigentlich hier machte? Das durfte nicht geschehen. Schon gar nicht bei diesem Unmenschen. Abermals schluckte sie und drängte sich an ihm vorbei in die nun eng erscheinende Kabine. Mit einem dominanten Lächeln im Gesicht trat der Mann hinterher und drückte bestimmend auf einen der Knöpfte. Sophie dachte nicht einmal daran, sich auch nur in die Nähe der Knöpfe zu wagen.
Noch nie hatte Sophie das Schließen der metallenen Türen so bedrohlich empfunden. In einer Ecke stehend, hielt sie den Spiegel im Auge und betrachtete voller Unmut den Mann in seiner dunklen Erscheinung. Breite Schultern strammten seinen Anzug. Der Käfig zog die Beiden auch schon aufwärts. Ob der Spiegel das Bild verzerrte? Sie spürte, wie ihre Angst wich. Der Fremde stand dicht vor der Tür. Den Blick gesenkt betrachtete dieser wohl seine Füße. Seine Hand fast zur Faust geballt, rieb er sich die Finger aneinander.
Sophie musste kichern, irgendwie taten das alle, wenn sie im Fahrstuhl waren. Erschrocken von ihrem Übermut schlug sie sich die Hände auf dem Mund zusammen und versuchte das Geräusch ungeschehen zu machen. Sie hielt den Atem an. Ihr Herz schlug ungewöhnlich heftig. Doch der Mann regte sich nicht. War er taub? Neugier verdrängte ihre Angst. Bedächtig schlich sie sich nach vorne. Ihre Schritte konnten nicht unbemerkt bleiben. Doch der Mann hob lediglich den Kopf und starrte auf die erleuchtete Anzeige über ihm. Seine Lippen bewegten sich stumm, als würde er zählen.
Ganz weit vorne stand der Dicke. Doch Sophie wollte ihm ins Gesicht sehen. Dabei wagte sie zu viel. Mit ihrer Schulter streifte sie sein Bein. Die Hand des Mannes zuckte kurz. Sein Blick senkte sich leicht und blieb kurz an der metallenen Tür haften. Steif rieb er sich mit seiner zusammengezogenen Hand, dort wo er berührt worden war. Etwas verloren wandte er seinen Kopf zur anderen Seite und erblickte sein Gesicht im Spiegel. Irritiert stellte er fest, dass er nicht allein war, und betrachtete ruckartig den Boden unter ihm. Aber dort stand nun Sophie mit breit grinsendem Gesicht. Verlegen, wegen der sich anbahnenden Vertrautheit flüchtete sein Blick in die für das Mädchen unerreichbare Höhe. Enttäuscht schlängelte sich das Mädchen wieder nach hinten in die Kabine und betrachtete hoffnungsvoll die Knöpfe, die sie bald wieder zu betätigen gedachte. An rasante Fahrten dachte sie, während der Fahrstuhl abrupt stehen blieb und sich die Flügel öffneten. Eilends hob der Mann seinen schwarzen Schuh hinaus. Zupfte kurz an seiner Krawatte rum und verzog sich in einen der Flure. Der Fahrstuhl war Sophies Reich und nun hatte sie ihn wieder für sich ganz allein.