Das Mädchen auf dem Hügel

„Komm, bleib hier“, rief Gertrude ihre Tochter mitfühlend aus ihren Gedanken.

Mathilde war in der Türöffnung stehen geblieben, als ihr Vater sie zurückgewiesen hatte. Eigentlich wollte sie mit ihm gehen, doch nun sah sie wie er den Hügel hinunterschritt. Sein breiter Rücken wirkte bei weitem nicht mehr so stark wie früher. Er war immer noch muskulös, doch schien er immerfort eine schwere Last zu tragen. Ihr Vater hielt sich leicht nach vorne gebeugt und ihm war der Regen gleichgültig, der ihm das Haar durchnässte. Das Wasser lief ihm die Wangen hinunter, während er lustlos den Pfad hinuntertrabte.

Immer nach stand Mathilde oben und fühlte die Trauer ihres Vaters und litt mit ihm. Sie würde ihm so gerne helfen.

„Hilf mir beim Abwaschen.“ Gertrude mühte sich nach soviel Normalität wie irgend möglich. Vielleicht war das auch der Grund, warum ihr Vater in letzter Zeit soviel arbeitete. Andererseits hatte er nun auch keinen mehr, der ihm half und die Arbeit machte sich nicht von selbst.

Als ihre Mutter sie nochmals rief, drehte sie sich endlich um und half beim Abwaschen. Sonst war dabei stets ein Summen zu hören, doch in letzter Zeit fehlte ihrer Mutter dafür die Kraft. Überhaupt war es sehr ruhig geworden, seit ihr Bruder gestorben war. Die Gespräche waren wortkarg und umfassten nur das Nötigste. Es war ein Unfall gewesen. Er half im Nachbardorf ein Dach zu errichten, als ihn ein abrutschender Balken traf. Er hatte ihn leichtsinnig auf eine Kante gelegt ohne ihn zu fixieren. Es war sein eigener Fehler gewesen. Er war immer etwas leichtsinnig und starrsinnig gewesen, doch nun gab Vater sich die Schuld und sie konnte nichts tun, um ihm zu helfen. Keiner durfte in seiner Gegenwart darüber sprechen, dabei war es beinahe ein Jahr her.

„Füllst du das Holz auf?“, fragte Gertrude und versuchte Mathilde auf Trab zu halten. „Ich flechte an den Körben weiter.“

Mathilde ging hinaus zur regenabgewandten Seite des Hauses. Dort war mannshoch Brennholz aufgestapelt, das sie über den Sommer aus dem Lager am Fluss auffüllten. Sie nahm jedes Mal etliche Stücke mit hinein und füllte die steinerne Nische neben dem Kamin, mit dem Restholz, das ihr Vater nicht verwenden konnte. Der Kamin und die Nische waren das einzige aus Stein in diesem Haus. Ansonsten waren es dicke Holzwände, die mit Lehm verputzt waren. Es war das einzige Haus weit und breit, das so gebaut war. Das lag daran, dass sie eine Schreinerei besaßen und leicht an Holz kamen.

„Das Holz ist aufgefüllt, soll ich Wasser holen gehen?“ Es war eine alltäglich gewordene Frage.

„Hast du deinem Vater Brote gemacht?“, kam die gewohnte Gegenfrage.

Mathilde nickte mit einem freudigen Lächeln. Gertrude wank sie mitfühlend zu sich heran.

Mathilde stellte sich neben ihre Mutter und ließ sich von ihr über den Rücken streicheln.

„Ach, mein Kind. Du gibst nie auf?“

Sie antwortete mit einem zarten Kopfschütteln. Die Frage bedurfte ohnehin keiner Antwort. Gertrude fuhr noch einige Male über den Rücken. Dann drückte sie ihre Tochter am Arm. „Du schenkst mir so viel Kraft.“ Sie machte eine Pause ohne sie loszulassen. „Auch deinem Vater, mehr als dass er es dir zeigen könnte.“

Die Worte bedeuteten Mathilde viel. Mit einem kleinen Korb in der einen und einem großen Eimer in der anderen Hand, machte sie sich auf den Weg zum Fluss.

Sie musste acht geben. Der Weg war leicht glitschig durch den Regen der vergangenen Tage. Unten erwartete sie ein unruhig gewordener Fluss der spielend über seine üblichen Ufer strich. Sie ging zu einem Felsvorsprung, denn hier konnte sie den Eimer gefahrlos füllen. Den vollen Eimer stelle sie am Eingang der Schreinerei ihres Vaters ab.  Sie hörte wie sich das dicke Sägeblatt durch das Holz fraß. In einem monotonen Rhythmus zog ihr Vater die Säge zu sich heran, um sie dann mit weniger Kraft von sich zu drücken. Er hörte sie nicht und wandte dem Eingang den Rücken zu. So stellte sie den Korb ab und schlich sich hinein.

Neben der großen Werkbank stand ein grob gezimmerter Tisch. Darauf lag ihr Werkzeug. Ihr Bruder hatte sich immer über ihre viel zu kleinen Hände und die viel zu schwachen Arme lustig gemacht. Auch ihr Vater hatte anfangs gelacht und gemeint, sie solle ihrer Mutter helfen. Doch mit der Zeit erfüllte ihn ein gewisser Stolz, dass seine Tochter nicht so war, wie die dummen Mädchen im Dorf. Manchmal ließ er es gar zu, dass sie ihm half. Sie durfte ihm das Werkzeug bringen und manchmal gar etwas abmessen.

Doch seit einem Jahr war das vorbei. Vieles hatte sich von einem Tag auf den anderen geändert. Ihre Mutter meinte, dass es ihn zu sehr an seinen Sohn erinnerte und dass er deshalb nicht wollte, dass sie ihm half. Es war als hätte er sich alles verboten, was ihm Freude machen konnte. Er folterte sich selbst, als wäre es die einzig richtige Strafe für ihn. Es war seine Schuld, so viel stand für ihn fest. Und wer schuld ist, muss Buße tun. Ihr Vater war kein besonders gläubiger Mann. Aber man muss Werte haben, pflegte er zu sagen. Wenn man keine Werte hat, ist man kein Mensch. Meistens sagte er das, wenn er etwas Unangenehmes tun musste oder sich dafür rechtfertigte kein Unrecht zu tun, obwohl es ihm von Nutzen wäre.

Aber Mathilde traf keine Schuld. Dennoch strafte er auch sie. Sie wollte helfen, sie wollte besser werden, denn ihr machte die Arbeit Spaß. Er hatte ihr nie direkt verboten die Schreinerei zu betreten, aber er hatte sie immer wieder weggeschickt oder sie daran gehindert mit ihm zu gehen.

Doch eigensinnig wie Mathilde war, hatte sie mit der Zeit ihren Weg gefunden. Nachmittags schlich sie sich hinein und setzte sich an ihre Werkbank. Holz, das sie bearbeiten konnte, fand sie zur Genüge. Sie wusste, dass solange sie sich ruhig verhielt, würde ihr Vater sie nicht bemerken oder zumindest so tun als ob. Von sich aus tat er ohnehin wenig und sprechen gar noch weniger. Nur arbeiten tat er die ganze Zeit. Manchmal ging er sogar nachts hinunter und räumte in klaren Nächten das Außenlager auf.

Auch heute blieb Mathilde an ihrer Werkbank ungestört. Ihr Vater hatte reichlich Aufträge und seine Arbeit war besser als je zuvor. Mit gut gab er sich längstens nicht mehr zufrieden. Er gab erst Ruhe, wenn er keinen Makel mehr fand. Als könnte er alles vergessen machen, fixierte er sich auf jeden seiner Aufträge und doch wirkte er freudlos. Alles was er tat, oder nicht tat, schien auf seine Art Buße zu sein.

Mathildes Sammlung unter der Werkbank wuchs unterdessen stetig an. Sie hatte diese inzwischen von der Wand wegrücken müssen, um dahinter lagern zu können. Seid einer Woche arbeitete sie wieder an ihrer Lieblingsarbeit, einem Brettspiel, von denen sie schon zig Exemplare angefertigt hatte. Mit leisen Schlägen meißelte sie die Konturen heraus und blies von Zeit zu Zeit die Späne in einen Leinen versehenen Korb. Auch sie vergaß dabei alles um sich herum, allerdings war es bei ihr die Leidenschaft, die in ihr brannte. Die Geduld und Hingabe, die sie in ihre Arbeit legte war dieser anzusehen. Alles war reichlich und doch harmonisch verziert.

Ein letztes Mal blies sie die winzigen Späne vom Spielbrett und fuhr prüfend mit der Hand und einem Pinsel über jede Kontur, bis das letzte Staubkorn beseitigt war und sie sicher war, dass keine Unebenheit mehr übrig war. Ein zufriedenes Lächeln schlich sich in ihr Gesicht. Es war ihr so gelungen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Doch dann blickte sie sich nachdenklich um. Ihre Arbeit war noch nicht ganz fertig. Es bedurfte noch einiger Verzierungen, die sich nicht meißeln ließen. Sie musste noch Flächen schwärzen und den Figuren und den zahlreichen Spielbrettern Leben einflössen. Das war ein heikler Teil ihrer Arbeit, dann dazu musste sie Feuer anzünden. Deshalb sammelte sie solche Arbeiten und wartete bis auch ihr Vater Feuer brauchte. Aber in letzter Zeit hatte dieser keine Arbeit gehabt, für die es das bedurfte.

Draußen hatte es zu regnen aufgehört und der Boden war nass. Sie betrachtete den Stapel an unvollendeter Arbeit, schluckte kräftig und fasste den Entschluss es heute zu wagen. Ihr Vater war immer noch mit der großen Säge beschäftigt. Er hatte manchmal solche Tage, da hörte er gar nicht mehr auf mit Sägen. Heute Abend würde er wieder Blasen an seinen Händen haben, so tun als wäre alles in Ordnung und noch schweigsamer sein. Auch wenn es sie traurig machte ihn so zu sehen, so war es doch die beste Gelegenheit ihr Vorhaben umzusetzen.

Sie nahm ihren Korb mit den feinen Holzspänen, die zwei Feuersteine, einen metallenen Korb und ein wenig von dem Heu, das sie im Sommer zu diesem Zweck ernteten und trockneten.

Draußen in einiger Entfernung zur Schreinerei war eine große Fläche mit Steinen aus dem Fluss ausgelegt. Dort wuchs kein Grashalm und wenn doch dann zupften sie es weg, damit sich dem Feuer keine Möglichkeit bieten konnte überzugreifen. Ihr Feuer heute würde aber ohnehin sehr klein ausfallen. Dennoch stellte sie drei Eimer mit Wasser neben der Feuerstelle auf und befolgte alles, was sie von ihrem Vater gelernt hatte. Sie legte sich kleingeschnittene Äste zurecht und entzündete das Heu mit den Feuersteinen, bevor sie mit den Holzspänen den ersten Flammen weitere Nahrung gab. Das Holz stellte sie in den eisernen Korb.

Während sie darauf wartete, dass sich die Glut bildete und ihre Werkzeuge die Hitze in sich aufnahmen, ging sie hinein und nahm den unangerührten Korb mit den Broten. Sie setzte sich draußen hin und wärmte sich am Feuer, während sie die Brote aß. Auch das war eine dieser stillen Übereinkünfte. Ihr Vater wusste genau, dass die Brote dort standen, denn sie standen jeden Nachmittag dort. Aber er hatte selten Hunger und so aß Mathilde sie selbst. Beide würden sie aber ihre Mutter im Glauben lassen, Vater hätte sie gegessen.

Als das Feuer richtig warm war stellte sie Steine an den Korb, damit die Hitze lange bleiben würde und legte Holz nach. Dann nahm sie sich eines der Werkzeuge und ging hinein. Sie arbeitete zügig aber konzentriert und mit einer so ruhigen Hand, wie selbst ihr Vater sie nicht besaß. Sie wusste genau was sie wollte und jeder ihrer Handgriffe saß, sodass sie die kostbare Hitze nicht vergeudete. Dennoch musste sie regelmäßig aufstehen und ihr Werkzeug wechseln, aber währenddessen wuchs der Stapel an nun vollendeter Arbeit.

Mathilde beugte sich nahe über ihre Arbeit, den Kopf schräg und ihre Haare als Geflecht über die eine Schulter gelegt, damit sie sich diese nicht versengten.

„Was machst du da?“ Eine tiefe Stimme riss sie aus ihrer Konzentration. Reflexartig hob sie den eisernen Stab, um ihr Werk nicht versehentlich zu beschädigen.

Ihr Herz raste. Sie hatte sich halb zu Tode erschrocken.

„Zeig es mir.“ Ihrem Vater musste dies aufgefallen sein, denn er versuchte sich an einem milderen Ton.

Mathilde drehte sich langsam um. Sie fürchtete keine Rüge, dennoch konnte sie nicht einschätzen, was sie erwartete. Ihre größte Sorge war, dass er ihr nun doch verbieten würde die Schreinerei zu betreten.

Seine Miene war nicht zu deuten. Sie konnte außer der tief sitzenden Trauer keine Gefühlsregung darin ausmachen.

Mathilde legte ihr Werkzeug in die Halterung und reichte ihrem Vater das Brettspiel. Es war noch nicht fertig, aber es fehlte nicht mehr viel.

Ihr Vater hielt es lange in der Hand und begutachtete es von allen Seiten.

„Du bist noch besser geworden“, meinte er verwundert.

Mathilde brachte kein Wort heraus. Es war seit dem einen Tag das erste Mal, dass er ihre Arbeit wahrgenommen hatte.

Ihr Vater blickte an ihr vorbei. „Du hast noch mehr davon?“ Seine Verwunderung war ehrlich.

„Ja“, antwortete Mathilde und versuchte den Klos im Hals herunter zu schlucken. „Aber es sind unterschiedliche Spiele.“ Sie war aufgeregt. „Ich habe auch Figuren geschnitzt“, wagte sie sich vor.

Ein Brummen ertönte. Mathilde wusste nicht, was das bedeuten sollte.

„Soll ich es dir zeigen?“

Das zweite Brummen nahm sie als Zustimmung. Energiegeladen wie sie nun war, musste sie sich zwingen nicht hektisch zu werden. Das vertrug ihr Vater gar nicht. Sie stand auf und kramte ihre Arbeit hervor. Es hatte sich viel angehäuft in dem vergangenen Jahr. Dabei war etliches nicht besonders gut, aber das ließ sie dann im Verborgenen.

„Du wärst ein guter Junge geworden“, richtete ihr Vater über ihre Leistung.

Mathilde wusste, dass es das höchste Kompliment war, das ihr Vater ihr machen konnte.

Er blieb stehen und sah sie an als wollte er noch etwas sagen. Doch er blieb stumm. Er wirkte niedergeschlagen und mutlos.

„Vielleicht können wir sie am Markt in der Stadt verkaufen?“ Mathilde schöpfte auf einmal Hoffnung. Sie musste es einfach versuchen.

Ihr Vater sah an ihr vorbei ins Leere.

„Simon und ich sind immer dorthin gegangen!“, stelle ihr Vater klar.

„Ja, ich weiß.“ Sie hatte den Namen lange nicht mehr gehört.

Sie wagte es nicht die Frage, die ihr auf der Zunge lag, auszusprechen.

Ihr Vater nickte in Gedanken und reichte ihr das letzte Stück zurück. Er drehte sich um und ging wieder zu seiner Säge. Waren seine Augen feucht gewesen? Mathilde blickte ihrem Vater mit gemischten Gefühlen hinterher. Unentschlossen blieb sie stehen. Sollte sie zu ihm hin? Sollte sie ihn anschreien oder sollte sie ihn in den Arm nehmen? Die erwachte Hoffnung erlosch wie Feuer, dem die Nahrung fehlte.

Sie setzte sich hin und wollte weiter arbeiten, doch das Eisen war zu kalt und erst musste sie noch das entstandene Chaos beseitigen.

Sie arbeitete bis es draußen dämmerte und es drinnen für diese Arbeit zu dunkel wurde. Ohne sich umzusehen ging sie mit gesenktem Kopf hinaus. Das Feuer war erloschen, aber die Glut wärmte noch und so hockte sie sich davor und wärmte sich die Hände. Der wolkenbehangene Himmel ließ es rasch dunkel werden und sie ging nicht gerne alleine hoch, wenn es dunkel war. So stand sie auf und nahm einen der Wassereimer um die letzte Glut zu löschen.

„Nein lass, Mathilde“, ertönte die Stimme ihres Vaters hinter ihr. „Lass uns die Glut in einem Eimer mit nach oben nehmen. Dann haben wir es zu Hause leichter ein Feuer zu machen.“

Mathilde nickte, abermals unfähig eine Antwort in Worte zu fassen. Sie tat wie geheißen, während ihr Vater wie ein verlorenes Kind stehen blieb. Reglos und ohne Kraft.

Ein leises Zischen ertönte als das Wasser die restliche Glut losch. Mathilde nahm den Eimer und achtete darauf nicht dagegen zu stoßen, während sie den Hügel empor stiegen. Ihr Vater blieb wenige Schritt hinter ihr, als fehlte ihm die Kraft ihr zu folgen.

Schließlich blieb er stehen, doch Mathilde merkte es nicht.

„Du musst das verstehen. Es geht einfach nicht!“

Erst jetzt merkte Mathilde, dass er stehen geblieben war und drehte sich um. Unverwandt blickte sie zu ihm herab.

„Simon und ich sind immer zum Markt gegangen!“ Es klang als müsste dies alles erklären.

Mathilde blieb wortlos stehen.

Ihr Vater zitterte. Mehrmals setzte er an, etwas zu sagen.

„Simon ist tot“, kam es endlich hervor und Tränen bahnten sich einen Weg seine Wangen hinunter. Mathilde stiegen auch die Tränen hoch, doch noch konnte sie diese zurückhalten. Es schmerzte sie ihren Vater so zu sehen.

„Ich weiß, Vater.“ Sie wusste nicht woher sie die Kraft nahm zu sprechen. „Aber ich lebe!“

Ihr Vater sah verwundert zu ihr hinauf. Seine Lippen bebten, doch brachten sie keine Ton hervor.

Dann weinte er nur noch und Mathilde ging zu ihm und umarmte ihn wortlos.

Die Diebin im Klostergarten

Ein Ast knackte unter ihrem Fuß, als sie darauf trat. Erschrocken blieb Asylma stehen und duckte sich instinktiv. Besorgt blickte sie sich um, doch keiner schien sie bemerkt zu haben. Zufrieden strich sie sich über den Bauch und prüfte ob keine Äpfel aus dem Tuch fallen konnten, das sie sich unter ihrer Jacke um den Hals gebunden hatte. Es war zwar zu mild für eine Jacke, aber diese würde ihr helfen, wenn sie hinter der Klostermauer gesehen würde. Hier im Klostergarten half sie ihr natürlich nichts, denn sie hatte hier nichts verloren. Deshalb war sie auch froh, dass keiner sie gehört hatte. Doch nun musste sie sich beeilen, denn die Stadtwachen würden bald patrouillieren. Sie gab Acht, nicht noch einmal auf etwas zu treten, das sie verraten konnte. Der Garten war nicht mehr so gepflegt, seid Franziskus, einer der älteren Mönche im Frühling einer Grippe erlegen war. Sie hatte ihn gut gekannt, denn sie war einige Male von ihm erwischt worden. Jedes Mal hatte sie ihm drei Nachmittage im Garten helfen müssen, als Buße, wie er zu sagen pflegte, und damit sie über ihre Sünden nachdenken konnte.
Beim ersten Mal hatte sie gedacht, es wäre ihr Ende, so sehr hatte er getobt und sie verängstigt. Doch dann hatte sie gemerkt, dass er gar nicht böse sein konnte. Vergangenes Jahr war sie sogar einige Male zu ihm in den Garten geschlichen, um ihm zu helfen. Er konnte so gut Geschichten erzählen. Sie allem stammten aus dem einen Buch, wie er immer wieder sagte. Seid Bruder Franziskus Tod war es aber besser, wenn sie nicht mehr erwischt wurde. Er hatte sie immer in Schutz genommen, und ihre Sünde verschwiegen, wenn jemand sie bei der Arbeit sah.
Sie näherte sich dem alten Nussbaum, blickte sich noch einmal um und kletterte mit geübten Griffen den Stamm hinauf. Vorsichtig balancierte sie sich zur Mauer, die den Klostergarten vor der restlichen Stadt versteckte. Plötzlich hörte sie einen Schrei. Reflexartig ließ sie sich auf den Ast nieder. Der Schrei galt nicht ihr. Es war ein schmerzerfüllter Schrei und er kam jenseits der Mauer her.
Ein Mann stöhnte auf als ein Schlag ihn zu Boden warf. Asylma kroch zur Mauer hin und konnte sehen, wie ein verhüllter Mann nach einer Tasche griff und sie dem am Boden liegenden Mönch entriss. Dieser blieb reglos liegen, während der Dieb in einer Gasse verschwand. Stille kehrte ein. Niemand außer ihr hatte von dem Überfall Notiz genommen. Sie war hin- und hergerissen. Sie musste verschwinden, ansonsten würde es Ärger geben. Von ihrem Vater, den Wachen oder noch schlimmer, wenn einer vom Kloster sie entdeckte. Der Mönch bewegte sich nicht. Aber vielleicht lebte er noch.
Sie riss sich zusammen und fasste einen Entschluss. Sie löste das Tuch mit den Äpfeln und versteckte es unter dem Efeu auf der Mauer. Sie würde es später holen kommen. Sie kletterte hinunter und überprüfte ob nicht doch einer heraneilte. Doch die Gasse blieb wie ausgestorben. In einem Bogen näherte sie sich dem Mönch und kniete sich neben ihn. Er lebte noch, aber sein Atem war schwach. Sie wollte seinen Kopf anheben aber er war ganz warm und feucht.
„Hilfe“, rief sie panisch. Sie erkannte ihn und wusste, dass er schwer verletzt war. Wieder nur Stille. Sie versuchte sich zu beruhigen.
Im Kloster war sicher einer, der helfen konnte. Viele die krank waren gingen dorthin, überlegte sie. Aber das würde Ärger geben, wenn sie so spät dort auftauchte. Doch sie konnte den Mann nicht hier liegen lassen. Sie rief all ihren Mut zusammen und ging zum Seiteneingang des Klosters und klopfte. Mehrmals musste sie es wiederholen und immer fester schlug sie gegen die Tür.
„Scher dich du Bettler, es gibt heute nichts mehr zu essen.“
Asylma hielt nur kurz inne und klopfte erneut. „Ich brauche eure Hilfe!“
„Jetzt gib doch endlich Ruhe!“ Ein stämmiger Mönch öffnete sichtbar verärgert die Tür. Er kniff die Augen zu als er vor sich ins Dunkel blickte und dort keinen sah. Verwundert senkte er den Blick.
„Bruder Johannes ist überfallen worden. Er blutet. Ihr müsst ihm helfen.“
Der Mönch setzte an zu widersprechen, doch er besann sich schnell.
„Wo? Führe mich zu ihm, Kind!“
„Bruder Johannes! Bruder Johannes!“ Er kniete sich hin und betrachtete die Wunde am Kopf. Obwohl es schmerzen müsste, zuckte Bruder Johannes nicht.
„Wird er es schaffen?“, flüsterte Asylma besorgt.
„Ich weiß es nicht. Er ist bewusstlos und er verliert viel Blut. Geh und ruf die Anderen. Ich brauche Verband und heißes Wasser.“
Asylma drehte sich um und stürmte los.
„Beeil dich!“, rief er ihr hinterher, doch sie war bereits im Kloster verschwunden.
Es war ein schmaler Gang, der im Bereich der Tür nicht beleuchtet war. Die Wände wirkten bedrohlich und sie musste sich zusammenreißen, um nicht wieder hinaus zu rennen. In vier Räumen brannte Licht und sie wusste nicht wohin.
„Hilfe!“, rief sie. Doch ihre Stimme hier zu hören, machte ihr noch mehr Angst. Dann sah sie wieder das Blut vor sich und lief in den ersten Raum. Doch er war leer. „Hilfe“, rief sie verunsichert und lief in das zweite Zimmer. Ein Mönch kam ihr bereits im Türrahmen entgegen.
Bevor sie recht ans Halten kam, donnerte ihr eine derbe Ohrfeige entgegen und ließ ihr Hitze in den Kopf steigen.
„Hier wird nicht gelaufen!“, schimpfte der Mönch im Türrahmen.
„Ich brauche eure Hilfe. Ihr müsst mir helfen…“
Eine weitere Ohrfeige brachte sie aus dem Gleichgewicht.
„Bitte, Bruder … Bruder Johannes ist am Verbluten“, sie hatte sich an ihrem Peiniger vorbeigedrückt und wandte sich an einen Anderen.
Der Erste wollte ihr abermals nachstellen, aber der Prior hielt ihn davon ab.
„Beruhig dich und erzähl was passiert ist.“ Er war älter als die Anderen und seine Stimme war befehlsgewohnt.
Asylma nahm tief Luft und erzählte den Vorfall in drei Sätzen.
Der Prior gab Anweisungen und folgte Asylma nach draußen. Ihr Peiniger folgte ihnen unaufgefordert.
„Bruder Simeon, wie geht es ihm?“
„Schlecht Prior Wilhelm, er hat viel Blut verloren und er ist bewusstlos. Es ist ein Wunder, wenn er die Nacht überlebt.“
„Dann sollten wir beten.“
„Habt ihr die Tücher?“, fragte Bruder Simeon.
„Nein, die kommen gleich.“
Bruder Johannes sollte die Bücher bringen“, schaltete sich Bruder Ulrich ein. Dessen Ohrfeigen brannten immer noch auf Asylmas Wangen. „Trägt er sie bei sich?“
„Erst stillen wir die Blutung“, meinte Bruder Simeon und konnte einen belehrenden Ton nicht unterdrücken.
„Die Bücher sind unersetzlich!“
„Darauf dürfte der Dieb es auch abgesehen haben. Geld konnte er keines vermuten.“
„Das freche Gör hat sie sicher gestohlen.“
„Reiß dich zusammen, deine Worte sich erfüllt von Hass. Sie hat mich gerufen. Wenn Bruder Johannes es überlebt, dann hat er es ihr zu verdanken.“
Jemand brachte Tücher und drückte Bruder Ulrich zur Seite, der nicht aufhörte Asylma mit bösen Blicken zu belegen.
„Wir brauchen eine Trage.“
„Hast du gehört, geh eine Trage holen“, blaffte Bruder Ulrich den Ankömmling an.
„Nein, ich brauche dich hier. Mädchen, weißt du wo das Hospiz ist?“
„Ja“, antwortete Asylma zaghaft.
„Dann geh dorthin, sie sollen Steine wärmen und zwei mit einer Trage herschicken.“
Asylma gehorchte ohne zu zögern. Sie hätte längst verschwinden sollen, doch nun war es auch egal.
„Warum sie?“ Bruder Ulrich gefiel das gar nicht.
„Ich will nicht, dass sie hier zusehen muss.“
„Warum ist sie überhaupt noch hier?“
„Weil sie sich um ihn sorgt!“
„Eher ein schlechtes Gewissen, weil sie mit dem Dieb unter einer Decke steckt und nun kalte Füße bekommt.“
Bruder Simeon brummte genervt.

Drei Tage lag Bruder Johannes im Hospiz. Fieber hatte sich seiner angenommen, doch die Wunde am Kopf war bereits am Heilen. Sie war nicht das Problem, hatte Bruder Simeon Asylma erklärt, als sie am Tag nach dem Überfall ins Hospiz gekommen war, um nach Bruder Johannes zu schauen. Auch am dritten Tag kam Asylma vorbei, aber diesmal standen viele Mönche und einige Schwestern um sein Bett. Bruder Johannes war aufgewacht. Asylma drehte sich gleich um, als sie den Andrang bemerkte.
„Nein, bleib Asylma“, rief Bruder Simeon sie zurück.
„Dieses dumme Mädchen hat hier nichts verloren“, ertönte die vertraut unangenehme Stimme.
„Sie hat sich um Bruder Johannes gesorgt. Mehr als Einige von uns.“
„Die Bücher waren von hohem Wert für uns und für die Kirche“, zeigte Ulrich immer noch keine Einsicht und machte deutlich, dass das Thema für ihn nicht abgeschlossen war.
„Also ist es beschlossen?“, fragte Bruder Simeon in die Runde und setzte ein unterbrochenes Gespräch fort.
„Ja, Bruder Simeon“, beendete der Prior die Diskussion. „Dir obliegt die Verantwortung, dass alles Nötige veranlasst wird. Du hast mein Vertrauen und meinen Segen. Wir alle sind froh, dass du lebst Bruder Johannes. Wir werden beten, dass sich alles zum Guten wendet.“
Einige verabschiedeten sich persönlich, andere gingen mit einem Nicken. Rasch löste sich die Traube auf und nur mehr Asylma, Bruder Johannes und Bruder Simeon blieben zurück.
„Bruder Johannes, Asylma ist nun da.“
Dieser öffnete die Augen, auch wenn es ihm sichtlich schwerfiel.
„Komm herüber mein Kind. Er ist noch ganz schwach“, meinte Bruder Simeon in einem sanften Ton.
Bruder Johannes zuckte mit einer Hand bis Asylma sie griff und er die ihre leicht drückte. „Danke Asylma, ich verdanke dir mein Leben.“
„Bruder Simeon hat euch geheilt, ich habe gar nichts gemacht“, erwiderte Asylma verlegen.
Seine Lippen zuckten als wollten sie ein Lächeln formen.
Dann drehte er den Kopf zu Bruder Simeon. „Sie soll die Wachen übernehmen.“
Es war kaum verständlich, aber Bruder Simeon nickte und daraufhin schloss Bruder Johannes müde aber erleichtert die Augen.
Bruder Simeon zog die Decke zurecht und überprüfte ob die Steine noch warm waren. „Komm, lass uns eine paar Schritte gehen Asylma.“
Sie gingen in den Garten des Hospizes. Hier wuchs eine Vielzahl an Kräutern, aber auch viel Gemüse.
„Ihr scheint euch zu kennen“, stellte Bruder Simeon fest. „Seine Bitte hatte er mir bereits vorher anvertraut, als ich ihm von deiner Sorge erzählt habe.“
Asylma nickte, antwortete aber nicht. Er kannte sie, weil er manchmal dabei gesessen hatte, wenn Asylma Bruder Franziskus im Garten geholfen hatte. Er wusste um ihre Sünden.
„Möchtest du seinem Wunsch entsprechen? Ich verstehe, wenn du nein sagst. Außer mir weiß es keiner und wird auch keiner es gewahr werden, wenn du ablehnst.“
„Was ist mit Bruder Johannes?“
„Nun, dass er schlecht sieht, weißt du wahrscheinlich?“
„Ja, auch wenn viele es ihm nicht anmerken.“
„Solange er sich dort befindet, wo er sich auskennt und alles seinen Platz hat. Aber bei einem der Schläge oder beim Sturz hat er sich so verletzt, dass er seine Beine nicht mehr bewegen kann. Er kann nicht mehr aufstehen, vielleicht nie wieder.“
„Das tut mir leid.“
„Das weiß ich. Aber er ist nicht mehr wirklich krank, deshalb verlässt er Morgen das Hospiz und kommt zurück ins Kloster. Aber es soll einer bei ihm sein. Zumindest solange, bis er damit zurechtkommt.“
Asylma biss sich auf die Lippen. Bruder Simeon merkte ihr Unbehagen und nickte ihr zu.
„Ich würde es gerne. Aber ich weiß nicht, ob mein Vater es mir erlauben wird.“
„Du wirst zwei Tagesrationen Essen als Lohn erhalten. Das wird wohl das Problem lösen?“
Asylma senkte beschämt den Kopf und nickte.
„Bruder Johannes hält viel von dir, sonst hätte er diesen Wunsch nicht geäußert, denn viele werden es ihm übelnehmen. Ich aber vertraue ihm und deshalb auch dir. Es ist eine Prüfung, aber ebenso eine Chance für dich.“

Am Folgenden Nachmittag ging Asylma wie besprochen zum Seiteneingang des Klosters. Sie musste nicht lange warten, bis Bruder Simeon sie dort in Empfang nahm. Für Bruder Johannes war im Erdgeschoss ein Zimmer geräumt worden. Dort lag er bereits in einem Bett und starrte gegen die Decke als die Beiden eintraten.
„An das Gefühl dauernd liegen zu bleiben, muss ich mich erst gewöhnen“, seine Stimme war wieder kräftig und auch ansonsten wirkte er erholt. Er war nie einer gewesen, der gerne klagte und so klang auch nun seine Stimme leicht belustigt.
„Andererseits habe ich auch reichlich Zeit, mich daran zu gewöhnen, Bruder Simeon.“ Er brauchte nicht zu sehen, wer hereintrat. Die Meisten erkannte er am Klang der Schritte.
„Wir alle müssen das beste aus dem machen, was uns gegeben ist“, antwortete Bruder Simeon.
So wie die Mönche redete sonst keiner in der Stadt. Asylma mochte es den Mönchen zuzuhören, jedenfalls denen, die nett zu ihr waren.
„Wohl war.“ Er machte eine Pause und drehte seinen Kopf, sodass er die Beiden ansah. „Asylma, mein Kind.“
Zögernd trat sie zu ihm heran.
„Bruder Franziskus bat mich ein Auge auf dich zu werfen, wann immer es mir möglich ist. Nun hast du über mich gewacht. Gottes Wille ist unergründlich, und manchmal hat er seine ganz eigene Art, uns Zeichen zu senden.“
Mit diesen Sprüchen konnte Asylma nichts anfangen. Gott war ihr fremd, und sie wusste nichts von seinen Zeichen, die andere überall zu sehen glaubten.
„Danke Bruder Simeon, dass du mich verstehst. Andere werden es nicht tun.“
„Es ist nicht an uns Gottes Willen infrage zu stellen. Sorge dich nicht.“ Mit diesen Worten verließ er den Raum und schloss die Tür.
„Setz dich mein Kind“, forderte Bruder Johannes Asylma auf.
Sie zögerte verunsichert, sah sich aber nach einem Stuhl um. In der Ecke standen ein kleiner Tisch und davor ein schlichter Holzstuhl. Sie wusste nicht was sie erwartete, aber der Mönch nickte ihr ermutigend zu.
„Möchtest du mir erzählen, was passiert ist?“, fragte er nachdem sie eine Weile saß.
Asylma wurde es unwohl. Sie überlegte, was sie antworten sollte, und wählte ihre Worte mit Bedacht.
Er stellte einige Fragen zum Dieb und erzählte auch was ihm in Erinnerung geblieben war, aber es half nicht eine Beschreibung zu bekommen, mit der sie hoffen konnten, den Dieb ausfindig zu machen.
„Was waren das denn für Bücher? Bruder Ulrich meinte sie wären sehr wertvoll?“
„Ja waren sie, nur noch nicht fertig. Es waren Kopien, die wir für einen reichen Adligen anfertigen sollten. Er hatte gefragt sie vorab zu sehen, um uns eine Teilzahlung zu gewähren. Er hatte hier Geschäfte getätigt und wollte in Naturalien zahlen, damit er sie nicht transportieren braucht.“
„Aber warum habt ihr sie nicht im Kloster gezeigt, da wären sie sicher gewesen?“
„Das wäre wohl besser gewesen, aber das soll nun Bruder Ulrichs Sorge sein. Er hatte eingewilligt, ich war nur der Bote.“
Asylma war nachdenklich.
„Aber du hast mir noch nicht gesagt, was du zu dieser Zeit dort gemacht hast? Die Abenddämmerung war weit vorangeschritten, wenn ich mich recht entsinne.“
„Ich“, begann Asylma und spielte mit ihren Fingern.
„Bleib bei der Wahrheit mein Kind.“
„Ich“, wiederholte sie. „Ich war im Klostergarten.“
„Mhm“, brummte Bruder Johannes. „Im Moment sind nur die Äpfel reif, oder?“
„Ja“, gestand Asylma.
„Stehlen ist eine Sünde, mein Kind.“
„Aber sonst muss ich hungern. Ich würde ja auch dafür arbeiten.“
Das Gespräch nahm den gleichen Verlauf, wie sie es bei Bruder Franziskus gewohnt war.
„Es nützt nichts, dir Bußen aufzuerlegen. Es hat letztes Jahr nichts gebracht, und es wird auch dieses Jahr nichts nutzen. Aber du hast dein Herz am rechten Fleck.“
Asylma blickte beschämt auf ihre Hände und zwang sich diese ruhig zu halten.
„Mir ist aber eine Idee gekommen, wie ich mein Versprechen einlösen kann, und gleichzeitig dir und mir helfe.“
Das klang nicht nach einer Strafe und so blickte Asylma neugierig auf.
„Ich habe immer gerne gelesen, aber seid einigen Jahren kann ich nur unter größter Anstrengung lesen.“
Asylma senkte betrübt den Kopf. Sie erinnerte sich an die Geschichten, die ihr Bruder Franziskus immer erzählt hat und sie würde gerne mehr solcher Geschichten hören.
„Deshalb möchte ich, dass du mir vorliest, mein Kind.“
„Aber ich kann nicht lesen, Bruder Johannes“, erklärte Asylma verwundert und ebenso traurig.
„Ich weiß mein Kind“, lächelte Bruder Johannes verständnisvoll und munterte sie mit einem Griff nach ihrer Hand auf.
„Deshalb möchte ich es dir beibringen. Lesen und schreiben, wenn du möchtest.“
„Natürlich möchte ich“, erwiderte sie begeistert und strahlte über das ganze Gesicht.
„Aber es muss unser Geheimnis bleiben. Nur Bruder Simeon weiß Bescheid. Er wird uns mit allem versorgen, was wir brauchen.“
Asylma war sprachlos.
„Aber du musst mir schwören, es keinem zu sagen. Für uns Beide wären die Folgen zu fürchterlich.“
„Ich schwöre!“
„Dann wirst du nie wieder stehlen müssen“, lächelte Bruder Johannes. „Es scheint als wäre dies Gottes Wille.“
Daraufhin bat Bruder Johannes das Mädchen unter das Bett zu greifen. Dort lag in Leinen eingewickelt ein Wachsbrett und ein Griffel.