Kränkelnde Gesellschaft

Nach dem anhaltenden Rattern des elektrischen Schlosses, öffnete sich die Tür unter meinem aufgestützten Gewicht leidend. Ein dunkler Flur erwartete mich, und die Kälte, an mir vorbei strömend, drängte sich mit hinein. Ein Lichtfleck verriet eine Türöffnung. Mich darauf zu bewegend, konnte ich aufgeregtes Stöhnen vernehmen. Im Türrahmen stehend, erkannte ich den Störenfried. Ein kleines Kind krabbelte, offensichtlich vergnügt, unter einem niedrigen Tisch herum. Kaum merklich wurde es stiller, als dieses mich erblickte. Zu kriechen hörte es auf und schenkte mir, dem Eindringling, gebannte Blicke. Als ich diese mit einem Lächeln erwiderte, stieß sich das Kind den Kopf. Doch aus irgendeinem Grund, erachtete es dies als unwichtig und behielt mich vorsichtshalber weiter im Auge.

Gänzlich eingetreten, grüßte ich. Erst jetzt fiel Licht auf meine Gestalt. Bislang hatte mich lediglich eine Frau bemerkt, augenscheinlich die Mutter, die das Geschehen genau beobachtet hatte. Ihr Mund formte sich andeutungsweise zu einem Grinsen. Wohl war mein schlechtes Gewissen spürbar gewesen.

Ein Mädchen, etwas erschreckt von meinem Erscheinen, grüßte mechanisch zurück, bevor es sein Gesicht wieder in seine Illustrierte vergrub. Ein alter Mann brummte etwas, das man mit einigem guten Willen als Begrüßung hätte deuten können. Ansonsten schwieg die Gesellschaft. Etwas, das sie auch von mir erwartete. Ein wenig durfte ich noch für Unruhe sorgen, dann aber sollte ich sitzen.

Meines Mantels wollte ich mich aber noch entledigen. Der Kleiderständer, sinnvollerweise auf der, der Tür abgewandten Seite postiert, war notorisch überfüllt. Über ein Paar Beine kletternd, gelang ich dorthin und machte mir an diesem zu schaffen. Die Beine, unglücklich ausgestreckt, schienen bei meiner Rückreise erneut Wegegeld erheben zu wollen, während deren Besitzer gelangweilt durch mich hindurch auf den Boden starrte.

Ohne Wahlmöglichkeit, begab ich mich in den hinteren Teil des Raumes, um dort Platz zu nehmen. Zu meiner rechten saß eine alte Frau. Ihre Wollmütze trug noch die zu Tropfen geschmolzenen Schneeflocken, während sie ihre beige Handtasche auf ihrem Schoß hatte und beidhändig umklammerte. Zu meiner linken stand bedrohlich eine angriffslustige Stechpalme, die den Eindruck erweckte, mir keine Bewegung verzeihen zu wollen.

Das Kind hatte wieder begonnen den Tisch zu erkunden, während die Mutter, mir quer gegenüber sitzend, mit hilflosen Handbewegungen ihr Säugling zum Innehalten bewegen wollte. Eine Stellung, die Kinder nur selten einnehmen konnten. Aber eigentlich machte es auch keinen Lärm. Nur, dass das Rutschen auf dem spätestens jetzt aufgewischten Boden mehr Geräusche verursachtete, als das allgemeine Umblättern der Zeitschriften. Einen Umstand, den manche wohl als Aufstand umschrieben hätten. Mir aber war solches Denken fremd. Mir gefiel das erkundungsfreudige Benehmen des Kleinen. Und in Ermangelung eines anderen Lebenszeichens, ließ ich meinen Blick auch weiter auf diesem ruhen.

Zunächst geschah auch nichts weiter. Zeitschriften wurden durchblättert. Ausgetauscht, wenn als bekannt erachtet. Dies wurde dann stets mit reichlich Interesse von dem Kleinen beobachtet und mit einem erfreuten Glucksen kommentiert. Deutlich zum Missfallen einer Dame mit ausladendem Dekolletee, das nur unzureichend mit Goldketten ausgestopft war. Jedesmal rümpfte sie die Nase.

Unruhig rutschte die Mutter auf ihrem Stuhl hin und her. Das allgemeine Schweigen, zwecks steriler Notwendigkeit, duldete keine Skandale. Sich ihrer Schuld bewusst, streckte die Mutter liebevoll ihre Arme aus. Doch das Kind, die Geste missdeutend, erachtete das Versteck unter dem Tisch um einiges Spannender. Die Goldfrau schüttelte verärgert den Kopf und ihre hochgezogene Braue machte deutlich, dass sie dieses Scheitern erwartet hatte. Um sich in ihrem Urteil bestätigen zu lassen, blickte sie zur alten Frau neben mir. Doch zu meiner Freude, war diese zu sehr in Sorge um ihre Handtasche, als dass sie das Geschehen hätte mitbekommen können. Empört starrte die mit Ketten behangene Frau zur Decke, als könnte sie sich dadurch unserer unwürdigen Gesellschaft entheben.

Da ich durch meinen ersten Kontakt mich bereits infiziert glaubte, konnte auch ein weiteres Lächeln nichts schaden. Die Mutter erwiderte es, erleichtert, dass sie mit ihrer abstoßenden Krankheit nicht alleine war. Das Kind, von dieser wortlosen Unterhaltung angetan, lugte hinter einem der Pfosten hervor.

Ich jedoch wandte mich dem Fenster zu. Wollte deutlich zeigen, dass die – von der Frau als unangemessenen Lärm bezeichneten – Geräusche mich nicht störten, dass ich diese nicht einmal als solche wahrnahm. Mich dem tristen Anblick der Wolken draußen verwehrend, blickte ich mich im Zimmer um. Gelblich-grün waren die Wände gestrichen. Ein nicht interpretierbares Bild stach aus dem Grün hervor. Schmunzelnd, dachte ich, es könnte einmal unter einem Tisch gemalt worden sein.

Der Raum gab nicht viel her, und so begann ich die Wartenden zu betrachten. Das Mädchen vergrub sich immer noch in seiner Zeitschrift und las wie gebannt einen Artikel. Den Rücken schmerzhaft gerade, fragte ich mich, ob es überhaupt atmete. Daneben saß ein unscheinbarer Mann, mitte dreißig, die Kappe ins Gesicht gezogen und schlief. Mein Blick zog weiter. Der Kleiderständer, passte sich mit seinem Benehmen den Anwesenden an und füllte den Raum, ohne den Eindruck erwecken zu wollen hierhin zu gehören. Der Lümmel gleich daneben, immer noch den Wächter desselben spielend, ließ ansonsten aber alle unbehelligt und ignorierte auch die Frau zu seiner Linken, die immer noch wie auf Dornen saß.

Ansonsten blieb nur noch der alte Mann, gleich neben der Tür, unerwähnt. Er saß neben der Verfechterin aller Sittsamkeit, in ihrem Kaschmirfetzen. Der Mann hatte sich nach vorne gebeugt und stützte sich beidhändig auf seinen Gehstock. Sein Blick auf seine braunen Lederschuhe gerichtet, trug auch er nicht zur Unterhaltung bei.

Als ich alles zu sehen geglaubt hatte, erblickte ich ein Paar großer Augen auf Kniehöhe. Der Kleine hatte sich heran gewagt und hielt mich offenkundig für einen Tisch. Prüfend betastete er meine Beine, in dem Irrtum, es handle sich dabei um Pfosten. Überrascht lächelte ich es an. Der Tisch lebte, stellte es begeistert glucksend fest. Aufgeregt, wollte es in die Hände klatschen, verlor aber das Gleichgewicht und fiel lachend auf seinen Hintern.

Erschreckt sprang die Mutter auf. Auf mich zu eilend, lächelte sie mich verlegen an. Als sie ihren Sohn auf den Arm nahm, begann sie sich bei mir zu entschuldigen. Mit freudiger Miene, erklärte ich wortlos, dass es nichts zu entschuldigen gab. Die Mutter sah aber den allgemeinen Konsens verletzt, mich mit einer fast verbrecherischen Anwesenheit bedroht zu haben. Die Goldfrau zeigte sich diesbezüglich meinungsgleich und protokollierte die Angelegenheit mit strengen Blicken.

Schützend hielt die Mutter ihr Kind vorerst auf dem Schoß. Der Schutz indes, galt nicht dem Kind, sondern der Allgemeinheit. Ein solcher Aufstand bedrohte das Schweigen.

Es dauerte eine Weile bis wieder Ruhe einkehrte. Eigentlich war es nur die Goldfrau, die sich echauffiert fühlte. Keiner der anderen hatte überhaupt etwas bemerkt. Es galt die Wartezeit zu überbrücken, derweil konnte man sich nicht mit anderen Dingen beschäftigen.

Der Forschergeist, dem Menschen seit jeher in den Genen steckend, ließ das Kind jedoch nicht lange auf dem Schoß seiner Mutter ausharren und so versteckte es sich schon bald wieder unter dem Tisch.

Ein Umstand, der abermals die Missbilligung der Allgemeinheit – repräsentiert durch die Goldfrau – erfuhr. Fast schon richtete sich ihr Zorn gegen mich, da ich nicht die nötige Empörung aufbrachte. Aber mir gefiel diese reinste und ungezügelte Neugier des Kleinen. Vielleicht ein wenig gebremst von verunsichernder Angst.

Es dauerte auch nicht lange, bis meine Beine erneut eine gründliche Prüfung erfuhren. Die Mutter wollte auch gleich wieder aufspringen, doch mein freudiges Gesicht, ließ sie inne halten. Und so begnügte sie sich damit angespannt auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen.

Die Entdeckungsfreude des Kleinen auf die Probe stellend, hob ich ihn hoch und ließ ihn auf meinem Knie Platz nehmen. Verwundert über das seltsame Benehmen des Tisches, begann das Kind von neuem zu glucksen. Sich versichernd, dass seine Mutter noch in der Nähe war, blickte es sich um. Dann begann es vorsichtig zu schaukeln, als traue es nicht der Stabilität dieser Konstruktion. Doch als diese nicht einzustürzen drohte, wurde es lebhafter.

„Unerhört ist das!“ Die Ketten behangene Frau sah sich in der Pflicht mich vor der Bedrohung zu beschützen. Die Mutter öffnete den Mund und rutsche auf ihrem Stuhl nach vorne. Doch mein freudiger Blick ließ sie von neuem verharren. Hilfesuchend blickte sich die Goldfrau um. Doch ihr Protest fand nur wenig Unterstützung. Das Mädchen verschwand noch tiefer hinter der Zeitschrift, selbst ihre Haare waren nicht mehr zu erblicken. Der Mann schlief noch, während der Lümmel noch weiter in den Stuhl versunken war und sich jeder Teilnahme verwehrte.

Nur der alte Mann hatte aufgeblickt. Sein Gehstock klopfte zweimal auf den Fußboden, als wollte er bestätigen, dass er die Angelegenheit vergegenwärtigt hatte. Sich jeder Meinungs­bildung entsagend, blieb seine Miene aber ausdruckslos.

„Max Lieblich, bitte.“ Die Sekretärin war eingetreten und verlangte den nächsten Patienten. Fluchtartig sprang die Mutter auf. Und auf mich zustrebend, lächelte sie mir verlegen zu. Als sie ihr Kind auf den Arm nahm, reichte ich diesem zum Abschied meinen Zeigefinger. Dieses missverstand die Geste und wollte denselben mitnehmen. Als Entschädigung lächelte ich ihm zu und behielt meinen Finger für mich.

Draußen im Flur wurden die beiden gleich von der Ärztin begrüßt. Seltsam, dachte ich, von uns allen, so befand ich mit meinem medizinischen Unwissen, war der Kleine, der Gesündeste.