Das Mädchen auf dem Hügel

„Komm, bleib hier“, rief Gertrude ihre Tochter mitfühlend aus ihren Gedanken.

Mathilde war in der Türöffnung stehen geblieben, als ihr Vater sie zurückgewiesen hatte. Eigentlich wollte sie mit ihm gehen, doch nun sah sie wie er den Hügel hinunterschritt. Sein breiter Rücken wirkte bei weitem nicht mehr so stark wie früher. Er war immer noch muskulös, doch schien er immerfort eine schwere Last zu tragen. Ihr Vater hielt sich leicht nach vorne gebeugt und ihm war der Regen gleichgültig, der ihm das Haar durchnässte. Das Wasser lief ihm die Wangen hinunter, während er lustlos den Pfad hinuntertrabte.

Immer nach stand Mathilde oben und fühlte die Trauer ihres Vaters und litt mit ihm. Sie würde ihm so gerne helfen.

„Hilf mir beim Abwaschen.“ Gertrude mühte sich nach soviel Normalität wie irgend möglich. Vielleicht war das auch der Grund, warum ihr Vater in letzter Zeit soviel arbeitete. Andererseits hatte er nun auch keinen mehr, der ihm half und die Arbeit machte sich nicht von selbst.

Als ihre Mutter sie nochmals rief, drehte sie sich endlich um und half beim Abwaschen. Sonst war dabei stets ein Summen zu hören, doch in letzter Zeit fehlte ihrer Mutter dafür die Kraft. Überhaupt war es sehr ruhig geworden, seit ihr Bruder gestorben war. Die Gespräche waren wortkarg und umfassten nur das Nötigste. Es war ein Unfall gewesen. Er half im Nachbardorf ein Dach zu errichten, als ihn ein abrutschender Balken traf. Er hatte ihn leichtsinnig auf eine Kante gelegt ohne ihn zu fixieren. Es war sein eigener Fehler gewesen. Er war immer etwas leichtsinnig und starrsinnig gewesen, doch nun gab Vater sich die Schuld und sie konnte nichts tun, um ihm zu helfen. Keiner durfte in seiner Gegenwart darüber sprechen, dabei war es beinahe ein Jahr her.

„Füllst du das Holz auf?“, fragte Gertrude und versuchte Mathilde auf Trab zu halten. „Ich flechte an den Körben weiter.“

Mathilde ging hinaus zur regenabgewandten Seite des Hauses. Dort war mannshoch Brennholz aufgestapelt, das sie über den Sommer aus dem Lager am Fluss auffüllten. Sie nahm jedes Mal etliche Stücke mit hinein und füllte die steinerne Nische neben dem Kamin, mit dem Restholz, das ihr Vater nicht verwenden konnte. Der Kamin und die Nische waren das einzige aus Stein in diesem Haus. Ansonsten waren es dicke Holzwände, die mit Lehm verputzt waren. Es war das einzige Haus weit und breit, das so gebaut war. Das lag daran, dass sie eine Schreinerei besaßen und leicht an Holz kamen.

„Das Holz ist aufgefüllt, soll ich Wasser holen gehen?“ Es war eine alltäglich gewordene Frage.

„Hast du deinem Vater Brote gemacht?“, kam die gewohnte Gegenfrage.

Mathilde nickte mit einem freudigen Lächeln. Gertrude wank sie mitfühlend zu sich heran.

Mathilde stellte sich neben ihre Mutter und ließ sich von ihr über den Rücken streicheln.

„Ach, mein Kind. Du gibst nie auf?“

Sie antwortete mit einem zarten Kopfschütteln. Die Frage bedurfte ohnehin keiner Antwort. Gertrude fuhr noch einige Male über den Rücken. Dann drückte sie ihre Tochter am Arm. „Du schenkst mir so viel Kraft.“ Sie machte eine Pause ohne sie loszulassen. „Auch deinem Vater, mehr als dass er es dir zeigen könnte.“

Die Worte bedeuteten Mathilde viel. Mit einem kleinen Korb in der einen und einem großen Eimer in der anderen Hand, machte sie sich auf den Weg zum Fluss.

Sie musste acht geben. Der Weg war leicht glitschig durch den Regen der vergangenen Tage. Unten erwartete sie ein unruhig gewordener Fluss der spielend über seine üblichen Ufer strich. Sie ging zu einem Felsvorsprung, denn hier konnte sie den Eimer gefahrlos füllen. Den vollen Eimer stelle sie am Eingang der Schreinerei ihres Vaters ab.  Sie hörte wie sich das dicke Sägeblatt durch das Holz fraß. In einem monotonen Rhythmus zog ihr Vater die Säge zu sich heran, um sie dann mit weniger Kraft von sich zu drücken. Er hörte sie nicht und wandte dem Eingang den Rücken zu. So stellte sie den Korb ab und schlich sich hinein.

Neben der großen Werkbank stand ein grob gezimmerter Tisch. Darauf lag ihr Werkzeug. Ihr Bruder hatte sich immer über ihre viel zu kleinen Hände und die viel zu schwachen Arme lustig gemacht. Auch ihr Vater hatte anfangs gelacht und gemeint, sie solle ihrer Mutter helfen. Doch mit der Zeit erfüllte ihn ein gewisser Stolz, dass seine Tochter nicht so war, wie die dummen Mädchen im Dorf. Manchmal ließ er es gar zu, dass sie ihm half. Sie durfte ihm das Werkzeug bringen und manchmal gar etwas abmessen.

Doch seit einem Jahr war das vorbei. Vieles hatte sich von einem Tag auf den anderen geändert. Ihre Mutter meinte, dass es ihn zu sehr an seinen Sohn erinnerte und dass er deshalb nicht wollte, dass sie ihm half. Es war als hätte er sich alles verboten, was ihm Freude machen konnte. Er folterte sich selbst, als wäre es die einzig richtige Strafe für ihn. Es war seine Schuld, so viel stand für ihn fest. Und wer schuld ist, muss Buße tun. Ihr Vater war kein besonders gläubiger Mann. Aber man muss Werte haben, pflegte er zu sagen. Wenn man keine Werte hat, ist man kein Mensch. Meistens sagte er das, wenn er etwas Unangenehmes tun musste oder sich dafür rechtfertigte kein Unrecht zu tun, obwohl es ihm von Nutzen wäre.

Aber Mathilde traf keine Schuld. Dennoch strafte er auch sie. Sie wollte helfen, sie wollte besser werden, denn ihr machte die Arbeit Spaß. Er hatte ihr nie direkt verboten die Schreinerei zu betreten, aber er hatte sie immer wieder weggeschickt oder sie daran gehindert mit ihm zu gehen.

Doch eigensinnig wie Mathilde war, hatte sie mit der Zeit ihren Weg gefunden. Nachmittags schlich sie sich hinein und setzte sich an ihre Werkbank. Holz, das sie bearbeiten konnte, fand sie zur Genüge. Sie wusste, dass solange sie sich ruhig verhielt, würde ihr Vater sie nicht bemerken oder zumindest so tun als ob. Von sich aus tat er ohnehin wenig und sprechen gar noch weniger. Nur arbeiten tat er die ganze Zeit. Manchmal ging er sogar nachts hinunter und räumte in klaren Nächten das Außenlager auf.

Auch heute blieb Mathilde an ihrer Werkbank ungestört. Ihr Vater hatte reichlich Aufträge und seine Arbeit war besser als je zuvor. Mit gut gab er sich längstens nicht mehr zufrieden. Er gab erst Ruhe, wenn er keinen Makel mehr fand. Als könnte er alles vergessen machen, fixierte er sich auf jeden seiner Aufträge und doch wirkte er freudlos. Alles was er tat, oder nicht tat, schien auf seine Art Buße zu sein.

Mathildes Sammlung unter der Werkbank wuchs unterdessen stetig an. Sie hatte diese inzwischen von der Wand wegrücken müssen, um dahinter lagern zu können. Seid einer Woche arbeitete sie wieder an ihrer Lieblingsarbeit, einem Brettspiel, von denen sie schon zig Exemplare angefertigt hatte. Mit leisen Schlägen meißelte sie die Konturen heraus und blies von Zeit zu Zeit die Späne in einen Leinen versehenen Korb. Auch sie vergaß dabei alles um sich herum, allerdings war es bei ihr die Leidenschaft, die in ihr brannte. Die Geduld und Hingabe, die sie in ihre Arbeit legte war dieser anzusehen. Alles war reichlich und doch harmonisch verziert.

Ein letztes Mal blies sie die winzigen Späne vom Spielbrett und fuhr prüfend mit der Hand und einem Pinsel über jede Kontur, bis das letzte Staubkorn beseitigt war und sie sicher war, dass keine Unebenheit mehr übrig war. Ein zufriedenes Lächeln schlich sich in ihr Gesicht. Es war ihr so gelungen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Doch dann blickte sie sich nachdenklich um. Ihre Arbeit war noch nicht ganz fertig. Es bedurfte noch einiger Verzierungen, die sich nicht meißeln ließen. Sie musste noch Flächen schwärzen und den Figuren und den zahlreichen Spielbrettern Leben einflössen. Das war ein heikler Teil ihrer Arbeit, dann dazu musste sie Feuer anzünden. Deshalb sammelte sie solche Arbeiten und wartete bis auch ihr Vater Feuer brauchte. Aber in letzter Zeit hatte dieser keine Arbeit gehabt, für die es das bedurfte.

Draußen hatte es zu regnen aufgehört und der Boden war nass. Sie betrachtete den Stapel an unvollendeter Arbeit, schluckte kräftig und fasste den Entschluss es heute zu wagen. Ihr Vater war immer noch mit der großen Säge beschäftigt. Er hatte manchmal solche Tage, da hörte er gar nicht mehr auf mit Sägen. Heute Abend würde er wieder Blasen an seinen Händen haben, so tun als wäre alles in Ordnung und noch schweigsamer sein. Auch wenn es sie traurig machte ihn so zu sehen, so war es doch die beste Gelegenheit ihr Vorhaben umzusetzen.

Sie nahm ihren Korb mit den feinen Holzspänen, die zwei Feuersteine, einen metallenen Korb und ein wenig von dem Heu, das sie im Sommer zu diesem Zweck ernteten und trockneten.

Draußen in einiger Entfernung zur Schreinerei war eine große Fläche mit Steinen aus dem Fluss ausgelegt. Dort wuchs kein Grashalm und wenn doch dann zupften sie es weg, damit sich dem Feuer keine Möglichkeit bieten konnte überzugreifen. Ihr Feuer heute würde aber ohnehin sehr klein ausfallen. Dennoch stellte sie drei Eimer mit Wasser neben der Feuerstelle auf und befolgte alles, was sie von ihrem Vater gelernt hatte. Sie legte sich kleingeschnittene Äste zurecht und entzündete das Heu mit den Feuersteinen, bevor sie mit den Holzspänen den ersten Flammen weitere Nahrung gab. Das Holz stellte sie in den eisernen Korb.

Während sie darauf wartete, dass sich die Glut bildete und ihre Werkzeuge die Hitze in sich aufnahmen, ging sie hinein und nahm den unangerührten Korb mit den Broten. Sie setzte sich draußen hin und wärmte sich am Feuer, während sie die Brote aß. Auch das war eine dieser stillen Übereinkünfte. Ihr Vater wusste genau, dass die Brote dort standen, denn sie standen jeden Nachmittag dort. Aber er hatte selten Hunger und so aß Mathilde sie selbst. Beide würden sie aber ihre Mutter im Glauben lassen, Vater hätte sie gegessen.

Als das Feuer richtig warm war stellte sie Steine an den Korb, damit die Hitze lange bleiben würde und legte Holz nach. Dann nahm sie sich eines der Werkzeuge und ging hinein. Sie arbeitete zügig aber konzentriert und mit einer so ruhigen Hand, wie selbst ihr Vater sie nicht besaß. Sie wusste genau was sie wollte und jeder ihrer Handgriffe saß, sodass sie die kostbare Hitze nicht vergeudete. Dennoch musste sie regelmäßig aufstehen und ihr Werkzeug wechseln, aber währenddessen wuchs der Stapel an nun vollendeter Arbeit.

Mathilde beugte sich nahe über ihre Arbeit, den Kopf schräg und ihre Haare als Geflecht über die eine Schulter gelegt, damit sie sich diese nicht versengten.

„Was machst du da?“ Eine tiefe Stimme riss sie aus ihrer Konzentration. Reflexartig hob sie den eisernen Stab, um ihr Werk nicht versehentlich zu beschädigen.

Ihr Herz raste. Sie hatte sich halb zu Tode erschrocken.

„Zeig es mir.“ Ihrem Vater musste dies aufgefallen sein, denn er versuchte sich an einem milderen Ton.

Mathilde drehte sich langsam um. Sie fürchtete keine Rüge, dennoch konnte sie nicht einschätzen, was sie erwartete. Ihre größte Sorge war, dass er ihr nun doch verbieten würde die Schreinerei zu betreten.

Seine Miene war nicht zu deuten. Sie konnte außer der tief sitzenden Trauer keine Gefühlsregung darin ausmachen.

Mathilde legte ihr Werkzeug in die Halterung und reichte ihrem Vater das Brettspiel. Es war noch nicht fertig, aber es fehlte nicht mehr viel.

Ihr Vater hielt es lange in der Hand und begutachtete es von allen Seiten.

„Du bist noch besser geworden“, meinte er verwundert.

Mathilde brachte kein Wort heraus. Es war seit dem einen Tag das erste Mal, dass er ihre Arbeit wahrgenommen hatte.

Ihr Vater blickte an ihr vorbei. „Du hast noch mehr davon?“ Seine Verwunderung war ehrlich.

„Ja“, antwortete Mathilde und versuchte den Klos im Hals herunter zu schlucken. „Aber es sind unterschiedliche Spiele.“ Sie war aufgeregt. „Ich habe auch Figuren geschnitzt“, wagte sie sich vor.

Ein Brummen ertönte. Mathilde wusste nicht, was das bedeuten sollte.

„Soll ich es dir zeigen?“

Das zweite Brummen nahm sie als Zustimmung. Energiegeladen wie sie nun war, musste sie sich zwingen nicht hektisch zu werden. Das vertrug ihr Vater gar nicht. Sie stand auf und kramte ihre Arbeit hervor. Es hatte sich viel angehäuft in dem vergangenen Jahr. Dabei war etliches nicht besonders gut, aber das ließ sie dann im Verborgenen.

„Du wärst ein guter Junge geworden“, richtete ihr Vater über ihre Leistung.

Mathilde wusste, dass es das höchste Kompliment war, das ihr Vater ihr machen konnte.

Er blieb stehen und sah sie an als wollte er noch etwas sagen. Doch er blieb stumm. Er wirkte niedergeschlagen und mutlos.

„Vielleicht können wir sie am Markt in der Stadt verkaufen?“ Mathilde schöpfte auf einmal Hoffnung. Sie musste es einfach versuchen.

Ihr Vater sah an ihr vorbei ins Leere.

„Simon und ich sind immer dorthin gegangen!“, stelle ihr Vater klar.

„Ja, ich weiß.“ Sie hatte den Namen lange nicht mehr gehört.

Sie wagte es nicht die Frage, die ihr auf der Zunge lag, auszusprechen.

Ihr Vater nickte in Gedanken und reichte ihr das letzte Stück zurück. Er drehte sich um und ging wieder zu seiner Säge. Waren seine Augen feucht gewesen? Mathilde blickte ihrem Vater mit gemischten Gefühlen hinterher. Unentschlossen blieb sie stehen. Sollte sie zu ihm hin? Sollte sie ihn anschreien oder sollte sie ihn in den Arm nehmen? Die erwachte Hoffnung erlosch wie Feuer, dem die Nahrung fehlte.

Sie setzte sich hin und wollte weiter arbeiten, doch das Eisen war zu kalt und erst musste sie noch das entstandene Chaos beseitigen.

Sie arbeitete bis es draußen dämmerte und es drinnen für diese Arbeit zu dunkel wurde. Ohne sich umzusehen ging sie mit gesenktem Kopf hinaus. Das Feuer war erloschen, aber die Glut wärmte noch und so hockte sie sich davor und wärmte sich die Hände. Der wolkenbehangene Himmel ließ es rasch dunkel werden und sie ging nicht gerne alleine hoch, wenn es dunkel war. So stand sie auf und nahm einen der Wassereimer um die letzte Glut zu löschen.

„Nein lass, Mathilde“, ertönte die Stimme ihres Vaters hinter ihr. „Lass uns die Glut in einem Eimer mit nach oben nehmen. Dann haben wir es zu Hause leichter ein Feuer zu machen.“

Mathilde nickte, abermals unfähig eine Antwort in Worte zu fassen. Sie tat wie geheißen, während ihr Vater wie ein verlorenes Kind stehen blieb. Reglos und ohne Kraft.

Ein leises Zischen ertönte als das Wasser die restliche Glut losch. Mathilde nahm den Eimer und achtete darauf nicht dagegen zu stoßen, während sie den Hügel empor stiegen. Ihr Vater blieb wenige Schritt hinter ihr, als fehlte ihm die Kraft ihr zu folgen.

Schließlich blieb er stehen, doch Mathilde merkte es nicht.

„Du musst das verstehen. Es geht einfach nicht!“

Erst jetzt merkte Mathilde, dass er stehen geblieben war und drehte sich um. Unverwandt blickte sie zu ihm herab.

„Simon und ich sind immer zum Markt gegangen!“ Es klang als müsste dies alles erklären.

Mathilde blieb wortlos stehen.

Ihr Vater zitterte. Mehrmals setzte er an, etwas zu sagen.

„Simon ist tot“, kam es endlich hervor und Tränen bahnten sich einen Weg seine Wangen hinunter. Mathilde stiegen auch die Tränen hoch, doch noch konnte sie diese zurückhalten. Es schmerzte sie ihren Vater so zu sehen.

„Ich weiß, Vater.“ Sie wusste nicht woher sie die Kraft nahm zu sprechen. „Aber ich lebe!“

Ihr Vater sah verwundert zu ihr hinauf. Seine Lippen bebten, doch brachten sie keine Ton hervor.

Dann weinte er nur noch und Mathilde ging zu ihm und umarmte ihn wortlos.

Der falsche Tag

Im Augenwinkel sah er es kommen. Als er realisiert hatte, was geschehen würde, wusste er bereits, dass es unausweichlich war. Sein Griff um das Lenkrad wurde fester. Sein Fuß sprang auf die Bremse.
Seine Schultern zogen sich zusammen. Sein Auto stand und er wartete auf den Knall. Wie verrückt schossen Gedanken durch seinen Kopf. Warum hatte er nicht achtgegeben? Er sah die vorletzte Ampel, die ihn orange-rot vorbei gewunken hatte. Wäre er da stehen geblieben, wäre er nun nicht hier.
Ein lauter Knall ertönte und ein kräftiger Ruck durchfuhr seinen Körper. Sein Auto drehte sich und wurde leicht seitlich gedrückt, während ein schwerer Mittelklassewagen seinen schwarzen Porsche verunstaltete.
Von hinten hörte er eine Hupe lärmen. Ein Unbeteiligter suchte Aufmerksamkeit und musste seinen unnötigen Kommentar abgeben. Dieser Fremde war ihm auf Anhieb unsympathisch. Das zeigte er ihm auch deutlich, als er aus seinem Porsche ausstieg und ihn vorbei wank. Zu dumm, um vorbei zu fahren! Aber Hauptsache Hupen und Glotzen. Obwohl dieser Gaffer stehen blieb und das Fenster runter ließ, ging der Mann auf die andere Seite seines Wagens und betrachtete mit reichlich Unbehagen den Schaden. Doch er konnte nicht viel erkennen. Die dunkelblaue Schnauze des Eindringlings drückte gegen den Motorblock.
Er spürte, dass ihn jemand von hinten anstarrte, und blickte auf.
Eine Frau stand neben ihrem Auto und blickte finster drein.
„Danke der Nachfrage. Mir geht es gut!“
„Gut“, antwortete er und wandte sich seinem Sportwagen zu.
„Gut? Sie denken wohl sie können sich mit ihrem Geld alles kaufen. Sie spinnen doch! Wollen bei voller Fahrt über eine andere Fahrspur hinweg abbiegen und sagen dann, dass alles gut ist?“
„Ist ja nur Blechschaden, das regelt die Versicherung. Für den Rest geht es ihnen gut!“
Ihre Wut kochte hoch, doch sie war so perplex, dass sie ihre Worte nicht geordnet herausbringen konnte.
„Das Gespräch hat für mich den Reiz verloren. Hier meine Karte. Schicken sie mir die Rechnung. Ich kontaktiere meinen Agenten, dass er den Schaden schnellst möglichst begleicht. Danke!“
Er wandte sich ab.
Der Pförtner war inzwischen aus der Bank herbeigeeilt.
„Ah, Herr Günther, gut, dass sie kommen.“ Der Fahrer ging auf den Pförtner zu. Dieser war noch außer Atem und blickte sich irritiert um.
„Füllen sie für mich den Unfallbericht aus.“ Er drückte ihm den Wagenschlüssel in die Hand. „Vielleicht versuchen sie auch den Wagen zu rücken. Er steht etwas ungünstig.“
Die Frau blieb ungläubig stehen und wirkte verwirrt, als der Pförtner die Angelegenheit regeln wollte.
Derweil wartete der Mann auf den Fahrstuhl. Im obersten Geschoss wartete sein aufgeräumter Schreibtisch auf ihn. Er riskierte einen flüchtigen Blick nach draußen, doch von dem Geschehen dort unten war nichts zu sehen. Er schüttelte den Kopf. Ärgerlich war das schon. Er öffnete sein Notebook und feilte an seiner Rede, die er am späten Nachmittag halten würde. Eckdaten glich er mit dem Berichtheft ab, den seine Abteilung angefertigt hatte. Nachdem er einige Seiten durchgeblättert hatte, merkte er, dass seine Änderungswünsche nicht umgesetzt worden waren.
Ungeduldig sprang er auf. Seine Sekretärin war eben eingetroffen und hing ihren Schall um die Jacke am Bügel.
„Guten Morgen Herr Münsner.“
„Morgen.“ Mit zügigen Schritten marschierte er an ihr vorbei.
Er konnte nicht sehen, dass sie die Brauen krauszog. Sie wusste um seine Launen. Und sie wusste, dass heute kein guter Tag war.
„Herr Künbach?!“ Er stürmte hinter der Trennwand hervor. Er blickte sich um, doch dieser war noch nicht da.
Und der will mein Nachfolger werden?, dachte er und drehte auf der Ferse um.
„Frau Rietsche bestellen sie Herrn Künbach zu mir, sobald er gedenkt aufzutauchen.“
Bevor er seinen Tisch erreichte, eilte der Bericht ihm voraus und landete zielgenau neben seinem Laptop. Ihm blieb nur noch Zeit stumm über sich zu fluchen, bevor ein Schäppern ertönte.
„Ach Scheiße!“ Sein Arm machte eine wütende Geste, als die Tasse über den Boden kullerte. Dann wank er ab und stellte sich zur Fensterfront.
Keine Sekunde später stand seine Sekretärin im Raum. Sie sah, was geschehen war, und wischte den Kaffee auf. Frau Rietsche war seit sieben Jahren seine Sekretärin. Sie wusste, was die Stunde geschlagen hatte, und sah ihn eine Weile an, während er bewegungslos vor dem Fenster stand. Nun war es auch fast schon vier Jahre her, dass seine Frau ihn verlassen hatte. Sie wusste warum. Sie empfand Mitleid und ließ ihn allein.
Um Viertel nach acht tauchte Herr Künbach auf. Er war Mitte vierzig. Seine breiten Schultern unterstützten sein selbstbewusstes Auftreten. Als er am Sekretariat vorbei schritt, fing Frau Rietsche ihn ab und flüsterte ihm schnell etwas zu, drückte ihm eine Tasse Kaffee in die Hand und wünschte ihm viel Glück.
Er klopfte gegen die geöffnete Glastür und trat vor den Schreibtisch seines Vorgesetzten. Er wartete, bis dieser ihm Aufmerksamkeit schenken wollte und von seinen Unterlagen aufschaute.
„Herr Künbach!“ Die Stimme klang donnernd.
„Herr Münsner, Frau Rietsche bat mich, ihren Kaffee mitzubringen.“
„Sicher“, ein Zucken umspielte seine Lippen. „Mit Kaffee bringen allein verdienen sie sich aber nicht meinen Stuhl.“
Herr Künbach nickte zustimmend, ließ sich aber davon nicht beeindrucken.
Seine Beförderung war beschlossene Sache und Herr Münsner war daran nicht ganz unbeteiligt, wie er aus anderen Kreisen vernommen hatte. Herr Münsner hatte es geschafft innerhalb kürzester Zeit einige beachtliche Karrieresprünge hinzulegen. Meistens war er der Erste, der kam und nicht selten begegnete er dem Nachtwächter, wenn er ging oder ließ sich von diesem das bestellte Essen bringen, wenn er die Nacht über im Büro blieb. Das Sicherheitsprotokoll verbot den Lieferdiensten, die oberen fünf Etagen zu betreten. Das war eine der vielen Regeln, die er selbst eingeführt hatte. Datensicherheit und Effektivität waren seine größten Sorgen. Er hatte dem Unternehmen seinen Stempel aufgedrückt. Dabei war er selbstverständlich auf reichlich Widerstand gestoßen. Doch die meisten seiner Widersacher arbeiteten heute bei Mitbewerbern. Wer klug war, hatte sich auf seine Seite gestellt und ist in seinem Sog die Karriereleiter raufgefallen.
Herr Künbach war einer davon.
„Sie kommen spät!“
„Verzeihen sie der Verkehr hatte heute gestaut.“
„Dann fahren sie Bus, wenn sie nicht Autofahren können!“
Herr Künbach schluckte seine Antwort hinunter.
„Sie haben noch die Notizen zum Bericht?“ Herr Münsner legte den Bericht so, dass Herr Künbach ihn erkennen konnte, und passte auf, den Kaffee diesmal nicht zu treffen.
Künbach nickte. Er hatte gelernt, dass sein Gegenüber in dieser Stimmung auf jedes Wort allergisch reagieren konnte.
„Dann sorgen sie dafür, dass sie auch eingearbeitet werden. Bis spätestens 14 Uhr liegen 20 Exemplare eines makellosen Berichtes auf meinem Schreibtisch!“
Diesmal musste Herr Künbach schlucken. Er wusste, dass es nicht sein Fehler gewesen war. Eine Ausrede, sei sie noch so begründet, würde ihm nur eine Schlinge um den Hals legen.
Er nickte, nahm den Bericht und ging einige Schritte rückwärts.
Herr Münsner wandte sich seinen Unterlagen zu. Herr Künbach war heilfroh den Raum verlassen zu können.
„Und Herr Künbach?“
Der Gerufene kniff die Augen zu, drehte sich dann aber seitlich.
„Und bringen sie sich ein Exemplar mit. Ich möchte sie dabei haben, wenn ich denen sage, dass sie ab nächster Woche dieses Projekt übernehmen.“
Herr Künbach nickte abermals und beeilte sich hinaus zu können.
Wenig später stand unangekündigt eine Person im Türrahmen.
„Habe ich mich nicht klar ausgedrückt?“ Er ließ sich nicht herab, von seiner Arbeit abzulassen und markierte eine wichtige Passage.
„Verzeihen sie.“
Diese Stimme hatte Herr Münsner noch nie im Büro vernommen und so blickte er doch auf und erkannte den Pförtner, der unbeholfen da stand.
„Wenden sie sich an meine Sekretärin. Wieso glauben sie wohl bezahle ich die?“
„Verzeihen sie.“ Der Pförtner wünschte sich in Luft aufzulösen und suchte vergebens nach Worten.
Herr Münsner wollte so wenig Zeit wie möglich verlieren und wank ihn hinein. Je schneller dieser sagte, was er wollte, je schneller war er wieder weg.
„Verzeihen sie, ich habe mir erlaubt die“ er schaute kurz aus dem Fenster. „Angelegenheit selbst zu regeln. Ich wollte so wenig wie möglich Aufsehen erregen.“ Er nickte in Richtung Sekretariat.
Herr Münsner lachte erfreut.
„Mal einer, der mitdenkt!“ Herr Münsner stand auf und ging auf den Pförtner zu. „Und?“
„Und der Wagen ist in der Werkstatt.“
Herr Münsner nahm die Visitenkarte, die der Pförtner ihm reichte.
„Ein angemessenes Ersatzauto können sie erst gegen 15 Uhr vorbei bringen.“
„Danke, ich rufe selbst da an und spreche das mit denen ab.“ Er steckte dem Pförtner 50 Euro zu und komplimentierte ihn mit einer Geste hinaus.
Der Pförtner hatte ihm ermöglicht der Blöße zu entgehen und so wollte er die Gelegenheit nutzen und rief sogleich die Werkstatt an, sie sollten ihm das Auto nach Hause bringen und den Schlüssel durch den Briefschlitz in der Tür schieben.
Daraufhin kreisten seine Gedanken um wichtigere Dinge. Der Morgen und der Nachmittag verflogen so ereignislos, wie an jedem anderen Tag auch. Er ärgerte sich und ärgerte sich, dass er sich ärgerte und seine einzige flüchtige Freude war, dass er alle dazu brachte, mehr oder weniger zu spuren.
Die Hektik, die ihn in dieser Woche beflügelte, genoss er in vollen Zügen. Sehr zum Leidwesen aller, die ihn an diesem Tag zu sehen oder zu hören bekamen.
Es war spät am Abend, als er aus dem Fahrstuhl in die Tiefgarage trat. Diese war zu dieser Stund fast leer und erst da wurde ihm wieder bewusst, dass sein Wagen heute nicht auf ihn warten würde.
Gleichgültig zuckte er mit den Schultern und nahm der Seitenausgang aus der Tiefgarage.
Ein kühler Wind empfing ihn, als er auf den menschenleeren Bürgersteig trat. Dann würde er eben ein Taxi nehmen. Doch dazu war er auf der falschen Seite der Bank. Er ging in Richtung Taxistand, verlor dann aber die Lust, so früh zu Hause zu sein. Eigentlich, so dachte er, würde die frische Luft ihm auch einmal gut tun. Er überquerte die breite Straße und war nach wenigen Hundert Schritten im Stadtpark. Dieser würde ihn mit einigen Unterbrechungen und einem kleinen Umweg nach Hause führen.
Dass er den ersten Teil bereits hinter sich hatte, wurde ihm bewusst, als er eine weitere Hauptstraße überquert hatte und den nächsten Wald betrat.
Sein Tempo zeigte die gleiche Ungeduld, die er auch im Büro an den Tag legte.
Als er auf seine massive Armbanduhr sah, erklärte diese ihm, dass er mit dem Taxi kaum schneller gewesen wäre. Doch aus irgendeinem Grund wollte ihn dieser Umstand an diesem Tag nicht beruhigen.
Deshalb tat er, was er seit langer Zeit nicht mehr getan hatte. Er wollte sich zwingen seine Umgebung zu genießen. Und tatsächlich, er hörte fremd gewordene Geräusche. Das Rufen eines Vogels, ein Rascheln eines Tieres. Er betrachtete die dicken Stämme der Bäume und war selbst verwundert, dass er dabei nicht als Erstes an den Deal mit den Südamerikanern gedacht hatte. Seine Gangart änderte sich aber nicht.
Erst als sein Fuß gegen etwas stieß und ein weicher Gegenstand leicht vom Boden abhob und fast geräuschlos vor ihm landete verharrte er. Unentschlossen schaute er im Dunkeln auf den Pfad vor sich, wo sich undeutliche Konturen emporhoben. Er bückte sich und hob einen verloren gegangenen Teddybär auf. Dieser war kuschelig weich. Durch die Abendkühle war er leicht feucht geworden, doch lange hatte er noch nicht hier gelegen. Der Mann hielt ihn mit beiden Händen vor sich und betrachtete ihn.
Plötzlich wurde ihm bewusst, was er tat und so setzte er den Teddy am Wegesrand ab und ging weiter. Nach vier Schritten blieb er stehen. Er drehte sich um und sah hinunter zum Bär, der nach vorne gekippt war.
Der Mann kehrte um und nahm das Kuscheltier auf den Arm.
Wieder ging er weiter, aber diesmal viel langsamer. Er wusste er würde den Teddybär nicht mitnehmen können. Er ging bis zur nächsten Bank und setzte sich hin. Er drückte den Teddy fest gegen seine Brust. Welches Mädchen mochte den verloren haben? Er wusste, wie traurig es nun sein würde. Tränen rannen seine Wangen runter. Er hatte auch eine Tochter. Er hielt den Teddybär eine Weile fest.
Dann setzte er ihn vorsichtig neben sich auf die Bank. Er stand auf und ging. Er ließ den Teddybär zurück. Nur seine Tränen nahm er mit. Auch seine Trauer begleitete ihn. So wie seine Gedanken an seine Tochter. An diesem Tag war es vier Jahre her, dass sie gestorben war. Giftige Beeren.