Die Glaswand

„Samstag“, stand es groß und schwarz auf dem Kalender. Der Monat verriet teilnahmslos den Beginn des Frühlings, welcher sich noch hinter einer gräulich leuchtenden Wolkendecke versteckte.

Der Morgen war eben erst angebrochen, und begann wie die Tage davor, die Wochen, die Monate. Die Zahlen auf dem Kalender wechselten, ebenso wie die Akten auf dem Schreibtisch. Leblos lagen sie da, und zerrten den Mann an den Schreibtisch. Sie übten eine große Macht auf ihn aus und wirkten dennoch unschuldig.

Der Schreibtisch war bis ins kleinste Detail aufgeräumt. Die Lampe darauf glühte nicht, einzig das große Fenster spendete ein kaltes fahles Licht. Dennoch saß ein Mann davor, sinnend, und starrte auf die dicke Holzplatte. Er war noch müde und rieb sich das Gesicht, als könnte er seine Müdigkeit damit vertreiben. Doch sein Blick blieb kraftlos. Hilflos suchend, blickte er sich um. Er wusste nicht, wonach er suchte. Kurz blieb sein Blick an einem Foto haften. In seinem Kopf hörte er Vorwürfe, und wandte sich ab.

Es war Wochenende, doch das kannte er nicht. Er wollte arbeiten. Es galt die Akten zu wälzen, die für die nächste Woche fertig sein mussten. Aber er bewegte sich nicht. Er fand den Anfang nicht. Sein Erscheinen war makellos, sein Rücken gerade. So saß er da und sah aus, als würde er jeden Augenblick loslegen. Doch die digitale Uhr zerstückelte die Zeit in Zahlen, ohne dass sich etwas änderte. Widersprüchliche Gedanken hielten ihn in dieser Starre gefangen.

Die Wände waren an sich weiß, aber im matten Licht wirkten sie grau und kalt. Die weichen Ledersessel standen leicht verloren im großen Zimmer umher, und versuchten vergebens, den Eindruck von Luxus zu verteidigen. Doch die Welt bekam Risse. Die Illusionen verblassten mit der Zeit. Er hatte hart für all das gearbeitet. Viele hatte er damit beeindrucken können, gar sich selbst, doch nun erdrückte es ihn mit seinem kalten Glanz. Er hörte seine Frau nach ihm rufen. „Gleich, ich muss nur noch kurz“, hörte er sich antworten und rieb sich mit beiden Händen das Gesicht. Nur kurz, doch daraus waren Jahren geworden. Nun war er allein, weil sie nicht gewartet hatte.

Der Mann hatte seinen Kopf in seine Hände sinken lassen und hielt sich mit ihnen die Ohren zu, als wollte er die Schreie ersticken, welche nur er hören konnte. Sie schrien nach ihm, als wollten sie ihm etwas sagen. Doch er wusste, was diese Stimmen sagen wollten, und er wollte es nicht hören. Was wussten die schon – diese rastlosen Stimmen, die ihn auch in seinen Träumen verfolgten.

Sie wollten ihn bremsen. Voller Neid waren sie wegen seinem Erfolg. Kein Wunder, dass sie so verzweifelt schrien.

Das fahle Licht, das von den Wänden zurück geworfen wurde, ließ ihn alt erscheinen. Sein Rücken war dem Fenster zugewandt, und so konnte er nur in den endlosen Raum hineinstarren. Doch den sah er längst nicht mehr. So viel hatte er erreichen wollen, so viel hatte er erreicht, und doch war ihm alles verloren gegangen. Alles was ihm geblieben war, war grau und kalt. Die Akten waren ihm treu geblieben und verlangten nun, dass er sich ihrer annahm.

Dach dann stand er auf. Langsam, als wäre er ein alter Mann. Sein Gesicht verzerrte sich zu einem tonlosen Gähnen, während er seine Arme auseinanderriss, als versuche er, aus seinem Körper auszubrechen.

Er drehte sich um und stand gleich vor dem Fenster, welches bis an die weit entfernte Decke reichte. Viele Meter lang war dieses, und ersetzte eine ganze Wand.

Die Wolkendecke war stark durchflutet von Licht, und ließ den Himmel weiß erscheinen. Der Blick des jungen Mannes glitt langsam von einer Seite zur anderen. Die Bewegung war gleichmäßig, und er selbst unberührt von dem, was er sah. Geblendet von der gleichmäßigen Flut weißen Lichts, stand er da, leblos, wie der Raum hinter ihm. Nur die Uhr wechselte ihr Gesicht und verriet, dass die Zeit nicht stehen geblieben war. Draußen umrahmte eine Hecke die weite Wiese, in der einige Bäume standen. Endlich schien der Mann etwas zu bemerken. Ihm fiel auf, wie der Wind in den Ästen spielte.

Er hielt den Atem an, horchte, doch das Rascheln der tänzelnden Blätter fehlte. Er strengte sich an, doch er fühlte nichts. Es war ihm alles fremd, und so fern. Er versuchte sich zu erinnern, doch es blieb ihm verborgen. Die Welt da draußen, er hörte sie nicht, er fühlte sie nicht.

Nah am Fenster wackelte ein Ast. Ein Vogel, eben gelandet, trällerte sein Lied. Doch nur der Schnabel bewegte sich. Das Fenster schluckte jedes Geräusch. Stummfilm, sein Leben, es war draußen, ausgeschlossen. So fern und unerreichbar wie jedes Gefühl.

Wieder bewegte sich etwas. Ein Junge tanzte lachend auf dem Rasen. Wochenende, sein Sohn wusste das, und spielte mit dem Drachen. Ein Geschenk aus einer lange vergangenen Zeit.

Hoch flog er, lebhaft spielten sie. Der Drache, sein Sohn und der Wind. So wie er es getan hatte – früher – in einer anderen Welt. In einer, in der er den Wind noch gespürt hatte.

Es war nur mehr eine Erinnerung. Alleine stand er da, und starrte hinaus. Sinnend drehte er sich um, sah den Schreibtisch. Das Gesicht der Uhr schrie ihn an. Eine andere Stimme war es. Mächtig, beide kämpften, wie Teufel und Engel auf seiner Schulter. Wie hatte er das zulassen können? Warum waren ihm die Zeichen verborgen geblieben? Er hörte die Stimme seiner Frau nach ihm rufen. Anschreien tat sie ihn.

Doch nun war es zu spät. Sie und sein Sohn lebten ihr eigenes Leben. Sein Kopf sank gegen die Glasscheibe. Seine flache Hand legte er gleich daneben und es sah aus, als wollte diese durch die Scheibe hindurch greifen. Doch er war zu schwach. Wütend verzog sich seine Hand zu einer Faust und pochte zweimal gegen das Glas. Resignierend glitt sie nach unten, und er stieß sich ab. Dann zog er seinen Stuhl hervor und setzte sich. Wahllos nahm er eine Akte in seine Hand. Welche, war bedeutungslos.

Die Diebin im Klostergarten

Ein Ast knackte unter ihrem Fuß, als sie darauf trat. Erschrocken blieb Asylma stehen und duckte sich instinktiv. Besorgt blickte sie sich um, doch keiner schien sie bemerkt zu haben. Zufrieden strich sie sich über den Bauch und prüfte ob keine Äpfel aus dem Tuch fallen konnten, das sie sich unter ihrer Jacke um den Hals gebunden hatte. Es war zwar zu mild für eine Jacke, aber diese würde ihr helfen, wenn sie hinter der Klostermauer gesehen würde. Hier im Klostergarten half sie ihr natürlich nichts, denn sie hatte hier nichts verloren. Deshalb war sie auch froh, dass keiner sie gehört hatte. Doch nun musste sie sich beeilen, denn die Stadtwachen würden bald patrouillieren. Sie gab Acht, nicht noch einmal auf etwas zu treten, das sie verraten konnte. Der Garten war nicht mehr so gepflegt, seid Franziskus, einer der älteren Mönche im Frühling einer Grippe erlegen war. Sie hatte ihn gut gekannt, denn sie war einige Male von ihm erwischt worden. Jedes Mal hatte sie ihm drei Nachmittage im Garten helfen müssen, als Buße, wie er zu sagen pflegte, und damit sie über ihre Sünden nachdenken konnte.
Beim ersten Mal hatte sie gedacht, es wäre ihr Ende, so sehr hatte er getobt und sie verängstigt. Doch dann hatte sie gemerkt, dass er gar nicht böse sein konnte. Vergangenes Jahr war sie sogar einige Male zu ihm in den Garten geschlichen, um ihm zu helfen. Er konnte so gut Geschichten erzählen. Sie allem stammten aus dem einen Buch, wie er immer wieder sagte. Seid Bruder Franziskus Tod war es aber besser, wenn sie nicht mehr erwischt wurde. Er hatte sie immer in Schutz genommen, und ihre Sünde verschwiegen, wenn jemand sie bei der Arbeit sah.
Sie näherte sich dem alten Nussbaum, blickte sich noch einmal um und kletterte mit geübten Griffen den Stamm hinauf. Vorsichtig balancierte sie sich zur Mauer, die den Klostergarten vor der restlichen Stadt versteckte. Plötzlich hörte sie einen Schrei. Reflexartig ließ sie sich auf den Ast nieder. Der Schrei galt nicht ihr. Es war ein schmerzerfüllter Schrei und er kam jenseits der Mauer her.
Ein Mann stöhnte auf als ein Schlag ihn zu Boden warf. Asylma kroch zur Mauer hin und konnte sehen, wie ein verhüllter Mann nach einer Tasche griff und sie dem am Boden liegenden Mönch entriss. Dieser blieb reglos liegen, während der Dieb in einer Gasse verschwand. Stille kehrte ein. Niemand außer ihr hatte von dem Überfall Notiz genommen. Sie war hin- und hergerissen. Sie musste verschwinden, ansonsten würde es Ärger geben. Von ihrem Vater, den Wachen oder noch schlimmer, wenn einer vom Kloster sie entdeckte. Der Mönch bewegte sich nicht. Aber vielleicht lebte er noch.
Sie riss sich zusammen und fasste einen Entschluss. Sie löste das Tuch mit den Äpfeln und versteckte es unter dem Efeu auf der Mauer. Sie würde es später holen kommen. Sie kletterte hinunter und überprüfte ob nicht doch einer heraneilte. Doch die Gasse blieb wie ausgestorben. In einem Bogen näherte sie sich dem Mönch und kniete sich neben ihn. Er lebte noch, aber sein Atem war schwach. Sie wollte seinen Kopf anheben aber er war ganz warm und feucht.
„Hilfe“, rief sie panisch. Sie erkannte ihn und wusste, dass er schwer verletzt war. Wieder nur Stille. Sie versuchte sich zu beruhigen.
Im Kloster war sicher einer, der helfen konnte. Viele die krank waren gingen dorthin, überlegte sie. Aber das würde Ärger geben, wenn sie so spät dort auftauchte. Doch sie konnte den Mann nicht hier liegen lassen. Sie rief all ihren Mut zusammen und ging zum Seiteneingang des Klosters und klopfte. Mehrmals musste sie es wiederholen und immer fester schlug sie gegen die Tür.
„Scher dich du Bettler, es gibt heute nichts mehr zu essen.“
Asylma hielt nur kurz inne und klopfte erneut. „Ich brauche eure Hilfe!“
„Jetzt gib doch endlich Ruhe!“ Ein stämmiger Mönch öffnete sichtbar verärgert die Tür. Er kniff die Augen zu als er vor sich ins Dunkel blickte und dort keinen sah. Verwundert senkte er den Blick.
„Bruder Johannes ist überfallen worden. Er blutet. Ihr müsst ihm helfen.“
Der Mönch setzte an zu widersprechen, doch er besann sich schnell.
„Wo? Führe mich zu ihm, Kind!“
„Bruder Johannes! Bruder Johannes!“ Er kniete sich hin und betrachtete die Wunde am Kopf. Obwohl es schmerzen müsste, zuckte Bruder Johannes nicht.
„Wird er es schaffen?“, flüsterte Asylma besorgt.
„Ich weiß es nicht. Er ist bewusstlos und er verliert viel Blut. Geh und ruf die Anderen. Ich brauche Verband und heißes Wasser.“
Asylma drehte sich um und stürmte los.
„Beeil dich!“, rief er ihr hinterher, doch sie war bereits im Kloster verschwunden.
Es war ein schmaler Gang, der im Bereich der Tür nicht beleuchtet war. Die Wände wirkten bedrohlich und sie musste sich zusammenreißen, um nicht wieder hinaus zu rennen. In vier Räumen brannte Licht und sie wusste nicht wohin.
„Hilfe!“, rief sie. Doch ihre Stimme hier zu hören, machte ihr noch mehr Angst. Dann sah sie wieder das Blut vor sich und lief in den ersten Raum. Doch er war leer. „Hilfe“, rief sie verunsichert und lief in das zweite Zimmer. Ein Mönch kam ihr bereits im Türrahmen entgegen.
Bevor sie recht ans Halten kam, donnerte ihr eine derbe Ohrfeige entgegen und ließ ihr Hitze in den Kopf steigen.
„Hier wird nicht gelaufen!“, schimpfte der Mönch im Türrahmen.
„Ich brauche eure Hilfe. Ihr müsst mir helfen…“
Eine weitere Ohrfeige brachte sie aus dem Gleichgewicht.
„Bitte, Bruder … Bruder Johannes ist am Verbluten“, sie hatte sich an ihrem Peiniger vorbeigedrückt und wandte sich an einen Anderen.
Der Erste wollte ihr abermals nachstellen, aber der Prior hielt ihn davon ab.
„Beruhig dich und erzähl was passiert ist.“ Er war älter als die Anderen und seine Stimme war befehlsgewohnt.
Asylma nahm tief Luft und erzählte den Vorfall in drei Sätzen.
Der Prior gab Anweisungen und folgte Asylma nach draußen. Ihr Peiniger folgte ihnen unaufgefordert.
„Bruder Simeon, wie geht es ihm?“
„Schlecht Prior Wilhelm, er hat viel Blut verloren und er ist bewusstlos. Es ist ein Wunder, wenn er die Nacht überlebt.“
„Dann sollten wir beten.“
„Habt ihr die Tücher?“, fragte Bruder Simeon.
„Nein, die kommen gleich.“
Bruder Johannes sollte die Bücher bringen“, schaltete sich Bruder Ulrich ein. Dessen Ohrfeigen brannten immer noch auf Asylmas Wangen. „Trägt er sie bei sich?“
„Erst stillen wir die Blutung“, meinte Bruder Simeon und konnte einen belehrenden Ton nicht unterdrücken.
„Die Bücher sind unersetzlich!“
„Darauf dürfte der Dieb es auch abgesehen haben. Geld konnte er keines vermuten.“
„Das freche Gör hat sie sicher gestohlen.“
„Reiß dich zusammen, deine Worte sich erfüllt von Hass. Sie hat mich gerufen. Wenn Bruder Johannes es überlebt, dann hat er es ihr zu verdanken.“
Jemand brachte Tücher und drückte Bruder Ulrich zur Seite, der nicht aufhörte Asylma mit bösen Blicken zu belegen.
„Wir brauchen eine Trage.“
„Hast du gehört, geh eine Trage holen“, blaffte Bruder Ulrich den Ankömmling an.
„Nein, ich brauche dich hier. Mädchen, weißt du wo das Hospiz ist?“
„Ja“, antwortete Asylma zaghaft.
„Dann geh dorthin, sie sollen Steine wärmen und zwei mit einer Trage herschicken.“
Asylma gehorchte ohne zu zögern. Sie hätte längst verschwinden sollen, doch nun war es auch egal.
„Warum sie?“ Bruder Ulrich gefiel das gar nicht.
„Ich will nicht, dass sie hier zusehen muss.“
„Warum ist sie überhaupt noch hier?“
„Weil sie sich um ihn sorgt!“
„Eher ein schlechtes Gewissen, weil sie mit dem Dieb unter einer Decke steckt und nun kalte Füße bekommt.“
Bruder Simeon brummte genervt.

Drei Tage lag Bruder Johannes im Hospiz. Fieber hatte sich seiner angenommen, doch die Wunde am Kopf war bereits am Heilen. Sie war nicht das Problem, hatte Bruder Simeon Asylma erklärt, als sie am Tag nach dem Überfall ins Hospiz gekommen war, um nach Bruder Johannes zu schauen. Auch am dritten Tag kam Asylma vorbei, aber diesmal standen viele Mönche und einige Schwestern um sein Bett. Bruder Johannes war aufgewacht. Asylma drehte sich gleich um, als sie den Andrang bemerkte.
„Nein, bleib Asylma“, rief Bruder Simeon sie zurück.
„Dieses dumme Mädchen hat hier nichts verloren“, ertönte die vertraut unangenehme Stimme.
„Sie hat sich um Bruder Johannes gesorgt. Mehr als Einige von uns.“
„Die Bücher waren von hohem Wert für uns und für die Kirche“, zeigte Ulrich immer noch keine Einsicht und machte deutlich, dass das Thema für ihn nicht abgeschlossen war.
„Also ist es beschlossen?“, fragte Bruder Simeon in die Runde und setzte ein unterbrochenes Gespräch fort.
„Ja, Bruder Simeon“, beendete der Prior die Diskussion. „Dir obliegt die Verantwortung, dass alles Nötige veranlasst wird. Du hast mein Vertrauen und meinen Segen. Wir alle sind froh, dass du lebst Bruder Johannes. Wir werden beten, dass sich alles zum Guten wendet.“
Einige verabschiedeten sich persönlich, andere gingen mit einem Nicken. Rasch löste sich die Traube auf und nur mehr Asylma, Bruder Johannes und Bruder Simeon blieben zurück.
„Bruder Johannes, Asylma ist nun da.“
Dieser öffnete die Augen, auch wenn es ihm sichtlich schwerfiel.
„Komm herüber mein Kind. Er ist noch ganz schwach“, meinte Bruder Simeon in einem sanften Ton.
Bruder Johannes zuckte mit einer Hand bis Asylma sie griff und er die ihre leicht drückte. „Danke Asylma, ich verdanke dir mein Leben.“
„Bruder Simeon hat euch geheilt, ich habe gar nichts gemacht“, erwiderte Asylma verlegen.
Seine Lippen zuckten als wollten sie ein Lächeln formen.
Dann drehte er den Kopf zu Bruder Simeon. „Sie soll die Wachen übernehmen.“
Es war kaum verständlich, aber Bruder Simeon nickte und daraufhin schloss Bruder Johannes müde aber erleichtert die Augen.
Bruder Simeon zog die Decke zurecht und überprüfte ob die Steine noch warm waren. „Komm, lass uns eine paar Schritte gehen Asylma.“
Sie gingen in den Garten des Hospizes. Hier wuchs eine Vielzahl an Kräutern, aber auch viel Gemüse.
„Ihr scheint euch zu kennen“, stellte Bruder Simeon fest. „Seine Bitte hatte er mir bereits vorher anvertraut, als ich ihm von deiner Sorge erzählt habe.“
Asylma nickte, antwortete aber nicht. Er kannte sie, weil er manchmal dabei gesessen hatte, wenn Asylma Bruder Franziskus im Garten geholfen hatte. Er wusste um ihre Sünden.
„Möchtest du seinem Wunsch entsprechen? Ich verstehe, wenn du nein sagst. Außer mir weiß es keiner und wird auch keiner es gewahr werden, wenn du ablehnst.“
„Was ist mit Bruder Johannes?“
„Nun, dass er schlecht sieht, weißt du wahrscheinlich?“
„Ja, auch wenn viele es ihm nicht anmerken.“
„Solange er sich dort befindet, wo er sich auskennt und alles seinen Platz hat. Aber bei einem der Schläge oder beim Sturz hat er sich so verletzt, dass er seine Beine nicht mehr bewegen kann. Er kann nicht mehr aufstehen, vielleicht nie wieder.“
„Das tut mir leid.“
„Das weiß ich. Aber er ist nicht mehr wirklich krank, deshalb verlässt er Morgen das Hospiz und kommt zurück ins Kloster. Aber es soll einer bei ihm sein. Zumindest solange, bis er damit zurechtkommt.“
Asylma biss sich auf die Lippen. Bruder Simeon merkte ihr Unbehagen und nickte ihr zu.
„Ich würde es gerne. Aber ich weiß nicht, ob mein Vater es mir erlauben wird.“
„Du wirst zwei Tagesrationen Essen als Lohn erhalten. Das wird wohl das Problem lösen?“
Asylma senkte beschämt den Kopf und nickte.
„Bruder Johannes hält viel von dir, sonst hätte er diesen Wunsch nicht geäußert, denn viele werden es ihm übelnehmen. Ich aber vertraue ihm und deshalb auch dir. Es ist eine Prüfung, aber ebenso eine Chance für dich.“

Am Folgenden Nachmittag ging Asylma wie besprochen zum Seiteneingang des Klosters. Sie musste nicht lange warten, bis Bruder Simeon sie dort in Empfang nahm. Für Bruder Johannes war im Erdgeschoss ein Zimmer geräumt worden. Dort lag er bereits in einem Bett und starrte gegen die Decke als die Beiden eintraten.
„An das Gefühl dauernd liegen zu bleiben, muss ich mich erst gewöhnen“, seine Stimme war wieder kräftig und auch ansonsten wirkte er erholt. Er war nie einer gewesen, der gerne klagte und so klang auch nun seine Stimme leicht belustigt.
„Andererseits habe ich auch reichlich Zeit, mich daran zu gewöhnen, Bruder Simeon.“ Er brauchte nicht zu sehen, wer hereintrat. Die Meisten erkannte er am Klang der Schritte.
„Wir alle müssen das beste aus dem machen, was uns gegeben ist“, antwortete Bruder Simeon.
So wie die Mönche redete sonst keiner in der Stadt. Asylma mochte es den Mönchen zuzuhören, jedenfalls denen, die nett zu ihr waren.
„Wohl war.“ Er machte eine Pause und drehte seinen Kopf, sodass er die Beiden ansah. „Asylma, mein Kind.“
Zögernd trat sie zu ihm heran.
„Bruder Franziskus bat mich ein Auge auf dich zu werfen, wann immer es mir möglich ist. Nun hast du über mich gewacht. Gottes Wille ist unergründlich, und manchmal hat er seine ganz eigene Art, uns Zeichen zu senden.“
Mit diesen Sprüchen konnte Asylma nichts anfangen. Gott war ihr fremd, und sie wusste nichts von seinen Zeichen, die andere überall zu sehen glaubten.
„Danke Bruder Simeon, dass du mich verstehst. Andere werden es nicht tun.“
„Es ist nicht an uns Gottes Willen infrage zu stellen. Sorge dich nicht.“ Mit diesen Worten verließ er den Raum und schloss die Tür.
„Setz dich mein Kind“, forderte Bruder Johannes Asylma auf.
Sie zögerte verunsichert, sah sich aber nach einem Stuhl um. In der Ecke standen ein kleiner Tisch und davor ein schlichter Holzstuhl. Sie wusste nicht was sie erwartete, aber der Mönch nickte ihr ermutigend zu.
„Möchtest du mir erzählen, was passiert ist?“, fragte er nachdem sie eine Weile saß.
Asylma wurde es unwohl. Sie überlegte, was sie antworten sollte, und wählte ihre Worte mit Bedacht.
Er stellte einige Fragen zum Dieb und erzählte auch was ihm in Erinnerung geblieben war, aber es half nicht eine Beschreibung zu bekommen, mit der sie hoffen konnten, den Dieb ausfindig zu machen.
„Was waren das denn für Bücher? Bruder Ulrich meinte sie wären sehr wertvoll?“
„Ja waren sie, nur noch nicht fertig. Es waren Kopien, die wir für einen reichen Adligen anfertigen sollten. Er hatte gefragt sie vorab zu sehen, um uns eine Teilzahlung zu gewähren. Er hatte hier Geschäfte getätigt und wollte in Naturalien zahlen, damit er sie nicht transportieren braucht.“
„Aber warum habt ihr sie nicht im Kloster gezeigt, da wären sie sicher gewesen?“
„Das wäre wohl besser gewesen, aber das soll nun Bruder Ulrichs Sorge sein. Er hatte eingewilligt, ich war nur der Bote.“
Asylma war nachdenklich.
„Aber du hast mir noch nicht gesagt, was du zu dieser Zeit dort gemacht hast? Die Abenddämmerung war weit vorangeschritten, wenn ich mich recht entsinne.“
„Ich“, begann Asylma und spielte mit ihren Fingern.
„Bleib bei der Wahrheit mein Kind.“
„Ich“, wiederholte sie. „Ich war im Klostergarten.“
„Mhm“, brummte Bruder Johannes. „Im Moment sind nur die Äpfel reif, oder?“
„Ja“, gestand Asylma.
„Stehlen ist eine Sünde, mein Kind.“
„Aber sonst muss ich hungern. Ich würde ja auch dafür arbeiten.“
Das Gespräch nahm den gleichen Verlauf, wie sie es bei Bruder Franziskus gewohnt war.
„Es nützt nichts, dir Bußen aufzuerlegen. Es hat letztes Jahr nichts gebracht, und es wird auch dieses Jahr nichts nutzen. Aber du hast dein Herz am rechten Fleck.“
Asylma blickte beschämt auf ihre Hände und zwang sich diese ruhig zu halten.
„Mir ist aber eine Idee gekommen, wie ich mein Versprechen einlösen kann, und gleichzeitig dir und mir helfe.“
Das klang nicht nach einer Strafe und so blickte Asylma neugierig auf.
„Ich habe immer gerne gelesen, aber seid einigen Jahren kann ich nur unter größter Anstrengung lesen.“
Asylma senkte betrübt den Kopf. Sie erinnerte sich an die Geschichten, die ihr Bruder Franziskus immer erzählt hat und sie würde gerne mehr solcher Geschichten hören.
„Deshalb möchte ich, dass du mir vorliest, mein Kind.“
„Aber ich kann nicht lesen, Bruder Johannes“, erklärte Asylma verwundert und ebenso traurig.
„Ich weiß mein Kind“, lächelte Bruder Johannes verständnisvoll und munterte sie mit einem Griff nach ihrer Hand auf.
„Deshalb möchte ich es dir beibringen. Lesen und schreiben, wenn du möchtest.“
„Natürlich möchte ich“, erwiderte sie begeistert und strahlte über das ganze Gesicht.
„Aber es muss unser Geheimnis bleiben. Nur Bruder Simeon weiß Bescheid. Er wird uns mit allem versorgen, was wir brauchen.“
Asylma war sprachlos.
„Aber du musst mir schwören, es keinem zu sagen. Für uns Beide wären die Folgen zu fürchterlich.“
„Ich schwöre!“
„Dann wirst du nie wieder stehlen müssen“, lächelte Bruder Johannes. „Es scheint als wäre dies Gottes Wille.“
Daraufhin bat Bruder Johannes das Mädchen unter das Bett zu greifen. Dort lag in Leinen eingewickelt ein Wachsbrett und ein Griffel.

Herrin der Dächer

Seit Wochen war es bitterkalt. Asylma war auf das Dach geklettert. Das Moos unter ihren Füßen war schmierig, dennoch ging sie unbekümmert weiter. Die Burg war ihr Reich, und niemand kannte sich auf den verschachtelten Dächern so gut aus wie sie. Vater würde schimpfen, wenn er wüsste, dass sie erneut hier umherschlich. Aber davon ließ sie sich nicht beirren. Ohnehin hatte sie den Eindruck als würde die Welt nur aus Verboten bestehen. Geh nicht dorthin! Lauf nicht in den Fluren! Sieh den Rittern nicht in die Augen! Knie nieder, wenn der Herr an dir vorbei schreitet! Sei still!

Nur auf den Dächern fühlte sie sich frei. Hier gab es keine Regeln, niemanden, der ihr etwas vorschrieb. Hier war sie die Herrin. Sie blieb an einem kleinen Turm stehen und dachte nach. Unter ihr, bis hinunter ins Tal, lag ein Meer aus Dächern. Sie konnte sehen, wie der Gestank in Schwaden emporstieg. Dieses Bild gab es nur im Winter. Die Dächer der Burg schenkten ihr Einblicke, die den meisten verborgen blieben. Sie stand oft so da und sah anderen dabei zu, wie sie unter ihr umher blickten. Sie waren oft nah und doch schienen sie unendlich weit weg. Wie in einer anderen Welt oder einer anderen Zeit. Hektisch oder stocksteif erfüllten sie ihre Pflichten.

Heute blieb sie aber nicht lange stehen. Es waren nicht viele Leute unterwegs. Wer hinaustrat goss oft bloß seinen Dreck auf die Straße und suchte schnellst möglich die Tür wieder von innen zu schließen. Der blecherne Klang der Patrouillen blieb heute aus. Wer nur konnte hatte sich in einen der zahlreichen kleineren Türme zurückgezogen oder hockte neben einem Eimer mit glühendem Holz. Der König war streng, aber er wusste wessen Treue er sich nicht verscherzen durfte.

Jetzt war sie frei, Herrin über alle Dächer dieser Burg. Am liebsten wäre sie den ganzen Tag über die Dächer geschlichen, doch die winterliche Kälte nahm sich ihrem dürren Körper schnell an. Die zerschlissenen Kleider waren dagegen machtlos und so kapitulierte sie und ging zurück zum Turm. Vor dem Fenster lauschte sie kurz ob sie keine Schritte hörte, dann kletterte sie vorsichtig hinein. Ihre Finger schmerzten als sie die Steine anfasste. Es fühlte sich an, als wären ihre Hände gefroren und als würden ihre Finger bei der nächsten Bewegung abbrechen. Doch das beunruhigte sie nicht weiter. Der Schmerz war ein treuer Begleiter und so brachte sie es fertig, nicht so oft an ihren Hunger zu denken. Sie schlich die Treppe hinunter und verschwand in einer Nische. Eine vertraute Stimme drang zu ihr durch, gedämpft von einer dicken Mauer. Ein Schmunzeln der Vorfreude stahl sich auf ihre Lippen. Letzten Winter hatte Asylma ein neues Versteck entdeckt.

Sie zwängte sich hindurch, es wurde immer schmaler und niedriger. Den letzten Meter musste sie sich auf den steinernen Boden legen. Mit den Füßen stieß sie sich weiter, mit einer Hand ertastete sie den Weg und mit der anderen schützte sie ihr Gesicht vor den scharfen Steinen. Allmählich wurde die Stimme deutlicher. Es war Gertrude, eine der zahlreichen Dienstmägde.

Der Hohlraum wurde erst breiter, dann höher, als sie am anderen Ende des Raumes angekommen war. Der Gedanke amüsierte sie, unter den Füßen der anderen zu schleichen, ohne dass diese etwas davon ahnten.

Endlich war sie dort angekommen, wo sie hinwollte und richtete sich auf. Es war ein dunkler Ort, aber vor allem im Winter war es, seit sie diesen Baufehler der Burg kannte, zu ihrem Lieblingsort geworden. Sie setzte sich auf einen Steinhaufen nahe der Wand, den sie dort mühsam errichtet hatte. Wohlige Wärme durchströmte ihren Körper. Ihre Hände legte sie gegen die Wand hinter sich. Ein schmerzhaftes Kribbeln brachte erneut Leben in ihre Finger. Einige Minuten war sie damit beschäftigt ihre Haut gegen die Wand zu drücken. Dann erst nahm sie wieder die Stimmen wahr, die nun dicht neben ihr ertönten.

Es war immer noch Gertrude, die hauptsächlich sprach. Vorsichtig nahm Asylma einen lockeren Stein aus der Wand. Die Luft, die ihr ins Gesicht blies, war angenehm warm und führte einen Duft mit sich, der ihr das Wasser im Mund zusammen laufen ließ. Durch einen Spalt sah sie wie Elisabeth, die Tochter des Königs, an Marzipanoblaten naschte. Gertrude war derweil damit beschäftigt Elisabeths Haar zu kämmen. Immer wieder musste Elisabeth kichern. Gertrude war nicht die Fleißigste unter den Bediensteten, aber sie verstand es lebensecht zu erzählen. Asylma war immer wieder aufs Neue verwundert, wie Gertrude all das gewahr wurde. Besonders wenn Gertrude intime Details der jüngeren Söhne anderer Adliger ausplauderte, musste Elisabeth kichern. Gertrude hatte eine Art zu erzählen, dass es meist verboten verschwörerisch klang. Elisabeth konnte es nicht intim genug werden und fragte fordernd aber auch gebannt nach mehr Einzelheiten. Gertrude enttäuschte sie nicht und versorgte Elisabeth mit Klatsch und Tratsch.

Asylma fragte sich oft, woher Gertrude das alles wusste. Wahrscheinlich war ohnehin das meiste davon frei erfunden. Aber es verfehlte seine Wirkung nicht. Während andere hart arbeiten mussten, hatte sie sich die Gunst der Prinzessin verschafft und konnte einen großen Teil schwatzend und wohlgenährt in einem der wenigen beheizten Räume verbringen.

Asylma und Elisabeth waren im gleichen Alter, doch um ihre Gunst, so dachte Asylma, war noch nie jemand bemüht gewesen. Dabei war sie es die nähen, kochen und putzen konnte. Sie war es, die sich nicht zu schade war, um den Schweinestall zu misten oder Hühner zu rupfen. Und sie war es, die fleißig lernte, sobald sie nur irgendjemanden fand, der ihr etwas beibringen konnte und wollte.

Bruder Johannes, ein alter Pater, hatte ihr Lesen und Schreiben beigebracht, wenn immer sie es geschafft hatte, ihm im Hospiz Gesellschaft zu leisten. Drei ein halb Jahre hatte er dort gelegen, nachdem er von einem Apfelbaum im Garten des Klosters runtergefallen war und fortan gelähmt im Bett gelegen hatte. Im vergangenen Herbst war er nach einem heftigen Fieber gestorben. Zwei Bücher hatte er ihr heimlich überlassen. Eine Bibel und ein Buch, das ihm ein Fremder geschenkt hatte – sein wertvollster Schatz, wie er stets behauptet hatte. Es war eine schlichte Fassung einer Übersetzung. Das Original, sagte er, stammte aus dem Land indem die Sonne als erstes aufging. Asylma erinnerte sich an das, was er immer zu sagen pflegte: Alle Menschen sind gleich. Alle werden sie als leeres Fass geboren. Manche sterben als leeres Fass, manche stopfen sich voll und sterben als Fass voller verfaulter Speisen. Manche glauben etwas zu lernen und befüllen es mit Wasser und wenige an der Zahl sind offen für alles Wissen und entscheiden, was wirklich wichtig ist. Wenn so einer stirbt, hinterlässt er ein Fass mit dem edelsten Wein. Dieses Buch wäre ein solches Fass.

Asylma hatte lange nicht verstanden, was er damit sagen wollte, doch allmählich glaubte sie der Lösung des Rätsels näher zu kommen. Auch wenn ihr noch etliches unklar blieb.

Wie konnten alle Menschen gleich sein, wenn sie es doch offensichtlich nicht waren.

„Au“, stieß Elisabeth verärgert hervor und drehte sich zu Gertrude um, die erschrocken inne hielt. „Pass doch auf, du tust mir weh!“

„Verzeiht, ich hätte vorsichtig sein müssen.“

„Ach, schon gut. Es reicht ohnehin jetzt. Geh und hol mir ein Glas warme Mich mit Honig.“

„Sehr wohl, Milady.“ Gertrude machte einen Knicks und ging rückwärts zur Tür.

„Und nimm den Braten mit. Ich habe keine Lust, dass ich nachher nach diesem toten Tier stinke.“

Asylma sah erst jetzt, nachdem Gertrude sich bewegt hatte, den Urquell des Duftes, der ihr das Wasser im Mund zusammen laufen ließ. Der Braten war kaum angerührt.

Gertrude ging raus und nahm ihn nur allzu gern mit. Das war ihr Lohn für die Intrigen, das Belauschen und Lästern und dafür, dass sie die Launen der Prinzessin über sich ergehen ließ.

Elisabeth stand auf und stellte sich vor den Kamin. Asylma war nun kaum mehr als eineinhalb Meter von ihr entfernt. Ihr Herz begann zu rasen, dann beruhigte sie sich. Bis jetzt hatte niemand sie bemerkt, obwohl sie einen großen Teil des Raumes überblicken konnte. Hinter ihr war es finster und die Flammen im Kamin blendeten jeden, der in ihre Richtung blickte.

Elisabeth stierte gelangweilt in die Flammen. Sie fuhr sich mit einer Hand durch ihre langen braunen Haare, die glatt an ihrem runden Gesicht herunter fielen. Sie trug ein langes seidenes Überkleid, das zu eng war für ihren fülligen Leib. In der anderen Hand hielt die Prinzessin eine Marzipanoblate an der sie gelegentlich herum knabberte.

Was würde Asylma darum geben, die gleichen Chancen zu haben. Elisabeth war faul und dumm. Asylma hatte allzu oft gehört, wie die Prinzessin mit ihren Lehrern umsprang. Asylma nutzte jede Ausrede, jede Gelegenheit um hier zu sein, wenn Elisabeth eine Lehrstunde hatte. Asylma war eine fleißige Schülerin, von deren Existenz die Professoren nichts wussten. Was würde sie darum geben Fragen stellen zu dürfen. Doch das konnte sie nicht. Nicht die Wand war das Problem. Nein, das Problem war, dass sie nicht jenseits der Wand geboren war. Hätte nicht ihre Mutter sie auf die Welt gebracht, sondern die Königin, dann müsste sie nicht im Dunkeln kauern.

Alle Menschen sind gleich? Wie sollte das möglich sein, wenn es schon ausreichte auf dem falschen Meter auf die Welt zu kommen, um auf ewig gebrandmarkt zu bleiben.

Elisabeth fuhr mit der Oblate zum Mund und biss ein kleines Stück ab, während ein weitaus größeres von ihr unbeachtet zur Erde fiel.

Bruder Johannes hatte recht gehabt. Jetzt erkannte sie es. Alle Menschen waren in einer Sache gleich. Alle wurden sie als leeres Fass geboren. Nur werden manche Fässer mit Gold und Silber geschmückt, andere werden in den Dreck gestellt bis sie verrotten und wieder andere werden in dunklen Grotten eingesperrt, damit sie bis an das Ende ihrer Tage leer bleiben.

Elisabeth schluckte den letzten Bissen hinunter. Doch alles was Asylma sah, war ein hübsch dekoriertes Fass, vollgestopft mit verfaulten Speisen.

Vielleicht, so träumte Asylma, würde es einmal eine Zukunft geben, in der jedes Fass frei wählen konnte, wie und ob es gefüllt werden möchte und nicht der Flecken Erde entscheidet auf dem man geboren wird. Menschen unterscheiden sich nicht darin, wieviel Geld sie haben oder wieviel Macht. Sie unterscheiden sich darin auf welcher Seite der Mauer sie geboren werden und ab dann, in der Entscheidung, die sie treffen.

Asylma grinste zufrieden. Sie war lieber ein schäbiges Fass mit edlem Wein, als ein teures Fass ohne Inhalt von Wert.

Der falsche Tag

Im Augenwinkel sah er es kommen. Als er realisiert hatte, was geschehen würde, wusste er bereits, dass es unausweichlich war. Sein Griff um das Lenkrad wurde fester. Sein Fuß sprang auf die Bremse.
Seine Schultern zogen sich zusammen. Sein Auto stand und er wartete auf den Knall. Wie verrückt schossen Gedanken durch seinen Kopf. Warum hatte er nicht achtgegeben? Er sah die vorletzte Ampel, die ihn orange-rot vorbei gewunken hatte. Wäre er da stehen geblieben, wäre er nun nicht hier.
Ein lauter Knall ertönte und ein kräftiger Ruck durchfuhr seinen Körper. Sein Auto drehte sich und wurde leicht seitlich gedrückt, während ein schwerer Mittelklassewagen seinen schwarzen Porsche verunstaltete.
Von hinten hörte er eine Hupe lärmen. Ein Unbeteiligter suchte Aufmerksamkeit und musste seinen unnötigen Kommentar abgeben. Dieser Fremde war ihm auf Anhieb unsympathisch. Das zeigte er ihm auch deutlich, als er aus seinem Porsche ausstieg und ihn vorbei wank. Zu dumm, um vorbei zu fahren! Aber Hauptsache Hupen und Glotzen. Obwohl dieser Gaffer stehen blieb und das Fenster runter ließ, ging der Mann auf die andere Seite seines Wagens und betrachtete mit reichlich Unbehagen den Schaden. Doch er konnte nicht viel erkennen. Die dunkelblaue Schnauze des Eindringlings drückte gegen den Motorblock.
Er spürte, dass ihn jemand von hinten anstarrte, und blickte auf.
Eine Frau stand neben ihrem Auto und blickte finster drein.
„Danke der Nachfrage. Mir geht es gut!“
„Gut“, antwortete er und wandte sich seinem Sportwagen zu.
„Gut? Sie denken wohl sie können sich mit ihrem Geld alles kaufen. Sie spinnen doch! Wollen bei voller Fahrt über eine andere Fahrspur hinweg abbiegen und sagen dann, dass alles gut ist?“
„Ist ja nur Blechschaden, das regelt die Versicherung. Für den Rest geht es ihnen gut!“
Ihre Wut kochte hoch, doch sie war so perplex, dass sie ihre Worte nicht geordnet herausbringen konnte.
„Das Gespräch hat für mich den Reiz verloren. Hier meine Karte. Schicken sie mir die Rechnung. Ich kontaktiere meinen Agenten, dass er den Schaden schnellst möglichst begleicht. Danke!“
Er wandte sich ab.
Der Pförtner war inzwischen aus der Bank herbeigeeilt.
„Ah, Herr Günther, gut, dass sie kommen.“ Der Fahrer ging auf den Pförtner zu. Dieser war noch außer Atem und blickte sich irritiert um.
„Füllen sie für mich den Unfallbericht aus.“ Er drückte ihm den Wagenschlüssel in die Hand. „Vielleicht versuchen sie auch den Wagen zu rücken. Er steht etwas ungünstig.“
Die Frau blieb ungläubig stehen und wirkte verwirrt, als der Pförtner die Angelegenheit regeln wollte.
Derweil wartete der Mann auf den Fahrstuhl. Im obersten Geschoss wartete sein aufgeräumter Schreibtisch auf ihn. Er riskierte einen flüchtigen Blick nach draußen, doch von dem Geschehen dort unten war nichts zu sehen. Er schüttelte den Kopf. Ärgerlich war das schon. Er öffnete sein Notebook und feilte an seiner Rede, die er am späten Nachmittag halten würde. Eckdaten glich er mit dem Berichtheft ab, den seine Abteilung angefertigt hatte. Nachdem er einige Seiten durchgeblättert hatte, merkte er, dass seine Änderungswünsche nicht umgesetzt worden waren.
Ungeduldig sprang er auf. Seine Sekretärin war eben eingetroffen und hing ihren Schall um die Jacke am Bügel.
„Guten Morgen Herr Münsner.“
„Morgen.“ Mit zügigen Schritten marschierte er an ihr vorbei.
Er konnte nicht sehen, dass sie die Brauen krauszog. Sie wusste um seine Launen. Und sie wusste, dass heute kein guter Tag war.
„Herr Künbach?!“ Er stürmte hinter der Trennwand hervor. Er blickte sich um, doch dieser war noch nicht da.
Und der will mein Nachfolger werden?, dachte er und drehte auf der Ferse um.
„Frau Rietsche bestellen sie Herrn Künbach zu mir, sobald er gedenkt aufzutauchen.“
Bevor er seinen Tisch erreichte, eilte der Bericht ihm voraus und landete zielgenau neben seinem Laptop. Ihm blieb nur noch Zeit stumm über sich zu fluchen, bevor ein Schäppern ertönte.
„Ach Scheiße!“ Sein Arm machte eine wütende Geste, als die Tasse über den Boden kullerte. Dann wank er ab und stellte sich zur Fensterfront.
Keine Sekunde später stand seine Sekretärin im Raum. Sie sah, was geschehen war, und wischte den Kaffee auf. Frau Rietsche war seit sieben Jahren seine Sekretärin. Sie wusste, was die Stunde geschlagen hatte, und sah ihn eine Weile an, während er bewegungslos vor dem Fenster stand. Nun war es auch fast schon vier Jahre her, dass seine Frau ihn verlassen hatte. Sie wusste warum. Sie empfand Mitleid und ließ ihn allein.
Um Viertel nach acht tauchte Herr Künbach auf. Er war Mitte vierzig. Seine breiten Schultern unterstützten sein selbstbewusstes Auftreten. Als er am Sekretariat vorbei schritt, fing Frau Rietsche ihn ab und flüsterte ihm schnell etwas zu, drückte ihm eine Tasse Kaffee in die Hand und wünschte ihm viel Glück.
Er klopfte gegen die geöffnete Glastür und trat vor den Schreibtisch seines Vorgesetzten. Er wartete, bis dieser ihm Aufmerksamkeit schenken wollte und von seinen Unterlagen aufschaute.
„Herr Künbach!“ Die Stimme klang donnernd.
„Herr Münsner, Frau Rietsche bat mich, ihren Kaffee mitzubringen.“
„Sicher“, ein Zucken umspielte seine Lippen. „Mit Kaffee bringen allein verdienen sie sich aber nicht meinen Stuhl.“
Herr Künbach nickte zustimmend, ließ sich aber davon nicht beeindrucken.
Seine Beförderung war beschlossene Sache und Herr Münsner war daran nicht ganz unbeteiligt, wie er aus anderen Kreisen vernommen hatte. Herr Münsner hatte es geschafft innerhalb kürzester Zeit einige beachtliche Karrieresprünge hinzulegen. Meistens war er der Erste, der kam und nicht selten begegnete er dem Nachtwächter, wenn er ging oder ließ sich von diesem das bestellte Essen bringen, wenn er die Nacht über im Büro blieb. Das Sicherheitsprotokoll verbot den Lieferdiensten, die oberen fünf Etagen zu betreten. Das war eine der vielen Regeln, die er selbst eingeführt hatte. Datensicherheit und Effektivität waren seine größten Sorgen. Er hatte dem Unternehmen seinen Stempel aufgedrückt. Dabei war er selbstverständlich auf reichlich Widerstand gestoßen. Doch die meisten seiner Widersacher arbeiteten heute bei Mitbewerbern. Wer klug war, hatte sich auf seine Seite gestellt und ist in seinem Sog die Karriereleiter raufgefallen.
Herr Künbach war einer davon.
„Sie kommen spät!“
„Verzeihen sie der Verkehr hatte heute gestaut.“
„Dann fahren sie Bus, wenn sie nicht Autofahren können!“
Herr Künbach schluckte seine Antwort hinunter.
„Sie haben noch die Notizen zum Bericht?“ Herr Münsner legte den Bericht so, dass Herr Künbach ihn erkennen konnte, und passte auf, den Kaffee diesmal nicht zu treffen.
Künbach nickte. Er hatte gelernt, dass sein Gegenüber in dieser Stimmung auf jedes Wort allergisch reagieren konnte.
„Dann sorgen sie dafür, dass sie auch eingearbeitet werden. Bis spätestens 14 Uhr liegen 20 Exemplare eines makellosen Berichtes auf meinem Schreibtisch!“
Diesmal musste Herr Künbach schlucken. Er wusste, dass es nicht sein Fehler gewesen war. Eine Ausrede, sei sie noch so begründet, würde ihm nur eine Schlinge um den Hals legen.
Er nickte, nahm den Bericht und ging einige Schritte rückwärts.
Herr Münsner wandte sich seinen Unterlagen zu. Herr Künbach war heilfroh den Raum verlassen zu können.
„Und Herr Künbach?“
Der Gerufene kniff die Augen zu, drehte sich dann aber seitlich.
„Und bringen sie sich ein Exemplar mit. Ich möchte sie dabei haben, wenn ich denen sage, dass sie ab nächster Woche dieses Projekt übernehmen.“
Herr Künbach nickte abermals und beeilte sich hinaus zu können.
Wenig später stand unangekündigt eine Person im Türrahmen.
„Habe ich mich nicht klar ausgedrückt?“ Er ließ sich nicht herab, von seiner Arbeit abzulassen und markierte eine wichtige Passage.
„Verzeihen sie.“
Diese Stimme hatte Herr Münsner noch nie im Büro vernommen und so blickte er doch auf und erkannte den Pförtner, der unbeholfen da stand.
„Wenden sie sich an meine Sekretärin. Wieso glauben sie wohl bezahle ich die?“
„Verzeihen sie.“ Der Pförtner wünschte sich in Luft aufzulösen und suchte vergebens nach Worten.
Herr Münsner wollte so wenig Zeit wie möglich verlieren und wank ihn hinein. Je schneller dieser sagte, was er wollte, je schneller war er wieder weg.
„Verzeihen sie, ich habe mir erlaubt die“ er schaute kurz aus dem Fenster. „Angelegenheit selbst zu regeln. Ich wollte so wenig wie möglich Aufsehen erregen.“ Er nickte in Richtung Sekretariat.
Herr Münsner lachte erfreut.
„Mal einer, der mitdenkt!“ Herr Münsner stand auf und ging auf den Pförtner zu. „Und?“
„Und der Wagen ist in der Werkstatt.“
Herr Münsner nahm die Visitenkarte, die der Pförtner ihm reichte.
„Ein angemessenes Ersatzauto können sie erst gegen 15 Uhr vorbei bringen.“
„Danke, ich rufe selbst da an und spreche das mit denen ab.“ Er steckte dem Pförtner 50 Euro zu und komplimentierte ihn mit einer Geste hinaus.
Der Pförtner hatte ihm ermöglicht der Blöße zu entgehen und so wollte er die Gelegenheit nutzen und rief sogleich die Werkstatt an, sie sollten ihm das Auto nach Hause bringen und den Schlüssel durch den Briefschlitz in der Tür schieben.
Daraufhin kreisten seine Gedanken um wichtigere Dinge. Der Morgen und der Nachmittag verflogen so ereignislos, wie an jedem anderen Tag auch. Er ärgerte sich und ärgerte sich, dass er sich ärgerte und seine einzige flüchtige Freude war, dass er alle dazu brachte, mehr oder weniger zu spuren.
Die Hektik, die ihn in dieser Woche beflügelte, genoss er in vollen Zügen. Sehr zum Leidwesen aller, die ihn an diesem Tag zu sehen oder zu hören bekamen.
Es war spät am Abend, als er aus dem Fahrstuhl in die Tiefgarage trat. Diese war zu dieser Stund fast leer und erst da wurde ihm wieder bewusst, dass sein Wagen heute nicht auf ihn warten würde.
Gleichgültig zuckte er mit den Schultern und nahm der Seitenausgang aus der Tiefgarage.
Ein kühler Wind empfing ihn, als er auf den menschenleeren Bürgersteig trat. Dann würde er eben ein Taxi nehmen. Doch dazu war er auf der falschen Seite der Bank. Er ging in Richtung Taxistand, verlor dann aber die Lust, so früh zu Hause zu sein. Eigentlich, so dachte er, würde die frische Luft ihm auch einmal gut tun. Er überquerte die breite Straße und war nach wenigen Hundert Schritten im Stadtpark. Dieser würde ihn mit einigen Unterbrechungen und einem kleinen Umweg nach Hause führen.
Dass er den ersten Teil bereits hinter sich hatte, wurde ihm bewusst, als er eine weitere Hauptstraße überquert hatte und den nächsten Wald betrat.
Sein Tempo zeigte die gleiche Ungeduld, die er auch im Büro an den Tag legte.
Als er auf seine massive Armbanduhr sah, erklärte diese ihm, dass er mit dem Taxi kaum schneller gewesen wäre. Doch aus irgendeinem Grund wollte ihn dieser Umstand an diesem Tag nicht beruhigen.
Deshalb tat er, was er seit langer Zeit nicht mehr getan hatte. Er wollte sich zwingen seine Umgebung zu genießen. Und tatsächlich, er hörte fremd gewordene Geräusche. Das Rufen eines Vogels, ein Rascheln eines Tieres. Er betrachtete die dicken Stämme der Bäume und war selbst verwundert, dass er dabei nicht als Erstes an den Deal mit den Südamerikanern gedacht hatte. Seine Gangart änderte sich aber nicht.
Erst als sein Fuß gegen etwas stieß und ein weicher Gegenstand leicht vom Boden abhob und fast geräuschlos vor ihm landete verharrte er. Unentschlossen schaute er im Dunkeln auf den Pfad vor sich, wo sich undeutliche Konturen emporhoben. Er bückte sich und hob einen verloren gegangenen Teddybär auf. Dieser war kuschelig weich. Durch die Abendkühle war er leicht feucht geworden, doch lange hatte er noch nicht hier gelegen. Der Mann hielt ihn mit beiden Händen vor sich und betrachtete ihn.
Plötzlich wurde ihm bewusst, was er tat und so setzte er den Teddy am Wegesrand ab und ging weiter. Nach vier Schritten blieb er stehen. Er drehte sich um und sah hinunter zum Bär, der nach vorne gekippt war.
Der Mann kehrte um und nahm das Kuscheltier auf den Arm.
Wieder ging er weiter, aber diesmal viel langsamer. Er wusste er würde den Teddybär nicht mitnehmen können. Er ging bis zur nächsten Bank und setzte sich hin. Er drückte den Teddy fest gegen seine Brust. Welches Mädchen mochte den verloren haben? Er wusste, wie traurig es nun sein würde. Tränen rannen seine Wangen runter. Er hatte auch eine Tochter. Er hielt den Teddybär eine Weile fest.
Dann setzte er ihn vorsichtig neben sich auf die Bank. Er stand auf und ging. Er ließ den Teddybär zurück. Nur seine Tränen nahm er mit. Auch seine Trauer begleitete ihn. So wie seine Gedanken an seine Tochter. An diesem Tag war es vier Jahre her, dass sie gestorben war. Giftige Beeren.

Stollenzeit

Der Schinken, eben ausgelesen, schlummerte noch auf meiner Brust. Träumend verblasste die Welt, in die er mich entführt hatte. Die Leseleuchte neben dem Sessel drohte mit ihrem Licht alles zu verschlucken. Jede übereilte Bewegung vermeidend, löschte ich sie und projizierte die Fantasiewelt ins Dunkel des Zimmers. Knisternd schenkte mir der Kamin seine Wärme. Dazu das Prasseln des kräftiger gewordenen Regens gegen das von dicken Wolken verdunkelte Fenster.
Den Stollen neben mir, während dem Lesen völlig vergessen, lag noch unangetastet da und hatte die Luft mit seinem Duft erfüllt. Sein weißer Mantel staubte leicht, als ich nach einem Stück griff. Jetzt war es wieder so weit. Der einzige Schnee als Illusion auf dem Gebäck, hatte es draußen seit Tagen nur geregnet. Als wollte sich das Wetter nicht seiner Verpflichtung erinnern und den Kindern die so sehnlich erwarteten weißen Rutschpisten die Hügel hinunter errichten.
Aber selbst für solche Abenteuer fehlte der Platz. Die Welt hatte sich verändert. Salz bekämpfte jegliche Stimmung, während Zimt auf mannigfaltigem Gebäck sie zu retten versuchte.
Immer noch klopfte der Regen gegen die Scheibe und lud mich ein, mit ihm zu verschmelzen.
Mit der Überzeugung die Einladung freundlich lächelnd abzulehnen und der behaglichen Wärme des Kaminfeuers treu zu bleiben, stand ich auf und schritt zum Fenster hin. Abenteuerlich kalt zeigte sich mir die Landschaft unter der tief hängenden grauen Wolkendecke, die jemand künstlerisch mit lichteren Linien durchzogen zu haben schien. Ein belebter Wind tanzte mit den Millionen Regentropfen und ließ sie in Wellen gegen das Glas schlagen. Fast schien es, als würde auch er versuchen mich zu rufen, während das Feuer in meinem Rücken mich in wohlige Müdigkeit hüllte.
Lag es an dem eben gelesen Roman? Ich wusste es nicht. Aber auf einmal halte der Ruf nach Abenteuer durch die an sich dichten Fenster. Der Wunsch nach Freiheit lag in dem wilden Tanz des Regens. Das Lächeln auf meinen Lippen galt längst nicht mehr dem Regen. Es war vielmehr die Vorahnung des Unverständnisses meiner selbst, wenn ich schon bald draußen sein würde. Hinter mir lassend, die Wärme des Wohnzimmers.
Dem Kamin rasch noch einen Holzscheit nachlegend, gewann ich ihm das Versprechen ab auf mich zu warten. Mich aber zog es hinaus. Dorthin wo das Wetter sich austobte und sich den Zwängen der Jahreszeit noch verwehren wollte. Kalt war es dennoch, als meine Nase den ersten Wind zu spüren bekam. Die ersten Schritte waren, als liefe ich durch einen Vorhang aus kaltem Wasser. Wenig abenteuerlich kam es mir auf einmal vor. Eigentlich nur kalt, und ich begann rasch an dem zu zweifeln, was mich hinausgetrieben hatte.
Aber wie es mit solchen Entscheidungen nun mal war, gab es kein zurück mehr, sobald man erst mal nass war. Und das dauerte wahrlich nicht lange. Mit einer kurzen, aber heftigen Schauer schien mich die Wildnis in ihren Bann ziehen zu wollen. Und kaum hatte ich mich mit meinem Schicksal abgefunden, ließ der Regen auch schon nach und wurde zu einem nebligen Rieseln unter dem sich verfinsternden Himmel. Der späte Nachmittag verabschiedete sich und nahm immer mehr Licht mit sich, als wollte er dem Abend nichts mehr davon übrig lassen. Mir war es recht. Die Straßenlaternen spiegelten sich auf dem nassen Asphalt. Die Hände tief in die Taschen vergraben, den Kragen nach oben gezogen, marschierte ich los. Zimtduft begleitete mich die Straße hinunter. Am Dorfrand ließ auch der mich allein, während die Lichter auf ihren Sockeln ruhen blieben und das Funkeln unter meinen Füßen nachließ.
Den Waldweg betretend, vernahm ich nur noch meine Schritte auf dem Schottergrund. Das Dorf, wie ein schlafender Haufen, erhellte sein Licht nur widerwillig und verschwommen den anbrechenden Abend, während die Lichtkegel der Laternen im leichten Regen zu konturlosen Kreisen anwuchsen.
Doch das Bild verlor ich rasch aus den Augen, während mich der Pfad einen Hügel hinauf zog.
Ein Kribbeln durchzog meine Haut, während der Wind mir immer mehr Wasser ins Gesicht trug. Immer kälter wurde es. Und finsterer. Die Nacht fiel hernieder und verdrängte den eben erst angebrochenen Abend. Herrlich still wurde es. Selbst meine Schritte wurden leiser. Der Schotter war ausgegangen, und so war es nur noch der Wald, der sich meiner annahm. Sein Kleid hatte er achtlos auf den Boden fallen lassen und so konnte ich seine Äste als Schatten vor dem dunkelgrauen Himmel ausmachen, während ich den Regen, der mir unentwegt ins Gesicht fiel, kaum noch spürte.
Meine eigenen Füße konnte ich nur wage ausmachen, als sich ein grauer Schimmer vor mir erstreckte. Die Bäume hatten sich zurückgezogen und einen kleinen See freigegeben und hielten ihn wie zur Umarmung umschlungen. Ein paar der stummen Riesen waren mit ihren Wurzeln zum nächtlichen Bad hinein gestiegen oder hatten, von den Jahren müde geworden, ihre Äste hinein getaucht. Schilf reckte sich aus dem Wasser und mühte sich vergebens die herabfallende Finsternis aufzuhalten.
Das Wasser war zu einem Spiegel geworden. Kein Lüftchen wehte, nicht ein einziger Tropfen fiel mehr. Es war als hätte eine plötzliche Kälte alles eingefroren. Ich genoss das vergängliche Bildnis und blieb stehen. Reglos zollte ich der Umgebung meine Achtung und wollte durch keine Regung die Harmonie der schweigenden Welt stören.
In eine Landschaft fühlte ich mich gezogen, wie sie in einem meiner Bücher hätte sein können. Ganz so, als wäre der Ort ohne Zeit geboren. Ohne das Gefühl zu kennen weiter zu müssen, oder sich zu verändern. In solch eine Welt war ich versunken. War Teil davon geworden, so wie jeder einzelne Baum um mich herum.
Doch auf einmal tat sich ein Loch in dem Spiegel auf, welcher kein Bild zeigte außer ebenmäßigem grau. Winzig klein war es und breitete sich zu einem Kreis aus, bevor es genauso still verschwand, wie es aufgetaucht war und das Wasser, wie unberührt zurückließ. Dann wieder. Ohne sichtbaren Grund tauchten Kreise im See auf. Zunächst nur wenige. Dann immer mehr. Als sich einer der Störenfriede nahe am Ufer niederließ, konnte ich diesen erkennen. Es war eine Flocke, die weich landete und im Moment der Berührung mit dem Wasser verschmolz. Es schneite.
Als sich ein Lächeln in mein Gesicht stahl, spürte ich ein taubes Gefühl der Kälte. Vielleicht sollte ich nun doch umkehren, denn schließlich wartete der Kamin sein Versprechen einzulösen. Auch war der Schnee auf dem Stollen nicht ganz so kalt…

Mein Haus, der Stuhl

Eng und leblos zogen sich die Gänge ihren Weg durch das alte Holz. Vor langer Zeit angelegt, drang nur an wenigen Stellen Licht in den verwinkelten und offensichtlich willkürlich angelegten Irrgarten.
Damals, zu den Glanzzeiten der baulichen Tätigkeiten, bevölkerten große Kolonien dieses in sich abgeschlossene Reich. Doch diese fetten Jahre waren nichts mehr weiter als nur Geschichten, und selbst diese bereits vergessen.
Nur einer war übrig geblieben. Als Kind zurück gelassen spuckte er nun einsam durch die dunklen Gänge. Überall lag Staub und selbst größere Späne fielen herab und erschwerten das Vorankommen.
Doch daran störte sich der alt gewordene Einwohner nicht. Sein Schicksal hatte ihn zum Einsiedler werden lassen und er nahm es so gleichgültig hin, wie seine träge Natur es von ihm verlangte. Ohne sich selbst zu bedauern, fraß er sich durch die Wände und schuf so immer neue Gänge, in denen er so gerne faul rumlag, wenn sein Magen voll gefressen in dem körperengen Tunnellabyrinth stecken zu bleiben drohte.
Auch wenn niemals Tageslicht bis in seine Welt hindurch drang, so hielt er doch an einem flüchtigen Rythmus fest. Ohne Zeit war es, und ohne dass es Sinn ergab, doch für ihn war es alles was blieb. Das einzige Zeichen von Leben, an dem er sich festhielt.
Noch schlief er, doch sein Magen war bereits schmaler geworden und einige Muskel begannen sich zu regen, ganz so, als wollte er weiter durch die Gänge kriechen. Jene Gänge, die ohne wirklichen Anfang oder Ende seine Welt bedeuteten und jeden Tag wurden diese ein Stückchen größer.
Plötzlich ertönte ein montones lautes aber durch das alte Holz dumpf klingende Läuten einer Klingel. Damit hatte die Ruhe ein Ende, und der Wurm begann seine Tag für Tag gleich bleibende Arbeit.
Noch leicht schwerfällig streckte er seine Ringmuskel und begab sich dann auf seinen allmorgendlichen Spaziergang durch die teils verfallenen alten Gänge, die noch seine Vorfahren angelegt hatten und teils schon existierten, als selbst diese noch nicht geboren waren. Mit diesem etwas nostalgischen Gefühl stieg er immer höher hinauf, dorthin, wo er die Ankömmlinge einer für ihn völlig befremdlichen Rasse besser hören konnte.
Nur einmal hatte es aus Versehen einen flüchtigen Blick auf diese unheimlichen Riesen werfen können. Mit rasendem Herzen hatte er sich in sein Gehölz zurück gezogen und war fortan vorsichtiger geworden.
Aber trotz der Angst, die er damals empfunden hatte und wohl auch nie wieder vergessen würde, konnte er sich einer gewissen Faszination nicht erwehren. Und so begab er sich auch an diesem Morgen auf den Weg in Richtung eines zu einem weiten Raum ausgearbeiteten Ganges. Tatsächlich war es der einzige Raum in diesem gesamten Labyrinth und war eigentlich auch nur eine Unachtsamkeit gewesen. Zu viele Gänge hatten sich dort vereint und so war das Ganze zu einem Raum eingebrochen.
Er hatte aber festgestellt, dass die heran getragenen fremdartigen Stimmen dort am deutlichsten zu vernehmen waren – abgesehen von der Oberfläche natürlich, aber dorthin wagte er sich nicht.
Verstehen konnte er nichts, aber es hatte etwas Ergreifendes für ihn, die einzige Spur von Leben. Und in diesem eigenartigen Lärm badend, wartete er allmorgendlich bis dass er völlig wach und voller Energie sein Frühstück einnehmen konnte und seinem zu Hause somit ein neues Gesicht verleihen würde.
Und dann war es so weit. Bereits kurz nachdem die Klingel ihr schrecklich schalendes Lied beendet hatte, donnerte die Erde und selbst seine Wohnung zitterte als die Herde dieser wilden Riesen sich auf den Weg zu ihm machte. Überall in der weiten Welt, die viel weiter reichte, als er jemals würde wandern können, ertönten mächtige Schläge. Als wenn Holz auf Holz schlägt. aber so groß mussten diese Stücke sein, dass sie sein hohes Reich um vieles überragten.
Rasch schwoll der Lärm an und eine kurz auflodernde Aufregung ergriff den kleinen Einwohner, den wie stets niemand wahrnehmen würde.
Ein Singsang an vielen hellen Stimmen erhob sich. Das Hämmern von tausend Schritten durchdrang die unzähligen Gänge und ließ Staub herab rieseln.
So unglaublich groß diese Riesen auch waren, er wusste dass noch einer fehlte. Ein Einzelner nur, aber seine Stimme übertönte alle anderen. Und seine Schritte waren so fest, dass die Vibrationen so gewaltig die Erde erbeben ließen, wie die von drei anderen. Es würde noch eine Weile dauern, wenige Augenblicke, doch für den einsamen Einwohner dieses Holzhauses spielte Zeit nur eine untergeordnete Rolle. Der Tag begann mit dem Läuten der Klingel und nahm dann seinen eigenen Lauf, manchmal unterbrochen noch von dem regelmäßig wiederkehrenden Lärm der Klingel, doch das spielte dann keine Rolle mehr.
Wie stets schwoll der Gesang der Stimmen an. Immer wieder bebte die Erde und kam gar nicht mehr zur Ruhe. Und Wohnungen, ähnlich der seinen, wurden mühelos hin und her geschleudert.
Gesehen hatte er es noch nicht, aber das brauchte er auch nicht, er hörte es, und was schlimmer war – er hatte es oft schon selbst erlebt. Dann wurde sein ganzes Reich hin und her gerissen, geleitet von einer Kraft, die nicht von dieser Welt sein konnte. Selbst ein Riese konnte doch unmöglich das ganze Labyrinth einer untergegangenen Kolonie bewegen.
Die Ungeduld auf der anderen Seite nahm unkontrolliert zu und griff – wie jeden Morgen – auch auf den Wächter dieser ungeachteten alten Gänge über. Die Stimmen waren völlig ordnungslos, kreischend und untrennbar verworren. Aber er liebte diesen Moment von allen am meisten. Er hatte keine Ahnung von dem was draußen vor sich ging, doch es war so reich an Leben, dass er es genoß – trotz der Angst vor dieser unermesslichen Kraft, die seine Welt jeden Augenblick ergreifen konnte. Freude, Angst, Leidenschaft, Wut, so viel lag in diesem Lärm, das er nie selbst empfinden könnte. Aber er badete darin.
Wieso sollte er auch etwas fühlen – war er doch ganz allein, ohne Sorgen, denn sein Reich würde ihn überdauern und er hatte mehr Nahrung als er selbst in hundert Leben würde tilgen können. Nein, alles was er wahrnahm sog er aus diesem Lärm, aus dieser Welt, die so völlig anders war.
So verweilte der wohlgenährte Wurm in seiner einzigen Grotte und seine Ringmuskel zuckten lebhaft wenn er von einem kurzen Schrei freudig erschreckt zusammen fuhr und er sich in Gedanken bereits verkrampfte, aus der nicht unbegründeten Angst sein Reich könnte erneut durch geschüttelt werden. Wie er diese Momente liebte – voll von gespanntem Verharren und Aufregung.
Und dann betrat endlich der mächtigste aller Riesen die Bühne des Geschehens. Seine bebenden Schritte waren im Getobe der Menge untergegangen und dennoch wusste es der Tunnelbauer ganz genau. Es war die plötzliche Stille, die ihn verriet. All das Leben, das der Wurm vor einem Augenblick noch aufgesogen hatte, war verschwunden. Es war die plötzliche Stille, die den Ankömmling verriet. Wie auf einen stummen Befehl hin stürzte der ganze Lärm in sich zusammen, einzig die donnernden Schritte des einen Riesen blieben übrig und versuchten vergebens die entstandene Leere auszufüllen.
Die tonlose Aufregung der Welt außerhalb seines Reiches griff auf den verlassenen Einwohner über. Er spürte wie der Riese sich seinem Labyrinth näherte. Mit jedem Schritt wurden die Beben kräftiger und seine Muskeln verspannten sich unwillkürlich.
Dann vernahm er nur noch seinen eigenen Herzschlag, kräftig und doch unhörbar im Vergleich zu dem nun verstummten Lärm.
Als wäre es ein festes Ritual, das der Wurm nicht verstehen könnte, legte sich die Stille wie ein würgendes Tuch über die ganze Welt. Jeden Morgen das gleiche unbegreifliche Spiel der Riesen.
Warten. Ungezählte Herzschläge lang gebanntes Warten.
Und dann brach es heraus. Eine einzelne Stimme erhob sich. Kein Lärm mehr, nur diese eine deutliche Stimme. Der Magen des Wurms vibrierte im Takt der dunklen Töne, die durch die verlassenen Gänge hallte. Laut und doch leer. Leblos, ohne all die Gefühle in denen der Erbauer dieser einsamen Welt sich so gerne badete. Diese Spur, dieses Rinnsal war nun ausgetrocknet. Und die Stimme des einen Riesen war genau so trocken, wie die staubigen Gänge in denen die Stille erdrückender war als Lärm es je sein könnte.
Dann ebten die Geräusche ab und der Riese schien sich wieder zu beruhigen.
Nach einer erneuten Pause völliger Stille, fuhr die dunkle Stimme bedeutend leiser fort. Und der Wurm wusste, dass diese nun seinen Tagesablauf ein weites Stück begleiten würde, manchmal unterbrochen noch von der störenden Klingel.
Doch noch wagte sich der Holzwurm nicht in seine Gänge. Erst noch musste er das alltägliche Beben überstehen.
Dieses ließ auch nicht lange auf sich warten. Der Riese schritt heran und ließ sich plump auf seine Wohnung nieder. Jeden Tag tat dieser dies, ohne dass der Wurm verstand warum. Aber er hatte sich daran gewöhnt. Und wieso er das so genau wusste – nun, den Anblick würde er niemals vergessen, denn damals, das einzige Mal, dass er sich jenseits seines Reiches hervor gewagt hatte, sah er den Riesen mit erschreckender Geschwindigkeit auf sich zukommen. Fast hätte er dieses Erlebnis nicht überlebt, denn nur um Haaresbreite, hatte er es zurück in sein Labyrinth geschafft und konnte nur tatenlos dabei zusehen, wie der Gang zur Oberfläche einstürzte und sein Reich wieder in völliger Finsternis hüllte.

Himmelsblau

Ein blauer Himmel, so blass, dass er schon fast weiß schien, schwebte mir so nah vor dem Gesicht, dass ich ihn gar fassen zu können glaubte. So gleichmäßig verzog er sich in die Unendlichkeit des Weltalls, dass ich nicht wusste ob er sich noch bewegte, oder ob die Erde gänzlich zu drehen aufgehört hatte. Nichts gab es, das meinen Blick auf sich ziehen konnte, nur dieses eine Blau, ungestört und unberührt.
Mein Körper so leicht, fühlte ich keinen Boden unter mir, obwohl ich doch offensichtlich auf dem Rücken lag. Keine Kraft schien mich zu berühren und so schwebte ich, dem Himmel so nah, als wäre ich selbst ein Teil von ihm.
Ein kühles, angenehmes Kribbeln durchfuhr meinen Körper. Bei den Füßen angelangt blieb es mir treu und reiste mit mir unter dem Himmelszelt. Verwundert was mich so leicht berührte, ließ ich meinen Arm, der eben noch friedlich neben meinem Leib geruht hatte, nach unten gleiten.
Das Kribbeln wurde stärker, und doch griff ich in einen Raum voll Nichts. Nur Leere gefüllt mit diesem belebenden Gefühl, das mich ohne Ausübung einer Kraft berührte. Auch als ich meinen Arm gemächlich unter mir herum gleiten ließ, spürte ich nicht den geringsten Widerstand.
Verwundert neigte ich meinen Kopf zur Seite und schaute in die Tiefe. Milchiges Weiß erfüllte wie ein dickflüssiger Teppich mein Gesichtsfeld. Ich wusste ich müsste nun Angst empfingen, und doch tat ich es nicht. Gedankenlos und leicht, stellte ich fest, dass es bloß eine Wolke war, auf der ich lag. Wie ein sanftes Ruhekissen, das ich nicht einmal spürte. Nur dieses unvertraute Kitzeln belebte meinen Körper und schien gleichzeitig meinen Geist in ungeahnte Ferne entgleiten zu lassen. Jede Verbindung mit ihm schien getrennt und so glitt ich sorglos weiter, nur eine Armlänge vom Himmelsblau entfernt.
Als hätte ich in meinem Leben nichts anderes gemacht, als durch die Wolken zu gleiten, schloss ich meine Augen und ließ mich treiben. In tiefster Zufriedenheit gab ich mich dem Kribbeln der ungezählten Tropfen hin. Belebt und doch wie betäubt, vergaß ich alles um mich. Gar der Himmel war mir nun egal. Die klaffende Leere bis zu der fernen Erde erst recht. Alles vergaß ich und war nur ich. So wie einer dieser gleitenden Tropfen, tänzelnd im verstreuten Glanz der Sonne.
Obwohl die Augen immer noch geschlossen, bemerkte ich auf einmal ein rötliches Flackern. Unregelmäßig tauchte es auf. Immer deutlicher sah ich es. Wie war das nur möglich? Stand der Himmel in Flammen? Leicht schreckhaft öffnete ich die Augen. Nur langsam, denn ich spürte eine gewisse schwere in den Lidern. Der Himmel war weg. Doch auch das Glühen war auf seltsame Art und Weise völlig geräuschlos verschwunden, als hätte es niemals existiert. Jetzt erst vernahm ich einen sanften Wind, der über meine Haut strich und das letzte Kribbeln vertrieb.
Über mir überspannten lange Äste meine Welt. Immer noch lag ich auf dem Rücken, nur spürte ich nun wieder das weiche Gras unter mir. Die Sonne funkelte zwischen den sattgrünen Blättern hindurch, die im Wind tanzten, so leicht und unbekümmert wie die Tropfen der Wolken.
Wie von einer langen Reise kamen meine Gedanken zurück. Nur wenige waren es, alle so leicht wie der Wind, der sie heran trug. Ich war eingeschlafen. Etwas enttäuscht, doch nicht fliegen zu können, schloss ich wieder die Augen. Versuchte wieder einzutauchen. Doch der Traum schien mich nicht wieder aufnehmen zu wollen.
Lange lag ich so da. Immer noch den Wunsch zu gleiten. Der Wind strich mir um die Nase. Angenehm weich seine Liebkosung. Über mir rauschten die Blätter und ein frühsommerlicher Duft umspülte meine Sinne. So leicht fühlte es sich an, auch wenn es nicht mehr die Wolken waren, die mich trugen. Mein Herz so unbeschwert, dass es zu schweben schien, seine Schläge kaum spürbar, fühlte sich meine Seele an, als tanzte sie im Wind. Losgelöst, schwebte ich. Nur fliegen war schöner. Nein, das stimmte nicht. Mein Bewusstsein entglitt jedem Denken – es flog. Meine Seele ließ sich baumeln.
Und da wusste ich es, all der Widerstand, er war nicht mehr, nur noch ein Wind wehte, leicht und tragend, wie die Wolken in meinem Traum. Der Himmel über mir, die friedliche Welt meiner Fantasie. Das Kribbeln, die Liebe in meinem Herzen, von ihm durch den Körper gepumpt, war nun alles was mich erfüllte. Es war kein Traum – es war nur ich. Ohne Zeit, ohne Raum.

Wolken

Der Baum, der Zeuge

Ein satt grüner Teppich zog sich den Hügel hoch. Zart streichelnd fuhr der Wind zwischen den langen Grashalmen hindurch, welche sich müde nach unten bogen. Oben schlängelte sich ein Fahrradweg an einer Weide entlang. Das Grau, nur ein hauchdünner Faden, verbarg es sich schon nach wenigen Metern hinter der gedeienden Natur und wurde für das Auge unsichbar.
Ein einzelner knorriger Baum wachte windschief am Wegesrand. Seine alten Äste ragten wie greifende Hände über eine Bank. Nur wenige Blätter zierten den Zeugen längst vergangener Tage und ließ den Griff noch gieriger erscheinen.
Das Holz von der Witterung rau, hatte die Bank ihre schönsten Tage bereits hinter sich. Wie ein altes Paar schwiegen Bank und Baum selig, lauschten dem Wind, sonnten sich in den letzten Strahlen des Tages. Alt waren sie. Und nichts hatte sie jemals getrennt. Viele Sommer standen sie hier und genau so viele Winter hatten sie gemeinsam überstanden. Doch die Zeit hatte ihre Spuren an ihnen hinterlassen. Die Rinde des Baumes war rissig geworden. Zeichen waren in sie geritzt. Tief waren die Spuren, doch die Schrift war kaum noch zu lesen. Zwei Buchstaben waren es, umrahmt von einer seltsam geschwungenen Linie.
Der dünne, schon etwas länger gezogener Schatten des Baumes fiel nach hinten auf die Weide und ließ den Mann auf der Bank unberührt. In dessen Hand ruhte eine Blume. Eine einzelne nur, und obwohl die Farbe der Blume noch hell leuchtete, wirkte sie genau so wächsern, wie die Haut des Mannes, welcher sie mit seinen dürren und schwachen Fingern hielt.
Auch er war alt – der Mann. Fast so alt wie der Baum hinter ihm. Und auch er trug die Spuren eines langen Lebens. Und nun saß er da, scheinbar friedlich. So wie so oft in den letzten Jahren. Und immer seine Blume in der Hand. Eine Tulpe war es. Rötlich-gelb leuchtete sie, doch aus einem unerklärlichen Grund hatte sie vergessen zu welken. Nur trocken war sie gewurden und leistete dem Alten treu Gesellschaft. Seine Frau hatte diese Blume immer gemocht. Nicht rote Rosen wie andere, nein, diese stacheligen Verführerinnen waren ihr unangenehm. Eine Tulpe aber hatte etwas zartes an sich.
Und diese eine, diese nicht welkende, war übrig geblieben von dem letzten Strauß den der Mann ihr geschenkt hatte. Alle waren sie verwelkt, nur diese eine nicht. Und sie blieb bei ihm, nun da seine Frau es nicht mehr konnte.
Er hatte sie geliebt, er liebte sie immer noch. Dies hier war ihr Platz gewesen. Viele Sommertage hatten sie hier verbracht. Bis vor fünf Jahre noch, der Baum ihr Zeuge. Und nun waren sie alle alt. Und sie hatten nur noch sich. Der Baum die Bank, der Mann die Blume in der Hand.
Seit damals, dem Tag als sie starb, war er immer hier her gekommen, wenn er ihr nah sein wollte. Die Blume stets in der Hand, saß er dort und betrachtete den feurigen Sonnenuntergang. So wie seine Frau ihn stets in seinen Armen genossen hatte.
Auf dem Friedhof hatte er sie noch nie besucht. Denn dafür hätte sie tot sein müssen, und das war sie nicht. Nicht solange er noch lebte. Und das tat auch sie, tief in seinem Herzen, dort wo die Zeit ihr nichts anhaben konnte. Nur ihr Körper war nicht mehr. Er vermisste ihre Wärme, nur die Blume war geblieben. Und an diesen langen Nachmittagen trank er an ihrem Anblick die Liebe seiner Frau, wie aus einem Kelch. Hier konnte er ihr nah sein, von der schwächer werdenden Abendsonne gewärmt.
Wieder einmal kroch die Sonne rot glühend und schläfrig unter den Horizont, auf der anderen Seite des Tals, hinter einem fernen Hügel. Der Mann auf der Bank hatte die Augen geschlossen. Kaum merklich hob das friedliche Atmen seine Brust. Diese Besuche waren alles was er noch hatte. Und oft schlief er ein, geküsst von der Erinnerung, und umarmt von der Liebe, die niemals erlosch. Selig waren diese Momente, kostbarer als alles andere. Der Baum, ihr Zeuge, ein treuer Freund im Rücken.
Langsam entwand sich die Sonne dieser Welt. Nach und nach verschmolzen die langen Schatten und die Farben verblassten zu grauen Konturen, während die Sterne mit ihrem kühlen Licht auftauchten.
Als der Mond aufging, eine dünne Sichel, und das Land in silbriges Licht tauchte, saß der Mann immer noch auf der Bank. Der Wind kaum noch spürbar, wehte die letzte Wärme aus dem Tal empor.
Dann sank der Kopf des Mannes nach vorn, ganz so als schliefe er. Und nun würde er seine Frau doch auf dem Friedhof besuchen. Seine Blume in der Hand, und nie wieder von ihr gehen.

Kränkelnde Gesellschaft

Nach dem anhaltenden Rattern des elektrischen Schlosses, öffnete sich die Tür unter meinem aufgestützten Gewicht leidend. Ein dunkler Flur erwartete mich, und die Kälte, an mir vorbei strömend, drängte sich mit hinein. Ein Lichtfleck verriet eine Türöffnung. Mich darauf zu bewegend, konnte ich aufgeregtes Stöhnen vernehmen. Im Türrahmen stehend, erkannte ich den Störenfried. Ein kleines Kind krabbelte, offensichtlich vergnügt, unter einem niedrigen Tisch herum. Kaum merklich wurde es stiller, als dieses mich erblickte. Zu kriechen hörte es auf und schenkte mir, dem Eindringling, gebannte Blicke. Als ich diese mit einem Lächeln erwiderte, stieß sich das Kind den Kopf. Doch aus irgendeinem Grund, erachtete es dies als unwichtig und behielt mich vorsichtshalber weiter im Auge.

Gänzlich eingetreten, grüßte ich. Erst jetzt fiel Licht auf meine Gestalt. Bislang hatte mich lediglich eine Frau bemerkt, augenscheinlich die Mutter, die das Geschehen genau beobachtet hatte. Ihr Mund formte sich andeutungsweise zu einem Grinsen. Wohl war mein schlechtes Gewissen spürbar gewesen.

Ein Mädchen, etwas erschreckt von meinem Erscheinen, grüßte mechanisch zurück, bevor es sein Gesicht wieder in seine Illustrierte vergrub. Ein alter Mann brummte etwas, das man mit einigem guten Willen als Begrüßung hätte deuten können. Ansonsten schwieg die Gesellschaft. Etwas, das sie auch von mir erwartete. Ein wenig durfte ich noch für Unruhe sorgen, dann aber sollte ich sitzen.

Meines Mantels wollte ich mich aber noch entledigen. Der Kleiderständer, sinnvollerweise auf der, der Tür abgewandten Seite postiert, war notorisch überfüllt. Über ein Paar Beine kletternd, gelang ich dorthin und machte mir an diesem zu schaffen. Die Beine, unglücklich ausgestreckt, schienen bei meiner Rückreise erneut Wegegeld erheben zu wollen, während deren Besitzer gelangweilt durch mich hindurch auf den Boden starrte.

Ohne Wahlmöglichkeit, begab ich mich in den hinteren Teil des Raumes, um dort Platz zu nehmen. Zu meiner rechten saß eine alte Frau. Ihre Wollmütze trug noch die zu Tropfen geschmolzenen Schneeflocken, während sie ihre beige Handtasche auf ihrem Schoß hatte und beidhändig umklammerte. Zu meiner linken stand bedrohlich eine angriffslustige Stechpalme, die den Eindruck erweckte, mir keine Bewegung verzeihen zu wollen.

Das Kind hatte wieder begonnen den Tisch zu erkunden, während die Mutter, mir quer gegenüber sitzend, mit hilflosen Handbewegungen ihr Säugling zum Innehalten bewegen wollte. Eine Stellung, die Kinder nur selten einnehmen konnten. Aber eigentlich machte es auch keinen Lärm. Nur, dass das Rutschen auf dem spätestens jetzt aufgewischten Boden mehr Geräusche verursachtete, als das allgemeine Umblättern der Zeitschriften. Einen Umstand, den manche wohl als Aufstand umschrieben hätten. Mir aber war solches Denken fremd. Mir gefiel das erkundungsfreudige Benehmen des Kleinen. Und in Ermangelung eines anderen Lebenszeichens, ließ ich meinen Blick auch weiter auf diesem ruhen.

Zunächst geschah auch nichts weiter. Zeitschriften wurden durchblättert. Ausgetauscht, wenn als bekannt erachtet. Dies wurde dann stets mit reichlich Interesse von dem Kleinen beobachtet und mit einem erfreuten Glucksen kommentiert. Deutlich zum Missfallen einer Dame mit ausladendem Dekolletee, das nur unzureichend mit Goldketten ausgestopft war. Jedesmal rümpfte sie die Nase.

Unruhig rutschte die Mutter auf ihrem Stuhl hin und her. Das allgemeine Schweigen, zwecks steriler Notwendigkeit, duldete keine Skandale. Sich ihrer Schuld bewusst, streckte die Mutter liebevoll ihre Arme aus. Doch das Kind, die Geste missdeutend, erachtete das Versteck unter dem Tisch um einiges Spannender. Die Goldfrau schüttelte verärgert den Kopf und ihre hochgezogene Braue machte deutlich, dass sie dieses Scheitern erwartet hatte. Um sich in ihrem Urteil bestätigen zu lassen, blickte sie zur alten Frau neben mir. Doch zu meiner Freude, war diese zu sehr in Sorge um ihre Handtasche, als dass sie das Geschehen hätte mitbekommen können. Empört starrte die mit Ketten behangene Frau zur Decke, als könnte sie sich dadurch unserer unwürdigen Gesellschaft entheben.

Da ich durch meinen ersten Kontakt mich bereits infiziert glaubte, konnte auch ein weiteres Lächeln nichts schaden. Die Mutter erwiderte es, erleichtert, dass sie mit ihrer abstoßenden Krankheit nicht alleine war. Das Kind, von dieser wortlosen Unterhaltung angetan, lugte hinter einem der Pfosten hervor.

Ich jedoch wandte mich dem Fenster zu. Wollte deutlich zeigen, dass die – von der Frau als unangemessenen Lärm bezeichneten – Geräusche mich nicht störten, dass ich diese nicht einmal als solche wahrnahm. Mich dem tristen Anblick der Wolken draußen verwehrend, blickte ich mich im Zimmer um. Gelblich-grün waren die Wände gestrichen. Ein nicht interpretierbares Bild stach aus dem Grün hervor. Schmunzelnd, dachte ich, es könnte einmal unter einem Tisch gemalt worden sein.

Der Raum gab nicht viel her, und so begann ich die Wartenden zu betrachten. Das Mädchen vergrub sich immer noch in seiner Zeitschrift und las wie gebannt einen Artikel. Den Rücken schmerzhaft gerade, fragte ich mich, ob es überhaupt atmete. Daneben saß ein unscheinbarer Mann, mitte dreißig, die Kappe ins Gesicht gezogen und schlief. Mein Blick zog weiter. Der Kleiderständer, passte sich mit seinem Benehmen den Anwesenden an und füllte den Raum, ohne den Eindruck erwecken zu wollen hierhin zu gehören. Der Lümmel gleich daneben, immer noch den Wächter desselben spielend, ließ ansonsten aber alle unbehelligt und ignorierte auch die Frau zu seiner Linken, die immer noch wie auf Dornen saß.

Ansonsten blieb nur noch der alte Mann, gleich neben der Tür, unerwähnt. Er saß neben der Verfechterin aller Sittsamkeit, in ihrem Kaschmirfetzen. Der Mann hatte sich nach vorne gebeugt und stützte sich beidhändig auf seinen Gehstock. Sein Blick auf seine braunen Lederschuhe gerichtet, trug auch er nicht zur Unterhaltung bei.

Als ich alles zu sehen geglaubt hatte, erblickte ich ein Paar großer Augen auf Kniehöhe. Der Kleine hatte sich heran gewagt und hielt mich offenkundig für einen Tisch. Prüfend betastete er meine Beine, in dem Irrtum, es handle sich dabei um Pfosten. Überrascht lächelte ich es an. Der Tisch lebte, stellte es begeistert glucksend fest. Aufgeregt, wollte es in die Hände klatschen, verlor aber das Gleichgewicht und fiel lachend auf seinen Hintern.

Erschreckt sprang die Mutter auf. Auf mich zu eilend, lächelte sie mich verlegen an. Als sie ihren Sohn auf den Arm nahm, begann sie sich bei mir zu entschuldigen. Mit freudiger Miene, erklärte ich wortlos, dass es nichts zu entschuldigen gab. Die Mutter sah aber den allgemeinen Konsens verletzt, mich mit einer fast verbrecherischen Anwesenheit bedroht zu haben. Die Goldfrau zeigte sich diesbezüglich meinungsgleich und protokollierte die Angelegenheit mit strengen Blicken.

Schützend hielt die Mutter ihr Kind vorerst auf dem Schoß. Der Schutz indes, galt nicht dem Kind, sondern der Allgemeinheit. Ein solcher Aufstand bedrohte das Schweigen.

Es dauerte eine Weile bis wieder Ruhe einkehrte. Eigentlich war es nur die Goldfrau, die sich echauffiert fühlte. Keiner der anderen hatte überhaupt etwas bemerkt. Es galt die Wartezeit zu überbrücken, derweil konnte man sich nicht mit anderen Dingen beschäftigen.

Der Forschergeist, dem Menschen seit jeher in den Genen steckend, ließ das Kind jedoch nicht lange auf dem Schoß seiner Mutter ausharren und so versteckte es sich schon bald wieder unter dem Tisch.

Ein Umstand, der abermals die Missbilligung der Allgemeinheit – repräsentiert durch die Goldfrau – erfuhr. Fast schon richtete sich ihr Zorn gegen mich, da ich nicht die nötige Empörung aufbrachte. Aber mir gefiel diese reinste und ungezügelte Neugier des Kleinen. Vielleicht ein wenig gebremst von verunsichernder Angst.

Es dauerte auch nicht lange, bis meine Beine erneut eine gründliche Prüfung erfuhren. Die Mutter wollte auch gleich wieder aufspringen, doch mein freudiges Gesicht, ließ sie inne halten. Und so begnügte sie sich damit angespannt auf ihrem Stuhl hin und her zu rutschen.

Die Entdeckungsfreude des Kleinen auf die Probe stellend, hob ich ihn hoch und ließ ihn auf meinem Knie Platz nehmen. Verwundert über das seltsame Benehmen des Tisches, begann das Kind von neuem zu glucksen. Sich versichernd, dass seine Mutter noch in der Nähe war, blickte es sich um. Dann begann es vorsichtig zu schaukeln, als traue es nicht der Stabilität dieser Konstruktion. Doch als diese nicht einzustürzen drohte, wurde es lebhafter.

„Unerhört ist das!“ Die Ketten behangene Frau sah sich in der Pflicht mich vor der Bedrohung zu beschützen. Die Mutter öffnete den Mund und rutsche auf ihrem Stuhl nach vorne. Doch mein freudiger Blick ließ sie von neuem verharren. Hilfesuchend blickte sich die Goldfrau um. Doch ihr Protest fand nur wenig Unterstützung. Das Mädchen verschwand noch tiefer hinter der Zeitschrift, selbst ihre Haare waren nicht mehr zu erblicken. Der Mann schlief noch, während der Lümmel noch weiter in den Stuhl versunken war und sich jeder Teilnahme verwehrte.

Nur der alte Mann hatte aufgeblickt. Sein Gehstock klopfte zweimal auf den Fußboden, als wollte er bestätigen, dass er die Angelegenheit vergegenwärtigt hatte. Sich jeder Meinungs­bildung entsagend, blieb seine Miene aber ausdruckslos.

„Max Lieblich, bitte.“ Die Sekretärin war eingetreten und verlangte den nächsten Patienten. Fluchtartig sprang die Mutter auf. Und auf mich zustrebend, lächelte sie mir verlegen zu. Als sie ihr Kind auf den Arm nahm, reichte ich diesem zum Abschied meinen Zeigefinger. Dieses missverstand die Geste und wollte denselben mitnehmen. Als Entschädigung lächelte ich ihm zu und behielt meinen Finger für mich.

Draußen im Flur wurden die beiden gleich von der Ärztin begrüßt. Seltsam, dachte ich, von uns allen, so befand ich mit meinem medizinischen Unwissen, war der Kleine, der Gesündeste.

Das Hochhaus

„Nicht jetzt!“ Mehr als ein Zischen war es nicht. Wie so oft sah sie einzig eine abweisende Handbewegung. Ihr leidenschaftliches und lärmendes Bemühen ein Gespräch zu führen, abgewürgt mit der unbewussten Geste der Ungeduld.
Ihr Vater war am Telefonieren und wollte nicht gestört werden. Nahm sie nicht einmal wahr und wies das kleine Mädchen mit einer kurzen Umdrehung ab. Halb neun war es und Sophie hatte ihren Vater ins Büro begleitet. Ihre Mutter arbeitete halbtags und so wurde das Gebäude, in dem ihr Vater arbeitete, während den Schulferien zu ihrem Hort. Was genau Sophies Vater arbeitete, wusste sie nicht. Manager, antwortete er immer, wenn sie fragte. Aber verstehen tat sie es dennoch nicht. Manchmal sah sie ihm dabei zu, wie er arbeitete. Allerdings war dieser ständig am Telefonieren und hatte niemals Zeit. Dann stand er da, so wie jetzt, vor der großen Fensterscheibe und stierte über das Meer der Häuser unter ihm. Mit der Hand im Nacken versuchte er sich selbst zu entspannen.
Sophie konnte nicht begreifen, wieso man sich beim Telefonieren so sehr aufregen konnte. Und der Sinn der Arbeit entging ihrem Verständnis völlig. Mit jedem redete ihr Vater – nur mit ihr nicht.
So seinem Rücken zugewiesen, zuckte sie mit den Schultern, ließ Papier und Stifte auf dem Boden liegen und öffnete lautlos die Tür aus dem Büro.
Der Flur war offen und hell. Reines Tageslicht mischte sich unter elektrisches kaltes Leuchten. Etwas verträumt schlenderte sie umher und wurde von der seitlichen Fensterfront magisch angezogen. Mit der Hand stets an einer Wand entlang schleifend, näherte sie sich der lichtdurchfluteten Scheibe.
Ein blauer Himmel lag über den Dächern der Häuser, von denen einige im Grund zu versinken schienen. Keiner der sichtbaren Häuser ragte bis dorthin, wo das kleine Mädchen sich die Nase an der dicken Glasscheibe platt drückte. Sie mochte es zu sehen, wie die Autos wie bunte Ameisen sich mit ihren rot aufglühenden Augen durch die schmalen Gassen schlangen und beinahe lückenlose Reihen bildeten.
Vor ihrem Gesicht wurde das Glas weiß und ließ die Stadt nur noch schemenhaft erkennen. Ihr Atem ging schneller und sie hauchte immer kräftiger gegen die Scheibe, bis schließlich ein großer Kreis aus kondensiertem Wasser dort erschien und ihre Nase und ihren Mund abbildete. Beglückt gluckste sie auf und tupfte zwei Augen in ihr Kunstwerk, lachte ihrem gegenüber zu, drehte sich um und hüpfte den Flur hinunter. Leise sang sie vor sich hin und klopfte mal an der einen, mal an der anderen Seite gegen die Wand und vergaß völlig, was ihr Vater ihr so oft gepredigt hatte.
Scheinbar ziellos zog sie durch die ihr so vertrauten Gänge des oberen Geschosses. Die Fenster beachtete sie schon lange nicht mehr und ihre Kreise zogen sich immer enger um den inneren Kern.
Plötzlich blieb sie stehen und ihr Summen verstummte. Sie hatte ein helles und kurzes Läuten vernommen und war blitzschnell wieder um die Ecke gesprungen.
Vorsichtig lugte sie hervor und sah eben noch, wie sich die chromsilbrigen Türen öffneten. Im Kontrast zu dem Licht im Flur, wirkte jenes, das aus der Kabine herausflutete leicht gelblich.
Ein großer schwarzer Schuh stahl sich hervor und bald darauf folgte ein schwarz bekleidetes Bein. Ein Mann stieg eben aus dem Fahrstuhl. In einer Hand trug er einen dunklen Koffer. Mit der anderen griff er sich an den Hals und rückte seine Krawatte zurecht. Als Einziges an seiner Erscheinung besaß diese Farbe. Blassblau, wie der Himmel an einem wolkenlosen Winternachmittag. Auch seine Frisur erfuhr eine rasche Überprüfung, bevor er eiligen Schrittes in einen der Flure verschwand. Das Mädchen hatte er dabei gar nicht bemerkt. Sein Blick war nicht für den Bruchteil einer Sekunde von seiner Richtung abgewichen.
Vorsichtshalber blieb Sophie dennoch hinter der Biegung stehen, wartete, bis die Schritte des Mannes endlich verhallten, und wagte sich dann erst hervor.
Mit weit nach oben geregtem Haupt blieb sie vor den silbrigen Türen stehen und beäugte misstrauisch die großen leuchtenden Zahlen über dem Rahmen. Eine große 1 stand da. Gleich daneben noch eine, gefolgt von einer Sieben. Ihr Herzschlag wurde wieder langsamer. Der Fahrstuhl war bereits viele Stockwerke tiefer. Beruhigt begann sie wieder zu trällern und spielte weiter. Vor dem Fahrstuhl gefiel es ihr am besten, denn hier hatte sie am meisten Platz. Ein großer Bereich, aus dem drei Gänge führten. Ohne ihrer Umgebung noch weiter Beachtung zu schenken, lief sie in großen Kreisen durch die Halle. Ihr Summen und ihre Schritte hallten wieder und verdrängten jedes andere Geräusch.
Die Gefahr vergessend, bemerkte sie zu spät, dass sich die Kabine sich abermals näherte. Erst das Läuten ließ sie verharren. Erschreckt blickte sie sich um. Jegliche rettende Ecke unerreichbar weit weg. Schon öffnete sich die Tür. Sophie stand immer noch so da, wie sie nach ihrem letzten Sprung das Gleichgewicht wieder gewonnen hatte. Mit nach hinten gerissenen Armen und nach vorne gebeugtem Oberkörper. Ein leicht grauhaariger Mann, etwas hager – wie die meisten in diesem Gebäude – trat hervor und verengte leicht die Augenbrauen, während er das Mädchen prüfend ansah. Dieses lächelte ihm frech entgegen und schlich sich an ihm vorbei, bevor dieser auf die Idee kommen könnte, sie nach ihren Eltern zu fragen. Oft genug schon hatte der Hausmeister sie zu ihrem Vater zurückgeschleppt. Der Mann drehte sich um, wollte etwas sagen, doch die Fahrstuhltür schloss sich bereits. Als hätten seine Gedanken den Faden verloren, schüttelte er den Kopf und ging weiter.
Sophie lehnte am hinteren Spiegel und sah nach oben in die hellen Leuchten. Erleichtert atmete sie aus. Der Förderkorb setzte sich in Bewegung. Das vertraute Gefühl des Fallens ergriff sie. Leise begann sie wieder zu kichern. In der Aufregung hatte sie nicht einmal bemerkt, auf die Taste sie gedrückt hatte und war enttäuscht als sich bald schon die Türen öffnete. 4 konnte sie dort lesen, gefolgt von einer 2. Das ging besser dachte sie und hupfte aufgeregt, um an den obersten der Knöpfe zu reichen. Gleich darauf zogen die dicken Seile sie wieder nach oben. Vergnügt ließ sie sich hinfallen und legte sich auf den Rücken. Es gab eh nur eine Art wie man Fahrstuhl fahren konnte – nämlich liegend. Jetzt spürte sie die ganze Kraft, fühlte, wie sie sich der Erde entfernte, fühlte gar das leichte Vibrieren des Bodens. Das war besser als die Wippe im Kindergarten.
Kaum hatte der Druck auf ihren Rücken nachgelassen, erkannte sie vor sich auch schon wieder die Empfangshalle des Geschosses, in dem ihr Vater arbeitete. Doch sie dachte nicht einmal daran auszusteigen. Eilig sprang sie auf und gab den Befehl ins Erdgeschoss zu fahren. Mit aufleuchtender Taste bestätigte die Kabine die Reise und ließ Sophie erneut fallen. Diesmal sprang sie gar und lachte jedes Mal auf, wenn sie die Platte von Neuem berührte. Sophie konnte ehrlich nicht verstehen, was die anderen in ihrer Klasse nur an der Schaukel fanden. Dieses Spielzeug war ihr viel lieber.
Kaum wollte das Programm die Pforte öffnen als Sophie ihre Meinung auch schon wieder revidierte und sich auf den Weg zu dem obersten Stock machte. Lange ging das nie gut, aber solange keiner sie davon abhielt, würde sie dies wiederholen. Ganze Morgende hatte sie so verbracht – meistens unterbrochen von dem schief lächelnden Haumeister, der es nie fertigbrachte, streng zu werden.
Auf einmal stand unten ein Mann, als der Fahrstuhl sie zum wiederholten Male entlassen wollte. Sie beäugte ihn skeptisch, befand dann, dass sie ihn nicht kannte, lächelte in frech an und stieg aus. Das musste sie so machen, anders würde der Hausmeister wieder einen Anruf bekommen. Mit der Zeit hatte sie herausgefunden, wie sie am längsten spielen konnte.
So also stand sie nun draußen, im Erdgeschoss und wartete etwas ungeduldig darauf, dass der Fahrstuhl erneut leer ihr die Türen öffnete. Stehend verging die Zeit viel zu langsam. Unbewusst begann sie zu wippen. Bis sie einen Schatten hinter sich wusste und gelähmt innehielt. Bedächtig schielte sie zur Seite und glaubte sich ertappt. Doch auch dieser Mann war ihr fremd. Ein wenig von seiner Erscheinung fasziniert begutachtete sie ihn von unten bis oben. Ein stattlicher, eher auffällig fülliger Mann in dunklem Kostüm und roter Krawatte stand neben ihr. Trotz seiner überschüssigen Kilos besaß sein Gesicht einiges an Schärfe und selbst Strenge im Übermaß. Sein Blick durchbohrte sie, während er auf sie herab sah und ihr Benehmen wortlos missbilligte.
Sophie musste schlucken und sah beschämt zur Erde. Am liebsten hätte sie sich in Luft aufgelöst. Der Mann war ihr unheimlich und flößte ihr gar Angst ein. Sie verkrampfte all ihr Muskel und verbot sich jede Bewegung. Sie wagte nicht einmal mehr, ihn anzusehen. Angespannt horchte sie auf jedes noch so leise Geräusch.
Dann endlich war es da, das Läutern auf das sie gewartet hatte. Sie war ihn los! Innerlich jubelte sie, riskierte aber immer noch keine Regung oder gar einen Ton anzudeuten. Der Mann tat zwei Schritte noch vorn. Bange Sekunden. Er blieb stehen. Mit schlimmer Vorahnung sah Sophie zu ihm auf. Seine Augen verengt, verzogen sich seine Brauen zusehens. Bald würde er fragen. Warum sie nicht einsteige? Was sie eigentlich hier machte? Das durfte nicht geschehen. Schon gar nicht bei diesem Unmenschen. Abermals schluckte sie und drängte sich an ihm vorbei in die nun eng erscheinende Kabine. Mit einem dominanten Lächeln im Gesicht trat der Mann hinterher und drückte bestimmend auf einen der Knöpfte. Sophie dachte nicht einmal daran, sich auch nur in die Nähe der Knöpfe zu wagen.
Noch nie hatte Sophie das Schließen der metallenen Türen so bedrohlich empfunden. In einer Ecke stehend, hielt sie den Spiegel im Auge und betrachtete voller Unmut den Mann in seiner dunklen Erscheinung. Breite Schultern strammten seinen Anzug. Der Käfig zog die Beiden auch schon aufwärts. Ob der Spiegel das Bild verzerrte? Sie spürte, wie ihre Angst wich. Der Fremde stand dicht vor der Tür. Den Blick gesenkt betrachtete dieser wohl seine Füße. Seine Hand fast zur Faust geballt, rieb er sich die Finger aneinander.
Sophie musste kichern, irgendwie taten das alle, wenn sie im Fahrstuhl waren. Erschrocken von ihrem Übermut schlug sie sich die Hände auf dem Mund zusammen und versuchte das Geräusch ungeschehen zu machen. Sie hielt den Atem an. Ihr Herz schlug ungewöhnlich heftig. Doch der Mann regte sich nicht. War er taub? Neugier verdrängte ihre Angst. Bedächtig schlich sie sich nach vorne. Ihre Schritte konnten nicht unbemerkt bleiben. Doch der Mann hob lediglich den Kopf und starrte auf die erleuchtete Anzeige über ihm. Seine Lippen bewegten sich stumm, als würde er zählen.
Ganz weit vorne stand der Dicke. Doch Sophie wollte ihm ins Gesicht sehen. Dabei wagte sie zu viel. Mit ihrer Schulter streifte sie sein Bein. Die Hand des Mannes zuckte kurz. Sein Blick senkte sich leicht und blieb kurz an der metallenen Tür haften. Steif rieb er sich mit seiner zusammengezogenen Hand, dort wo er berührt worden war. Etwas verloren wandte er seinen Kopf zur anderen Seite und erblickte sein Gesicht im Spiegel. Irritiert stellte er fest, dass er nicht allein war, und betrachtete ruckartig den Boden unter ihm. Aber dort stand nun Sophie mit breit grinsendem Gesicht. Verlegen, wegen der sich anbahnenden Vertrautheit flüchtete sein Blick in die für das Mädchen unerreichbare Höhe. Enttäuscht schlängelte sich das Mädchen wieder nach hinten in die Kabine und betrachtete hoffnungsvoll die Knöpfe, die sie bald wieder zu betätigen gedachte. An rasante Fahrten dachte sie, während der Fahrstuhl abrupt stehen blieb und sich die Flügel öffneten. Eilends hob der Mann seinen schwarzen Schuh hinaus. Zupfte kurz an seiner Krawatte rum und verzog sich in einen der Flure. Der Fahrstuhl war Sophies Reich und nun hatte sie ihn wieder für sich ganz allein.