Das Mädchen auf dem Hügel

„Komm, bleib hier“, rief Gertrude ihre Tochter mitfühlend aus ihren Gedanken.

Mathilde war in der Türöffnung stehen geblieben, als ihr Vater sie zurückgewiesen hatte. Eigentlich wollte sie mit ihm gehen, doch nun sah sie wie er den Hügel hinunterschritt. Sein breiter Rücken wirkte bei weitem nicht mehr so stark wie früher. Er war immer noch muskulös, doch schien er immerfort eine schwere Last zu tragen. Ihr Vater hielt sich leicht nach vorne gebeugt und ihm war der Regen gleichgültig, der ihm das Haar durchnässte. Das Wasser lief ihm die Wangen hinunter, während er lustlos den Pfad hinuntertrabte.

Immer nach stand Mathilde oben und fühlte die Trauer ihres Vaters und litt mit ihm. Sie würde ihm so gerne helfen.

„Hilf mir beim Abwaschen.“ Gertrude mühte sich nach soviel Normalität wie irgend möglich. Vielleicht war das auch der Grund, warum ihr Vater in letzter Zeit soviel arbeitete. Andererseits hatte er nun auch keinen mehr, der ihm half und die Arbeit machte sich nicht von selbst.

Als ihre Mutter sie nochmals rief, drehte sie sich endlich um und half beim Abwaschen. Sonst war dabei stets ein Summen zu hören, doch in letzter Zeit fehlte ihrer Mutter dafür die Kraft. Überhaupt war es sehr ruhig geworden, seit ihr Bruder gestorben war. Die Gespräche waren wortkarg und umfassten nur das Nötigste. Es war ein Unfall gewesen. Er half im Nachbardorf ein Dach zu errichten, als ihn ein abrutschender Balken traf. Er hatte ihn leichtsinnig auf eine Kante gelegt ohne ihn zu fixieren. Es war sein eigener Fehler gewesen. Er war immer etwas leichtsinnig und starrsinnig gewesen, doch nun gab Vater sich die Schuld und sie konnte nichts tun, um ihm zu helfen. Keiner durfte in seiner Gegenwart darüber sprechen, dabei war es beinahe ein Jahr her.

„Füllst du das Holz auf?“, fragte Gertrude und versuchte Mathilde auf Trab zu halten. „Ich flechte an den Körben weiter.“

Mathilde ging hinaus zur regenabgewandten Seite des Hauses. Dort war mannshoch Brennholz aufgestapelt, das sie über den Sommer aus dem Lager am Fluss auffüllten. Sie nahm jedes Mal etliche Stücke mit hinein und füllte die steinerne Nische neben dem Kamin, mit dem Restholz, das ihr Vater nicht verwenden konnte. Der Kamin und die Nische waren das einzige aus Stein in diesem Haus. Ansonsten waren es dicke Holzwände, die mit Lehm verputzt waren. Es war das einzige Haus weit und breit, das so gebaut war. Das lag daran, dass sie eine Schreinerei besaßen und leicht an Holz kamen.

„Das Holz ist aufgefüllt, soll ich Wasser holen gehen?“ Es war eine alltäglich gewordene Frage.

„Hast du deinem Vater Brote gemacht?“, kam die gewohnte Gegenfrage.

Mathilde nickte mit einem freudigen Lächeln. Gertrude wank sie mitfühlend zu sich heran.

Mathilde stellte sich neben ihre Mutter und ließ sich von ihr über den Rücken streicheln.

„Ach, mein Kind. Du gibst nie auf?“

Sie antwortete mit einem zarten Kopfschütteln. Die Frage bedurfte ohnehin keiner Antwort. Gertrude fuhr noch einige Male über den Rücken. Dann drückte sie ihre Tochter am Arm. „Du schenkst mir so viel Kraft.“ Sie machte eine Pause ohne sie loszulassen. „Auch deinem Vater, mehr als dass er es dir zeigen könnte.“

Die Worte bedeuteten Mathilde viel. Mit einem kleinen Korb in der einen und einem großen Eimer in der anderen Hand, machte sie sich auf den Weg zum Fluss.

Sie musste acht geben. Der Weg war leicht glitschig durch den Regen der vergangenen Tage. Unten erwartete sie ein unruhig gewordener Fluss der spielend über seine üblichen Ufer strich. Sie ging zu einem Felsvorsprung, denn hier konnte sie den Eimer gefahrlos füllen. Den vollen Eimer stelle sie am Eingang der Schreinerei ihres Vaters ab.  Sie hörte wie sich das dicke Sägeblatt durch das Holz fraß. In einem monotonen Rhythmus zog ihr Vater die Säge zu sich heran, um sie dann mit weniger Kraft von sich zu drücken. Er hörte sie nicht und wandte dem Eingang den Rücken zu. So stellte sie den Korb ab und schlich sich hinein.

Neben der großen Werkbank stand ein grob gezimmerter Tisch. Darauf lag ihr Werkzeug. Ihr Bruder hatte sich immer über ihre viel zu kleinen Hände und die viel zu schwachen Arme lustig gemacht. Auch ihr Vater hatte anfangs gelacht und gemeint, sie solle ihrer Mutter helfen. Doch mit der Zeit erfüllte ihn ein gewisser Stolz, dass seine Tochter nicht so war, wie die dummen Mädchen im Dorf. Manchmal ließ er es gar zu, dass sie ihm half. Sie durfte ihm das Werkzeug bringen und manchmal gar etwas abmessen.

Doch seit einem Jahr war das vorbei. Vieles hatte sich von einem Tag auf den anderen geändert. Ihre Mutter meinte, dass es ihn zu sehr an seinen Sohn erinnerte und dass er deshalb nicht wollte, dass sie ihm half. Es war als hätte er sich alles verboten, was ihm Freude machen konnte. Er folterte sich selbst, als wäre es die einzig richtige Strafe für ihn. Es war seine Schuld, so viel stand für ihn fest. Und wer schuld ist, muss Buße tun. Ihr Vater war kein besonders gläubiger Mann. Aber man muss Werte haben, pflegte er zu sagen. Wenn man keine Werte hat, ist man kein Mensch. Meistens sagte er das, wenn er etwas Unangenehmes tun musste oder sich dafür rechtfertigte kein Unrecht zu tun, obwohl es ihm von Nutzen wäre.

Aber Mathilde traf keine Schuld. Dennoch strafte er auch sie. Sie wollte helfen, sie wollte besser werden, denn ihr machte die Arbeit Spaß. Er hatte ihr nie direkt verboten die Schreinerei zu betreten, aber er hatte sie immer wieder weggeschickt oder sie daran gehindert mit ihm zu gehen.

Doch eigensinnig wie Mathilde war, hatte sie mit der Zeit ihren Weg gefunden. Nachmittags schlich sie sich hinein und setzte sich an ihre Werkbank. Holz, das sie bearbeiten konnte, fand sie zur Genüge. Sie wusste, dass solange sie sich ruhig verhielt, würde ihr Vater sie nicht bemerken oder zumindest so tun als ob. Von sich aus tat er ohnehin wenig und sprechen gar noch weniger. Nur arbeiten tat er die ganze Zeit. Manchmal ging er sogar nachts hinunter und räumte in klaren Nächten das Außenlager auf.

Auch heute blieb Mathilde an ihrer Werkbank ungestört. Ihr Vater hatte reichlich Aufträge und seine Arbeit war besser als je zuvor. Mit gut gab er sich längstens nicht mehr zufrieden. Er gab erst Ruhe, wenn er keinen Makel mehr fand. Als könnte er alles vergessen machen, fixierte er sich auf jeden seiner Aufträge und doch wirkte er freudlos. Alles was er tat, oder nicht tat, schien auf seine Art Buße zu sein.

Mathildes Sammlung unter der Werkbank wuchs unterdessen stetig an. Sie hatte diese inzwischen von der Wand wegrücken müssen, um dahinter lagern zu können. Seid einer Woche arbeitete sie wieder an ihrer Lieblingsarbeit, einem Brettspiel, von denen sie schon zig Exemplare angefertigt hatte. Mit leisen Schlägen meißelte sie die Konturen heraus und blies von Zeit zu Zeit die Späne in einen Leinen versehenen Korb. Auch sie vergaß dabei alles um sich herum, allerdings war es bei ihr die Leidenschaft, die in ihr brannte. Die Geduld und Hingabe, die sie in ihre Arbeit legte war dieser anzusehen. Alles war reichlich und doch harmonisch verziert.

Ein letztes Mal blies sie die winzigen Späne vom Spielbrett und fuhr prüfend mit der Hand und einem Pinsel über jede Kontur, bis das letzte Staubkorn beseitigt war und sie sicher war, dass keine Unebenheit mehr übrig war. Ein zufriedenes Lächeln schlich sich in ihr Gesicht. Es war ihr so gelungen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Doch dann blickte sie sich nachdenklich um. Ihre Arbeit war noch nicht ganz fertig. Es bedurfte noch einiger Verzierungen, die sich nicht meißeln ließen. Sie musste noch Flächen schwärzen und den Figuren und den zahlreichen Spielbrettern Leben einflössen. Das war ein heikler Teil ihrer Arbeit, dann dazu musste sie Feuer anzünden. Deshalb sammelte sie solche Arbeiten und wartete bis auch ihr Vater Feuer brauchte. Aber in letzter Zeit hatte dieser keine Arbeit gehabt, für die es das bedurfte.

Draußen hatte es zu regnen aufgehört und der Boden war nass. Sie betrachtete den Stapel an unvollendeter Arbeit, schluckte kräftig und fasste den Entschluss es heute zu wagen. Ihr Vater war immer noch mit der großen Säge beschäftigt. Er hatte manchmal solche Tage, da hörte er gar nicht mehr auf mit Sägen. Heute Abend würde er wieder Blasen an seinen Händen haben, so tun als wäre alles in Ordnung und noch schweigsamer sein. Auch wenn es sie traurig machte ihn so zu sehen, so war es doch die beste Gelegenheit ihr Vorhaben umzusetzen.

Sie nahm ihren Korb mit den feinen Holzspänen, die zwei Feuersteine, einen metallenen Korb und ein wenig von dem Heu, das sie im Sommer zu diesem Zweck ernteten und trockneten.

Draußen in einiger Entfernung zur Schreinerei war eine große Fläche mit Steinen aus dem Fluss ausgelegt. Dort wuchs kein Grashalm und wenn doch dann zupften sie es weg, damit sich dem Feuer keine Möglichkeit bieten konnte überzugreifen. Ihr Feuer heute würde aber ohnehin sehr klein ausfallen. Dennoch stellte sie drei Eimer mit Wasser neben der Feuerstelle auf und befolgte alles, was sie von ihrem Vater gelernt hatte. Sie legte sich kleingeschnittene Äste zurecht und entzündete das Heu mit den Feuersteinen, bevor sie mit den Holzspänen den ersten Flammen weitere Nahrung gab. Das Holz stellte sie in den eisernen Korb.

Während sie darauf wartete, dass sich die Glut bildete und ihre Werkzeuge die Hitze in sich aufnahmen, ging sie hinein und nahm den unangerührten Korb mit den Broten. Sie setzte sich draußen hin und wärmte sich am Feuer, während sie die Brote aß. Auch das war eine dieser stillen Übereinkünfte. Ihr Vater wusste genau, dass die Brote dort standen, denn sie standen jeden Nachmittag dort. Aber er hatte selten Hunger und so aß Mathilde sie selbst. Beide würden sie aber ihre Mutter im Glauben lassen, Vater hätte sie gegessen.

Als das Feuer richtig warm war stellte sie Steine an den Korb, damit die Hitze lange bleiben würde und legte Holz nach. Dann nahm sie sich eines der Werkzeuge und ging hinein. Sie arbeitete zügig aber konzentriert und mit einer so ruhigen Hand, wie selbst ihr Vater sie nicht besaß. Sie wusste genau was sie wollte und jeder ihrer Handgriffe saß, sodass sie die kostbare Hitze nicht vergeudete. Dennoch musste sie regelmäßig aufstehen und ihr Werkzeug wechseln, aber währenddessen wuchs der Stapel an nun vollendeter Arbeit.

Mathilde beugte sich nahe über ihre Arbeit, den Kopf schräg und ihre Haare als Geflecht über die eine Schulter gelegt, damit sie sich diese nicht versengten.

„Was machst du da?“ Eine tiefe Stimme riss sie aus ihrer Konzentration. Reflexartig hob sie den eisernen Stab, um ihr Werk nicht versehentlich zu beschädigen.

Ihr Herz raste. Sie hatte sich halb zu Tode erschrocken.

„Zeig es mir.“ Ihrem Vater musste dies aufgefallen sein, denn er versuchte sich an einem milderen Ton.

Mathilde drehte sich langsam um. Sie fürchtete keine Rüge, dennoch konnte sie nicht einschätzen, was sie erwartete. Ihre größte Sorge war, dass er ihr nun doch verbieten würde die Schreinerei zu betreten.

Seine Miene war nicht zu deuten. Sie konnte außer der tief sitzenden Trauer keine Gefühlsregung darin ausmachen.

Mathilde legte ihr Werkzeug in die Halterung und reichte ihrem Vater das Brettspiel. Es war noch nicht fertig, aber es fehlte nicht mehr viel.

Ihr Vater hielt es lange in der Hand und begutachtete es von allen Seiten.

„Du bist noch besser geworden“, meinte er verwundert.

Mathilde brachte kein Wort heraus. Es war seit dem einen Tag das erste Mal, dass er ihre Arbeit wahrgenommen hatte.

Ihr Vater blickte an ihr vorbei. „Du hast noch mehr davon?“ Seine Verwunderung war ehrlich.

„Ja“, antwortete Mathilde und versuchte den Klos im Hals herunter zu schlucken. „Aber es sind unterschiedliche Spiele.“ Sie war aufgeregt. „Ich habe auch Figuren geschnitzt“, wagte sie sich vor.

Ein Brummen ertönte. Mathilde wusste nicht, was das bedeuten sollte.

„Soll ich es dir zeigen?“

Das zweite Brummen nahm sie als Zustimmung. Energiegeladen wie sie nun war, musste sie sich zwingen nicht hektisch zu werden. Das vertrug ihr Vater gar nicht. Sie stand auf und kramte ihre Arbeit hervor. Es hatte sich viel angehäuft in dem vergangenen Jahr. Dabei war etliches nicht besonders gut, aber das ließ sie dann im Verborgenen.

„Du wärst ein guter Junge geworden“, richtete ihr Vater über ihre Leistung.

Mathilde wusste, dass es das höchste Kompliment war, das ihr Vater ihr machen konnte.

Er blieb stehen und sah sie an als wollte er noch etwas sagen. Doch er blieb stumm. Er wirkte niedergeschlagen und mutlos.

„Vielleicht können wir sie am Markt in der Stadt verkaufen?“ Mathilde schöpfte auf einmal Hoffnung. Sie musste es einfach versuchen.

Ihr Vater sah an ihr vorbei ins Leere.

„Simon und ich sind immer dorthin gegangen!“, stelle ihr Vater klar.

„Ja, ich weiß.“ Sie hatte den Namen lange nicht mehr gehört.

Sie wagte es nicht die Frage, die ihr auf der Zunge lag, auszusprechen.

Ihr Vater nickte in Gedanken und reichte ihr das letzte Stück zurück. Er drehte sich um und ging wieder zu seiner Säge. Waren seine Augen feucht gewesen? Mathilde blickte ihrem Vater mit gemischten Gefühlen hinterher. Unentschlossen blieb sie stehen. Sollte sie zu ihm hin? Sollte sie ihn anschreien oder sollte sie ihn in den Arm nehmen? Die erwachte Hoffnung erlosch wie Feuer, dem die Nahrung fehlte.

Sie setzte sich hin und wollte weiter arbeiten, doch das Eisen war zu kalt und erst musste sie noch das entstandene Chaos beseitigen.

Sie arbeitete bis es draußen dämmerte und es drinnen für diese Arbeit zu dunkel wurde. Ohne sich umzusehen ging sie mit gesenktem Kopf hinaus. Das Feuer war erloschen, aber die Glut wärmte noch und so hockte sie sich davor und wärmte sich die Hände. Der wolkenbehangene Himmel ließ es rasch dunkel werden und sie ging nicht gerne alleine hoch, wenn es dunkel war. So stand sie auf und nahm einen der Wassereimer um die letzte Glut zu löschen.

„Nein lass, Mathilde“, ertönte die Stimme ihres Vaters hinter ihr. „Lass uns die Glut in einem Eimer mit nach oben nehmen. Dann haben wir es zu Hause leichter ein Feuer zu machen.“

Mathilde nickte, abermals unfähig eine Antwort in Worte zu fassen. Sie tat wie geheißen, während ihr Vater wie ein verlorenes Kind stehen blieb. Reglos und ohne Kraft.

Ein leises Zischen ertönte als das Wasser die restliche Glut losch. Mathilde nahm den Eimer und achtete darauf nicht dagegen zu stoßen, während sie den Hügel empor stiegen. Ihr Vater blieb wenige Schritt hinter ihr, als fehlte ihm die Kraft ihr zu folgen.

Schließlich blieb er stehen, doch Mathilde merkte es nicht.

„Du musst das verstehen. Es geht einfach nicht!“

Erst jetzt merkte Mathilde, dass er stehen geblieben war und drehte sich um. Unverwandt blickte sie zu ihm herab.

„Simon und ich sind immer zum Markt gegangen!“ Es klang als müsste dies alles erklären.

Mathilde blieb wortlos stehen.

Ihr Vater zitterte. Mehrmals setzte er an, etwas zu sagen.

„Simon ist tot“, kam es endlich hervor und Tränen bahnten sich einen Weg seine Wangen hinunter. Mathilde stiegen auch die Tränen hoch, doch noch konnte sie diese zurückhalten. Es schmerzte sie ihren Vater so zu sehen.

„Ich weiß, Vater.“ Sie wusste nicht woher sie die Kraft nahm zu sprechen. „Aber ich lebe!“

Ihr Vater sah verwundert zu ihr hinauf. Seine Lippen bebten, doch brachten sie keine Ton hervor.

Dann weinte er nur noch und Mathilde ging zu ihm und umarmte ihn wortlos.

Morgen gibt es auch ein Morgen

„Morgen!“, raunte er zum Abschied und ließ die Tür zur Garage zufallen. Der Knall verriet ihm, dass er doch etwas zuviel Schwung in seine Bewegung gelegt hatte. Als er ins Auto stieg, griff er mit beiden Händen fest ans Steuerrad. Dass sie ihn einfach nicht verstand. Er versuchte sich zu beruhigen, bevor er die Autotür nun leiser schloss.

Er schüttelte den Kopf um diesen frei zu bekommen. Dabei ging es ihnen doch gut. Da musste man nun mal auch Opfer bringen. Er war schon zwei Straßen weiter als er merkte, dass er mit den Gedanken noch immer Zuhause war. Zum Glück klingelte sein Handy. Es war Tobias. Sie telefonierten meistens so früh. So war die Zeit im Auto nicht verloren, und so früh waren sie noch ungestört. Später im Büro würden alle gleichzeitig auf ihn eintrommeln. Alle wollten sie Entscheidungen von ihm. Es war bisweilen anstrengend, doch er genoss die Arbeit, und die Verantwortung. Hier hatte er das Gefühl wirklich gebraucht zu werden und jeder hörte ihm zu. Nicht wie seine Susanne, seine Frau, die ihn scheinbar gar nicht verstand. Ach, zum Teufel, wo glaubte sie dann, dass all das Geld herkam. Da musste man auch mal Samstags ins Büro.

„Alles in Ordnung?“, fragte Tobias über die Freisprechanlage. „Du klingst angespannt.“

„Ach“, stöhnte Eric und klopfte auf das Steuerrad. „Nein, alles in Ordnung.“ Er musste sich zusammenreißen. „Was meinte der Engländer dann? War er einverstanden?“

Eine Weile später saß er an seinem Schreibtisch. Wie er hierher gekommen war, konnte er nicht mehr recht sagen. Heute störte ihn auch die Stille im Büro. An einem Wochentag wäre ihm das nicht passiert, dass er so zerstreut war. Dabei wollte er doch gerade heute so viel Liegengebliebenes aufarbeiten. Stattdessen erwischte er sich dabei, wie er Löcher in die Luft starrte. Der Haufen vor ihm wuchs von Woche zu Woche, dabei war vieles nur Fleißarbeit, nichts von dem, was ihn wirklich reizte. Aber irgendwie fand die Arbeit nur ihn. Er verstand auch nicht, wie die anderen Freitags schon so früh gehen konnten, manche gar schon vor 16 Uhr.

Dieser neumodische Kram von flexiblen Arbeitszeiten hatte ihm rein gar nichts gebracht. Eher im Gegenteil, und zu allem Überfluss war Susanne jetzt noch hinter ihm her, er solle sich ein Beispiel daran nehmen. Was dachten sich denn die Leute auf einmal alle. Das Leben besteht nun mal nicht nur aus Freizeit.

Abermals klingelte sein Handy. „Ja, warten Sie, ich komme gleich runter.“ Samstags schloss die Tür immer automatisch, so dass er seine Bestellung selbst nach unten holen gehen musste.
„Danke.“ Der Lieferjunge freute sich über das satte Trinkgeld. „Guten Appetit!“, sagte er noch, als wäre er Kellner in einem Restaurant. Dabei war es nur Penne Carbonara in einer Nudelbox. Bereits im Fahrstuhl nahm er die Plastikgabel und wollte anfangen, doch er verbrannte sich die Zunge. „Verdammt“, fluchte er ungehört. Der Italiener war gleich nebenan und seine Ungeduld war ihm hier schon öfters zum Verhängnis geworden. Er hätte es also wissen müssen. Mit dieser Wut auf sich selbst stellte er die Packung energiegeladen auf den Tisch, und bearbeitete noch schnell ein paar Formulare und stocherte ab und an nach seinen Nudeln.

„Ach, Scheiße!“ Eine Nudel klebte auf einem Dokument als er es weglegen wollte. „Warum hast du dir nicht ein anderes Blatt aussuchen können?“, schimpfte er über das irrationale Benehmen der Nudel. Wütend knüllte er das Papier zusammen und visierte den sich füllenden Papierkorb an. Doch auch hierbei wollte sich an diesem Tag kein Erfolg einstellen.

„Pfff“, stöhnte er und ließ sich in seinem Stuhl nach hinten fallen. Mit im Nacken verschränkten Händen legte er seinen Kopf schräg und ließ seinen Blick nach draußen gleiten. Der Frühsommer zeigte sich von seiner strahlend blauen Seite, als wollte er ihn für seinen Trübsal verspotten. „Ach“, ärgerte er sich. „Das wird heute nichts.“ Er wollte nicht länger wütend auf sich sein. „Vielleicht ist das auch ein Zeichen“, gab er sich mit dem Wetter versöhnlich. Er räumte die Stapel gerade. Wenigstens sein Schreibtisch sollte heute ordentlich sein. Dann stand er auf.

Doch als er draußen ankam, blieb er hilflos stehen. Einfach so nach Hause gehen konnte er auch nicht. Eigentlich hatte er Susanne versprochen heute mit ihr Picknicken zu gehen. Auch eine von diesen irrationalen Unternehmungen, die er nicht recht verstand, aber er hatte doch eingewilligt. Nach mehrmaligem Verschieben hatte er es fest für dieses Wochenende versprochen. Deshalb verstand er auch nicht, warum es so schlimm war, es auf Morgen zu verschieben.

Trotzdem, wenn er jetzt nach Hause kam, würde er vielen Fragen ausgesetzt sein. Nein, so wie er am Morgen seinen Notstand im Büro geschildert hatte, konnte er nicht hinter seine Worte. Er würde sich wohl etwas einfallen lassen müssen. Er rieb sich müde die Stirn und zuckte dann mit den Schultern, als müsste er sich dem Unausweichlichem stellen.

Zu Fuß ging er vier Blöcke weiter. Es herrschte reges Treiben in der Stadt. Einige gingen zügig und zielgerichtet, aber die meisten schlenderten vor sich hin, schauten mal hier- mal dorthin, und schleckten dabei ihr Eis. Er war einer derer, die zielgerichtet gingen. Und so trat er auch in den Laden, als die Türglocke nostalgisch sein Eintreffen verkündete.

Eric hielt direkt auf die Kasse zu, da sah er den Verkäufer hinter einem Regal knien. „Komme gleich.“ Er stellte noch den letzten Topf ins untere Regal und stand auf. Er wischte sich die Hände an seiner Schürze sauber. „Einen schönen guten Tag. Wie kann ich ihnen helfen?“

„Guten Tag“, antwortete Eric knapp. „Ich bräuchte einen Strauß von ihrem Grünzeug.“ Er machte eine ausladende Geste.

„Gerne.“ Sein Lächeln wirkte für den Augenblick aufgesetzt, doch er fing sich rasch. „Irgendwelche Vorlieben?“

Eric verkniff sich die Frage, ob er hier der Gärtner wäre. Sein Blick jedoch musste das auch so verraten haben. Der Mann nickte, als wollte er darauf antworten. „Ich kann ihnen auch gerne eine Vorschlag zeigen.“

„Sehr gerne.“ Eric lächelte nun auch, er war wohl etwas grob gewesen. Und dafür bestand kein Grund, wie er wenig später feststellte. Der Gärtner präsentierte einen wuchtigen, aber gefälligen Strauß. Eric zuckte nur kurz mit einer Braue, bevor er seine ebenfalls wuchtige Schuld mit seiner Karte beglich.

So bewaffnet fühlte er sich nicht mehr arg zu falsch unter den übrigen Passanten und fuhr wenig später aus der Parkgarage.

Abermals rieb er sich die Stirn und versuchte seinen Schreibtisch aus seinen Gedanken zu bannen, als er in die Einfahrt bog.

„Hallo“, trat er in den Flur. „Liebling?“ Er ging in die Küche. „Bist du da?“ Stille. Er rief noch einmal die Treppe hoch, doch das Haus war leer. Er blickte kurz auf den Strauß. Was sollte er tun? Sollte er sie anrufen? Nein, das würde in einem Streit enden. „Denkst du ich würde nun zu Hause sitzen und auf dich warten?“ Doch dann kam ihm eine Idee und so ging er nach draußen in den Garten. Dort kniete sie und wühlte in einem der Blumenbeete. Sie hatte nie gewollt, dass er einen Gärtner bestellte. Das wäre nicht das gleiche, meinte sie dann immer. Anfangs hatte er auch geholfen, aber nun fehlte ihm einfach die Zeit.

Etwas verloren stand er da, mit seinen Blumen. Susanne hatte ihn nicht gehört und war völlig in ihre Arbeit vertieft.

„Susanne?“, flüsterte er, weil sein Stimme eingetrocknet war. Er räusperte sich. „Liebling?“ Susanne fuhr erschrocken hoch.

„Uff, musst du dich so anschleichen?“

„Tschuldigung“, meinte er und hielt ihr die Blumen entgegen. Dabei wurde ihm bewusst, dass dies so wirken musste, als habe er ein schlechtes Gewissen. „Ich habe mir gedacht, dass heute wirklich zu schönes Wetter ist, um im Büro zu sein“, ging er in die Offensive.

„Was du nicht sagst“, lachte Susanne, aber es klang nicht froh. Sie bückte sich vor und zog die Erde über die Wurzeln der jungen Rosenstöcke.

„Ich habe mir gedacht wir könnten immer noch Picknicken gehen.“

„So so“, zeigte sich Susanne wenig überzeugt. „Woher der Sinneswandel?“

„Ich habe mich in letzter Zeit zu wenig um uns gesorgt. Du hast recht, wir sollten mehr Zeit zusammen verbringen.“ Eigentlich redete er sich in Teufels Küche. Das würde Susanne in Zukunft alles gegen ihn verwenden. Aber zumindest für den Moment hatte er seinen Frieden. Und das viele Gestreite gefiel ihm auch nicht.

Susanne hob skeptisch die Augenbrauen. „Und wenn ich den Picknick schon gegessen habe?“

„Wir wollten doch Morgen gehen?“ Eric dachte angestrengt nach, um bloß nichts Falsches zu sagen.

„Morgen soll es regnen“, erklärte Susanne nüchtern.

„Das wusste ich nicht.“

„Das habe ich dir aber gesagt. Heute Morgen noch.“

Und da war es schon geschehen, dachte Eric. „Aber dann können wir immer noch spazieren gehen“, wich er aus.

„Möchtest du das denn wirklich?“

„Aber sicher, sonst wäre ich nicht hier“, spürte Eric wieder Boden unter seinen Füßen.

„Na dann will ich nicht so sein“, stand Susanne endlich auf. „Ich glaube, ich nehme dir mal die Blumen ab, bevor du mit denen Wurzeln schlägst.“

„Gute Idee“, lächelte er und unterdrückte ein erleichtertes Ausatmen. „Wir können ja auch eine Flasche Wein mitnehmen und es uns am See gemütlich machen.“ Schadensbegrenzung war jetzt angesagt.

„Ich habe nichts angerührt, der Korb ist schnell gefüllt.“ Susanne sah ihren Mann prüfend an. „Allein macht das keinen Spaß.“

„Klasse.“ Sein schlechtes Gewissen war deutlich heraus zu hören, auch dass er wusste, dass die Wortwahl besser hätte sein können. „Dann lege ich die Decken ins Auto?“

„Mach das. Ich zieh mich rasch um.“

Eine halbe Stunde später saßen sie im Auto und Eric fuhr ausnahmsweise gemächlich über die Landstraße. Susanne mochte es nicht sonderlich, wenn er seinen gewohnt sportlichen Fahrstil an den Tag legte. Heute hatte sie kein Wort sagen müssen, aber auch ansonsten war die Fahrt reicht schweigsam. Jedem gingen eigene Gedanken durch den Kopf.

„So da sind wir“, sagte Eric unnötigerweise und ließ den Motor verstummen. Susanne sah ihn an und lächelte. „Judith meinte sie hätten im Winter hier einen Fitnesspfad angelegt und auch eine Baumallee, wo alle hier heimischen Baumarten wachsen sollen.“

„Oh interessant, dann bin ich mal gespannt“, meinte Eric und klopfte Susanne auf den Oberschenkel. Er lächelte und stieg aus.

„Ich nehme den Korb, du den Rucksack?“

„Ja.“ Susanne stieg nun auch aus. Wie immer, dachte sie, wollte es aber nicht aussprechen.

Der Wald war auch wie immer. Die Blätter bekamen allmählich ein dunkleres Grün und verrieten, dass der Frühling hinter ihnen lag. An etlichen Stellen lag noch Holz, das im Winter geschlagen worden war.

„Sieh, hier fängt der Fitnessweg an“, stellte Eric fest und blieb stehen.

„Ja“, antwortete Susanne. Es war das erste Wort, das sie unterwegs gewechselt hatten.

„Sieht eher nach einem Pfad aus“, lachte Eric geringschätzig.

„Sollen wir ihn mal anschauen?“

„Warum nicht?“ Eric war es gleich welchen Weg sie gingen. „Verlaufen werden wir uns wohl nicht.“

Der Pfad schlängelte sich eigenwillig durch den Wald und führte über viele Wurzel. „Das sind ja immer nur Stangen und Hindernisse“, kommentierte Eric kopfschüttelnd und lachte über das Angebot. „Da braucht man aber schon viel Fantasie, um sich müde zu machen.“

Susanne las die Beschreibung und gab sich einem Versuch hin. Eric wollte sich keine Faulheit nachsagen lassen. „Sieh, ich komme noch mit den Füßen an den Boden.“

Es sah einfach albern aus, wie er den Anschein gab, sich voran zu hangeln. Susanne lachte leise und brach ihren Versuch ab.

„Oh und hier kommt dann wohl die Allee“, spottete er über eine längliche Lichtung in der zwei Reihen mit Pfählen und eisernen Gittern vor ihnen auftauchte.

„Das soll die unterschiedlichen Alter der Bäume veranschaulichen. Es scheint als würden später die gleichen Bäume nachmals kommen, aber immer fünf Jahre älter.“

„Da haben einige wohl wirklich zu viel Zeit, um sich so etwas auszudenken. Als gäbe es hier im Wald nicht genug Bäume.“ Eric konnte nur noch den Kopf schütteln.

Susanne gab es auf, und sie gingen weiter. Eigentlich fand sie es interessant und wollte auch die zahlreichen Erklärungen lesen. Aber sie spürte seine Ungeduld. Den Rest des Pfades setzten sie ohne Unterbrechung fort. Auch wenn sie ihren vertrauten Weg immer wieder kreuzten, so folgten sie dennoch dem neuen Pfad. Sie hatten sich dazu entschieden, und warum sollten sie es ändern? Ansprechen taten sie es nicht. Sie gingen einfach weiter. Nur bei einer Kreuzung bogen sie ab zum See. Hier setzten sie sich auf die ihnen vertraute Bank, auch wenn sie in den letzten Jahren kaum noch hergekommen waren. Routiniert nahmen sie die zweit Decken und machten es sich gemütlich. Sie aßen Käse mit Trauben und Baguette und tranken dazu ihren Lieblingsrotwein. Es gab einfach Dinge die änderten nie, und waren immer gut.

Eric kratzte sich am Arm. Was er wohl dachte, fragte sich Susanne. Er war so weit weg. Vielleicht redeten sie wirklich nicht genug miteinander. Aber allein das störte sie nicht. Es war vielmehr ihr Schweigen, das sich nicht mehr so anfühlte wie früher.

„Du Eric?“

„Mhh?“ Er war wirklich weit weg gewesen. „Ja Liebling?“, fragte er reflexartig.

„Du kennst dich doch aus mit Geschäften.“

„Ja, das kann man so sagen“, lachte er. „Aber das weißt du doch.“ Er sah sie irritiert an. „Warum fragst du?“

„Ach nur so“, wich Susanne aus. „Es ist wegen Judith“, meinte sie dann doch. „Es geht mir etwas nicht aus dem Kopf.“

„Was hat sie mit Geschäften zu tun?“

„Nicht direkt. Wir haben nur so geredet.“

„So so“, sagte er. Der Ton verriet ihr, dass er sein Interesse verlor, das aber nicht sagen wollte.

Eine Weile schwiegen sie.

„Was würdest du einem Kunden raten, wenn er viele Firmen hätte, aber eine einfach nicht mehr so gut produziert?“

„Grunderneuern oder verkaufen. Normalerweise ist dann irgendwo der Wurm drin. Mit ein bisschen Ändern kann man da nichts mehr machen.“

„Aber wenn er an der Firma hängt!“

Eric lachte. „Das hat damit nichts zu tun!“

„Aber wenn es seine erste Firma war? Wenn er seine ganze Leidenschaft hinein gesteckt hat?“

„Egal, weg damit. Umso schlimmer, wenn man daran hängt. Dann trifft man die falschen Entscheidungen. Weg damit und neu anfangen.“

„Mhh.“ Susanne dachte darüber nach und Eric lachte leise vor sich hin. Woran er wohl dachte?

„Dann ist Liebe nichts worauf man etwas geben sollte?“

Eric wurde stutzig und sah sie nun direkt an. Sie erwiderte kurz den Blick, aber betrachtete dann erneut den See.

Eric ließ sich diesmal Zeit. „Liebe ist wichtig! Auch bei Geschäften.“ Er dachte nach und ließ seine Worte wirken. „Wenn man etwas tut, was man nicht liebt, dann wird es auch nicht gelingen. Aber man darf sich nicht blenden lassen, und nicht wegen der Liebe, die man am Anfang empfunden hat am Geschäft festhalten. Das zieht einen nur selbst runter, bis in den Ruin.“

Susanne antwortete nicht mehr und auch Eric schwieg. Aber von Zeit zu Zeit spürte Susanne einen Blick auf sich ruhen.

„Warum hat Judith davon geredet?“, brach er endlich das Schweigen und Susanne spürte, dass er ganz bei ihr war.

„Wegen Tobias. Ich glaube sie will sich scheiden lassen.“

Eric stand der Mund offen. Er setzte an etwas zu sagen, aber es formten sich keine Worte.

„Ich denke du solltest in nächster Zeit für ihn da sein.“

Eric nickte stumm und sah runter zum See. Es platschte als eine Ente aus dem See flog. Eine zweite direkt hinterher. Eric kratzte sich am Arm.

„Susanne?“

„Ja?“

„Ich liebe dich, das weißt du doch?“

„Ja, ich weiß.“ Sie griff nach seiner Hand.

„Ja, ich weiß.“

Leos Rückkehr

Es war ein heißer Herbst dieses Jahr. Nach dem verregneten Sommer freute das Leo sehr. Er schlenderte gemütlich in Richtung Stadt. Die Sonne im Rücken war eine Wohltat und sein eben gefüllter Bauch dankte ihm für den Besuch auf dem Land. Inzwischen hatte er viel gelernt und er tat sich nicht mehr so schwer satt zu werden, schon gar nicht solange es noch Bäume gab, die Obst trugen. Der Hunger im ersten Jahr hatte ihn zu etlichen Rasterfahndungen rund um die Stadt genötigt, bis er die Stellen kannte, wo verlassen und vergessen Obsthaine ihre Früchte jedem feilboten, der willens war, seinen Arm nach ihnen auszustrecken. Als kleines Sparpaket hatte er eine Tüte voll Äpfel in seinem Rucksack und etliche Zwetschgen in seiner Jacke, die er vorsichtig um seine Hüfte gebunden hatte.

Wohlgelaunt setzte er seinen Weg fort und ließ sich auch nicht von den vorbeischießenden Fahrzeugen aus der Ruhe bringen. Die teils riskanten Überholmanöver, um später als erster im Stau zu stehen, stimmten Leo eher nachdenklich, als dass es ihn ängstigte. Vielleicht, so sinnierte er, sollte die Polizei neben Alkoholkontrollen auch Stresstests durchführen. Es war beängstigend, doch auf der Straße erkannte man den Sozialabbau am besten, es herrschte Krieg, einer gegen alle und alle gegen einen.

Leo spürte wie er sich nun doch ärgerte.

„Nein, ich will noch nicht in die Stadt“, sprach er zu sich selbst. Er erblickte eben einen kleinen Parkplatz, der sich in eine Kurve drückte und der von einige Bäume umgeben war. Oft hielt er hier eine kleine Rast, um noch einmal richtig durchzuatmen. Meist war es hier schattig und feucht, doch er hatte Glück. Die etwas notleidende Bank war in die Nachmittagssonne getaucht und war trocken und angenehm warm, als er sich hinsetzte. Die Sonne wärmte sein Gesicht und er schloss die Augen. Bald würde der Winter kommen, trübte ein Gedanke seine Stimmung. Leo erinnerte sich an sein früheres Leben, doch wie so oft wirkte es für ihn fern und fremd. Es war nicht sein Leben, er war nicht mehr der, der er einmal gewesen war vor dem großen Fall. Erst jetzt wusste er, was Freiheit bedeutete und er wusste wie sehr er gefangen gewesen war. Dabei war er immer am Puls der Welt gewesen, Multimedia war sein Leben, immer erreichbar, immer unterwegs und fortwährend bestrebt noch erfolgreicher zu sein. Leo öffnete seine Augen, betrachtete seine Hände und fragte sich, wie ihm sein altes Leben so leicht hatte entgleiten können? Seine Hände waren schmutzig. Ihm war nicht aufgefallen, dass die Bank an einer Stelle geharzt hatte. Susi tauchte in seinen Händen auf. Eigentlich hieß sie Susanne, aber er hatte sie immer Susi genannt, so wie sie seinen Namen zu Leo verkürzt hatte. Seinem Vater hatte das gar nicht gefallen. Er war einer der alten Garde. Vielleicht hatte er Susi auch deshalb verloren. Er war zu sehr geworden wie sein Vater.

Verwundert stellte Leo fest, dass seine Hände nicht wie sonst zitterten, wenn er an sein früheres Leben dachte. Aber vielleicht lag es auch daran, dass er nicht an alles dachte, sondern nur an das, was er wirklich verloren hatte. Eigentlich, so wurde er sich eben bewusst, war es nur Susi, die er vermisste, ihr Lachen, ihre Wärme, mit ihr über alles reden zu können. Sorgenfalten legten sich auf seine Stirn. Er hatte viel zu wenig mit ihr geredet. Viel zu wenig über die wichtigen Dinge, und mehr noch spürte er, dass er auch zu wenig über die unwichtigen Dinge gesprochen hatte. Kein Wunder, dass sie gegangen war. Eigentlich war er es, der sich von ihr getrennt hatte, ohne Worte, ohne Taten. Er hatte an ihr, und mehr noch an sich selbst vorbei gelebt.

War er deshalb so tief gefallen? Fand er deshalb nicht mehr zurück, weil er sich schon lange davor selbst verloren hatte?

Die Sonne setzte ihren Weg fort und ein einzelner Tannenast legte seinen Schatten auf die Bank. Es war der wärmste Augenblick des Tages, das wusste er, aber dennoch beschlich ihn ein Frösteln. War es die Vorahnung des Winters?

Er schüttelte das klamme Gefühl von sich. „Genug gerastet“, mahnte er sich. „Wir haben noch einiges vor.“ Er erinnerte sich an seinen Plan und fand wieder zu sich.

Er stand auf und spürte, dass auch seine Jacke Harz abbekommen hatte. Das würde ihn noch eine Weile ärgern, aber für den Moment war er nicht gewillt, sich damit zu beschäftigen.

Nach einem Kilometer kamen die ersten Häuser. Er war noch nicht ganz in der Stadt. Es war eher ein verschlafenes Dorf, das bald von der Stadt zugeschüttet werden würde. Hier gab es für ihn nichts zu suchen. Er spürte nur, wie die Hektik der Autofahrer zunahm. Gut, dass er hier einen Bürgersteig hatte, auf dem er sich vor diesen wild hupenden Wutbürgern verstecken konnte.

Nun, da ihn die Häuser flankierten, fand Leo, dass sich der Weg länger zog. Manchmal ertappte er sich dabei, wie er im Vorbeigehen durch die Fenster schaute. Doch in den meisten Wohnungen herrschte zu dieser Stunde ohnehin Stille und die Lichter waren aus. Das hinderte ihn trotzdem nicht daran, sich Geschichten auszudenken, wie es heute Abend dort drinnen sein mochte. Er liebte es, sich die Häuser voller Leben vorzustellen. Zumindest solange bis ihm schmerzlich bewusst wurde, dass er hier draußen stand, allein, mit einer Geschichte, für die sich keiner interessierte.

„Es wird Zeit, dass ich in die Stadt komme!“ Er beschleunigte seine Schritte, da er wusste, dass die vielen unbeirrbaren Menschen seine Melancholie verscheuchen würden. Er würde sich einfach an eine belebte Kreuzung stellen und dem wilden Treiben zusehen. Diese Impfung war seine Rettungsroutine gegen diese Vorstadtidylle. Sie zeigte ihm wie frei er war, ohne dieses als alternativlos vermarktete Hamsterrad.

Die Natur war allmählich auf dem Rückzug, und schon tauchte der erste Blumenladen auf. Ein geschäftig wirkender Mann stand mit einem Blumenstrauß davor und versuchte mit seiner freien Hand gleichzeitig zu telefonieren und sein Portemonnaie zu verstauen.

„Armer Kerl“, murmelte Leo. Für welche Lüge die wohl sein würden? Die, die er ihr erzählte oder die, die er lebte? Leo schüttelte den Kopf und ging weiter.

Jetzt ging alles Schlag auf Schlag, und bevor Leo sich versehen hatte stand er an einer seiner Lieblingsstellen. Er war gefüllt mit einer Unzahl an Kurzgeschichten, die für ihn zusammen ein Mosaik des Lebens ergaben. Hier an der großen Kreuzung tankte er den Klebstoff mit dem er alles verband. Noch war es zu früh, doch die ersten hatten bereits Feierabend oder eilten von einem Termin zurück ins Büro. Leo stand etwas abseits von einem breiten Zebrastreifen auf dem Bürgersteig. Die Menschen, die an ihm vorbeiströmten, beachtete er kaum, auch wenn es leicht belustigend war, wie unterschiedlich sie auf seine Anwesenheit reagierten. Einige nahmen ihn gar nicht wahr, aber die Mehrheit unterteilte sich in die, die ihn mitleidig oder beschämt ansahen und die, die verkrampft so taten als würden sie ihn nicht sehen. Er zeigte keine Regung. Er konzentrierte sich auf das Gesamtbild in einiger Entfernung, die einzelnen Menschen waren dabei unwichtig. Er liebte den todesmutigen Tanz der Menschenströme mit den unruhig rollenden Blechlawinen. Es hatte etwas Anmutiges an sich, wie sich die fremden Menschen im Gleichklang von Rot-Grün pulsartig über die Straßen ergossen, bevor sich Lücken in der Autoflut schlossen.

Leo lachte zufrieden auf und wandte sich der Innenstadt zu. Neben ihm blieb ein Passant erschrocken stehen. Amüsiert lächelte Leo ihm zu. „Alles in Ordnung?“, erkundigte sich Leo. Der Mann beeilte sich wortlos wegzukommen. Von einem Lachen in die Flucht geschlagen, höhnte Leo innerlich. Diese Gesellschaft war doch echt krank. Eine Gesellschaftsreform wäre da echt angebracht.

Eigentlich wollte Leo in die gleiche Richtung, doch er ließ den Mann in Ruhe ziehen. An der ersten Kreuzung bog er ab. Einen festen Weg hatte er ohnehin nicht und Zeit besaß er obendrein. Es war eine eher ruhige Straße an der man den Puls der Stadt nicht spürte, deshalb ging er selten hier lang. Ohne dass es beabsichtig war, begann er gleich mit seiner Arbeit. Er wurde zu schnell zu umfänglich fündig, als dass er daran vorbeigehen konnte. Er wühlte kurz in seinem Rucksack. Als er es rascheln hörte zog er eine der zahlreichen Tüten hervor und hob Zigarettenschachteln, Dosen und andere Verpackungen auf. Eine wirkliche Arbeit war es nicht. Es war vielmehr eine aus seiner Wut geborene Tätigkeit. Er wollte nicht, dass die Menschen seine Welt verschmutzten. Als er hatte feststellen müssen, dass alles Aufregen nichts half, fing er damit an den Schmutz aufzuheben. Er hatte ohnehin nicht viel zu tun und nun war er der Verschmutzung nicht mehr hilflos ausgesetzt. Vielleicht war es, weil er nie einer gewesen war, der etwas einfach hinnehmen konnte, vielleicht war es aber auch sein Hang zum Zynismus. Es selbst hatte schon oft darüber nachgedacht, was ihn dazu verleitet hatte, aber ganz sicher war er sich nicht. Aber die Vorstellung auf die einfältige Gesellschaft hinabzublicken, während diese zu ihm herabsah, erheiterte ihn zutiefst. Derart abgelenkt vom gesellschaftlichen Treiben schlenderte er im Zickzack durch die Einkaufsstraßen. Es war eine seiner besten Ideen gewesen, denn sie hatte ihm seine Würde gerettet, wie er fand, denn er hatte bis zum heutigen Tag nicht einmal betteln müssen, auch wenn er oft hungrig gewesen war, aber das wollte er nicht. Ohne dass es ihm bewusst gewesen wäre, gab es etliche Leute, die seinen Einsatz derart bewunderten, dass sie sich bei ihm bedankten, ihm Lob aussprachen und ihn mit Münzen für seinen gesellschaftlichen Dienst entlohnten. Anfangs hatte er den Schmutz noch selbst angefasst, doch inzwischen nannte er eine Zange und zwei Handschuhe sein Eigen. Inzwischen war er eine kleine Berühmtheit, selbst Stadtführer stellten ihn vor. Wenn Tobias mit einer Horde Japaner an ihm vorbeitrabte, dann konnte Leo sich sicher sein, dass mindestens die Hälfte ihm über die Schulter streichelte oder darauf klopfte, weil Tobias ihnen versicherte, dass dies Glück bringen würde. Mit der technisch-kapitalistisch aufgeklärten Gesellschaft der heutigen Zeit, war es selbstredend, dass sie sich bewusst waren, dass auch ein Glücksautomat nur dann funktionieren konnte, wenn Münzen eingeworfen wurden. Besonders Japaner taten dies mit größter Freude und dem breitesten Lächeln. Das nächste Mal, wenn sich Tobias und Leo trafen, würden sie Halbe-Halbe machen, jedenfalls glaubte Tobias das. Eigentlich gab ihm Leo alles, weil er nicht auf diese Weise Geld verdienen wollte. Mit dem Glauben anderer macht man keine Geschäfte. Aber Leo wusste, dass Tobias das Geld wirklich brauchte. Seine Frau war dem Alkohol verfallen und depressiv. Das Geld legte er zur Seite, weil nächstes Jahr seine älteste Tochter studieren ging.

Die erste Tüte war schnell voll. Nicht weit entfernt fand er eine öffentliche Schutttonne. Er löste den Knoten mit dem er sie an sich befestigt hatte. Leo spürte wie die Tüte an ihm festgeklebt war. Zum dritten Mal ärgerte er sich über den Harz. Da würde er später etwas unternehmen müssen. Er knotete die Tüte zu und entsorgte sie. Das war ein Moment, der ihn stets nachdenklich stimmte. Waren denn die anderen Menschen derart ungebildet, dass sie zu einer solchen logistischen Glanzleistung nicht fähig waren?

Er schüttelte den Gedanken weg und nahm gleich die zweite Tüte. Er ging keine zwanzig Meter, da stockte er. Was war denn hier los? Eine Schlange an Wartenden zog sich um die Ecke. Er folgte in sicherer Entfernung der zum Stehen verdammten Pilgerfahrt und fand in der Quergasse des Rätsels Lösung. Ein Kommunikationsgerätehersteller pries sein neustes Modell an und heute war der Verkaufsstart. Leo ließ sich Zeit, die dargebotene Show zu genießen. Die Fanmeile des Kapitalismus war erstaunlich heterogen. Am meisten faszinierte ihn die Spezies, die dort wartete und ungeduldig auf die Uhr blickte und ihrem Ärger, hier warten zu müssen, mit verzogenem Gesicht Luft machte und gequält ausatmete. Opfer des eigenen Wahns.

Leo behauptete immer er besäße auch ein Kommunikationsgerät. Aber seines habe eine Reichweite von rund dreißig Metern, wenn er unhöflich war. Aber meist nutzte er es nur auf eine Distanz von ein bis zwei Metern. Dafür war aber die Auflösung unschlagbar und es besaß sogar ein Touchscreen, welches einem eine recht plastische Vorstellung seines Gesprächspartners ermöglichte. Aber dieses nutzte Leo äußerst selten, es führte schlicht zu zu vielen Irritationen.

Leo war also bedient und nahm die nächste Gasse in Angriff. Als diese ihn schließlich in einem Viertel mit hohen Bürogebäuden herausspuckte, entsann er sich wohin er wollte und schlug einen Bogen ein, der ihn zurück führen sollte.

„Warte“, rief jemand. Erst reagierte Leo nicht, aber der Mann schien ihn zu meinen. Als Leo sich umdrehte, fiel ihm auf, dass sie beide allein waren. Er musste ihn wohl meinen.

Leo blieb stehen und wartete bis der Fremde zu ihm stieß. Dieser konnte sich nicht entscheiden ob er zügig schreiten oder langsam laufen sollte. In seinem Anzug wirkte das Laufen auch merkwürdig.

„Habe ich dich endlich“, freute sich der Fremde und gönnte sich einige Augenblicke, um zu Atem zu kommen.

„Scheint so zu sein“, lobte Leo ihn und lächelte ihm freundlich zu.

„Wenn ich gewusst hätte, dass du so schwer zu finden bist“, lachte er.

Leo nickte zustimmend, ohne zu wissen, um was es ging.

„Ich schulde Steve einen Gefallen“, begann er sich zu erklären und hob eine Papiertüte vor sich. „Ich musste ihm versprechen, dir dies zu geben.“

„Oh, es ist Donnerstag“, begriff Leo endlich. „Er sagte mir er wäre für ein halbes Jahr in den Staaten.“

„Genau, er sagte mir, wo ich dich Donnerstagsabends finden würde.“ Er blickte hinter sich.

Leo lachte auf. „Und weil ich dachte, er wäre nicht da, bin ich nicht gekommen. Dann hast du es jetzt drei Wochen versucht?“, fragte Leo verblüfft.

„Ja“, erklärte der Fremde und klang selbst verwundert.

Leo nahm die Tüte entgegen und wagte einen Blick hinein. Zwei Doppelschnitten Rosinenbrot mit je einer Lage Schinken und einer Lage Käse und wenn er sich nicht schwer täuschte, dann lagen unten noch etliche Kirschtomaten.

„Vielen Dank!“ Leo war ehrlich bewegt. Dieser Moment stellte mehr dar als ein Außenstehender jemals begreifen konnte. Es war die größte Anerkennung, die Steve ihm hätte geben können. Leo war sich bewusst, dass Steve hierfür keinen kleinen Gefallen eingetauscht hatte. Doch dann wurde Leo nachdenklich. Es ging hier nicht um ein paar Kirschtomaten, und einen Banker schickte man nicht als Boten.

„Hat Steve sonst etwas gesagt?“, fragte Leo und glaubte zu wissen, um was Steve ihn bat.

„Ja“, der Fremde kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Er meinte es würde nicht schaden, wenn ich ab und an ein paar Schritte mit dir gehen würde.“

Es war dem Fremden merklich peinlich, das auszusprechen.

Leo nickte vielsagend. „Ja, Steve und ich sind regelmäßig hier durch die Straßen gezogen. Er meinte, es würde ihm helfen sich über einige Dinge klar zu werden. Er schätzt wohl auch meine andere Denkweise und Perspektive.“

Der Fremde schwieg.

„Ob beruflich oder privat.“

Der Mann zuckte beim letzten Wort, blickte kurz in Leos Augen und sah dann weg.

„Mmh.“ Der Mann wurde etwas steif. „Steve hatte so etwas angedeutet.“

Eine peinliche Pause entstand, doch Leo war der letzte, der jemanden zu etwas drängen würde. Leo tat als interessierte er sich für sein Brot und biss ein Ecken ab.

Das riss den Fremden aus seinen Gedanken.

„Würdest du mich denn mitnehmen?“, fragte er, und es kostete ihn einiges an Überwindung.

„Wenn du das möchtest, gern.“

„Ich meine nächsten Donnerstag. Heute ist es schon recht spät.“ Er war wahrscheinlich selbst über seine Frage erschrocken und verdrängte es lieber auf später.

„Ich werde da sein“, antwortete Leo freundlich und wohlgelaunt.

„Wenn es so richtig war, dann mache ich es nochmal so“, zeigte der Mann auf die Tüte in Leos Hand und tat damit als ginge es hierbei um Leo.

„Gerne, ich freue mich.“ Damit drehte sich Leo um, damit die Situation den Mann nicht überforderte.

„Warte“, rief dieser ihn zurück. „Wer bist du eigentlich.“

Leo drehte sich um. „Niemand.“

„Nein, ich meine, wie du heißt.“ Dem Mann war nicht aufgefallen, dass er Leo damit recht gab.

„Niemand“, wiederholte Leo ruhig und mit einem Lächeln im Gesicht.

„Niemand heißt Niemand“, versuchte der Mann zu erklären.

„Nun“, begann Leo und sein Lächeln wurde zu einem Grinsen. „Wenn ich niemand bin, dann heiße ich auch so.“

Das irritierte den Mann. Sein Blick fiel auf die Tüte Müll, die an Leos Seite baumelte.

„Warum sammelst du eigentlich den Müll anderer Leute auf?“ Der Mann wollte das Gespräch nicht so enden lassen. „Dafür bist du ja gar nicht verantwortlich.“

„Niemand ist dafür verantwortlich!“

Der Mann verengte nachdenklich seine Augen.

„Bis nächsten Donnerstag dann“, verabschiedete sich Leo und zog weiter.

Auch wenn Leo so tat als ginge es ihn nichts an, so beschäftigte es ihn doch noch eine Weile. Wahrscheinlich war Steve gar nicht in den Staaten. Leo hatte gespürt, dass Steve sich verändert hatte, er war ausgeglichener und stellte auch nicht mehr so viele Fragen, deren Antworten er dann schließlich doch selbst finden musste. Leo hatte ihm eigentlich nur geholfen sich selbst zuzuhören.

Vielleicht wollte er nun, dass Leo seinem Freund half, wie zuvor ihm. Vielleicht hatte er sein Leben nun endlich so geändert, wie er es wollte, so wie er es ehrlich wollte.

Leo nahm sich vor in fünf Monaten den Mann zu fragen, was wirklich mit Steve war. Nun da er darüber nachdachte, ergab nur das einen Sinn. Vielleicht würde Steve es ihnen beiden auch in fünf Monaten selbst erzählen. Steve plante gerne weit im Voraus und er hatte eine Schwäche für Geheimnisvolles.

Leos Zeitplan war heute etwas durcheinander geraten, aber das störte ihn nicht sonderlich. Mehr war es seine Nachdenklichkeit, die ihm in letzter Zeit etwas zu schaffen machte. Er hatte in den dreißig Monaten viel gelernt, über sich, über andere Menschen, über das Leben. Er verstand jetzt mehr als je zuvor und doch spürte er eine innere Leere in sich entstehen, aber ganz anders als jene, die er vor seinem Fall in sich getragen hatte. Er wusste nur noch nicht, was das für ihn bedeutete. Aber die Welt war für ihn nicht länger böse und trostlos. Diese Ellbogengesellschaft aus der er geflohen war, war beseelt von empfindsamen, liebenden und gutherzigen Menschen. Im Kollektiv war es ein Zug auf Abwegen, von dem jeder wusste, dass er in die falsche Richtung fuhr, aber den niemand umlenken konnte.

Von diesem Zug war er abgesprungen und tief gestürzt, doch auch wenn er seine Reisefreiheit nun genoss, so war das doch nur der kleinste gemeinsame Nenner, eine Nulllösung, aus der Unfähigkeit geboren er selbst und Teil der Gesellschaft zu sein.

Etwas erschrocken stellte er fest, dass sein Schlendern zu langsam geworden war und er sich nun wirklich beeilen musste. Edith durfte nicht zu lange warten, sonst würde sie Ärger bekommen. Doch zum Glück war sie auch etwas später dran. Sie öffnete das Gitter in dem Moment als Leo um die Ecke bog.

„Ah, da bist du ja!“ Edith war ungewohnt hektisch. „Komm ich habe heute keine Zeit. Friderike wartet drinnen auf mich und die darf hiervon nichts erfahren.“

„Gut, ich beeile mich.“ Es war nicht Leos Art sich von Hektik anstecken zu lassen, aber er konnte schnell sein, wenn es sein musste. Er huschte hinter das Gitter und blickte in die große Mülltonne, die Edith eben geöffnet hatte, um die restlichen Dinge hinein zu tun.

„Es ist heute aber wieder reichlich gedeckt“, stellte Leo in einem freudigen Ton fest, dabei ärgerte es ihn nur.

„Ja, ich meine es nur gut mit dir“, plänkelte Edith. Sie hatte längstens aufgegeben sich darüber aufzuregen und bediente sich abwechselnd an Ironie oder Zynismus um es sich auf Distanz zu halten.

Leo griff gezielt aber wählerisch nach den Lebensmitteln, die er in seine große Tüte verschwinden ließ. Er versuchte seine Nahrung so zu ergänzen, dass sie ausgeglichen war. An Milch, Joghurt und Obst fehlte es wahrlich nicht und selbst die Qualität ließ keine Wünsche offen. Er nahm aber weit mehr als er essen konnte. Edith wurde ungeduldig und so füllte er den Rest etwas wahllos.

„Danke Edith.“ Er streckte eben seinen Kopf aus der Tonne.

„Nichts zu danken. Es will ja eh niemand“, entgegnete Edith mit einem schiefen Lächeln und nahm die vier Euromünzen wie fast jeden Abend entgegen.

Leo zog die Gittertür hinter sich zu und beeilte sich wegzukommen, weil er nicht sehen wollte, was nun geschah. Doch an diesem Abend hatte sich auch Edith beeilt und so hielt sie den geöffneten Behälter bereits über die Tonne. Als Leo das Plätschern hörte drehte er sich unwillkürlich um. Es tat ihm bis ins Innerste weh zu sehen, wie sich die Säure über die noch genießbaren Lebensmittel ergoss. Bei den Gedanken an all die Massen Wohlstandsmüll wurde ihm schlecht. Er ballte seine Hand zur Faust und sah zu, dass er schnell weg kam. Üblicherweise wartete Edith damit bis er weg war, weil sie wusste, dass es ihn aufregte.

Leo kam an diesem Abend viel früher als üblich im Park an, da seine Wut auf sein Tempo abgefärbt hatte. An einer Bank stellte er die Tüte ab und suchte sich das heraus, was er für sich wollte. Dann trat er zwischen eine Baumreihe und ließ die Lichtgrenze hinter sich.

Es brauchte eine Weile bis sich seine Augen an das Dunkel gewöhnt hatten. Eine dichte Eibe bot hier ausreichend Schutz vor Regen und neugierigen Blicken. Er hob die untersten Äste an und verstaute dort seinen Einkauf. Das vom Vortrag war alles weg. Nur ein wenig Verpackung war übrig geblieben. Die anderen mochten ihn nicht wirklich, er war zu anders und sie mieden ihn. Aber die Kost nahmen sie an. Dabei wusste Leo nicht wer alles kam und von dem Versteck wusste. Manchmal wartete er etwas Abseits und schaute dabei zu, nur um sicher zu sein, dass es den Zweck erfüllte, den es sollte. Doch irgendwie waren es oft andere die kamen, als würden die Einzelnen nur unregelmäßig das Versteck aufsuchen.

Das merkte er auch an den Überresten. Mal war es beinahe sauber, mal lagen die Verpackungen im Versteck oder gar verstreut. An diesem Abend hielt es sich in Grenzen, doch es ärgerte ihn dennoch. Er entfernte das wenige an Verpackung und umschritt weiträumig die Eibe und wurde hier und da fündig. Als würde es niemand etwas angehen, blieb der Müll wo er anfiel. Scheinbar spielte es keine Rolle aus welcher Gesellschaftsschicht der Einzelne stammte. Einige Menschen waren wohl nicht für ein gesellschaftliches Leben geeignet. Aber es ist doch unser aller Welt, dachte Leo. Zumindest war es Leos Welt und so bückte er sich und hob eine Dose auf. Sein Ärmel klebte dabei kurz an seiner Jacke.

„Pfff“, stieß er aus. „Jetzt aber wirklich. Harz Nummer 4.“

Er ging zur nächsten Bank und setzte sich hin. Leo fand in den Tiefen seines Rucksackes ein Stofftuch und benetzte es mit Wasser. Aber so leicht wurde er es nicht los. Der Harz blieb an allem haften, bloß nicht an dem Tuch, mit dem er es entfernen wollte. Einmal darin gefangen, wurde man es nicht wieder los. Da würde er wohl Hilfe brauchen. Zum Glück wussten die bei der Reinigung seine Dienste zu schätzen.

Er gab es auf daran herum zu reiben und entschloss Morgen dorthin zu gehen. Resignierend und müde ließ er sich nach hinten sinken und schloss die Augen.

„Leo?“

Leo erschrak. Niemand kannte seinen Namen. Verkrampft richtete er sich auf.

„Leo bist du das?“

Die Stimme kam ihm vertraut vor. Leos Blut schoss ihm durch die Adern. Langsam drehte er sich um.

„Susi?“

Die Glaswand

„Samstag“, stand es groß und schwarz auf dem Kalender. Der Monat verriet teilnahmslos den Beginn des Frühlings, welcher sich noch hinter einer gräulich leuchtenden Wolkendecke versteckte.

Der Morgen war eben erst angebrochen, und begann wie die Tage davor, die Wochen, die Monate. Die Zahlen auf dem Kalender wechselten, ebenso wie die Akten auf dem Schreibtisch. Leblos lagen sie da, und zerrten den Mann an den Schreibtisch. Sie übten eine große Macht auf ihn aus und wirkten dennoch unschuldig.

Der Schreibtisch war bis ins kleinste Detail aufgeräumt. Die Lampe darauf glühte nicht, einzig das große Fenster spendete ein kaltes fahles Licht. Dennoch saß ein Mann davor, sinnend, und starrte auf die dicke Holzplatte. Er war noch müde und rieb sich das Gesicht, als könnte er seine Müdigkeit damit vertreiben. Doch sein Blick blieb kraftlos. Hilflos suchend, blickte er sich um. Er wusste nicht, wonach er suchte. Kurz blieb sein Blick an einem Foto haften. In seinem Kopf hörte er Vorwürfe, und wandte sich ab.

Es war Wochenende, doch das kannte er nicht. Er wollte arbeiten. Es galt die Akten zu wälzen, die für die nächste Woche fertig sein mussten. Aber er bewegte sich nicht. Er fand den Anfang nicht. Sein Erscheinen war makellos, sein Rücken gerade. So saß er da und sah aus, als würde er jeden Augenblick loslegen. Doch die digitale Uhr zerstückelte die Zeit in Zahlen, ohne dass sich etwas änderte. Widersprüchliche Gedanken hielten ihn in dieser Starre gefangen.

Die Wände waren an sich weiß, aber im matten Licht wirkten sie grau und kalt. Die weichen Ledersessel standen leicht verloren im großen Zimmer umher, und versuchten vergebens, den Eindruck von Luxus zu verteidigen. Doch die Welt bekam Risse. Die Illusionen verblassten mit der Zeit. Er hatte hart für all das gearbeitet. Viele hatte er damit beeindrucken können, gar sich selbst, doch nun erdrückte es ihn mit seinem kalten Glanz. Er hörte seine Frau nach ihm rufen. „Gleich, ich muss nur noch kurz“, hörte er sich antworten und rieb sich mit beiden Händen das Gesicht. Nur kurz, doch daraus waren Jahren geworden. Nun war er allein, weil sie nicht gewartet hatte.

Der Mann hatte seinen Kopf in seine Hände sinken lassen und hielt sich mit ihnen die Ohren zu, als wollte er die Schreie ersticken, welche nur er hören konnte. Sie schrien nach ihm, als wollten sie ihm etwas sagen. Doch er wusste, was diese Stimmen sagen wollten, und er wollte es nicht hören. Was wussten die schon – diese rastlosen Stimmen, die ihn auch in seinen Träumen verfolgten.

Sie wollten ihn bremsen. Voller Neid waren sie wegen seinem Erfolg. Kein Wunder, dass sie so verzweifelt schrien.

Das fahle Licht, das von den Wänden zurück geworfen wurde, ließ ihn alt erscheinen. Sein Rücken war dem Fenster zugewandt, und so konnte er nur in den endlosen Raum hineinstarren. Doch den sah er längst nicht mehr. So viel hatte er erreichen wollen, so viel hatte er erreicht, und doch war ihm alles verloren gegangen. Alles was ihm geblieben war, war grau und kalt. Die Akten waren ihm treu geblieben und verlangten nun, dass er sich ihrer annahm.

Dach dann stand er auf. Langsam, als wäre er ein alter Mann. Sein Gesicht verzerrte sich zu einem tonlosen Gähnen, während er seine Arme auseinanderriss, als versuche er, aus seinem Körper auszubrechen.

Er drehte sich um und stand gleich vor dem Fenster, welches bis an die weit entfernte Decke reichte. Viele Meter lang war dieses, und ersetzte eine ganze Wand.

Die Wolkendecke war stark durchflutet von Licht, und ließ den Himmel weiß erscheinen. Der Blick des jungen Mannes glitt langsam von einer Seite zur anderen. Die Bewegung war gleichmäßig, und er selbst unberührt von dem, was er sah. Geblendet von der gleichmäßigen Flut weißen Lichts, stand er da, leblos, wie der Raum hinter ihm. Nur die Uhr wechselte ihr Gesicht und verriet, dass die Zeit nicht stehen geblieben war. Draußen umrahmte eine Hecke die weite Wiese, in der einige Bäume standen. Endlich schien der Mann etwas zu bemerken. Ihm fiel auf, wie der Wind in den Ästen spielte.

Er hielt den Atem an, horchte, doch das Rascheln der tänzelnden Blätter fehlte. Er strengte sich an, doch er fühlte nichts. Es war ihm alles fremd, und so fern. Er versuchte sich zu erinnern, doch es blieb ihm verborgen. Die Welt da draußen, er hörte sie nicht, er fühlte sie nicht.

Nah am Fenster wackelte ein Ast. Ein Vogel, eben gelandet, trällerte sein Lied. Doch nur der Schnabel bewegte sich. Das Fenster schluckte jedes Geräusch. Stummfilm, sein Leben, es war draußen, ausgeschlossen. So fern und unerreichbar wie jedes Gefühl.

Wieder bewegte sich etwas. Ein Junge tanzte lachend auf dem Rasen. Wochenende, sein Sohn wusste das, und spielte mit dem Drachen. Ein Geschenk aus einer lange vergangenen Zeit.

Hoch flog er, lebhaft spielten sie. Der Drache, sein Sohn und der Wind. So wie er es getan hatte – früher – in einer anderen Welt. In einer, in der er den Wind noch gespürt hatte.

Es war nur mehr eine Erinnerung. Alleine stand er da, und starrte hinaus. Sinnend drehte er sich um, sah den Schreibtisch. Das Gesicht der Uhr schrie ihn an. Eine andere Stimme war es. Mächtig, beide kämpften, wie Teufel und Engel auf seiner Schulter. Wie hatte er das zulassen können? Warum waren ihm die Zeichen verborgen geblieben? Er hörte die Stimme seiner Frau nach ihm rufen. Anschreien tat sie ihn.

Doch nun war es zu spät. Sie und sein Sohn lebten ihr eigenes Leben. Sein Kopf sank gegen die Glasscheibe. Seine flache Hand legte er gleich daneben und es sah aus, als wollte diese durch die Scheibe hindurch greifen. Doch er war zu schwach. Wütend verzog sich seine Hand zu einer Faust und pochte zweimal gegen das Glas. Resignierend glitt sie nach unten, und er stieß sich ab. Dann zog er seinen Stuhl hervor und setzte sich. Wahllos nahm er eine Akte in seine Hand. Welche, war bedeutungslos.

Die Diebin im Klostergarten

Ein Ast knackte unter ihrem Fuß, als sie darauf trat. Erschrocken blieb Asylma stehen und duckte sich instinktiv. Besorgt blickte sie sich um, doch keiner schien sie bemerkt zu haben. Zufrieden strich sie sich über den Bauch und prüfte ob keine Äpfel aus dem Tuch fallen konnten, das sie sich unter ihrer Jacke um den Hals gebunden hatte. Es war zwar zu mild für eine Jacke, aber diese würde ihr helfen, wenn sie hinter der Klostermauer gesehen würde. Hier im Klostergarten half sie ihr natürlich nichts, denn sie hatte hier nichts verloren. Deshalb war sie auch froh, dass keiner sie gehört hatte. Doch nun musste sie sich beeilen, denn die Stadtwachen würden bald patrouillieren. Sie gab Acht, nicht noch einmal auf etwas zu treten, das sie verraten konnte. Der Garten war nicht mehr so gepflegt, seid Franziskus, einer der älteren Mönche im Frühling einer Grippe erlegen war. Sie hatte ihn gut gekannt, denn sie war einige Male von ihm erwischt worden. Jedes Mal hatte sie ihm drei Nachmittage im Garten helfen müssen, als Buße, wie er zu sagen pflegte, und damit sie über ihre Sünden nachdenken konnte.
Beim ersten Mal hatte sie gedacht, es wäre ihr Ende, so sehr hatte er getobt und sie verängstigt. Doch dann hatte sie gemerkt, dass er gar nicht böse sein konnte. Vergangenes Jahr war sie sogar einige Male zu ihm in den Garten geschlichen, um ihm zu helfen. Er konnte so gut Geschichten erzählen. Sie allem stammten aus dem einen Buch, wie er immer wieder sagte. Seid Bruder Franziskus Tod war es aber besser, wenn sie nicht mehr erwischt wurde. Er hatte sie immer in Schutz genommen, und ihre Sünde verschwiegen, wenn jemand sie bei der Arbeit sah.
Sie näherte sich dem alten Nussbaum, blickte sich noch einmal um und kletterte mit geübten Griffen den Stamm hinauf. Vorsichtig balancierte sie sich zur Mauer, die den Klostergarten vor der restlichen Stadt versteckte. Plötzlich hörte sie einen Schrei. Reflexartig ließ sie sich auf den Ast nieder. Der Schrei galt nicht ihr. Es war ein schmerzerfüllter Schrei und er kam jenseits der Mauer her.
Ein Mann stöhnte auf als ein Schlag ihn zu Boden warf. Asylma kroch zur Mauer hin und konnte sehen, wie ein verhüllter Mann nach einer Tasche griff und sie dem am Boden liegenden Mönch entriss. Dieser blieb reglos liegen, während der Dieb in einer Gasse verschwand. Stille kehrte ein. Niemand außer ihr hatte von dem Überfall Notiz genommen. Sie war hin- und hergerissen. Sie musste verschwinden, ansonsten würde es Ärger geben. Von ihrem Vater, den Wachen oder noch schlimmer, wenn einer vom Kloster sie entdeckte. Der Mönch bewegte sich nicht. Aber vielleicht lebte er noch.
Sie riss sich zusammen und fasste einen Entschluss. Sie löste das Tuch mit den Äpfeln und versteckte es unter dem Efeu auf der Mauer. Sie würde es später holen kommen. Sie kletterte hinunter und überprüfte ob nicht doch einer heraneilte. Doch die Gasse blieb wie ausgestorben. In einem Bogen näherte sie sich dem Mönch und kniete sich neben ihn. Er lebte noch, aber sein Atem war schwach. Sie wollte seinen Kopf anheben aber er war ganz warm und feucht.
„Hilfe“, rief sie panisch. Sie erkannte ihn und wusste, dass er schwer verletzt war. Wieder nur Stille. Sie versuchte sich zu beruhigen.
Im Kloster war sicher einer, der helfen konnte. Viele die krank waren gingen dorthin, überlegte sie. Aber das würde Ärger geben, wenn sie so spät dort auftauchte. Doch sie konnte den Mann nicht hier liegen lassen. Sie rief all ihren Mut zusammen und ging zum Seiteneingang des Klosters und klopfte. Mehrmals musste sie es wiederholen und immer fester schlug sie gegen die Tür.
„Scher dich du Bettler, es gibt heute nichts mehr zu essen.“
Asylma hielt nur kurz inne und klopfte erneut. „Ich brauche eure Hilfe!“
„Jetzt gib doch endlich Ruhe!“ Ein stämmiger Mönch öffnete sichtbar verärgert die Tür. Er kniff die Augen zu als er vor sich ins Dunkel blickte und dort keinen sah. Verwundert senkte er den Blick.
„Bruder Johannes ist überfallen worden. Er blutet. Ihr müsst ihm helfen.“
Der Mönch setzte an zu widersprechen, doch er besann sich schnell.
„Wo? Führe mich zu ihm, Kind!“
„Bruder Johannes! Bruder Johannes!“ Er kniete sich hin und betrachtete die Wunde am Kopf. Obwohl es schmerzen müsste, zuckte Bruder Johannes nicht.
„Wird er es schaffen?“, flüsterte Asylma besorgt.
„Ich weiß es nicht. Er ist bewusstlos und er verliert viel Blut. Geh und ruf die Anderen. Ich brauche Verband und heißes Wasser.“
Asylma drehte sich um und stürmte los.
„Beeil dich!“, rief er ihr hinterher, doch sie war bereits im Kloster verschwunden.
Es war ein schmaler Gang, der im Bereich der Tür nicht beleuchtet war. Die Wände wirkten bedrohlich und sie musste sich zusammenreißen, um nicht wieder hinaus zu rennen. In vier Räumen brannte Licht und sie wusste nicht wohin.
„Hilfe!“, rief sie. Doch ihre Stimme hier zu hören, machte ihr noch mehr Angst. Dann sah sie wieder das Blut vor sich und lief in den ersten Raum. Doch er war leer. „Hilfe“, rief sie verunsichert und lief in das zweite Zimmer. Ein Mönch kam ihr bereits im Türrahmen entgegen.
Bevor sie recht ans Halten kam, donnerte ihr eine derbe Ohrfeige entgegen und ließ ihr Hitze in den Kopf steigen.
„Hier wird nicht gelaufen!“, schimpfte der Mönch im Türrahmen.
„Ich brauche eure Hilfe. Ihr müsst mir helfen…“
Eine weitere Ohrfeige brachte sie aus dem Gleichgewicht.
„Bitte, Bruder … Bruder Johannes ist am Verbluten“, sie hatte sich an ihrem Peiniger vorbeigedrückt und wandte sich an einen Anderen.
Der Erste wollte ihr abermals nachstellen, aber der Prior hielt ihn davon ab.
„Beruhig dich und erzähl was passiert ist.“ Er war älter als die Anderen und seine Stimme war befehlsgewohnt.
Asylma nahm tief Luft und erzählte den Vorfall in drei Sätzen.
Der Prior gab Anweisungen und folgte Asylma nach draußen. Ihr Peiniger folgte ihnen unaufgefordert.
„Bruder Simeon, wie geht es ihm?“
„Schlecht Prior Wilhelm, er hat viel Blut verloren und er ist bewusstlos. Es ist ein Wunder, wenn er die Nacht überlebt.“
„Dann sollten wir beten.“
„Habt ihr die Tücher?“, fragte Bruder Simeon.
„Nein, die kommen gleich.“
Bruder Johannes sollte die Bücher bringen“, schaltete sich Bruder Ulrich ein. Dessen Ohrfeigen brannten immer noch auf Asylmas Wangen. „Trägt er sie bei sich?“
„Erst stillen wir die Blutung“, meinte Bruder Simeon und konnte einen belehrenden Ton nicht unterdrücken.
„Die Bücher sind unersetzlich!“
„Darauf dürfte der Dieb es auch abgesehen haben. Geld konnte er keines vermuten.“
„Das freche Gör hat sie sicher gestohlen.“
„Reiß dich zusammen, deine Worte sich erfüllt von Hass. Sie hat mich gerufen. Wenn Bruder Johannes es überlebt, dann hat er es ihr zu verdanken.“
Jemand brachte Tücher und drückte Bruder Ulrich zur Seite, der nicht aufhörte Asylma mit bösen Blicken zu belegen.
„Wir brauchen eine Trage.“
„Hast du gehört, geh eine Trage holen“, blaffte Bruder Ulrich den Ankömmling an.
„Nein, ich brauche dich hier. Mädchen, weißt du wo das Hospiz ist?“
„Ja“, antwortete Asylma zaghaft.
„Dann geh dorthin, sie sollen Steine wärmen und zwei mit einer Trage herschicken.“
Asylma gehorchte ohne zu zögern. Sie hätte längst verschwinden sollen, doch nun war es auch egal.
„Warum sie?“ Bruder Ulrich gefiel das gar nicht.
„Ich will nicht, dass sie hier zusehen muss.“
„Warum ist sie überhaupt noch hier?“
„Weil sie sich um ihn sorgt!“
„Eher ein schlechtes Gewissen, weil sie mit dem Dieb unter einer Decke steckt und nun kalte Füße bekommt.“
Bruder Simeon brummte genervt.

Drei Tage lag Bruder Johannes im Hospiz. Fieber hatte sich seiner angenommen, doch die Wunde am Kopf war bereits am Heilen. Sie war nicht das Problem, hatte Bruder Simeon Asylma erklärt, als sie am Tag nach dem Überfall ins Hospiz gekommen war, um nach Bruder Johannes zu schauen. Auch am dritten Tag kam Asylma vorbei, aber diesmal standen viele Mönche und einige Schwestern um sein Bett. Bruder Johannes war aufgewacht. Asylma drehte sich gleich um, als sie den Andrang bemerkte.
„Nein, bleib Asylma“, rief Bruder Simeon sie zurück.
„Dieses dumme Mädchen hat hier nichts verloren“, ertönte die vertraut unangenehme Stimme.
„Sie hat sich um Bruder Johannes gesorgt. Mehr als Einige von uns.“
„Die Bücher waren von hohem Wert für uns und für die Kirche“, zeigte Ulrich immer noch keine Einsicht und machte deutlich, dass das Thema für ihn nicht abgeschlossen war.
„Also ist es beschlossen?“, fragte Bruder Simeon in die Runde und setzte ein unterbrochenes Gespräch fort.
„Ja, Bruder Simeon“, beendete der Prior die Diskussion. „Dir obliegt die Verantwortung, dass alles Nötige veranlasst wird. Du hast mein Vertrauen und meinen Segen. Wir alle sind froh, dass du lebst Bruder Johannes. Wir werden beten, dass sich alles zum Guten wendet.“
Einige verabschiedeten sich persönlich, andere gingen mit einem Nicken. Rasch löste sich die Traube auf und nur mehr Asylma, Bruder Johannes und Bruder Simeon blieben zurück.
„Bruder Johannes, Asylma ist nun da.“
Dieser öffnete die Augen, auch wenn es ihm sichtlich schwerfiel.
„Komm herüber mein Kind. Er ist noch ganz schwach“, meinte Bruder Simeon in einem sanften Ton.
Bruder Johannes zuckte mit einer Hand bis Asylma sie griff und er die ihre leicht drückte. „Danke Asylma, ich verdanke dir mein Leben.“
„Bruder Simeon hat euch geheilt, ich habe gar nichts gemacht“, erwiderte Asylma verlegen.
Seine Lippen zuckten als wollten sie ein Lächeln formen.
Dann drehte er den Kopf zu Bruder Simeon. „Sie soll die Wachen übernehmen.“
Es war kaum verständlich, aber Bruder Simeon nickte und daraufhin schloss Bruder Johannes müde aber erleichtert die Augen.
Bruder Simeon zog die Decke zurecht und überprüfte ob die Steine noch warm waren. „Komm, lass uns eine paar Schritte gehen Asylma.“
Sie gingen in den Garten des Hospizes. Hier wuchs eine Vielzahl an Kräutern, aber auch viel Gemüse.
„Ihr scheint euch zu kennen“, stellte Bruder Simeon fest. „Seine Bitte hatte er mir bereits vorher anvertraut, als ich ihm von deiner Sorge erzählt habe.“
Asylma nickte, antwortete aber nicht. Er kannte sie, weil er manchmal dabei gesessen hatte, wenn Asylma Bruder Franziskus im Garten geholfen hatte. Er wusste um ihre Sünden.
„Möchtest du seinem Wunsch entsprechen? Ich verstehe, wenn du nein sagst. Außer mir weiß es keiner und wird auch keiner es gewahr werden, wenn du ablehnst.“
„Was ist mit Bruder Johannes?“
„Nun, dass er schlecht sieht, weißt du wahrscheinlich?“
„Ja, auch wenn viele es ihm nicht anmerken.“
„Solange er sich dort befindet, wo er sich auskennt und alles seinen Platz hat. Aber bei einem der Schläge oder beim Sturz hat er sich so verletzt, dass er seine Beine nicht mehr bewegen kann. Er kann nicht mehr aufstehen, vielleicht nie wieder.“
„Das tut mir leid.“
„Das weiß ich. Aber er ist nicht mehr wirklich krank, deshalb verlässt er Morgen das Hospiz und kommt zurück ins Kloster. Aber es soll einer bei ihm sein. Zumindest solange, bis er damit zurechtkommt.“
Asylma biss sich auf die Lippen. Bruder Simeon merkte ihr Unbehagen und nickte ihr zu.
„Ich würde es gerne. Aber ich weiß nicht, ob mein Vater es mir erlauben wird.“
„Du wirst zwei Tagesrationen Essen als Lohn erhalten. Das wird wohl das Problem lösen?“
Asylma senkte beschämt den Kopf und nickte.
„Bruder Johannes hält viel von dir, sonst hätte er diesen Wunsch nicht geäußert, denn viele werden es ihm übelnehmen. Ich aber vertraue ihm und deshalb auch dir. Es ist eine Prüfung, aber ebenso eine Chance für dich.“

Am Folgenden Nachmittag ging Asylma wie besprochen zum Seiteneingang des Klosters. Sie musste nicht lange warten, bis Bruder Simeon sie dort in Empfang nahm. Für Bruder Johannes war im Erdgeschoss ein Zimmer geräumt worden. Dort lag er bereits in einem Bett und starrte gegen die Decke als die Beiden eintraten.
„An das Gefühl dauernd liegen zu bleiben, muss ich mich erst gewöhnen“, seine Stimme war wieder kräftig und auch ansonsten wirkte er erholt. Er war nie einer gewesen, der gerne klagte und so klang auch nun seine Stimme leicht belustigt.
„Andererseits habe ich auch reichlich Zeit, mich daran zu gewöhnen, Bruder Simeon.“ Er brauchte nicht zu sehen, wer hereintrat. Die Meisten erkannte er am Klang der Schritte.
„Wir alle müssen das beste aus dem machen, was uns gegeben ist“, antwortete Bruder Simeon.
So wie die Mönche redete sonst keiner in der Stadt. Asylma mochte es den Mönchen zuzuhören, jedenfalls denen, die nett zu ihr waren.
„Wohl war.“ Er machte eine Pause und drehte seinen Kopf, sodass er die Beiden ansah. „Asylma, mein Kind.“
Zögernd trat sie zu ihm heran.
„Bruder Franziskus bat mich ein Auge auf dich zu werfen, wann immer es mir möglich ist. Nun hast du über mich gewacht. Gottes Wille ist unergründlich, und manchmal hat er seine ganz eigene Art, uns Zeichen zu senden.“
Mit diesen Sprüchen konnte Asylma nichts anfangen. Gott war ihr fremd, und sie wusste nichts von seinen Zeichen, die andere überall zu sehen glaubten.
„Danke Bruder Simeon, dass du mich verstehst. Andere werden es nicht tun.“
„Es ist nicht an uns Gottes Willen infrage zu stellen. Sorge dich nicht.“ Mit diesen Worten verließ er den Raum und schloss die Tür.
„Setz dich mein Kind“, forderte Bruder Johannes Asylma auf.
Sie zögerte verunsichert, sah sich aber nach einem Stuhl um. In der Ecke standen ein kleiner Tisch und davor ein schlichter Holzstuhl. Sie wusste nicht was sie erwartete, aber der Mönch nickte ihr ermutigend zu.
„Möchtest du mir erzählen, was passiert ist?“, fragte er nachdem sie eine Weile saß.
Asylma wurde es unwohl. Sie überlegte, was sie antworten sollte, und wählte ihre Worte mit Bedacht.
Er stellte einige Fragen zum Dieb und erzählte auch was ihm in Erinnerung geblieben war, aber es half nicht eine Beschreibung zu bekommen, mit der sie hoffen konnten, den Dieb ausfindig zu machen.
„Was waren das denn für Bücher? Bruder Ulrich meinte sie wären sehr wertvoll?“
„Ja waren sie, nur noch nicht fertig. Es waren Kopien, die wir für einen reichen Adligen anfertigen sollten. Er hatte gefragt sie vorab zu sehen, um uns eine Teilzahlung zu gewähren. Er hatte hier Geschäfte getätigt und wollte in Naturalien zahlen, damit er sie nicht transportieren braucht.“
„Aber warum habt ihr sie nicht im Kloster gezeigt, da wären sie sicher gewesen?“
„Das wäre wohl besser gewesen, aber das soll nun Bruder Ulrichs Sorge sein. Er hatte eingewilligt, ich war nur der Bote.“
Asylma war nachdenklich.
„Aber du hast mir noch nicht gesagt, was du zu dieser Zeit dort gemacht hast? Die Abenddämmerung war weit vorangeschritten, wenn ich mich recht entsinne.“
„Ich“, begann Asylma und spielte mit ihren Fingern.
„Bleib bei der Wahrheit mein Kind.“
„Ich“, wiederholte sie. „Ich war im Klostergarten.“
„Mhm“, brummte Bruder Johannes. „Im Moment sind nur die Äpfel reif, oder?“
„Ja“, gestand Asylma.
„Stehlen ist eine Sünde, mein Kind.“
„Aber sonst muss ich hungern. Ich würde ja auch dafür arbeiten.“
Das Gespräch nahm den gleichen Verlauf, wie sie es bei Bruder Franziskus gewohnt war.
„Es nützt nichts, dir Bußen aufzuerlegen. Es hat letztes Jahr nichts gebracht, und es wird auch dieses Jahr nichts nutzen. Aber du hast dein Herz am rechten Fleck.“
Asylma blickte beschämt auf ihre Hände und zwang sich diese ruhig zu halten.
„Mir ist aber eine Idee gekommen, wie ich mein Versprechen einlösen kann, und gleichzeitig dir und mir helfe.“
Das klang nicht nach einer Strafe und so blickte Asylma neugierig auf.
„Ich habe immer gerne gelesen, aber seid einigen Jahren kann ich nur unter größter Anstrengung lesen.“
Asylma senkte betrübt den Kopf. Sie erinnerte sich an die Geschichten, die ihr Bruder Franziskus immer erzählt hat und sie würde gerne mehr solcher Geschichten hören.
„Deshalb möchte ich, dass du mir vorliest, mein Kind.“
„Aber ich kann nicht lesen, Bruder Johannes“, erklärte Asylma verwundert und ebenso traurig.
„Ich weiß mein Kind“, lächelte Bruder Johannes verständnisvoll und munterte sie mit einem Griff nach ihrer Hand auf.
„Deshalb möchte ich es dir beibringen. Lesen und schreiben, wenn du möchtest.“
„Natürlich möchte ich“, erwiderte sie begeistert und strahlte über das ganze Gesicht.
„Aber es muss unser Geheimnis bleiben. Nur Bruder Simeon weiß Bescheid. Er wird uns mit allem versorgen, was wir brauchen.“
Asylma war sprachlos.
„Aber du musst mir schwören, es keinem zu sagen. Für uns Beide wären die Folgen zu fürchterlich.“
„Ich schwöre!“
„Dann wirst du nie wieder stehlen müssen“, lächelte Bruder Johannes. „Es scheint als wäre dies Gottes Wille.“
Daraufhin bat Bruder Johannes das Mädchen unter das Bett zu greifen. Dort lag in Leinen eingewickelt ein Wachsbrett und ein Griffel.

Herrin der Dächer

Seit Wochen war es bitterkalt. Asylma war auf das Dach geklettert. Das Moos unter ihren Füßen war schmierig, dennoch ging sie unbekümmert weiter. Die Burg war ihr Reich, und niemand kannte sich auf den verschachtelten Dächern so gut aus wie sie. Vater würde schimpfen, wenn er wüsste, dass sie erneut hier umherschlich. Aber davon ließ sie sich nicht beirren. Ohnehin hatte sie den Eindruck als würde die Welt nur aus Verboten bestehen. Geh nicht dorthin! Lauf nicht in den Fluren! Sieh den Rittern nicht in die Augen! Knie nieder, wenn der Herr an dir vorbei schreitet! Sei still!

Nur auf den Dächern fühlte sie sich frei. Hier gab es keine Regeln, niemanden, der ihr etwas vorschrieb. Hier war sie die Herrin. Sie blieb an einem kleinen Turm stehen und dachte nach. Unter ihr, bis hinunter ins Tal, lag ein Meer aus Dächern. Sie konnte sehen, wie der Gestank in Schwaden emporstieg. Dieses Bild gab es nur im Winter. Die Dächer der Burg schenkten ihr Einblicke, die den meisten verborgen blieben. Sie stand oft so da und sah anderen dabei zu, wie sie unter ihr umher blickten. Sie waren oft nah und doch schienen sie unendlich weit weg. Wie in einer anderen Welt oder einer anderen Zeit. Hektisch oder stocksteif erfüllten sie ihre Pflichten.

Heute blieb sie aber nicht lange stehen. Es waren nicht viele Leute unterwegs. Wer hinaustrat goss oft bloß seinen Dreck auf die Straße und suchte schnellst möglich die Tür wieder von innen zu schließen. Der blecherne Klang der Patrouillen blieb heute aus. Wer nur konnte hatte sich in einen der zahlreichen kleineren Türme zurückgezogen oder hockte neben einem Eimer mit glühendem Holz. Der König war streng, aber er wusste wessen Treue er sich nicht verscherzen durfte.

Jetzt war sie frei, Herrin über alle Dächer dieser Burg. Am liebsten wäre sie den ganzen Tag über die Dächer geschlichen, doch die winterliche Kälte nahm sich ihrem dürren Körper schnell an. Die zerschlissenen Kleider waren dagegen machtlos und so kapitulierte sie und ging zurück zum Turm. Vor dem Fenster lauschte sie kurz ob sie keine Schritte hörte, dann kletterte sie vorsichtig hinein. Ihre Finger schmerzten als sie die Steine anfasste. Es fühlte sich an, als wären ihre Hände gefroren und als würden ihre Finger bei der nächsten Bewegung abbrechen. Doch das beunruhigte sie nicht weiter. Der Schmerz war ein treuer Begleiter und so brachte sie es fertig, nicht so oft an ihren Hunger zu denken. Sie schlich die Treppe hinunter und verschwand in einer Nische. Eine vertraute Stimme drang zu ihr durch, gedämpft von einer dicken Mauer. Ein Schmunzeln der Vorfreude stahl sich auf ihre Lippen. Letzten Winter hatte Asylma ein neues Versteck entdeckt.

Sie zwängte sich hindurch, es wurde immer schmaler und niedriger. Den letzten Meter musste sie sich auf den steinernen Boden legen. Mit den Füßen stieß sie sich weiter, mit einer Hand ertastete sie den Weg und mit der anderen schützte sie ihr Gesicht vor den scharfen Steinen. Allmählich wurde die Stimme deutlicher. Es war Gertrude, eine der zahlreichen Dienstmägde.

Der Hohlraum wurde erst breiter, dann höher, als sie am anderen Ende des Raumes angekommen war. Der Gedanke amüsierte sie, unter den Füßen der anderen zu schleichen, ohne dass diese etwas davon ahnten.

Endlich war sie dort angekommen, wo sie hinwollte und richtete sich auf. Es war ein dunkler Ort, aber vor allem im Winter war es, seit sie diesen Baufehler der Burg kannte, zu ihrem Lieblingsort geworden. Sie setzte sich auf einen Steinhaufen nahe der Wand, den sie dort mühsam errichtet hatte. Wohlige Wärme durchströmte ihren Körper. Ihre Hände legte sie gegen die Wand hinter sich. Ein schmerzhaftes Kribbeln brachte erneut Leben in ihre Finger. Einige Minuten war sie damit beschäftigt ihre Haut gegen die Wand zu drücken. Dann erst nahm sie wieder die Stimmen wahr, die nun dicht neben ihr ertönten.

Es war immer noch Gertrude, die hauptsächlich sprach. Vorsichtig nahm Asylma einen lockeren Stein aus der Wand. Die Luft, die ihr ins Gesicht blies, war angenehm warm und führte einen Duft mit sich, der ihr das Wasser im Mund zusammen laufen ließ. Durch einen Spalt sah sie wie Elisabeth, die Tochter des Königs, an Marzipanoblaten naschte. Gertrude war derweil damit beschäftigt Elisabeths Haar zu kämmen. Immer wieder musste Elisabeth kichern. Gertrude war nicht die Fleißigste unter den Bediensteten, aber sie verstand es lebensecht zu erzählen. Asylma war immer wieder aufs Neue verwundert, wie Gertrude all das gewahr wurde. Besonders wenn Gertrude intime Details der jüngeren Söhne anderer Adliger ausplauderte, musste Elisabeth kichern. Gertrude hatte eine Art zu erzählen, dass es meist verboten verschwörerisch klang. Elisabeth konnte es nicht intim genug werden und fragte fordernd aber auch gebannt nach mehr Einzelheiten. Gertrude enttäuschte sie nicht und versorgte Elisabeth mit Klatsch und Tratsch.

Asylma fragte sich oft, woher Gertrude das alles wusste. Wahrscheinlich war ohnehin das meiste davon frei erfunden. Aber es verfehlte seine Wirkung nicht. Während andere hart arbeiten mussten, hatte sie sich die Gunst der Prinzessin verschafft und konnte einen großen Teil schwatzend und wohlgenährt in einem der wenigen beheizten Räume verbringen.

Asylma und Elisabeth waren im gleichen Alter, doch um ihre Gunst, so dachte Asylma, war noch nie jemand bemüht gewesen. Dabei war sie es die nähen, kochen und putzen konnte. Sie war es, die sich nicht zu schade war, um den Schweinestall zu misten oder Hühner zu rupfen. Und sie war es, die fleißig lernte, sobald sie nur irgendjemanden fand, der ihr etwas beibringen konnte und wollte.

Bruder Johannes, ein alter Pater, hatte ihr Lesen und Schreiben beigebracht, wenn immer sie es geschafft hatte, ihm im Hospiz Gesellschaft zu leisten. Drei ein halb Jahre hatte er dort gelegen, nachdem er von einem Apfelbaum im Garten des Klosters runtergefallen war und fortan gelähmt im Bett gelegen hatte. Im vergangenen Herbst war er nach einem heftigen Fieber gestorben. Zwei Bücher hatte er ihr heimlich überlassen. Eine Bibel und ein Buch, das ihm ein Fremder geschenkt hatte – sein wertvollster Schatz, wie er stets behauptet hatte. Es war eine schlichte Fassung einer Übersetzung. Das Original, sagte er, stammte aus dem Land indem die Sonne als erstes aufging. Asylma erinnerte sich an das, was er immer zu sagen pflegte: Alle Menschen sind gleich. Alle werden sie als leeres Fass geboren. Manche sterben als leeres Fass, manche stopfen sich voll und sterben als Fass voller verfaulter Speisen. Manche glauben etwas zu lernen und befüllen es mit Wasser und wenige an der Zahl sind offen für alles Wissen und entscheiden, was wirklich wichtig ist. Wenn so einer stirbt, hinterlässt er ein Fass mit dem edelsten Wein. Dieses Buch wäre ein solches Fass.

Asylma hatte lange nicht verstanden, was er damit sagen wollte, doch allmählich glaubte sie der Lösung des Rätsels näher zu kommen. Auch wenn ihr noch etliches unklar blieb.

Wie konnten alle Menschen gleich sein, wenn sie es doch offensichtlich nicht waren.

„Au“, stieß Elisabeth verärgert hervor und drehte sich zu Gertrude um, die erschrocken inne hielt. „Pass doch auf, du tust mir weh!“

„Verzeiht, ich hätte vorsichtig sein müssen.“

„Ach, schon gut. Es reicht ohnehin jetzt. Geh und hol mir ein Glas warme Mich mit Honig.“

„Sehr wohl, Milady.“ Gertrude machte einen Knicks und ging rückwärts zur Tür.

„Und nimm den Braten mit. Ich habe keine Lust, dass ich nachher nach diesem toten Tier stinke.“

Asylma sah erst jetzt, nachdem Gertrude sich bewegt hatte, den Urquell des Duftes, der ihr das Wasser im Mund zusammen laufen ließ. Der Braten war kaum angerührt.

Gertrude ging raus und nahm ihn nur allzu gern mit. Das war ihr Lohn für die Intrigen, das Belauschen und Lästern und dafür, dass sie die Launen der Prinzessin über sich ergehen ließ.

Elisabeth stand auf und stellte sich vor den Kamin. Asylma war nun kaum mehr als eineinhalb Meter von ihr entfernt. Ihr Herz begann zu rasen, dann beruhigte sie sich. Bis jetzt hatte niemand sie bemerkt, obwohl sie einen großen Teil des Raumes überblicken konnte. Hinter ihr war es finster und die Flammen im Kamin blendeten jeden, der in ihre Richtung blickte.

Elisabeth stierte gelangweilt in die Flammen. Sie fuhr sich mit einer Hand durch ihre langen braunen Haare, die glatt an ihrem runden Gesicht herunter fielen. Sie trug ein langes seidenes Überkleid, das zu eng war für ihren fülligen Leib. In der anderen Hand hielt die Prinzessin eine Marzipanoblate an der sie gelegentlich herum knabberte.

Was würde Asylma darum geben, die gleichen Chancen zu haben. Elisabeth war faul und dumm. Asylma hatte allzu oft gehört, wie die Prinzessin mit ihren Lehrern umsprang. Asylma nutzte jede Ausrede, jede Gelegenheit um hier zu sein, wenn Elisabeth eine Lehrstunde hatte. Asylma war eine fleißige Schülerin, von deren Existenz die Professoren nichts wussten. Was würde sie darum geben Fragen stellen zu dürfen. Doch das konnte sie nicht. Nicht die Wand war das Problem. Nein, das Problem war, dass sie nicht jenseits der Wand geboren war. Hätte nicht ihre Mutter sie auf die Welt gebracht, sondern die Königin, dann müsste sie nicht im Dunkeln kauern.

Alle Menschen sind gleich? Wie sollte das möglich sein, wenn es schon ausreichte auf dem falschen Meter auf die Welt zu kommen, um auf ewig gebrandmarkt zu bleiben.

Elisabeth fuhr mit der Oblate zum Mund und biss ein kleines Stück ab, während ein weitaus größeres von ihr unbeachtet zur Erde fiel.

Bruder Johannes hatte recht gehabt. Jetzt erkannte sie es. Alle Menschen waren in einer Sache gleich. Alle wurden sie als leeres Fass geboren. Nur werden manche Fässer mit Gold und Silber geschmückt, andere werden in den Dreck gestellt bis sie verrotten und wieder andere werden in dunklen Grotten eingesperrt, damit sie bis an das Ende ihrer Tage leer bleiben.

Elisabeth schluckte den letzten Bissen hinunter. Doch alles was Asylma sah, war ein hübsch dekoriertes Fass, vollgestopft mit verfaulten Speisen.

Vielleicht, so träumte Asylma, würde es einmal eine Zukunft geben, in der jedes Fass frei wählen konnte, wie und ob es gefüllt werden möchte und nicht der Flecken Erde entscheidet auf dem man geboren wird. Menschen unterscheiden sich nicht darin, wieviel Geld sie haben oder wieviel Macht. Sie unterscheiden sich darin auf welcher Seite der Mauer sie geboren werden und ab dann, in der Entscheidung, die sie treffen.

Asylma grinste zufrieden. Sie war lieber ein schäbiges Fass mit edlem Wein, als ein teures Fass ohne Inhalt von Wert.

Der falsche Tag

Im Augenwinkel sah er es kommen. Als er realisiert hatte, was geschehen würde, wusste er bereits, dass es unausweichlich war. Sein Griff um das Lenkrad wurde fester. Sein Fuß sprang auf die Bremse.
Seine Schultern zogen sich zusammen. Sein Auto stand und er wartete auf den Knall. Wie verrückt schossen Gedanken durch seinen Kopf. Warum hatte er nicht achtgegeben? Er sah die vorletzte Ampel, die ihn orange-rot vorbei gewunken hatte. Wäre er da stehen geblieben, wäre er nun nicht hier.
Ein lauter Knall ertönte und ein kräftiger Ruck durchfuhr seinen Körper. Sein Auto drehte sich und wurde leicht seitlich gedrückt, während ein schwerer Mittelklassewagen seinen schwarzen Porsche verunstaltete.
Von hinten hörte er eine Hupe lärmen. Ein Unbeteiligter suchte Aufmerksamkeit und musste seinen unnötigen Kommentar abgeben. Dieser Fremde war ihm auf Anhieb unsympathisch. Das zeigte er ihm auch deutlich, als er aus seinem Porsche ausstieg und ihn vorbei wank. Zu dumm, um vorbei zu fahren! Aber Hauptsache Hupen und Glotzen. Obwohl dieser Gaffer stehen blieb und das Fenster runter ließ, ging der Mann auf die andere Seite seines Wagens und betrachtete mit reichlich Unbehagen den Schaden. Doch er konnte nicht viel erkennen. Die dunkelblaue Schnauze des Eindringlings drückte gegen den Motorblock.
Er spürte, dass ihn jemand von hinten anstarrte, und blickte auf.
Eine Frau stand neben ihrem Auto und blickte finster drein.
„Danke der Nachfrage. Mir geht es gut!“
„Gut“, antwortete er und wandte sich seinem Sportwagen zu.
„Gut? Sie denken wohl sie können sich mit ihrem Geld alles kaufen. Sie spinnen doch! Wollen bei voller Fahrt über eine andere Fahrspur hinweg abbiegen und sagen dann, dass alles gut ist?“
„Ist ja nur Blechschaden, das regelt die Versicherung. Für den Rest geht es ihnen gut!“
Ihre Wut kochte hoch, doch sie war so perplex, dass sie ihre Worte nicht geordnet herausbringen konnte.
„Das Gespräch hat für mich den Reiz verloren. Hier meine Karte. Schicken sie mir die Rechnung. Ich kontaktiere meinen Agenten, dass er den Schaden schnellst möglichst begleicht. Danke!“
Er wandte sich ab.
Der Pförtner war inzwischen aus der Bank herbeigeeilt.
„Ah, Herr Günther, gut, dass sie kommen.“ Der Fahrer ging auf den Pförtner zu. Dieser war noch außer Atem und blickte sich irritiert um.
„Füllen sie für mich den Unfallbericht aus.“ Er drückte ihm den Wagenschlüssel in die Hand. „Vielleicht versuchen sie auch den Wagen zu rücken. Er steht etwas ungünstig.“
Die Frau blieb ungläubig stehen und wirkte verwirrt, als der Pförtner die Angelegenheit regeln wollte.
Derweil wartete der Mann auf den Fahrstuhl. Im obersten Geschoss wartete sein aufgeräumter Schreibtisch auf ihn. Er riskierte einen flüchtigen Blick nach draußen, doch von dem Geschehen dort unten war nichts zu sehen. Er schüttelte den Kopf. Ärgerlich war das schon. Er öffnete sein Notebook und feilte an seiner Rede, die er am späten Nachmittag halten würde. Eckdaten glich er mit dem Berichtheft ab, den seine Abteilung angefertigt hatte. Nachdem er einige Seiten durchgeblättert hatte, merkte er, dass seine Änderungswünsche nicht umgesetzt worden waren.
Ungeduldig sprang er auf. Seine Sekretärin war eben eingetroffen und hing ihren Schall um die Jacke am Bügel.
„Guten Morgen Herr Münsner.“
„Morgen.“ Mit zügigen Schritten marschierte er an ihr vorbei.
Er konnte nicht sehen, dass sie die Brauen krauszog. Sie wusste um seine Launen. Und sie wusste, dass heute kein guter Tag war.
„Herr Künbach?!“ Er stürmte hinter der Trennwand hervor. Er blickte sich um, doch dieser war noch nicht da.
Und der will mein Nachfolger werden?, dachte er und drehte auf der Ferse um.
„Frau Rietsche bestellen sie Herrn Künbach zu mir, sobald er gedenkt aufzutauchen.“
Bevor er seinen Tisch erreichte, eilte der Bericht ihm voraus und landete zielgenau neben seinem Laptop. Ihm blieb nur noch Zeit stumm über sich zu fluchen, bevor ein Schäppern ertönte.
„Ach Scheiße!“ Sein Arm machte eine wütende Geste, als die Tasse über den Boden kullerte. Dann wank er ab und stellte sich zur Fensterfront.
Keine Sekunde später stand seine Sekretärin im Raum. Sie sah, was geschehen war, und wischte den Kaffee auf. Frau Rietsche war seit sieben Jahren seine Sekretärin. Sie wusste, was die Stunde geschlagen hatte, und sah ihn eine Weile an, während er bewegungslos vor dem Fenster stand. Nun war es auch fast schon vier Jahre her, dass seine Frau ihn verlassen hatte. Sie wusste warum. Sie empfand Mitleid und ließ ihn allein.
Um Viertel nach acht tauchte Herr Künbach auf. Er war Mitte vierzig. Seine breiten Schultern unterstützten sein selbstbewusstes Auftreten. Als er am Sekretariat vorbei schritt, fing Frau Rietsche ihn ab und flüsterte ihm schnell etwas zu, drückte ihm eine Tasse Kaffee in die Hand und wünschte ihm viel Glück.
Er klopfte gegen die geöffnete Glastür und trat vor den Schreibtisch seines Vorgesetzten. Er wartete, bis dieser ihm Aufmerksamkeit schenken wollte und von seinen Unterlagen aufschaute.
„Herr Künbach!“ Die Stimme klang donnernd.
„Herr Münsner, Frau Rietsche bat mich, ihren Kaffee mitzubringen.“
„Sicher“, ein Zucken umspielte seine Lippen. „Mit Kaffee bringen allein verdienen sie sich aber nicht meinen Stuhl.“
Herr Künbach nickte zustimmend, ließ sich aber davon nicht beeindrucken.
Seine Beförderung war beschlossene Sache und Herr Münsner war daran nicht ganz unbeteiligt, wie er aus anderen Kreisen vernommen hatte. Herr Münsner hatte es geschafft innerhalb kürzester Zeit einige beachtliche Karrieresprünge hinzulegen. Meistens war er der Erste, der kam und nicht selten begegnete er dem Nachtwächter, wenn er ging oder ließ sich von diesem das bestellte Essen bringen, wenn er die Nacht über im Büro blieb. Das Sicherheitsprotokoll verbot den Lieferdiensten, die oberen fünf Etagen zu betreten. Das war eine der vielen Regeln, die er selbst eingeführt hatte. Datensicherheit und Effektivität waren seine größten Sorgen. Er hatte dem Unternehmen seinen Stempel aufgedrückt. Dabei war er selbstverständlich auf reichlich Widerstand gestoßen. Doch die meisten seiner Widersacher arbeiteten heute bei Mitbewerbern. Wer klug war, hatte sich auf seine Seite gestellt und ist in seinem Sog die Karriereleiter raufgefallen.
Herr Künbach war einer davon.
„Sie kommen spät!“
„Verzeihen sie der Verkehr hatte heute gestaut.“
„Dann fahren sie Bus, wenn sie nicht Autofahren können!“
Herr Künbach schluckte seine Antwort hinunter.
„Sie haben noch die Notizen zum Bericht?“ Herr Münsner legte den Bericht so, dass Herr Künbach ihn erkennen konnte, und passte auf, den Kaffee diesmal nicht zu treffen.
Künbach nickte. Er hatte gelernt, dass sein Gegenüber in dieser Stimmung auf jedes Wort allergisch reagieren konnte.
„Dann sorgen sie dafür, dass sie auch eingearbeitet werden. Bis spätestens 14 Uhr liegen 20 Exemplare eines makellosen Berichtes auf meinem Schreibtisch!“
Diesmal musste Herr Künbach schlucken. Er wusste, dass es nicht sein Fehler gewesen war. Eine Ausrede, sei sie noch so begründet, würde ihm nur eine Schlinge um den Hals legen.
Er nickte, nahm den Bericht und ging einige Schritte rückwärts.
Herr Münsner wandte sich seinen Unterlagen zu. Herr Künbach war heilfroh den Raum verlassen zu können.
„Und Herr Künbach?“
Der Gerufene kniff die Augen zu, drehte sich dann aber seitlich.
„Und bringen sie sich ein Exemplar mit. Ich möchte sie dabei haben, wenn ich denen sage, dass sie ab nächster Woche dieses Projekt übernehmen.“
Herr Künbach nickte abermals und beeilte sich hinaus zu können.
Wenig später stand unangekündigt eine Person im Türrahmen.
„Habe ich mich nicht klar ausgedrückt?“ Er ließ sich nicht herab, von seiner Arbeit abzulassen und markierte eine wichtige Passage.
„Verzeihen sie.“
Diese Stimme hatte Herr Münsner noch nie im Büro vernommen und so blickte er doch auf und erkannte den Pförtner, der unbeholfen da stand.
„Wenden sie sich an meine Sekretärin. Wieso glauben sie wohl bezahle ich die?“
„Verzeihen sie.“ Der Pförtner wünschte sich in Luft aufzulösen und suchte vergebens nach Worten.
Herr Münsner wollte so wenig Zeit wie möglich verlieren und wank ihn hinein. Je schneller dieser sagte, was er wollte, je schneller war er wieder weg.
„Verzeihen sie, ich habe mir erlaubt die“ er schaute kurz aus dem Fenster. „Angelegenheit selbst zu regeln. Ich wollte so wenig wie möglich Aufsehen erregen.“ Er nickte in Richtung Sekretariat.
Herr Münsner lachte erfreut.
„Mal einer, der mitdenkt!“ Herr Münsner stand auf und ging auf den Pförtner zu. „Und?“
„Und der Wagen ist in der Werkstatt.“
Herr Münsner nahm die Visitenkarte, die der Pförtner ihm reichte.
„Ein angemessenes Ersatzauto können sie erst gegen 15 Uhr vorbei bringen.“
„Danke, ich rufe selbst da an und spreche das mit denen ab.“ Er steckte dem Pförtner 50 Euro zu und komplimentierte ihn mit einer Geste hinaus.
Der Pförtner hatte ihm ermöglicht der Blöße zu entgehen und so wollte er die Gelegenheit nutzen und rief sogleich die Werkstatt an, sie sollten ihm das Auto nach Hause bringen und den Schlüssel durch den Briefschlitz in der Tür schieben.
Daraufhin kreisten seine Gedanken um wichtigere Dinge. Der Morgen und der Nachmittag verflogen so ereignislos, wie an jedem anderen Tag auch. Er ärgerte sich und ärgerte sich, dass er sich ärgerte und seine einzige flüchtige Freude war, dass er alle dazu brachte, mehr oder weniger zu spuren.
Die Hektik, die ihn in dieser Woche beflügelte, genoss er in vollen Zügen. Sehr zum Leidwesen aller, die ihn an diesem Tag zu sehen oder zu hören bekamen.
Es war spät am Abend, als er aus dem Fahrstuhl in die Tiefgarage trat. Diese war zu dieser Stund fast leer und erst da wurde ihm wieder bewusst, dass sein Wagen heute nicht auf ihn warten würde.
Gleichgültig zuckte er mit den Schultern und nahm der Seitenausgang aus der Tiefgarage.
Ein kühler Wind empfing ihn, als er auf den menschenleeren Bürgersteig trat. Dann würde er eben ein Taxi nehmen. Doch dazu war er auf der falschen Seite der Bank. Er ging in Richtung Taxistand, verlor dann aber die Lust, so früh zu Hause zu sein. Eigentlich, so dachte er, würde die frische Luft ihm auch einmal gut tun. Er überquerte die breite Straße und war nach wenigen Hundert Schritten im Stadtpark. Dieser würde ihn mit einigen Unterbrechungen und einem kleinen Umweg nach Hause führen.
Dass er den ersten Teil bereits hinter sich hatte, wurde ihm bewusst, als er eine weitere Hauptstraße überquert hatte und den nächsten Wald betrat.
Sein Tempo zeigte die gleiche Ungeduld, die er auch im Büro an den Tag legte.
Als er auf seine massive Armbanduhr sah, erklärte diese ihm, dass er mit dem Taxi kaum schneller gewesen wäre. Doch aus irgendeinem Grund wollte ihn dieser Umstand an diesem Tag nicht beruhigen.
Deshalb tat er, was er seit langer Zeit nicht mehr getan hatte. Er wollte sich zwingen seine Umgebung zu genießen. Und tatsächlich, er hörte fremd gewordene Geräusche. Das Rufen eines Vogels, ein Rascheln eines Tieres. Er betrachtete die dicken Stämme der Bäume und war selbst verwundert, dass er dabei nicht als Erstes an den Deal mit den Südamerikanern gedacht hatte. Seine Gangart änderte sich aber nicht.
Erst als sein Fuß gegen etwas stieß und ein weicher Gegenstand leicht vom Boden abhob und fast geräuschlos vor ihm landete verharrte er. Unentschlossen schaute er im Dunkeln auf den Pfad vor sich, wo sich undeutliche Konturen emporhoben. Er bückte sich und hob einen verloren gegangenen Teddybär auf. Dieser war kuschelig weich. Durch die Abendkühle war er leicht feucht geworden, doch lange hatte er noch nicht hier gelegen. Der Mann hielt ihn mit beiden Händen vor sich und betrachtete ihn.
Plötzlich wurde ihm bewusst, was er tat und so setzte er den Teddy am Wegesrand ab und ging weiter. Nach vier Schritten blieb er stehen. Er drehte sich um und sah hinunter zum Bär, der nach vorne gekippt war.
Der Mann kehrte um und nahm das Kuscheltier auf den Arm.
Wieder ging er weiter, aber diesmal viel langsamer. Er wusste er würde den Teddybär nicht mitnehmen können. Er ging bis zur nächsten Bank und setzte sich hin. Er drückte den Teddy fest gegen seine Brust. Welches Mädchen mochte den verloren haben? Er wusste, wie traurig es nun sein würde. Tränen rannen seine Wangen runter. Er hatte auch eine Tochter. Er hielt den Teddybär eine Weile fest.
Dann setzte er ihn vorsichtig neben sich auf die Bank. Er stand auf und ging. Er ließ den Teddybär zurück. Nur seine Tränen nahm er mit. Auch seine Trauer begleitete ihn. So wie seine Gedanken an seine Tochter. An diesem Tag war es vier Jahre her, dass sie gestorben war. Giftige Beeren.

Stollenzeit

Der Schinken, eben ausgelesen, schlummerte noch auf meiner Brust. Träumend verblasste die Welt, in die er mich entführt hatte. Die Leseleuchte neben dem Sessel drohte mit ihrem Licht alles zu verschlucken. Jede übereilte Bewegung vermeidend, löschte ich sie und projizierte die Fantasiewelt ins Dunkel des Zimmers. Knisternd schenkte mir der Kamin seine Wärme. Dazu das Prasseln des kräftiger gewordenen Regens gegen das von dicken Wolken verdunkelte Fenster.
Den Stollen neben mir, während dem Lesen völlig vergessen, lag noch unangetastet da und hatte die Luft mit seinem Duft erfüllt. Sein weißer Mantel staubte leicht, als ich nach einem Stück griff. Jetzt war es wieder so weit. Der einzige Schnee als Illusion auf dem Gebäck, hatte es draußen seit Tagen nur geregnet. Als wollte sich das Wetter nicht seiner Verpflichtung erinnern und den Kindern die so sehnlich erwarteten weißen Rutschpisten die Hügel hinunter errichten.
Aber selbst für solche Abenteuer fehlte der Platz. Die Welt hatte sich verändert. Salz bekämpfte jegliche Stimmung, während Zimt auf mannigfaltigem Gebäck sie zu retten versuchte.
Immer noch klopfte der Regen gegen die Scheibe und lud mich ein, mit ihm zu verschmelzen.
Mit der Überzeugung die Einladung freundlich lächelnd abzulehnen und der behaglichen Wärme des Kaminfeuers treu zu bleiben, stand ich auf und schritt zum Fenster hin. Abenteuerlich kalt zeigte sich mir die Landschaft unter der tief hängenden grauen Wolkendecke, die jemand künstlerisch mit lichteren Linien durchzogen zu haben schien. Ein belebter Wind tanzte mit den Millionen Regentropfen und ließ sie in Wellen gegen das Glas schlagen. Fast schien es, als würde auch er versuchen mich zu rufen, während das Feuer in meinem Rücken mich in wohlige Müdigkeit hüllte.
Lag es an dem eben gelesen Roman? Ich wusste es nicht. Aber auf einmal halte der Ruf nach Abenteuer durch die an sich dichten Fenster. Der Wunsch nach Freiheit lag in dem wilden Tanz des Regens. Das Lächeln auf meinen Lippen galt längst nicht mehr dem Regen. Es war vielmehr die Vorahnung des Unverständnisses meiner selbst, wenn ich schon bald draußen sein würde. Hinter mir lassend, die Wärme des Wohnzimmers.
Dem Kamin rasch noch einen Holzscheit nachlegend, gewann ich ihm das Versprechen ab auf mich zu warten. Mich aber zog es hinaus. Dorthin wo das Wetter sich austobte und sich den Zwängen der Jahreszeit noch verwehren wollte. Kalt war es dennoch, als meine Nase den ersten Wind zu spüren bekam. Die ersten Schritte waren, als liefe ich durch einen Vorhang aus kaltem Wasser. Wenig abenteuerlich kam es mir auf einmal vor. Eigentlich nur kalt, und ich begann rasch an dem zu zweifeln, was mich hinausgetrieben hatte.
Aber wie es mit solchen Entscheidungen nun mal war, gab es kein zurück mehr, sobald man erst mal nass war. Und das dauerte wahrlich nicht lange. Mit einer kurzen, aber heftigen Schauer schien mich die Wildnis in ihren Bann ziehen zu wollen. Und kaum hatte ich mich mit meinem Schicksal abgefunden, ließ der Regen auch schon nach und wurde zu einem nebligen Rieseln unter dem sich verfinsternden Himmel. Der späte Nachmittag verabschiedete sich und nahm immer mehr Licht mit sich, als wollte er dem Abend nichts mehr davon übrig lassen. Mir war es recht. Die Straßenlaternen spiegelten sich auf dem nassen Asphalt. Die Hände tief in die Taschen vergraben, den Kragen nach oben gezogen, marschierte ich los. Zimtduft begleitete mich die Straße hinunter. Am Dorfrand ließ auch der mich allein, während die Lichter auf ihren Sockeln ruhen blieben und das Funkeln unter meinen Füßen nachließ.
Den Waldweg betretend, vernahm ich nur noch meine Schritte auf dem Schottergrund. Das Dorf, wie ein schlafender Haufen, erhellte sein Licht nur widerwillig und verschwommen den anbrechenden Abend, während die Lichtkegel der Laternen im leichten Regen zu konturlosen Kreisen anwuchsen.
Doch das Bild verlor ich rasch aus den Augen, während mich der Pfad einen Hügel hinauf zog.
Ein Kribbeln durchzog meine Haut, während der Wind mir immer mehr Wasser ins Gesicht trug. Immer kälter wurde es. Und finsterer. Die Nacht fiel hernieder und verdrängte den eben erst angebrochenen Abend. Herrlich still wurde es. Selbst meine Schritte wurden leiser. Der Schotter war ausgegangen, und so war es nur noch der Wald, der sich meiner annahm. Sein Kleid hatte er achtlos auf den Boden fallen lassen und so konnte ich seine Äste als Schatten vor dem dunkelgrauen Himmel ausmachen, während ich den Regen, der mir unentwegt ins Gesicht fiel, kaum noch spürte.
Meine eigenen Füße konnte ich nur wage ausmachen, als sich ein grauer Schimmer vor mir erstreckte. Die Bäume hatten sich zurückgezogen und einen kleinen See freigegeben und hielten ihn wie zur Umarmung umschlungen. Ein paar der stummen Riesen waren mit ihren Wurzeln zum nächtlichen Bad hinein gestiegen oder hatten, von den Jahren müde geworden, ihre Äste hinein getaucht. Schilf reckte sich aus dem Wasser und mühte sich vergebens die herabfallende Finsternis aufzuhalten.
Das Wasser war zu einem Spiegel geworden. Kein Lüftchen wehte, nicht ein einziger Tropfen fiel mehr. Es war als hätte eine plötzliche Kälte alles eingefroren. Ich genoss das vergängliche Bildnis und blieb stehen. Reglos zollte ich der Umgebung meine Achtung und wollte durch keine Regung die Harmonie der schweigenden Welt stören.
In eine Landschaft fühlte ich mich gezogen, wie sie in einem meiner Bücher hätte sein können. Ganz so, als wäre der Ort ohne Zeit geboren. Ohne das Gefühl zu kennen weiter zu müssen, oder sich zu verändern. In solch eine Welt war ich versunken. War Teil davon geworden, so wie jeder einzelne Baum um mich herum.
Doch auf einmal tat sich ein Loch in dem Spiegel auf, welcher kein Bild zeigte außer ebenmäßigem grau. Winzig klein war es und breitete sich zu einem Kreis aus, bevor es genauso still verschwand, wie es aufgetaucht war und das Wasser, wie unberührt zurückließ. Dann wieder. Ohne sichtbaren Grund tauchten Kreise im See auf. Zunächst nur wenige. Dann immer mehr. Als sich einer der Störenfriede nahe am Ufer niederließ, konnte ich diesen erkennen. Es war eine Flocke, die weich landete und im Moment der Berührung mit dem Wasser verschmolz. Es schneite.
Als sich ein Lächeln in mein Gesicht stahl, spürte ich ein taubes Gefühl der Kälte. Vielleicht sollte ich nun doch umkehren, denn schließlich wartete der Kamin sein Versprechen einzulösen. Auch war der Schnee auf dem Stollen nicht ganz so kalt…

Mein Haus, der Stuhl

Eng und leblos zogen sich die Gänge ihren Weg durch das alte Holz. Vor langer Zeit angelegt, drang nur an wenigen Stellen Licht in den verwinkelten und offensichtlich willkürlich angelegten Irrgarten.
Damals, zu den Glanzzeiten der baulichen Tätigkeiten, bevölkerten große Kolonien dieses in sich abgeschlossene Reich. Doch diese fetten Jahre waren nichts mehr weiter als nur Geschichten, und selbst diese bereits vergessen.
Nur einer war übrig geblieben. Als Kind zurück gelassen spuckte er nun einsam durch die dunklen Gänge. Überall lag Staub und selbst größere Späne fielen herab und erschwerten das Vorankommen.
Doch daran störte sich der alt gewordene Einwohner nicht. Sein Schicksal hatte ihn zum Einsiedler werden lassen und er nahm es so gleichgültig hin, wie seine träge Natur es von ihm verlangte. Ohne sich selbst zu bedauern, fraß er sich durch die Wände und schuf so immer neue Gänge, in denen er so gerne faul rumlag, wenn sein Magen voll gefressen in dem körperengen Tunnellabyrinth stecken zu bleiben drohte.
Auch wenn niemals Tageslicht bis in seine Welt hindurch drang, so hielt er doch an einem flüchtigen Rythmus fest. Ohne Zeit war es, und ohne dass es Sinn ergab, doch für ihn war es alles was blieb. Das einzige Zeichen von Leben, an dem er sich festhielt.
Noch schlief er, doch sein Magen war bereits schmaler geworden und einige Muskel begannen sich zu regen, ganz so, als wollte er weiter durch die Gänge kriechen. Jene Gänge, die ohne wirklichen Anfang oder Ende seine Welt bedeuteten und jeden Tag wurden diese ein Stückchen größer.
Plötzlich ertönte ein montones lautes aber durch das alte Holz dumpf klingende Läuten einer Klingel. Damit hatte die Ruhe ein Ende, und der Wurm begann seine Tag für Tag gleich bleibende Arbeit.
Noch leicht schwerfällig streckte er seine Ringmuskel und begab sich dann auf seinen allmorgendlichen Spaziergang durch die teils verfallenen alten Gänge, die noch seine Vorfahren angelegt hatten und teils schon existierten, als selbst diese noch nicht geboren waren. Mit diesem etwas nostalgischen Gefühl stieg er immer höher hinauf, dorthin, wo er die Ankömmlinge einer für ihn völlig befremdlichen Rasse besser hören konnte.
Nur einmal hatte es aus Versehen einen flüchtigen Blick auf diese unheimlichen Riesen werfen können. Mit rasendem Herzen hatte er sich in sein Gehölz zurück gezogen und war fortan vorsichtiger geworden.
Aber trotz der Angst, die er damals empfunden hatte und wohl auch nie wieder vergessen würde, konnte er sich einer gewissen Faszination nicht erwehren. Und so begab er sich auch an diesem Morgen auf den Weg in Richtung eines zu einem weiten Raum ausgearbeiteten Ganges. Tatsächlich war es der einzige Raum in diesem gesamten Labyrinth und war eigentlich auch nur eine Unachtsamkeit gewesen. Zu viele Gänge hatten sich dort vereint und so war das Ganze zu einem Raum eingebrochen.
Er hatte aber festgestellt, dass die heran getragenen fremdartigen Stimmen dort am deutlichsten zu vernehmen waren – abgesehen von der Oberfläche natürlich, aber dorthin wagte er sich nicht.
Verstehen konnte er nichts, aber es hatte etwas Ergreifendes für ihn, die einzige Spur von Leben. Und in diesem eigenartigen Lärm badend, wartete er allmorgendlich bis dass er völlig wach und voller Energie sein Frühstück einnehmen konnte und seinem zu Hause somit ein neues Gesicht verleihen würde.
Und dann war es so weit. Bereits kurz nachdem die Klingel ihr schrecklich schalendes Lied beendet hatte, donnerte die Erde und selbst seine Wohnung zitterte als die Herde dieser wilden Riesen sich auf den Weg zu ihm machte. Überall in der weiten Welt, die viel weiter reichte, als er jemals würde wandern können, ertönten mächtige Schläge. Als wenn Holz auf Holz schlägt. aber so groß mussten diese Stücke sein, dass sie sein hohes Reich um vieles überragten.
Rasch schwoll der Lärm an und eine kurz auflodernde Aufregung ergriff den kleinen Einwohner, den wie stets niemand wahrnehmen würde.
Ein Singsang an vielen hellen Stimmen erhob sich. Das Hämmern von tausend Schritten durchdrang die unzähligen Gänge und ließ Staub herab rieseln.
So unglaublich groß diese Riesen auch waren, er wusste dass noch einer fehlte. Ein Einzelner nur, aber seine Stimme übertönte alle anderen. Und seine Schritte waren so fest, dass die Vibrationen so gewaltig die Erde erbeben ließen, wie die von drei anderen. Es würde noch eine Weile dauern, wenige Augenblicke, doch für den einsamen Einwohner dieses Holzhauses spielte Zeit nur eine untergeordnete Rolle. Der Tag begann mit dem Läuten der Klingel und nahm dann seinen eigenen Lauf, manchmal unterbrochen noch von dem regelmäßig wiederkehrenden Lärm der Klingel, doch das spielte dann keine Rolle mehr.
Wie stets schwoll der Gesang der Stimmen an. Immer wieder bebte die Erde und kam gar nicht mehr zur Ruhe. Und Wohnungen, ähnlich der seinen, wurden mühelos hin und her geschleudert.
Gesehen hatte er es noch nicht, aber das brauchte er auch nicht, er hörte es, und was schlimmer war – er hatte es oft schon selbst erlebt. Dann wurde sein ganzes Reich hin und her gerissen, geleitet von einer Kraft, die nicht von dieser Welt sein konnte. Selbst ein Riese konnte doch unmöglich das ganze Labyrinth einer untergegangenen Kolonie bewegen.
Die Ungeduld auf der anderen Seite nahm unkontrolliert zu und griff – wie jeden Morgen – auch auf den Wächter dieser ungeachteten alten Gänge über. Die Stimmen waren völlig ordnungslos, kreischend und untrennbar verworren. Aber er liebte diesen Moment von allen am meisten. Er hatte keine Ahnung von dem was draußen vor sich ging, doch es war so reich an Leben, dass er es genoß – trotz der Angst vor dieser unermesslichen Kraft, die seine Welt jeden Augenblick ergreifen konnte. Freude, Angst, Leidenschaft, Wut, so viel lag in diesem Lärm, das er nie selbst empfinden könnte. Aber er badete darin.
Wieso sollte er auch etwas fühlen – war er doch ganz allein, ohne Sorgen, denn sein Reich würde ihn überdauern und er hatte mehr Nahrung als er selbst in hundert Leben würde tilgen können. Nein, alles was er wahrnahm sog er aus diesem Lärm, aus dieser Welt, die so völlig anders war.
So verweilte der wohlgenährte Wurm in seiner einzigen Grotte und seine Ringmuskel zuckten lebhaft wenn er von einem kurzen Schrei freudig erschreckt zusammen fuhr und er sich in Gedanken bereits verkrampfte, aus der nicht unbegründeten Angst sein Reich könnte erneut durch geschüttelt werden. Wie er diese Momente liebte – voll von gespanntem Verharren und Aufregung.
Und dann betrat endlich der mächtigste aller Riesen die Bühne des Geschehens. Seine bebenden Schritte waren im Getobe der Menge untergegangen und dennoch wusste es der Tunnelbauer ganz genau. Es war die plötzliche Stille, die ihn verriet. All das Leben, das der Wurm vor einem Augenblick noch aufgesogen hatte, war verschwunden. Es war die plötzliche Stille, die den Ankömmling verriet. Wie auf einen stummen Befehl hin stürzte der ganze Lärm in sich zusammen, einzig die donnernden Schritte des einen Riesen blieben übrig und versuchten vergebens die entstandene Leere auszufüllen.
Die tonlose Aufregung der Welt außerhalb seines Reiches griff auf den verlassenen Einwohner über. Er spürte wie der Riese sich seinem Labyrinth näherte. Mit jedem Schritt wurden die Beben kräftiger und seine Muskeln verspannten sich unwillkürlich.
Dann vernahm er nur noch seinen eigenen Herzschlag, kräftig und doch unhörbar im Vergleich zu dem nun verstummten Lärm.
Als wäre es ein festes Ritual, das der Wurm nicht verstehen könnte, legte sich die Stille wie ein würgendes Tuch über die ganze Welt. Jeden Morgen das gleiche unbegreifliche Spiel der Riesen.
Warten. Ungezählte Herzschläge lang gebanntes Warten.
Und dann brach es heraus. Eine einzelne Stimme erhob sich. Kein Lärm mehr, nur diese eine deutliche Stimme. Der Magen des Wurms vibrierte im Takt der dunklen Töne, die durch die verlassenen Gänge hallte. Laut und doch leer. Leblos, ohne all die Gefühle in denen der Erbauer dieser einsamen Welt sich so gerne badete. Diese Spur, dieses Rinnsal war nun ausgetrocknet. Und die Stimme des einen Riesen war genau so trocken, wie die staubigen Gänge in denen die Stille erdrückender war als Lärm es je sein könnte.
Dann ebten die Geräusche ab und der Riese schien sich wieder zu beruhigen.
Nach einer erneuten Pause völliger Stille, fuhr die dunkle Stimme bedeutend leiser fort. Und der Wurm wusste, dass diese nun seinen Tagesablauf ein weites Stück begleiten würde, manchmal unterbrochen noch von der störenden Klingel.
Doch noch wagte sich der Holzwurm nicht in seine Gänge. Erst noch musste er das alltägliche Beben überstehen.
Dieses ließ auch nicht lange auf sich warten. Der Riese schritt heran und ließ sich plump auf seine Wohnung nieder. Jeden Tag tat dieser dies, ohne dass der Wurm verstand warum. Aber er hatte sich daran gewöhnt. Und wieso er das so genau wusste – nun, den Anblick würde er niemals vergessen, denn damals, das einzige Mal, dass er sich jenseits seines Reiches hervor gewagt hatte, sah er den Riesen mit erschreckender Geschwindigkeit auf sich zukommen. Fast hätte er dieses Erlebnis nicht überlebt, denn nur um Haaresbreite, hatte er es zurück in sein Labyrinth geschafft und konnte nur tatenlos dabei zusehen, wie der Gang zur Oberfläche einstürzte und sein Reich wieder in völliger Finsternis hüllte.

Himmelsblau

Ein blauer Himmel, so blass, dass er schon fast weiß schien, schwebte mir so nah vor dem Gesicht, dass ich ihn gar fassen zu können glaubte. So gleichmäßig verzog er sich in die Unendlichkeit des Weltalls, dass ich nicht wusste ob er sich noch bewegte, oder ob die Erde gänzlich zu drehen aufgehört hatte. Nichts gab es, das meinen Blick auf sich ziehen konnte, nur dieses eine Blau, ungestört und unberührt.
Mein Körper so leicht, fühlte ich keinen Boden unter mir, obwohl ich doch offensichtlich auf dem Rücken lag. Keine Kraft schien mich zu berühren und so schwebte ich, dem Himmel so nah, als wäre ich selbst ein Teil von ihm.
Ein kühles, angenehmes Kribbeln durchfuhr meinen Körper. Bei den Füßen angelangt blieb es mir treu und reiste mit mir unter dem Himmelszelt. Verwundert was mich so leicht berührte, ließ ich meinen Arm, der eben noch friedlich neben meinem Leib geruht hatte, nach unten gleiten.
Das Kribbeln wurde stärker, und doch griff ich in einen Raum voll Nichts. Nur Leere gefüllt mit diesem belebenden Gefühl, das mich ohne Ausübung einer Kraft berührte. Auch als ich meinen Arm gemächlich unter mir herum gleiten ließ, spürte ich nicht den geringsten Widerstand.
Verwundert neigte ich meinen Kopf zur Seite und schaute in die Tiefe. Milchiges Weiß erfüllte wie ein dickflüssiger Teppich mein Gesichtsfeld. Ich wusste ich müsste nun Angst empfingen, und doch tat ich es nicht. Gedankenlos und leicht, stellte ich fest, dass es bloß eine Wolke war, auf der ich lag. Wie ein sanftes Ruhekissen, das ich nicht einmal spürte. Nur dieses unvertraute Kitzeln belebte meinen Körper und schien gleichzeitig meinen Geist in ungeahnte Ferne entgleiten zu lassen. Jede Verbindung mit ihm schien getrennt und so glitt ich sorglos weiter, nur eine Armlänge vom Himmelsblau entfernt.
Als hätte ich in meinem Leben nichts anderes gemacht, als durch die Wolken zu gleiten, schloss ich meine Augen und ließ mich treiben. In tiefster Zufriedenheit gab ich mich dem Kribbeln der ungezählten Tropfen hin. Belebt und doch wie betäubt, vergaß ich alles um mich. Gar der Himmel war mir nun egal. Die klaffende Leere bis zu der fernen Erde erst recht. Alles vergaß ich und war nur ich. So wie einer dieser gleitenden Tropfen, tänzelnd im verstreuten Glanz der Sonne.
Obwohl die Augen immer noch geschlossen, bemerkte ich auf einmal ein rötliches Flackern. Unregelmäßig tauchte es auf. Immer deutlicher sah ich es. Wie war das nur möglich? Stand der Himmel in Flammen? Leicht schreckhaft öffnete ich die Augen. Nur langsam, denn ich spürte eine gewisse schwere in den Lidern. Der Himmel war weg. Doch auch das Glühen war auf seltsame Art und Weise völlig geräuschlos verschwunden, als hätte es niemals existiert. Jetzt erst vernahm ich einen sanften Wind, der über meine Haut strich und das letzte Kribbeln vertrieb.
Über mir überspannten lange Äste meine Welt. Immer noch lag ich auf dem Rücken, nur spürte ich nun wieder das weiche Gras unter mir. Die Sonne funkelte zwischen den sattgrünen Blättern hindurch, die im Wind tanzten, so leicht und unbekümmert wie die Tropfen der Wolken.
Wie von einer langen Reise kamen meine Gedanken zurück. Nur wenige waren es, alle so leicht wie der Wind, der sie heran trug. Ich war eingeschlafen. Etwas enttäuscht, doch nicht fliegen zu können, schloss ich wieder die Augen. Versuchte wieder einzutauchen. Doch der Traum schien mich nicht wieder aufnehmen zu wollen.
Lange lag ich so da. Immer noch den Wunsch zu gleiten. Der Wind strich mir um die Nase. Angenehm weich seine Liebkosung. Über mir rauschten die Blätter und ein frühsommerlicher Duft umspülte meine Sinne. So leicht fühlte es sich an, auch wenn es nicht mehr die Wolken waren, die mich trugen. Mein Herz so unbeschwert, dass es zu schweben schien, seine Schläge kaum spürbar, fühlte sich meine Seele an, als tanzte sie im Wind. Losgelöst, schwebte ich. Nur fliegen war schöner. Nein, das stimmte nicht. Mein Bewusstsein entglitt jedem Denken – es flog. Meine Seele ließ sich baumeln.
Und da wusste ich es, all der Widerstand, er war nicht mehr, nur noch ein Wind wehte, leicht und tragend, wie die Wolken in meinem Traum. Der Himmel über mir, die friedliche Welt meiner Fantasie. Das Kribbeln, die Liebe in meinem Herzen, von ihm durch den Körper gepumpt, war nun alles was mich erfüllte. Es war kein Traum – es war nur ich. Ohne Zeit, ohne Raum.

Wolken