Abriss gut integrierter Gebäude

Ein weiterer Aspekt bei älteren Gebäuden ist oftmals der völlig unterschiedliche Bezug zur Lebensdauer. Werden demgegenüber Gebäude insbesondere aus den 60-iger und 70-iger betrachtet, so ist es hier meistens hinfällig, sich über eine Renovierung Gedanken zu machen. Bezüglich Schallschutz ist wenig investiert worden. Der Energieverbrauch und die Bausubstanz sind kurzfristig geplant und entsprechend ist gebaut worden. Die Architektur ist mit minimalistisch wohlwollend umschrieben. Nicht so bei Gebäuden, die bereits um die hundert Jahre oder länger stehen. Sie sind gebaut worden, um solide stehen zu bleiben. Zweihundert, dreihundert Jahre Nutzungsdauer, das bedeutet Materialien mit langer Lebensdauer zu nutzen. Das ist kein Vergleich mit dem, was vor einem halben Jahrhundert gebaut wurde und nicht mit dem, was heute errichtet wird. 15-20 cm Mauermerk eingeklebt mit Styropor. Kaum vorstellbar, dass einer das alle 40 Jahre neu mit Styropor einkleidet, dann vielleicht doch lieber zwischendurch den Abreishammer schwingen.

Was macht ein altes Gebäude aus? Ein wichtiger Faktor ist, dass sich alte Gebäude bewährt haben, denn ansonsten würden sie längst nicht mehr stehen. Zwar gibt es einige Mängel bezüglich Komfort und Energieverbrauch. Aber vieles davon lässt sich leicht beheben. Undichte Fenster und Türen sowie nicht gedämmte Dächer stellen bei der Sanierung keine große Herausforderung dar. Ohnehin sind alte Gebäude weit weniger schlecht als ihr Ruf, was sich insbesondere dann zeigt, wenn nachträgliche Energiesparmaßnahmen nicht den versprochenen Erfolg aufweisen können. Eine andere negative Eigenschaft, dass nämlich die Räume oft klein und dunkel sind, lässt sich nur bedingt verbessern, wenn es sich um historisch wertvolle Wohngebäude handelt. Hier ist es aber auch eine Geschmacksfrage und mit dem individuell empfundenen Charme aufzuwiegen. Bei alten Scheunen und Ställen sollte das allerdings in den wenigsten Fällen ein Problem sein.

Von hohem Wert jedoch sind die darin enthaltenen Materialressourcen, die ohne großen Aufwand an neuem Material, Arbeit und Energie verwendet werden können. Auch spricht das Konzept der Dauerhaftigkeit dafür, dass das Gebäude mit den darin verbauten Ressourcen noch lange genutzt werden kann.

In diesem Kontext wird immer häufiger auch von der grauen Energie gesprochen. Doch ist dies in unseren Augen zu eindimensional gedacht, denn abgesehen von Energie, die durchaus regenerativ und schadstoffarm gewonnen werden kann, ist dies bei vielen Materialien nicht der Fall. Das Abbruchmaterial muss mittels dem schadstoffintensiven Transportsektor zur Deponie geführt werden, die ihrerseits große Flächen beansprucht. Auf der anderen Seite müssen neue Materialien gewonnen werden und dies bedingt den Raubbau in neuen Gebieten. Hier nur die graue Energie zu berücksichtigen bedeutet, vorhandene Potenziale nicht wertzuschätzen.

Alte Gebäude sind äußerst massiv errichtet worden, weil das oberste Gebot Standhaftigkeit war und nicht mittels Rechnungen optimiert worden ist. Dies führt zu einem thermischen Vorteil, der bei modernen Gebäuden oft aufgegeben wird, und insbesondere im Sommer eine Überhitzung vermeidet und ebenso im Winter eine größere Robustheit gegenüber kurzfristigen Kälteeinbrüchen aufweist. Das bedeutet zwar nicht, dass alte Gebäude energetisch überlegen sind, aber es stellt durchaus einen weiteren Vorteil dar, den man sich zu Nutzen machen kann.

Eines sollte zumindest jedem klar werden. Bestandsgebäude sind ein enorm großes Materiallager, welches uns schadstoffarm und anwendungsbereit zur Verfügung steht. Es gilt mehr als nur die Frage des Sparens von Energie zu beantworten. Über allem steht nämlich nur ein Grundgedanke: Die effiziente Nutzung unserer Potenziale. Und ja, Gebäude sind für etwa 40% unseres Energieverbrauches verantwortlich. Ebenso beanspruchen sie allerdings auch 50% unseres Materialkonsums und sind für 60% unserer Abfalls verantwortlich.