Der Baum, der Zeuge

Ein satt grüner Teppich zog sich den Hügel hoch. Zart streichelnd fuhr der Wind zwischen den langen Grashalmen hindurch, welche sich müde nach unten bogen. Oben schlängelte sich ein Fahrradweg an einer Weide entlang. Das Grau, nur ein hauchdünner Faden, verbarg es sich schon nach wenigen Metern hinter der gedeienden Natur und wurde für das Auge unsichbar.
Ein einzelner knorriger Baum wachte windschief am Wegesrand. Seine alten Äste ragten wie greifende Hände über eine Bank. Nur wenige Blätter zierten den Zeugen längst vergangener Tage und ließ den Griff noch gieriger erscheinen.
Das Holz von der Witterung rau, hatte die Bank ihre schönsten Tage bereits hinter sich. Wie ein altes Paar schwiegen Bank und Baum selig, lauschten dem Wind, sonnten sich in den letzten Strahlen des Tages. Alt waren sie. Und nichts hatte sie jemals getrennt. Viele Sommer standen sie hier und genau so viele Winter hatten sie gemeinsam überstanden. Doch die Zeit hatte ihre Spuren an ihnen hinterlassen. Die Rinde des Baumes war rissig geworden. Zeichen waren in sie geritzt. Tief waren die Spuren, doch die Schrift war kaum noch zu lesen. Zwei Buchstaben waren es, umrahmt von einer seltsam geschwungenen Linie.
Der dünne, schon etwas länger gezogener Schatten des Baumes fiel nach hinten auf die Weide und ließ den Mann auf der Bank unberührt. In dessen Hand ruhte eine Blume. Eine einzelne nur, und obwohl die Farbe der Blume noch hell leuchtete, wirkte sie genau so wächsern, wie die Haut des Mannes, welcher sie mit seinen dürren und schwachen Fingern hielt.
Auch er war alt – der Mann. Fast so alt wie der Baum hinter ihm. Und auch er trug die Spuren eines langen Lebens. Und nun saß er da, scheinbar friedlich. So wie so oft in den letzten Jahren. Und immer seine Blume in der Hand. Eine Tulpe war es. Rötlich-gelb leuchtete sie, doch aus einem unerklärlichen Grund hatte sie vergessen zu welken. Nur trocken war sie gewurden und leistete dem Alten treu Gesellschaft. Seine Frau hatte diese Blume immer gemocht. Nicht rote Rosen wie andere, nein, diese stacheligen Verführerinnen waren ihr unangenehm. Eine Tulpe aber hatte etwas zartes an sich.
Und diese eine, diese nicht welkende, war übrig geblieben von dem letzten Strauß den der Mann ihr geschenkt hatte. Alle waren sie verwelkt, nur diese eine nicht. Und sie blieb bei ihm, nun da seine Frau es nicht mehr konnte.
Er hatte sie geliebt, er liebte sie immer noch. Dies hier war ihr Platz gewesen. Viele Sommertage hatten sie hier verbracht. Bis vor fünf Jahre noch, der Baum ihr Zeuge. Und nun waren sie alle alt. Und sie hatten nur noch sich. Der Baum die Bank, der Mann die Blume in der Hand.
Seit damals, dem Tag als sie starb, war er immer hier her gekommen, wenn er ihr nah sein wollte. Die Blume stets in der Hand, saß er dort und betrachtete den feurigen Sonnenuntergang. So wie seine Frau ihn stets in seinen Armen genossen hatte.
Auf dem Friedhof hatte er sie noch nie besucht. Denn dafür hätte sie tot sein müssen, und das war sie nicht. Nicht solange er noch lebte. Und das tat auch sie, tief in seinem Herzen, dort wo die Zeit ihr nichts anhaben konnte. Nur ihr Körper war nicht mehr. Er vermisste ihre Wärme, nur die Blume war geblieben. Und an diesen langen Nachmittagen trank er an ihrem Anblick die Liebe seiner Frau, wie aus einem Kelch. Hier konnte er ihr nah sein, von der schwächer werdenden Abendsonne gewärmt.
Wieder einmal kroch die Sonne rot glühend und schläfrig unter den Horizont, auf der anderen Seite des Tals, hinter einem fernen Hügel. Der Mann auf der Bank hatte die Augen geschlossen. Kaum merklich hob das friedliche Atmen seine Brust. Diese Besuche waren alles was er noch hatte. Und oft schlief er ein, geküsst von der Erinnerung, und umarmt von der Liebe, die niemals erlosch. Selig waren diese Momente, kostbarer als alles andere. Der Baum, ihr Zeuge, ein treuer Freund im Rücken.
Langsam entwand sich die Sonne dieser Welt. Nach und nach verschmolzen die langen Schatten und die Farben verblassten zu grauen Konturen, während die Sterne mit ihrem kühlen Licht auftauchten.
Als der Mond aufging, eine dünne Sichel, und das Land in silbriges Licht tauchte, saß der Mann immer noch auf der Bank. Der Wind kaum noch spürbar, wehte die letzte Wärme aus dem Tal empor.
Dann sank der Kopf des Mannes nach vorn, ganz so als schliefe er. Und nun würde er seine Frau doch auf dem Friedhof besuchen. Seine Blume in der Hand, und nie wieder von ihr gehen.

Kränkelnde Gesellschaft

Nach dem anhaltenden Rattern des elektrischen Schlosses, öffnete sich die Tür unter meinem aufgestützten Gewicht leidend. Ein dunkler Flur erwartete mich, und die Kälte, an mir vorbei strömend, drängte sich mit hinein. Ein Lichtfleck verriet eine Türöffnung. Mich darauf zu bewegend, konnte ich aufgeregtes Stöhnen vernehmen. Im Türrahmen stehend, erkannte ich den Störenfried. Ein kleines Kind krabbelte, offensichtlich vergnügt, unter einem niedrigen Tisch herum. Kaum merklich wurde es stiller, als dieses mich erblickte. Zu kriechen hörte es auf und schenkte mir, dem Eindringling, gebannte Blicke. Als ich diese mit einem Lächeln erwiderte, stieß sich das Kind den Kopf. Doch aus irgendeinem Grund, erachtete es dies als unwichtig und behielt mich vorsichtshalber weiter im Auge.

Gänzlich eingetreten, grüßte ich. Erst jetzt fiel Licht auf meine Gestalt. Bislang hatte mich lediglich eine Frau bemerkt, augenscheinlich die Mutter, die das Geschehen genau beobachtet hatte. Ihr Mund formte sich andeutungsweise zu einem Grinsen. Wohl war mein schlechtes Gewissen spürbar gewesen.

Ein Mädchen, etwas erschreckt von meinem Erscheinen, grüßte mechanisch zurück, bevor es sein Gesicht wieder in seine Illustrierte vergrub. Ein alter Mann brummte etwas, das man mit einigem guten Willen als Begrüßung hätte deuten können. Ansonsten schwieg die Gesellschaft. Etwas, das sie auch von mir erwartete. Ein wenig durfte ich noch für Unruhe sorgen, dann aber sollte ich sitzen.

Meines Mantels wollte ich mich aber noch entledigen. Der Kleiderständer, sinnvollerweise auf der, der Tür abgewandten Seite postiert, war notorisch überfüllt. Über ein Paar Beine kletternd, gelang ich dorthin und machte mir an diesem zu schaffen. Die Beine, unglücklich ausgestreckt, schienen bei meiner Rückreise erneut Wegegeld erheben zu wollen, während deren Besitzer gelangweilt durch mich hindurch auf den Boden starrte.

Ohne Wahlmöglichkeit, begab ich mich in den hinteren Teil des Raumes, um dort Platz zu nehmen. Zu meiner rechten saß eine alte Frau. Ihre Wollmütze trug noch die zu Tropfen geschmolzenen Schneeflocken, während sie ihre beige Handtasche auf ihrem Schoß hatte und beidhändig umklammerte. Zu meiner linken stand bedrohlich eine angriffslustige Stechpalme, die den Eindruck erweckte, mir keine Bewegung verzeihen zu wollen.

Das Kind hatte wieder begonnen den Tisch zu erkunden, während die Mutter, mir quer gegenüber sitzend, mit hilflosen Handbewegungen ihr Säugling zum Innehalten bewegen wollte. Eine Stellung, die Kinder nur selten einnehmen konnten. Aber eigentlich machte es auch keinen Lärm. Nur, dass das Rutschen auf dem spätestens jetzt aufgewischten Boden mehr Geräusche verursachtete, als das allgemeine Umblättern der Zeitschriften. Einen Umstand, den manche wohl als Aufstand umschrieben hätten. Mir aber war solches Denken fremd. Mir gefiel das erkundungsfreudige Benehmen des Kleinen. Und in Ermangelung eines anderen Lebenszeichens, ließ ich meinen Blick auch weiter auf diesem ruhen.

Zunächst geschah auch nichts weiter. Zeitschriften wurden durchblättert. Ausgetauscht, wenn als bekannt erachtet. Dies wurde dann stets mit reichlich Interesse von dem Kleinen beobachtet und mit einem erfreuten Glucksen kommentiert. Deutlich zum Missfallen einer Dame mit ausladendem Dekolletee, das nur unzureichend mit Goldketten ausgestopft war. Jedesmal rümpfte sie die Nase.

Unruhig rutschte die Mutter auf ihrem Stuhl hin und her. Das allgemeine Schweigen, zwecks steriler Notwendigkeit, duldete keine Skandale. Sich ihrer Schuld bewusst, streckte die Mutter liebevoll ihre Arme aus. Doch das Kind, die Geste missdeutend, erachtete das Versteck unter dem Tisch um einiges Spannender. Die Goldfrau schüttelte verärgert den Kopf und ihre hochgezogene Braue machte deutlich, dass sie dieses Scheitern erwartet hatte. Um sich in ihrem Urteil bestätigen zu lassen, blickte sie zur alten Frau neben mir. Doch zu meiner Freude, war diese zu sehr in Sorge um ihre Handtasche, als dass sie das Geschehen hätte mitbekommen können. Empört starrte die mit Ketten behangene Frau zur Decke, als könnte sie sich dadurch unserer unwürdigen Gesellschaft entheben.

Da ich durch meinen ersten Kontakt mich bereits infiziert glaubte, konnte auch ein weiteres Lächeln nichts schaden. Die Mutter erwiderte es, erleichtert, dass sie mit ihrer abstoßenden Krankheit nicht alleine war. Das Kind, von dieser wortlosen Unterhaltung angetan, lugte hinter einem der Pfosten hervor.

Ich jedoch wandte mich dem Fenster zu. Wollte deutlich zeigen, dass die – von der Frau als unangemessenen Lärm bezeichneten – Geräusche mich nicht störten, dass ich diese nicht einmal als solche wahrnahm. Mich dem tristen Anblick der Wolken draußen verwehrend, blickte ich mich im Zimmer um. Gelblich-grün waren die Wände gestrichen. Ein nicht interpretierbares Bild stach aus dem Grün hervor. Schmunzelnd, dachte ich, es könnte einmal unter einem Tisch gemalt worden sein.

Der Raum gab nicht viel her, und so begann ich die Wartenden zu betrachten. Das Mädchen vergrub sich immer noch in seiner Zeitschrift und las wie gebannt einen Artikel. Den Rücken schmerzhaft gerade, fragte ich mich, ob es überhaupt atmete. Daneben saß ein unscheinbarer Mann, mitte dreißig, die Kappe ins Gesicht gezogen und schlief. Mein Blick zog weiter. Der Kleiderständer, passte sich mit seinem Benehmen den Anwesenden an und füllte den Raum, ohne den Eindruck erwecken zu wollen hierhin zu gehören. Der Lümmel gleich daneben, immer noch den Wächter desselben spielend, ließ ansonsten aber alle unbehelligt und ignorierte auch die Frau zu seiner Linken, die immer noch wie auf Dornen saß.

Ansonsten blieb nur noch der alte Mann, gleich neben der Tür, unerwähnt. Er saß neben der Verfechterin aller Sittsamkeit, in ihrem Kaschmirfetzen. Der Mann hatte sich nach vorne gebeugt und stützte sich beidhändig auf seinen Gehstock. Sein Blick auf seine braunen Lederschuhe gerichtet, trug auch er nicht zur Unterhaltung bei.

Als ich alles zu sehen geglaubt hatte, erblickte ich ein Paar großer Augen auf Kniehöhe. Der Kleine hatte sich heran gewagt und hielt mich offenkundig für einen Tisch. Prüfend betastete er meine Beine, in dem Irrtum, es handle sich dabei um Pfosten. Überrascht lächelte ich es an. Der Tisch lebte, stellte es begeistert glucksend fest. Aufgeregt, wollte es in die Hände klatschen, verlor aber das Gleichgewicht und fiel lachend auf seinen Hintern.

Erschreckt sprang die Mutter auf. Auf mich zu eilend, lächelte sie mich verlegen an. Als sie ihren Sohn auf den Arm nahm, begann sie sich bei mir zu entschuldigen. Mit freudiger Miene, erklärte ich wortlos, dass es nichts zu entschuldigen gab. Die Mutter sah aber den allgemeinen Konsens verletzt, mich mit einer fast verbrecherischen Anwesenheit bedroht zu haben. Die Goldfrau zeigte sich diesbezüglich meinungsgleich und protokollierte die Angelegenheit mit strengen Blicken.

Schützend hielt die Mutter ihr Kind vorerst auf dem Schoß. Der Schutz indes, galt nicht dem Kind, sondern der Allgemeinheit. Ein solcher Aufstand bedrohte das Schweigen.

Es dauerte eine Weile bis wieder Ruhe einkehrte. Eigentlich war es nur die Goldfrau, die sich echauffiert fühlte. Keiner der anderen hatte überhaupt etwas bemerkt. Es galt die Wartezeit zu überbrücken, derweil konnte man sich nicht mit anderen Dingen beschäftigen.

Der Forschergeist, dem Menschen seit jeher in den Genen steckend, ließ das Kind jedoch nicht lange auf dem Schoß seiner Mutter ausharren und so versteckte es sich schon bald wieder unter dem Tisch.

Ein Umstand, der abermals die Missbilligung der Allgemeinheit – repräsentiert durch die Goldfrau – erfuhr. Fast schon richtete sich ihr Zorn gegen mich, da ich nicht die nötige Empörung aufbrachte. Aber mir gefiel diese reinste und ungezügelte Neugier des Kleinen. Vielleicht ein wenig gebremst von verunsichernder Angst.

Es dauerte auch nicht lange, bis meine Beine erneut eine gründliche Prüfung erfuhren. Die Mutter wollte auch gleich wieder aufspringen, doch mein freudiges Gesicht, ließ sie inne halten. Und so begnügte sie sich damit angespannt auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen.

Die Entdeckungsfreude des Kleinen auf die Probe stellend, hob ich ihn hoch und ließ ihn auf meinem Knie Platz nehmen. Verwundert über das seltsame Benehmen des Tisches, begann das Kind von neuem zu glucksen. Sich versichernd, dass seine Mutter noch in der Nähe war, blickte es sich um. Dann begann es vorsichtig zu schaukeln, als traue es nicht der Stabilität dieser Konstruktion. Doch als diese nicht einzustürzen drohte, wurde es lebhafter.

„Unerhört ist das!“ Die Ketten behangene Frau sah sich in der Pflicht mich vor der Bedrohung zu beschützen. Die Mutter öffnete den Mund und rutsche auf ihrem Stuhl nach vorne. Doch mein freudiger Blick ließ sie von neuem verharren. Hilfesuchend blickte sich die Goldfrau um. Doch ihr Protest fand nur wenig Unterstützung. Das Mädchen verschwand noch tiefer hinter der Zeitschrift, selbst ihre Haare waren nicht mehr zu erblicken. Der Mann schlief noch, während der Lümmel noch weiter in den Stuhl versunken war und sich jeder Teilnahme verwehrte.

Nur der alte Mann hatte aufgeblickt. Sein Gehstock klopfte zweimal auf den Fußboden, als wollte er bestätigen, dass er die Angelegenheit vergegenwärtigt hatte. Sich jeder Meinungs­bildung entsagend, blieb seine Miene aber ausdruckslos.

„Max Lieblich, bitte.“ Die Sekretärin war eingetreten und verlangte den nächsten Patienten. Fluchtartig sprang die Mutter auf. Und auf mich zustrebend, lächelte sie mir verlegen zu. Als sie ihr Kind auf den Arm nahm, reichte ich diesem zum Abschied meinen Zeigefinger. Dieses missverstand die Geste und wollte denselben mitnehmen. Als Entschädigung lächelte ich ihm zu und behielt meinen Finger für mich.

Draußen im Flur wurden die beiden gleich von der Ärztin begrüßt. Seltsam, dachte ich, von uns allen, so befand ich mit meinem medizinischen Unwissen, war der Kleine, der Gesündeste.

Das Hochhaus

„Nicht jetzt!“ Mehr als ein Zischen war es nicht. Wie so oft sah sie einzig eine abweisende Handbewegung. Ihr leidenschaftliches und lärmendes Bemühen ein Gespräch zu führen, abgewürgt mit der unbewussten Geste der Ungeduld.
Ihr Vater war am Telefonieren und wollte nicht gestört werden. Nahm sie nicht einmal wahr und wies das kleine Mädchen mit einer kurzen Umdrehung ab. Halb neun war es und Sophie hatte ihren Vater ins Büro begleitet. Ihre Mutter arbeitete halbtags und so wurde das Gebäude, in dem ihr Vater arbeitete, während den Schulferien zu ihrem Hort. Was genau Sophies Vater arbeitete, wusste sie nicht. Manager, antwortete er immer, wenn sie fragte. Aber verstehen tat sie es dennoch nicht. Manchmal sah sie ihm dabei zu, wie er arbeitete. Allerdings war dieser ständig am Telefonieren und hatte niemals Zeit. Dann stand er da, so wie jetzt, vor der großen Fensterscheibe und stierte über das Meer der Häuser unter ihm. Mit der Hand im Nacken versuchte er sich selbst zu entspannen.
Sophie konnte nicht begreifen, wieso man sich beim Telefonieren so sehr aufregen konnte. Und der Sinn der Arbeit entging ihrem Verständnis völlig. Mit jedem redete ihr Vater – nur mit ihr nicht.
So seinem Rücken zugewiesen, zuckte sie mit den Schultern, ließ Papier und Stifte auf dem Boden liegen und öffnete lautlos die Tür aus dem Büro.
Der Flur war offen und hell. Reines Tageslicht mischte sich unter elektrisches kaltes Leuchten. Etwas verträumt schlenderte sie umher und wurde von der seitlichen Fensterfront magisch angezogen. Mit der Hand stets an einer Wand entlang schleifend, näherte sie sich der lichtdurchfluteten Scheibe.
Ein blauer Himmel lag über den Dächern der Häuser, von denen einige im Grund zu versinken schienen. Keiner der sichtbaren Häuser ragte bis dorthin, wo das kleine Mädchen sich die Nase an der dicken Glasscheibe platt drückte. Sie mochte es zu sehen, wie die Autos wie bunte Ameisen sich mit ihren rot aufglühenden Augen durch die schmalen Gassen schlangen und beinahe lückenlose Reihen bildeten.
Vor ihrem Gesicht wurde das Glas weiß und ließ die Stadt nur noch schemenhaft erkennen. Ihr Atem ging schneller und sie hauchte immer kräftiger gegen die Scheibe, bis schließlich ein großer Kreis aus kondensiertem Wasser dort erschien und ihre Nase und ihren Mund abbildete. Beglückt gluckste sie auf und tupfte zwei Augen in ihr Kunstwerk, lachte ihrem gegenüber zu, drehte sich um und hüpfte den Flur hinunter. Leise sang sie vor sich hin und klopfte mal an der einen, mal an der anderen Seite gegen die Wand und vergaß völlig, was ihr Vater ihr so oft gepredigt hatte.
Scheinbar ziellos zog sie durch die ihr so vertrauten Gänge des oberen Geschosses. Die Fenster beachtete sie schon lange nicht mehr und ihre Kreise zogen sich immer enger um den inneren Kern.
Plötzlich blieb sie stehen und ihr Summen verstummte. Sie hatte ein helles und kurzes Läuten vernommen und war blitzschnell wieder um die Ecke gesprungen.
Vorsichtig lugte sie hervor und sah eben noch, wie sich die chromsilbrigen Türen öffneten. Im Kontrast zu dem Licht im Flur, wirkte jenes, das aus der Kabine herausflutete leicht gelblich.
Ein großer schwarzer Schuh stahl sich hervor und bald darauf folgte ein schwarz bekleidetes Bein. Ein Mann stieg eben aus dem Fahrstuhl. In einer Hand trug er einen dunklen Koffer. Mit der anderen griff er sich an den Hals und rückte seine Krawatte zurecht. Als Einziges an seiner Erscheinung besaß diese Farbe. Blassblau, wie der Himmel an einem wolkenlosen Winternachmittag. Auch seine Frisur erfuhr eine rasche Überprüfung, bevor er eiligen Schrittes in einen der Flure verschwand. Das Mädchen hatte er dabei gar nicht bemerkt. Sein Blick war nicht für den Bruchteil einer Sekunde von seiner Richtung abgewichen.
Vorsichtshalber blieb Sophie dennoch hinter der Biegung stehen, wartete, bis die Schritte des Mannes endlich verhallten, und wagte sich dann erst hervor.
Mit weit nach oben geregtem Haupt blieb sie vor den silbrigen Türen stehen und beäugte misstrauisch die großen leuchtenden Zahlen über dem Rahmen. Eine große 1 stand da. Gleich daneben noch eine, gefolgt von einer Sieben. Ihr Herzschlag wurde wieder langsamer. Der Fahrstuhl war bereits viele Stockwerke tiefer. Beruhigt begann sie wieder zu trällern und spielte weiter. Vor dem Fahrstuhl gefiel es ihr am besten, denn hier hatte sie am meisten Platz. Ein großer Bereich, aus dem drei Gänge führten. Ohne ihrer Umgebung noch weiter Beachtung zu schenken, lief sie in großen Kreisen durch die Halle. Ihr Summen und ihre Schritte hallten wieder und verdrängten jedes andere Geräusch.
Die Gefahr vergessend, bemerkte sie zu spät, dass sich die Kabine sich abermals näherte. Erst das Läuten ließ sie verharren. Erschreckt blickte sie sich um. Jegliche rettende Ecke unerreichbar weit weg. Schon öffnete sich die Tür. Sophie stand immer noch so da, wie sie nach ihrem letzten Sprung das Gleichgewicht wieder gewonnen hatte. Mit nach hinten gerissenen Armen und nach vorne gebeugtem Oberkörper. Ein leicht grauhaariger Mann, etwas hager – wie die meisten in diesem Gebäude – trat hervor und verengte leicht die Augenbrauen, während er das Mädchen prüfend ansah. Dieses lächelte ihm frech entgegen und schlich sich an ihm vorbei, bevor dieser auf die Idee kommen könnte, sie nach ihren Eltern zu fragen. Oft genug schon hatte der Hausmeister sie zu ihrem Vater zurückgeschleppt. Der Mann drehte sich um, wollte etwas sagen, doch die Fahrstuhltür schloss sich bereits. Als hätten seine Gedanken den Faden verloren, schüttelte er den Kopf und ging weiter.
Sophie lehnte am hinteren Spiegel und sah nach oben in die hellen Leuchten. Erleichtert atmete sie aus. Der Förderkorb setzte sich in Bewegung. Das vertraute Gefühl des Fallens ergriff sie. Leise begann sie wieder zu kichern. In der Aufregung hatte sie nicht einmal bemerkt, auf die Taste sie gedrückt hatte und war enttäuscht als sich bald schon die Türen öffnete. 4 konnte sie dort lesen, gefolgt von einer 2. Das ging besser dachte sie und hupfte aufgeregt, um an den obersten der Knöpfe zu reichen. Gleich darauf zogen die dicken Seile sie wieder nach oben. Vergnügt ließ sie sich hinfallen und legte sich auf den Rücken. Es gab eh nur eine Art wie man Fahrstuhl fahren konnte – nämlich liegend. Jetzt spürte sie die ganze Kraft, fühlte, wie sie sich der Erde entfernte, fühlte gar das leichte Vibrieren des Bodens. Das war besser als die Wippe im Kindergarten.
Kaum hatte der Druck auf ihren Rücken nachgelassen, erkannte sie vor sich auch schon wieder die Empfangshalle des Geschosses, in dem ihr Vater arbeitete. Doch sie dachte nicht einmal daran auszusteigen. Eilig sprang sie auf und gab den Befehl ins Erdgeschoss zu fahren. Mit aufleuchtender Taste bestätigte die Kabine die Reise und ließ Sophie erneut fallen. Diesmal sprang sie gar und lachte jedes Mal auf, wenn sie die Platte von Neuem berührte. Sophie konnte ehrlich nicht verstehen, was die anderen in ihrer Klasse nur an der Schaukel fanden. Dieses Spielzeug war ihr viel lieber.
Kaum wollte das Programm die Pforte öffnen als Sophie ihre Meinung auch schon wieder revidierte und sich auf den Weg zu dem obersten Stock machte. Lange ging das nie gut, aber solange keiner sie davon abhielt, würde sie dies wiederholen. Ganze Morgende hatte sie so verbracht – meistens unterbrochen von dem schief lächelnden Haumeister, der es nie fertigbrachte, streng zu werden.
Auf einmal stand unten ein Mann, als der Fahrstuhl sie zum wiederholten Male entlassen wollte. Sie beäugte ihn skeptisch, befand dann, dass sie ihn nicht kannte, lächelte in frech an und stieg aus. Das musste sie so machen, anders würde der Hausmeister wieder einen Anruf bekommen. Mit der Zeit hatte sie herausgefunden, wie sie am längsten spielen konnte.
So also stand sie nun draußen, im Erdgeschoss und wartete etwas ungeduldig darauf, dass der Fahrstuhl erneut leer ihr die Türen öffnete. Stehend verging die Zeit viel zu langsam. Unbewusst begann sie zu wippen. Bis sie einen Schatten hinter sich wusste und gelähmt innehielt. Bedächtig schielte sie zur Seite und glaubte sich ertappt. Doch auch dieser Mann war ihr fremd. Ein wenig von seiner Erscheinung fasziniert begutachtete sie ihn von unten bis oben. Ein stattlicher, eher auffällig fülliger Mann in dunklem Kostüm und roter Krawatte stand neben ihr. Trotz seiner überschüssigen Kilos besaß sein Gesicht einiges an Schärfe und selbst Strenge im Übermaß. Sein Blick durchbohrte sie, während er auf sie herab sah und ihr Benehmen wortlos missbilligte.
Sophie musste schlucken und sah beschämt zur Erde. Am liebsten hätte sie sich in Luft aufgelöst. Der Mann war ihr unheimlich und flößte ihr gar Angst ein. Sie verkrampfte all ihr Muskel und verbot sich jede Bewegung. Sie wagte nicht einmal mehr, ihn anzusehen. Angespannt horchte sie auf jedes noch so leise Geräusch.
Dann endlich war es da, das Läutern auf das sie gewartet hatte. Sie war ihn los! Innerlich jubelte sie, riskierte aber immer noch keine Regung oder gar einen Ton anzudeuten. Der Mann tat zwei Schritte noch vorn. Bange Sekunden. Er blieb stehen. Mit schlimmer Vorahnung sah Sophie zu ihm auf. Seine Augen verengt, verzogen sich seine Brauen zusehens. Bald würde er fragen. Warum sie nicht einsteige? Was sie eigentlich hier machte? Das durfte nicht geschehen. Schon gar nicht bei diesem Unmenschen. Abermals schluckte sie und drängte sich an ihm vorbei in die nun eng erscheinende Kabine. Mit einem dominanten Lächeln im Gesicht trat der Mann hinterher und drückte bestimmend auf einen der Knöpfte. Sophie dachte nicht einmal daran, sich auch nur in die Nähe der Knöpfe zu wagen.
Noch nie hatte Sophie das Schließen der metallenen Türen so bedrohlich empfunden. In einer Ecke stehend, hielt sie den Spiegel im Auge und betrachtete voller Unmut den Mann in seiner dunklen Erscheinung. Breite Schultern strammten seinen Anzug. Der Käfig zog die Beiden auch schon aufwärts. Ob der Spiegel das Bild verzerrte? Sie spürte, wie ihre Angst wich. Der Fremde stand dicht vor der Tür. Den Blick gesenkt betrachtete dieser wohl seine Füße. Seine Hand fast zur Faust geballt, rieb er sich die Finger aneinander.
Sophie musste kichern, irgendwie taten das alle, wenn sie im Fahrstuhl waren. Erschrocken von ihrem Übermut schlug sie sich die Hände auf dem Mund zusammen und versuchte das Geräusch ungeschehen zu machen. Sie hielt den Atem an. Ihr Herz schlug ungewöhnlich heftig. Doch der Mann regte sich nicht. War er taub? Neugier verdrängte ihre Angst. Bedächtig schlich sie sich nach vorne. Ihre Schritte konnten nicht unbemerkt bleiben. Doch der Mann hob lediglich den Kopf und starrte auf die erleuchtete Anzeige über ihm. Seine Lippen bewegten sich stumm, als würde er zählen.
Ganz weit vorne stand der Dicke. Doch Sophie wollte ihm ins Gesicht sehen. Dabei wagte sie zu viel. Mit ihrer Schulter streifte sie sein Bein. Die Hand des Mannes zuckte kurz. Sein Blick senkte sich leicht und blieb kurz an der metallenen Tür haften. Steif rieb er sich mit seiner zusammengezogenen Hand, dort wo er berührt worden war. Etwas verloren wandte er seinen Kopf zur anderen Seite und erblickte sein Gesicht im Spiegel. Irritiert stellte er fest, dass er nicht allein war, und betrachtete ruckartig den Boden unter ihm. Aber dort stand nun Sophie mit breit grinsendem Gesicht. Verlegen, wegen der sich anbahnenden Vertrautheit flüchtete sein Blick in die für das Mädchen unerreichbare Höhe. Enttäuscht schlängelte sich das Mädchen wieder nach hinten in die Kabine und betrachtete hoffnungsvoll die Knöpfe, die sie bald wieder zu betätigen gedachte. An rasante Fahrten dachte sie, während der Fahrstuhl abrupt stehen blieb und sich die Flügel öffneten. Eilends hob der Mann seinen schwarzen Schuh hinaus. Zupfte kurz an seiner Krawatte rum und verzog sich in einen der Flure. Der Fahrstuhl war Sophies Reich und nun hatte sie ihn wieder für sich ganz allein.

Nichts als Arbeit

Er stand vor dem Fenster und sah raus. Hinter ihm loderte hell und gierig das Feuer im Kamin. Gute alte Buche war in einer Nische in der Wand aufgestapelt. Eineinhalb Meter hoch, ein Meter breit bis obenhin gefüllt. Ebenso der Kamin, doch die Flammen waren gewillt das Holz zu verzehren.
Davon bekam der Mann nichts mit. Seine Aufmerksamkeit galt dem Ende des Winters. Er mochte die Zeit nicht in der er zur Tatenlosigkeit verdammt war. Er mochte die Kälte nicht, dann schmerzte immer sein Knie.
Wenigstens war der Schnee am Schmelzen. Nur oben am Hügel vor dem Wald wollte der weiße Teppich nicht weichen. Der Rest der Felder war matschig, durchweicht und schmierig. Es würde noch Tage dauern, bis er sich raus wagen könnte. Das Alter hatte seine Beine geschwächt. Es strengte ihn an, so dazu stehen und so stützte er sich gegen die Couch. Seine sehnigen Finger krallten sich in die Polsterung.
Viele Stunden verbrachte er mit Warten. Er harrte den Winter über aus und lauerte auf die Zeit, wenn er nach draußen konnte.
Der Frühling kam dieses Jahr nur langsam und der Mann ging viele Male hoch zu seinem Obsthain bevor er sah, dass die Blätter der meisten Bäume sprossen. Zwei waren dem Winter zum Opfer gefallen. Oder dem Alter. Der Mann blickte finster drein, dann sprach er zu sich:
„Der Winter ist diesmal richtig hart gewesen. Vielleicht erholen die sich wieder.“
Auch an den anderen Bäumen war die Zeit nicht spurlos vorbei gegangen. Der alte Mann bemühte sich abgestorbene und von Krankheiten befallene Äste abzusägen. Doch mehr als ein paar schaffte er nicht an einem Tag. Die Dicken vermochte er ohnehin nicht mehr zu sägen. Deshalb hatten die letzten Stürme sich derer angenommen. Eigentlich hätte er im vergangenen Herbst diese Arbeit machen müssen, jedoch hatte ihn da eine schwere Krankheit ans Bett gefesselt.
Die Blütenpracht entschädigte ihn als der Frühling gänzlich eingetroffen war und die Nachmittagssonne seine Spaziergänge begleitete. Oben am Hain blieb er oft und lange stehen und blickte hinunter ins Dorf. Er schwelgte ihn Gedanken. Er erinnerte sich an früher, wie das Dorf damals war, nicht so hektisch. Damals war noch gearbeitet worden. Er ein junger Mann, strotzend vor Kraft.
Allmählich kam der Sommer und bald darauf das nächste Ärgernis. Die Früchte reiften heran und er war nicht mehr allein im Hain. Herrscharen an Vögel kamen aus allen Richtungen und machten sich über das Obst her. Er wollte Netze spannen, doch das schaffte er längst nicht mehr. Er zog einen Holzklotz unter einem Baum hervor und nahm darauf Platz.
Morgens kam er früh rauf, abends ging er erst spät ins Tal. Seine Schrotflinte lag glänzend auf seinem Schoß. Die im Dorf wunderten sich nicht, wenn ein Schuss zu hören war. Dieser Klang gehörte für sie zum Sommer dazu. Selten hatte ein Vogel das Pesch getroffen zu werden. Erschrocken flogen sie aus den Bäumen hervor und ließen sich anderenorts nieder. Lange währte der Frieden aber nicht. Nicht immer schoss der alte Mann, manchmal gab er sich damit zufrieden sich zu ärgern und die Vögel zu verfluchen.
Nur wenn sich einige Kinden sich den Spaß erlaubten, sich heran zu schleichen, um von den Kirschen zu naschen, sprang er auf und ließ sich ab und an mal dazu verleiten, ihnen einige Schritte hinter her zu laufen und zu brüllen. Oft kam das aber nicht vor.
Endlich war es so weit. Das Obst gänzlich reif, genoss er dessen Süße und pflückte sich jeden Tag einen kleinen Eimer. Seine Frau fror die Kirschen für schlechte Tage ein, backte Kuchen, kochte Marmelade. Viele Kilos schleppte er nach Hause.
Doch egal wie viel er davon trug, den Bäumen war es nicht anzumerken. Ihre Äste bogen sich unter der Last ätzend weit nach unten. Einige brachen ab.
Es tat ihm weh das mit anzusehen. Die Früchte faulten am Baum oder fielen herab. Keinen schien es zu interessieren. Er blickte runter ins Dorf. Alle faul. Wie konnte man nur all das Obst verschmähen. Er verstand die Welt nicht mehr und er war wütend. Er fühlte sich ohnmächtig in dieser verderblichen Welt. Alles sichte vor sich hin. Die Sonne stand hoch über ihm und kochte den Saft. Es gährte während das Surren der Hornissen die Luft erfüllte.

Kinderschrei

11:55, notierte die Krankenschwester auf ihrem Blog. Ein Schrei und schon ging das Rennen los. Im Kreißsaal war der Start erfolgt und sein Leben versprach reich an Jahren zu werden. Ein ganzes Jahrhundert, wenn das Glück ihm hold sein würde. Doch davon wusste es nun noch nichts.
Erst einmal Schreien war angesagt, während andere bereits die Weichen setzten, für ein erfülltes und frohes Leben. Wobei, voll und erfolgreich würde es besser treffen.
Aber genug davon. In drei Jahren musste es sich bereits gegen Altersgenossen behaupten. Ausbildung ist wichtig – Existenzbedingung. So sahen es die Werte der Menschen. Blind beachteten diese nur die Besten und waren dann noch auf diese neidisch. Andere gab es dann nicht. Der Zweitbeste, wie das schon klang. Irgend so einer aus der Provinz, dessen Arbeit man nicht schätzen musste, und dass er ein Mensch war, was zählte das schon. Man musste sich beweisen, behaupten, Werte erreichen. Und die Latte war hoch, schließlich war der Zweitbeste erster der Verlierer.
Hart war es schon, aber was sollte man tun: Wer glücklich sein will, muss Geld haben. Glück kauft man. Im Supermarkt der Kilopreis: unbezahlbar. Deshalb auch wollten die Menschen immer mehr. Millionen, sie reichten nicht. Nur wenige Gramm vergänglicher Zufriedenheit gab es dafür. Vielleicht noch Lob, da man zu den Besten gehörte und tonnenweise Neid, Wut und böses Blut. Nur weil man die Werte der Menschen erreicht hatte, und diese so sein wollten, wie man war. Nur, sie waren es nicht.
Wie gut, dass der Balge noch nichts von diesen Gesellschaftswerten wusste. Aber bald schon würden sie fragen, die Nachbarn, die Bekannten. Und wie macht es sich? Lernt es auch gut?
Die mitleidigen Blicke, wenn es den Werten fern blieb, diesen menschgemachten, dem Maß aller Dinge. Dem einzigen Weg zum Glück. Nur, wenn das stimmte, warum hat man noch nie einen Menschen gesehen, der so glücklich ist, dass er zufrieden ist? Gab es derer nicht? Oder sah man sie nicht? Weil sie nicht nach Werten strebten? Weil sie nicht reich waren und nicht so viel Lärm machten? Nicht goldbehangen prahlten? Nein, das konnte nicht sein. Wo sollten sie ihr Glück denn finden, wenn nicht im Supermarkt? Etwa in sich selbst, wie einige Exzentriker manchmal behaupteten? Aber warum dann diese Werte?
Gut, dass keiner dem Kind solche Flausen in den Kopf setzte. Es würde seinen Weg schon gehen. Es war doch noch so jung. Vielleicht würde es die Latte gar schaffen und am Ende dann ins Geschäft gehen, als junger Mensch vielleicht schon. Freundlich, wohlerzogen: Ein Kilo Glück, bitte.
Und sollte es nicht schnell genug sein, nun, es hatte schließlich hundert Jahre zum laufen. Und allein musste es auch nicht rennen. So viele gab es, die es überholen wollten. Die einen beschämt, weil es zu langsam war, die anderen neidisch, weil sie nicht hinter her kamen.
Immer noch schrie das neugeborene Kind, während die Krankenschwester es hinaus trug, recht hatte es. Und vielleicht – wenn es Glück hatte – würde es in hundert Jahren sagen können, dass es wenigstens einen Tag wirklich gelebt hat.

Sophies Referat

Sophies Handy vibrierte auf dem Nachhauseweg. Anna wollte wissen, wann sie sich treffen könnten. Was das bringen sollte wusste Sophie nicht. Schließlich hatten beide keine Ahnung, wie sie das angehen sollten. Genervt steckte sie ihr Handy weg, ohne zu antworten. Das konnte auch warten. Schließlich hatten sie jetzt erst einmal Ferien. Sie war immer noch wütend, dass ihr Geografielehrer ihnen dieses Referat in der letzten Stunde aufgebrummt hatte, um ihnen die Ferien zu vermiesen. Typisch Lehrer, als würden sie nicht wissen, dass Ferien auch Ferien sein sollten.
Sie kam rein und ging gleich in ihr Zimmer und verstaute sorgsam ihre Schultasche unter dem Schreibtisch, bevor sie in die Küche ging.
„Na mein Schatz“ Ihre Mutter war gut gelaunt und kochte Sophies Leibgericht.
Das munterte sie ein wenig auf. Mit einem hörbaren Seufzen ließ sie sich auf der Eckbank am Küchentisch nieder.
Ihre Mutter lächelte ihr zu und nickte in Richtung Schlafzimmer. Sophie schüttelte den Kopf und machte ihrem Frust Luft.
„Nicht, dass ich aus Versehen an Schule denken muss“, meinte Sophie und lachte gespielt gequält. Normalerweise landete ihr Rücksack unweit der Haustür in einem Eck, wenn sie aus der Schule kam.
„Hast ja jetzt auch Ferien“, besänftigte ihre Mutter Sophie.
„Sag das mal meinem Lehrer!“, antwortete sie und ließ ihren Ärger mit einem „mhh lecker“ verfliegen, als ihre Mutter zwei Teller Spaghetti auftischte und sich neben sie setzte.
Mit vollem Mund fragte sie ihre Mutter aus, was sie alles im Urlaub machen konnten.
Morgen früh war Abfahrt. Sie hatte aber noch Einiges zu packen. Dabei galt es zwei Probleme gleichzeitig zu lösen – Auswahl treffen und alles in den Koffer bekommen. Wer auch immer dieses Universum erschaffen hatte, dachte Sophie, hätte für dieses Dilemma eine Lösung vorsehen sollen.
Gegen sieben kämpfte sie sich mit ihrem Koffer die Treppe runter. Die letzten fünf Stufen ging es schneller als beabsichtigt und sie war erleichtert, als der Koffer nicht aufsprang, als dieser unten landete. Es hatte einiges an Gewalt gekostet ihn zu schließen.
„Das klingt gefährlich“, lachte ihr Vater aus dem Wohnzimmer. „Lebst du noch?“
Sophie rollte den Koffer in den Flur, bevor sie zu ihm ging und sich der Länge nach auf die Couch legte. Sie gab ein erschöpftes Seufzen von sich, während ihr Vater im Sessel daneben ihr liebevoll den Rücken kraulte und gleichzeitig fernsah.
„Man hat es schon schwer“, stichelte ihr Vater.
Brummend gab sie ihm recht.
Eine Weile sprach niemand. Ihr Vater schaute die Nachrichten, während Sophie eigenen Gedanken nachging. Für die Probleme der Welt hatte sie wenig übrig. Die Meisten davon waren ohnehin menschgemacht und Sophie hatte noch nie verstehen können, wieso die Menschen so selten dämlich sein konnten.
Ohne besonderes Interesse an dem, was sie sah, blickte sie dennoch in Richtung der flimmernden Bilder. Sie sah Bilder von Krieg und Zerstörung, Politiker die andere beschimpften böse zu sein und Opfer, die nicht verstanden, was vor sich ging – Bilder, wie man sie jeden Tag sah. Eben nichts was wirklich neu war.
Plötzlich kam ihr ein Gedanke, als sie einen dicken Mann sprechen sah, der den Eindruck erweckte wichtig zu sein.
„Papa?“ Vielleicht konnte er ihr helfen, schließlich kannte er sich mit vielen Dingen aus, die ihr nicht wirklich sinnvoll erschienen.
„Mein Kind?“ Ihn interessierten die Nachrichten heute auch nicht, sonst hätte er den Kopf geschüttelt.
„Was ist Ökodumping?“
Ihr Vater war verwirrt. Er blickte sie verwundert an und wandte sich dann einige Augenblicke dem Fernseher zu, als könnte er sich daran erinnern, worauf Sophie ihre Frage bezog. Ihm fiel aber kein Beitrag ein, der damit zu tun hatte.
„Wieso? Was soll damit sein?“
„Ach, Anna und ich sollen ein Referat darüber halten.“
Ihr Vater sah sie überrascht an.
Sie zuckte mit der Schulter.
„Ich glaube meinem Lehrer war langweilig.“
Er lachte amüsiert aber leise, um Sophie nicht zu kränken.
Er überlegte eine Weile. „Das ist eigentlich einfach.“ Er suchte nach einem Beispiel, mit dem er es erklären konnte.
„Aber das ist ein sehr ernstes Problem.“ Er machte den Ton vom Fernseher aus. Es machte ihm Freude, wenn seine kleine Prinzessin sich für solche Dinge interessierte. Früher hatte sie ihn immer mit Fragen gelöchert, doch in letzter Zeit hatte das nachgelassen.
Umso mehr gab er sich nun Mühe, es ihr verständlich zu machen.
„Du weißt, was Dumpingpreise sind?“
„Das ist, wenn etwas ganz billig ist oder?!“
„Genau. Das ist, wenn ein Händler versucht den anderen im Preis zu unterbieten, damit er die Produkte verkauft und nicht der Andere.“
„Aber dann kann der ja auch den Preis senken?“
„Genau und schon sind wir in einem Teufelskreislauf, wenn einer unbedingt viel verkaufen möchte. Er senkt den Preis, der andere zieht nach, dann senkt der eine wieder den Preis.“
„Aber das ist doch gut, dann bekommen wir die Sachen billig.“
„Ja, aber das ist nicht immer gut. Wir bekommen nämlich auch billige Sachen.“
„Sag ich ja und das ist doch gut.“
„Wie weit wird der Preis denn sinken?“
„Soweit wie es geht“, lachte Sophie und freute sich, während sie sich das gute Geschäft vorstellte, das sie machte, wenn sie ein Schnäppchen fand.
„Nun, erst einmal soweit bis einer nicht billiger produzieren kann. Das stimmt.“ Er sah seine Tochter nickend an. Dann wartete er, bis ihr Lachen nicht mehr ganz so heiter war und sie bereit war, darüber nachzudenken.
„Dann steht der eine mit dem höheren Preis vor einem Problem“, fuhr ihr Vater fort.
Sophie überlegte und versuchte zu verstehen, warum ihr Vater das nicht lustig fand. Sie versuchte sich in die Lage des Verkäufers zu versetzen.
„Er verkauft dann nichts und geht pleite“, meinte Sophie und zog die Stirn kraus.
„Oder?“ Ihr Vater ermutigte sie, den Gedanken zu Ende zu führen.
„Oder er versucht auch billiger zu produzieren.“
„Und wie soll das gehen?“
Sophie zuckte mit der Schulter und sah ihren Vater an.
Doch dieser wollte, dass seine Tochter es selbst aussprach. In ihrem Unterbewusstsein wusste sie es längst.
„Er wird billigere Materialien nehmen.“
Ihr Vater nicht zustimmend.
„Schlechtere Qualität?!“ Sophie sprach es leicht gequält aus.
„Und der Andere dann?“
„Der auch?“
„Giftige Stoffe?“, fragte ihr Vater.
„Nein!“, antwortete Sophie, ohne zu zögern, und war entrüstet. „Das darf er nicht, dafür gibt es Gesetze.“
„Darf er denn die Umwelt verschmutzen, wenn er dadurch billiger produzieren kann?“, fragte ihr Vater weiter.
„Nein, auch dafür gibt es Gesetze!“ Sophie fragte sich, wie ihr Vater nur auf so merkwürdige Ideen kam.
„Gibt es die?“
„Natürlich! Das muss so sein.“ Sie richtete ihren Oberkörper auf und blickte ihren Vater finster an.
„Viele Dinge müssen so sein. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass sie so sind.“ Ihr Vater sprach beschwichtigend und fuhr ihr liebevoll über den Rücken.
„Ja, aber“ Sophie regte sich auf.
„Eigentlich hast du jetzt schon verstanden, was Ökodumping ist.“
Sophie antwortete nicht und zog ihren Mund kraus.
„Einzelne Firmen können nicht alles frei entscheiden, was sie wollen. Sie können sich an Gesetze halten oder die Anforderung sogar übertreffen, wenn sie es sich leisten können und Kunden ihre Produkte auch kaufen, wenn sie teurer sind. Wenn sie aber gegen Gesetze verstoßen um ihre Kosten zu drücken, dann müssen sie mit Strafen rechnen.
Einige Länder haben sich aber dazu entschlossen keine oder zu wenige Gesetze einzuführen, die die Umwelt schützen. Das gibt den inländischen Unternehmen den Vorteil kostengünstiger zu produzieren und sich dadurch international mit ihren Produkten aufgrund der geringeren Preise durchsetzen zu können.“
„Aber warum machen die das? Das zerstört doch die Umwelt!“ Sophie wollte das nicht verstehen.
„Das machen auch nur Entwicklungsländer, denen die Zukunft weit weniger wichtig ist. Sie wollen jetzt Geld verdienen. Dass Menschen deswegen vergiftet werden, ist denen egal – Geld regiert die Welt, das musst du dir merken.“
Er strich ihr weiter über den Rücken, als könnte das die Wahrheit angenehmer erscheinen lassen.
„Aber das ist ja asozial! Scheiß Geld!“
„Das wird sich legen. Lass die Länder sich erst einmal entwickeln, dann werden sie auch sie fortschrittlich denken wie wir.“
Er lächelte ihr aufmunternd zu.
„Ökodumping ist ein Preiskampf, der auf Kosten der Natur durchgeführt wird.“ Er wollte seine Antwort abschließen. „Wenn du magst, dann helfe ich euch, wenn du und“ er machte eine unbeholfene Bewegung mit der Hand.
„Anna“, vervollständigte Sophie.
„… und Anna am Referat arbeitet. Dumping kann eigentlich auf Kosten von vielen Dingen betrieben werden. Auf Kosten der Umwelt, der Gesundheit oder von Menschenrechten. Aber genau so kann es auf Kosten zukünftiger Generationen geschehen, wenn deren Potenziale zerstört werden.“
Sophie blickte finster drein und schaute dem Fernsehsprecher zu, wie er als Stummfilm das Wetter präsentierte – heiter bis bewölkt.
„Hab ich dir weiter geholfen?“
„Irgendwie schon“, brummte sie und sah in Gedanken Giftfässer im Wasser schwimmen.
Ihr Vater fuhr ihr über den Kopf und zerzauste ihr Haar, dann stand er auf.
„So jetzt muss ich aber. Ich will noch schnell tanken fahren. Morgen geht es ab in den Urlaub.“
„Wir können ja auch unterwegs tanken“, meinte Sophie leicht abwesend.
„Ich bin doch nicht dumm und tanke in Deutschland“, lachte er vergnügt. „Außerdem brauch ich noch eine Stange Zigaretten. Ein Glück sind die nicht auch noch teurer geworden.“