Himmelsblau

Ein blauer Himmel, so blass, dass er schon fast weiß schien, schwebte mir so nah vor dem Gesicht, dass ich ihn gar fassen zu können glaubte. So gleichmäßig verzog er sich in die Unendlichkeit des Weltalls, dass ich nicht wusste ob er sich noch bewegte, oder ob die Erde gänzlich zu drehen aufgehört hatte. Nichts gab es, das meinen Blick auf sich ziehen konnte, nur dieses eine Blau, ungestört und unberührt.
Mein Körper so leicht, fühlte ich keinen Boden unter mir, obwohl ich doch offensichtlich auf dem Rücken lag. Keine Kraft schien mich zu berühren und so schwebte ich, dem Himmel so nah, als wäre ich selbst ein Teil von ihm.
Ein kühles, angenehmes Kribbeln durchfuhr meinen Körper. Bei den Füßen angelangt blieb es mir treu und reiste mit mir unter dem Himmelszelt. Verwundert was mich so leicht berührte, ließ ich meinen Arm, der eben noch friedlich neben meinem Leib geruht hatte, nach unten gleiten.
Das Kribbeln wurde stärker, und doch griff ich in einen Raum voll Nichts. Nur Leere gefüllt mit diesem belebenden Gefühl, das mich ohne Ausübung einer Kraft berührte. Auch als ich meinen Arm gemächlich unter mir herum gleiten ließ, spürte ich nicht den geringsten Widerstand.
Verwundert neigte ich meinen Kopf zur Seite und schaute in die Tiefe. Milchiges Weiß erfüllte wie ein dickflüssiger Teppich mein Gesichtsfeld. Ich wusste ich müsste nun Angst empfingen, und doch tat ich es nicht. Gedankenlos und leicht, stellte ich fest, dass es bloß eine Wolke war, auf der ich lag. Wie ein sanftes Ruhekissen, das ich nicht einmal spürte. Nur dieses unvertraute Kitzeln belebte meinen Körper und schien gleichzeitig meinen Geist in ungeahnte Ferne entgleiten zu lassen. Jede Verbindung mit ihm schien getrennt und so glitt ich sorglos weiter, nur eine Armlänge vom Himmelsblau entfernt.
Als hätte ich in meinem Leben nichts anderes gemacht, als durch die Wolken zu gleiten, schloss ich meine Augen und ließ mich treiben. In tiefster Zufriedenheit gab ich mich dem Kribbeln der ungezählten Tropfen hin. Belebt und doch wie betäubt, vergaß ich alles um mich. Gar der Himmel war mir nun egal. Die klaffende Leere bis zu der fernen Erde erst recht. Alles vergaß ich und war nur ich. So wie einer dieser gleitenden Tropfen, tänzelnd im verstreuten Glanz der Sonne.
Obwohl die Augen immer noch geschlossen, bemerkte ich auf einmal ein rötliches Flackern. Unregelmäßig tauchte es auf. Immer deutlicher sah ich es. Wie war das nur möglich? Stand der Himmel in Flammen? Leicht schreckhaft öffnete ich die Augen. Nur langsam, denn ich spürte eine gewisse schwere in den Lidern. Der Himmel war weg. Doch auch das Glühen war auf seltsame Art und Weise völlig geräuschlos verschwunden, als hätte es niemals existiert. Jetzt erst vernahm ich einen sanften Wind, der über meine Haut strich und das letzte Kribbeln vertrieb.
Über mir überspannten lange Äste meine Welt. Immer noch lag ich auf dem Rücken, nur spürte ich nun wieder das weiche Gras unter mir. Die Sonne funkelte zwischen den sattgrünen Blättern hindurch, die im Wind tanzten, so leicht und unbekümmert wie die Tropfen der Wolken.
Wie von einer langen Reise kamen meine Gedanken zurück. Nur wenige waren es, alle so leicht wie der Wind, der sie heran trug. Ich war eingeschlafen. Etwas enttäuscht, doch nicht fliegen zu können, schloss ich wieder die Augen. Versuchte wieder einzutauchen. Doch der Traum schien mich nicht wieder aufnehmen zu wollen.
Lange lag ich so da. Immer noch den Wunsch zu gleiten. Der Wind strich mir um die Nase. Angenehm weich seine Liebkosung. Über mir rauschten die Blätter und ein frühsommerlicher Duft umspülte meine Sinne. So leicht fühlte es sich an, auch wenn es nicht mehr die Wolken waren, die mich trugen. Mein Herz so unbeschwert, dass es zu schweben schien, seine Schläge kaum spürbar, fühlte sich meine Seele an, als tanzte sie im Wind. Losgelöst, schwebte ich. Nur fliegen war schöner. Nein, das stimmte nicht. Mein Bewusstsein entglitt jedem Denken – es flog. Meine Seele ließ sich baumeln.
Und da wusste ich es, all der Widerstand, er war nicht mehr, nur noch ein Wind wehte, leicht und tragend, wie die Wolken in meinem Traum. Der Himmel über mir, die friedliche Welt meiner Fantasie. Das Kribbeln, die Liebe in meinem Herzen, von ihm durch den Körper gepumpt, war nun alles was mich erfüllte. Es war kein Traum – es war nur ich. Ohne Zeit, ohne Raum.

Wolken