Das Mädchen auf dem Hügel

„Komm, bleib hier“, rief Gertrude ihre Tochter mitfühlend aus ihren Gedanken.

Mathilde war in der Türöffnung stehen geblieben, als ihr Vater sie zurückgewiesen hatte. Eigentlich wollte sie mit ihm gehen, doch nun sah sie wie er den Hügel hinunterschritt. Sein breiter Rücken wirkte bei weitem nicht mehr so stark wie früher. Er war immer noch muskulös, doch schien er immerfort eine schwere Last zu tragen. Ihr Vater hielt sich leicht nach vorne gebeugt und ihm war der Regen gleichgültig, der ihm das Haar durchnässte. Das Wasser lief ihm die Wangen hinunter, während er lustlos den Pfad hinuntertrabte.

Immer nach stand Mathilde oben und fühlte die Trauer ihres Vaters und litt mit ihm. Sie würde ihm so gerne helfen.

„Hilf mir beim Abwaschen.“ Gertrude mühte sich nach soviel Normalität wie irgend möglich. Vielleicht war das auch der Grund, warum ihr Vater in letzter Zeit soviel arbeitete. Andererseits hatte er nun auch keinen mehr, der ihm half und die Arbeit machte sich nicht von selbst.

Als ihre Mutter sie nochmals rief, drehte sie sich endlich um und half beim Abwaschen. Sonst war dabei stets ein Summen zu hören, doch in letzter Zeit fehlte ihrer Mutter dafür die Kraft. Überhaupt war es sehr ruhig geworden, seit ihr Bruder gestorben war. Die Gespräche waren wortkarg und umfassten nur das Nötigste. Es war ein Unfall gewesen. Er half im Nachbardorf ein Dach zu errichten, als ihn ein abrutschender Balken traf. Er hatte ihn leichtsinnig auf eine Kante gelegt ohne ihn zu fixieren. Es war sein eigener Fehler gewesen. Er war immer etwas leichtsinnig und starrsinnig gewesen, doch nun gab Vater sich die Schuld und sie konnte nichts tun, um ihm zu helfen. Keiner durfte in seiner Gegenwart darüber sprechen, dabei war es beinahe ein Jahr her.

„Füllst du das Holz auf?“, fragte Gertrude und versuchte Mathilde auf Trab zu halten. „Ich flechte an den Körben weiter.“

Mathilde ging hinaus zur regenabgewandten Seite des Hauses. Dort war mannshoch Brennholz aufgestapelt, das sie über den Sommer aus dem Lager am Fluss auffüllten. Sie nahm jedes Mal etliche Stücke mit hinein und füllte die steinerne Nische neben dem Kamin, mit dem Restholz, das ihr Vater nicht verwenden konnte. Der Kamin und die Nische waren das einzige aus Stein in diesem Haus. Ansonsten waren es dicke Holzwände, die mit Lehm verputzt waren. Es war das einzige Haus weit und breit, das so gebaut war. Das lag daran, dass sie eine Schreinerei besaßen und leicht an Holz kamen.

„Das Holz ist aufgefüllt, soll ich Wasser holen gehen?“ Es war eine alltäglich gewordene Frage.

„Hast du deinem Vater Brote gemacht?“, kam die gewohnte Gegenfrage.

Mathilde nickte mit einem freudigen Lächeln. Gertrude wank sie mitfühlend zu sich heran.

Mathilde stellte sich neben ihre Mutter und ließ sich von ihr über den Rücken streicheln.

„Ach, mein Kind. Du gibst nie auf?“

Sie antwortete mit einem zarten Kopfschütteln. Die Frage bedurfte ohnehin keiner Antwort. Gertrude fuhr noch einige Male über den Rücken. Dann drückte sie ihre Tochter am Arm. „Du schenkst mir so viel Kraft.“ Sie machte eine Pause ohne sie loszulassen. „Auch deinem Vater, mehr als dass er es dir zeigen könnte.“

Die Worte bedeuteten Mathilde viel. Mit einem kleinen Korb in der einen und einem großen Eimer in der anderen Hand, machte sie sich auf den Weg zum Fluss.

Sie musste acht geben. Der Weg war leicht glitschig durch den Regen der vergangenen Tage. Unten erwartete sie ein unruhig gewordener Fluss der spielend über seine üblichen Ufer strich. Sie ging zu einem Felsvorsprung, denn hier konnte sie den Eimer gefahrlos füllen. Den vollen Eimer stelle sie am Eingang der Schreinerei ihres Vaters ab.  Sie hörte wie sich das dicke Sägeblatt durch das Holz fraß. In einem monotonen Rhythmus zog ihr Vater die Säge zu sich heran, um sie dann mit weniger Kraft von sich zu drücken. Er hörte sie nicht und wandte dem Eingang den Rücken zu. So stellte sie den Korb ab und schlich sich hinein.

Neben der großen Werkbank stand ein grob gezimmerter Tisch. Darauf lag ihr Werkzeug. Ihr Bruder hatte sich immer über ihre viel zu kleinen Hände und die viel zu schwachen Arme lustig gemacht. Auch ihr Vater hatte anfangs gelacht und gemeint, sie solle ihrer Mutter helfen. Doch mit der Zeit erfüllte ihn ein gewisser Stolz, dass seine Tochter nicht so war, wie die dummen Mädchen im Dorf. Manchmal ließ er es gar zu, dass sie ihm half. Sie durfte ihm das Werkzeug bringen und manchmal gar etwas abmessen.

Doch seit einem Jahr war das vorbei. Vieles hatte sich von einem Tag auf den anderen geändert. Ihre Mutter meinte, dass es ihn zu sehr an seinen Sohn erinnerte und dass er deshalb nicht wollte, dass sie ihm half. Es war als hätte er sich alles verboten, was ihm Freude machen konnte. Er folterte sich selbst, als wäre es die einzig richtige Strafe für ihn. Es war seine Schuld, so viel stand für ihn fest. Und wer schuld ist, muss Buße tun. Ihr Vater war kein besonders gläubiger Mann. Aber man muss Werte haben, pflegte er zu sagen. Wenn man keine Werte hat, ist man kein Mensch. Meistens sagte er das, wenn er etwas Unangenehmes tun musste oder sich dafür rechtfertigte kein Unrecht zu tun, obwohl es ihm von Nutzen wäre.

Aber Mathilde traf keine Schuld. Dennoch strafte er auch sie. Sie wollte helfen, sie wollte besser werden, denn ihr machte die Arbeit Spaß. Er hatte ihr nie direkt verboten die Schreinerei zu betreten, aber er hatte sie immer wieder weggeschickt oder sie daran gehindert mit ihm zu gehen.

Doch eigensinnig wie Mathilde war, hatte sie mit der Zeit ihren Weg gefunden. Nachmittags schlich sie sich hinein und setzte sich an ihre Werkbank. Holz, das sie bearbeiten konnte, fand sie zur Genüge. Sie wusste, dass solange sie sich ruhig verhielt, würde ihr Vater sie nicht bemerken oder zumindest so tun als ob. Von sich aus tat er ohnehin wenig und sprechen gar noch weniger. Nur arbeiten tat er die ganze Zeit. Manchmal ging er sogar nachts hinunter und räumte in klaren Nächten das Außenlager auf.

Auch heute blieb Mathilde an ihrer Werkbank ungestört. Ihr Vater hatte reichlich Aufträge und seine Arbeit war besser als je zuvor. Mit gut gab er sich längstens nicht mehr zufrieden. Er gab erst Ruhe, wenn er keinen Makel mehr fand. Als könnte er alles vergessen machen, fixierte er sich auf jeden seiner Aufträge und doch wirkte er freudlos. Alles was er tat, oder nicht tat, schien auf seine Art Buße zu sein.

Mathildes Sammlung unter der Werkbank wuchs unterdessen stetig an. Sie hatte diese inzwischen von der Wand wegrücken müssen, um dahinter lagern zu können. Seid einer Woche arbeitete sie wieder an ihrer Lieblingsarbeit, einem Brettspiel, von denen sie schon zig Exemplare angefertigt hatte. Mit leisen Schlägen meißelte sie die Konturen heraus und blies von Zeit zu Zeit die Späne in einen Leinen versehenen Korb. Auch sie vergaß dabei alles um sich herum, allerdings war es bei ihr die Leidenschaft, die in ihr brannte. Die Geduld und Hingabe, die sie in ihre Arbeit legte war dieser anzusehen. Alles war reichlich und doch harmonisch verziert.

Ein letztes Mal blies sie die winzigen Späne vom Spielbrett und fuhr prüfend mit der Hand und einem Pinsel über jede Kontur, bis das letzte Staubkorn beseitigt war und sie sicher war, dass keine Unebenheit mehr übrig war. Ein zufriedenes Lächeln schlich sich in ihr Gesicht. Es war ihr so gelungen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Doch dann blickte sie sich nachdenklich um. Ihre Arbeit war noch nicht ganz fertig. Es bedurfte noch einiger Verzierungen, die sich nicht meißeln ließen. Sie musste noch Flächen schwärzen und den Figuren und den zahlreichen Spielbrettern Leben einflössen. Das war ein heikler Teil ihrer Arbeit, dann dazu musste sie Feuer anzünden. Deshalb sammelte sie solche Arbeiten und wartete bis auch ihr Vater Feuer brauchte. Aber in letzter Zeit hatte dieser keine Arbeit gehabt, für die es das bedurfte.

Draußen hatte es zu regnen aufgehört und der Boden war nass. Sie betrachtete den Stapel an unvollendeter Arbeit, schluckte kräftig und fasste den Entschluss es heute zu wagen. Ihr Vater war immer noch mit der großen Säge beschäftigt. Er hatte manchmal solche Tage, da hörte er gar nicht mehr auf mit Sägen. Heute Abend würde er wieder Blasen an seinen Händen haben, so tun als wäre alles in Ordnung und noch schweigsamer sein. Auch wenn es sie traurig machte ihn so zu sehen, so war es doch die beste Gelegenheit ihr Vorhaben umzusetzen.

Sie nahm ihren Korb mit den feinen Holzspänen, die zwei Feuersteine, einen metallenen Korb und ein wenig von dem Heu, das sie im Sommer zu diesem Zweck ernteten und trockneten.

Draußen in einiger Entfernung zur Schreinerei war eine große Fläche mit Steinen aus dem Fluss ausgelegt. Dort wuchs kein Grashalm und wenn doch dann zupften sie es weg, damit sich dem Feuer keine Möglichkeit bieten konnte überzugreifen. Ihr Feuer heute würde aber ohnehin sehr klein ausfallen. Dennoch stellte sie drei Eimer mit Wasser neben der Feuerstelle auf und befolgte alles, was sie von ihrem Vater gelernt hatte. Sie legte sich kleingeschnittene Äste zurecht und entzündete das Heu mit den Feuersteinen, bevor sie mit den Holzspänen den ersten Flammen weitere Nahrung gab. Das Holz stellte sie in den eisernen Korb.

Während sie darauf wartete, dass sich die Glut bildete und ihre Werkzeuge die Hitze in sich aufnahmen, ging sie hinein und nahm den unangerührten Korb mit den Broten. Sie setzte sich draußen hin und wärmte sich am Feuer, während sie die Brote aß. Auch das war eine dieser stillen Übereinkünfte. Ihr Vater wusste genau, dass die Brote dort standen, denn sie standen jeden Nachmittag dort. Aber er hatte selten Hunger und so aß Mathilde sie selbst. Beide würden sie aber ihre Mutter im Glauben lassen, Vater hätte sie gegessen.

Als das Feuer richtig warm war stellte sie Steine an den Korb, damit die Hitze lange bleiben würde und legte Holz nach. Dann nahm sie sich eines der Werkzeuge und ging hinein. Sie arbeitete zügig aber konzentriert und mit einer so ruhigen Hand, wie selbst ihr Vater sie nicht besaß. Sie wusste genau was sie wollte und jeder ihrer Handgriffe saß, sodass sie die kostbare Hitze nicht vergeudete. Dennoch musste sie regelmäßig aufstehen und ihr Werkzeug wechseln, aber währenddessen wuchs der Stapel an nun vollendeter Arbeit.

Mathilde beugte sich nahe über ihre Arbeit, den Kopf schräg und ihre Haare als Geflecht über die eine Schulter gelegt, damit sie sich diese nicht versengten.

„Was machst du da?“ Eine tiefe Stimme riss sie aus ihrer Konzentration. Reflexartig hob sie den eisernen Stab, um ihr Werk nicht versehentlich zu beschädigen.

Ihr Herz raste. Sie hatte sich halb zu Tode erschrocken.

„Zeig es mir.“ Ihrem Vater musste dies aufgefallen sein, denn er versuchte sich an einem milderen Ton.

Mathilde drehte sich langsam um. Sie fürchtete keine Rüge, dennoch konnte sie nicht einschätzen, was sie erwartete. Ihre größte Sorge war, dass er ihr nun doch verbieten würde die Schreinerei zu betreten.

Seine Miene war nicht zu deuten. Sie konnte außer der tief sitzenden Trauer keine Gefühlsregung darin ausmachen.

Mathilde legte ihr Werkzeug in die Halterung und reichte ihrem Vater das Brettspiel. Es war noch nicht fertig, aber es fehlte nicht mehr viel.

Ihr Vater hielt es lange in der Hand und begutachtete es von allen Seiten.

„Du bist noch besser geworden“, meinte er verwundert.

Mathilde brachte kein Wort heraus. Es war seit dem einen Tag das erste Mal, dass er ihre Arbeit wahrgenommen hatte.

Ihr Vater blickte an ihr vorbei. „Du hast noch mehr davon?“ Seine Verwunderung war ehrlich.

„Ja“, antwortete Mathilde und versuchte den Klos im Hals herunter zu schlucken. „Aber es sind unterschiedliche Spiele.“ Sie war aufgeregt. „Ich habe auch Figuren geschnitzt“, wagte sie sich vor.

Ein Brummen ertönte. Mathilde wusste nicht, was das bedeuten sollte.

„Soll ich es dir zeigen?“

Das zweite Brummen nahm sie als Zustimmung. Energiegeladen wie sie nun war, musste sie sich zwingen nicht hektisch zu werden. Das vertrug ihr Vater gar nicht. Sie stand auf und kramte ihre Arbeit hervor. Es hatte sich viel angehäuft in dem vergangenen Jahr. Dabei war etliches nicht besonders gut, aber das ließ sie dann im Verborgenen.

„Du wärst ein guter Junge geworden“, richtete ihr Vater über ihre Leistung.

Mathilde wusste, dass es das höchste Kompliment war, das ihr Vater ihr machen konnte.

Er blieb stehen und sah sie an als wollte er noch etwas sagen. Doch er blieb stumm. Er wirkte niedergeschlagen und mutlos.

„Vielleicht können wir sie am Markt in der Stadt verkaufen?“ Mathilde schöpfte auf einmal Hoffnung. Sie musste es einfach versuchen.

Ihr Vater sah an ihr vorbei ins Leere.

„Simon und ich sind immer dorthin gegangen!“, stelle ihr Vater klar.

„Ja, ich weiß.“ Sie hatte den Namen lange nicht mehr gehört.

Sie wagte es nicht die Frage, die ihr auf der Zunge lag, auszusprechen.

Ihr Vater nickte in Gedanken und reichte ihr das letzte Stück zurück. Er drehte sich um und ging wieder zu seiner Säge. Waren seine Augen feucht gewesen? Mathilde blickte ihrem Vater mit gemischten Gefühlen hinterher. Unentschlossen blieb sie stehen. Sollte sie zu ihm hin? Sollte sie ihn anschreien oder sollte sie ihn in den Arm nehmen? Die erwachte Hoffnung erlosch wie Feuer, dem die Nahrung fehlte.

Sie setzte sich hin und wollte weiter arbeiten, doch das Eisen war zu kalt und erst musste sie noch das entstandene Chaos beseitigen.

Sie arbeitete bis es draußen dämmerte und es drinnen für diese Arbeit zu dunkel wurde. Ohne sich umzusehen ging sie mit gesenktem Kopf hinaus. Das Feuer war erloschen, aber die Glut wärmte noch und so hockte sie sich davor und wärmte sich die Hände. Der wolkenbehangene Himmel ließ es rasch dunkel werden und sie ging nicht gerne alleine hoch, wenn es dunkel war. So stand sie auf und nahm einen der Wassereimer um die letzte Glut zu löschen.

„Nein lass, Mathilde“, ertönte die Stimme ihres Vaters hinter ihr. „Lass uns die Glut in einem Eimer mit nach oben nehmen. Dann haben wir es zu Hause leichter ein Feuer zu machen.“

Mathilde nickte, abermals unfähig eine Antwort in Worte zu fassen. Sie tat wie geheißen, während ihr Vater wie ein verlorenes Kind stehen blieb. Reglos und ohne Kraft.

Ein leises Zischen ertönte als das Wasser die restliche Glut losch. Mathilde nahm den Eimer und achtete darauf nicht dagegen zu stoßen, während sie den Hügel empor stiegen. Ihr Vater blieb wenige Schritt hinter ihr, als fehlte ihm die Kraft ihr zu folgen.

Schließlich blieb er stehen, doch Mathilde merkte es nicht.

„Du musst das verstehen. Es geht einfach nicht!“

Erst jetzt merkte Mathilde, dass er stehen geblieben war und drehte sich um. Unverwandt blickte sie zu ihm herab.

„Simon und ich sind immer zum Markt gegangen!“ Es klang als müsste dies alles erklären.

Mathilde blieb wortlos stehen.

Ihr Vater zitterte. Mehrmals setzte er an, etwas zu sagen.

„Simon ist tot“, kam es endlich hervor und Tränen bahnten sich einen Weg seine Wangen hinunter. Mathilde stiegen auch die Tränen hoch, doch noch konnte sie diese zurückhalten. Es schmerzte sie ihren Vater so zu sehen.

„Ich weiß, Vater.“ Sie wusste nicht woher sie die Kraft nahm zu sprechen. „Aber ich lebe!“

Ihr Vater sah verwundert zu ihr hinauf. Seine Lippen bebten, doch brachten sie keine Ton hervor.

Dann weinte er nur noch und Mathilde ging zu ihm und umarmte ihn wortlos.

Morgen gibt es auch ein Morgen

„Morgen!“, raunte er zum Abschied und ließ die Tür zur Garage zufallen. Der Knall verriet ihm, dass er doch etwas zuviel Schwung in seine Bewegung gelegt hatte. Als er ins Auto stieg, griff er mit beiden Händen fest ans Steuerrad. Dass sie ihn einfach nicht verstand. Er versuchte sich zu beruhigen, bevor er die Autotür nun leiser schloss.

Er schüttelte den Kopf um diesen frei zu bekommen. Dabei ging es ihnen doch gut. Da musste man nun mal auch Opfer bringen. Er war schon zwei Straßen weiter als er merkte, dass er mit den Gedanken noch immer Zuhause war. Zum Glück klingelte sein Handy. Es war Tobias. Sie telefonierten meistens so früh. So war die Zeit im Auto nicht verloren, und so früh waren sie noch ungestört. Später im Büro würden alle gleichzeitig auf ihn eintrommeln. Alle wollten sie Entscheidungen von ihm. Es war bisweilen anstrengend, doch er genoss die Arbeit, und die Verantwortung. Hier hatte er das Gefühl wirklich gebraucht zu werden und jeder hörte ihm zu. Nicht wie seine Susanne, seine Frau, die ihn scheinbar gar nicht verstand. Ach, zum Teufel, wo glaubte sie dann, dass all das Geld herkam. Da musste man auch mal Samstags ins Büro.

„Alles in Ordnung?“, fragte Tobias über die Freisprechanlage. „Du klingst angespannt.“

„Ach“, stöhnte Eric und klopfte auf das Steuerrad. „Nein, alles in Ordnung.“ Er musste sich zusammenreißen. „Was meinte der Engländer dann? War er einverstanden?“

Eine Weile später saß er an seinem Schreibtisch. Wie er hierher gekommen war, konnte er nicht mehr recht sagen. Heute störte ihn auch die Stille im Büro. An einem Wochentag wäre ihm das nicht passiert, dass er so zerstreut war. Dabei wollte er doch gerade heute so viel Liegengebliebenes aufarbeiten. Stattdessen erwischte er sich dabei, wie er Löcher in die Luft starrte. Der Haufen vor ihm wuchs von Woche zu Woche, dabei war vieles nur Fleißarbeit, nichts von dem, was ihn wirklich reizte. Aber irgendwie fand die Arbeit nur ihn. Er verstand auch nicht, wie die anderen Freitags schon so früh gehen konnten, manche gar schon vor 16 Uhr.

Dieser neumodische Kram von flexiblen Arbeitszeiten hatte ihm rein gar nichts gebracht. Eher im Gegenteil, und zu allem Überfluss war Susanne jetzt noch hinter ihm her, er solle sich ein Beispiel daran nehmen. Was dachten sich denn die Leute auf einmal alle. Das Leben besteht nun mal nicht nur aus Freizeit.

Abermals klingelte sein Handy. „Ja, warten Sie, ich komme gleich runter.“ Samstags schloss die Tür immer automatisch, so dass er seine Bestellung selbst nach unten holen gehen musste.
„Danke.“ Der Lieferjunge freute sich über das satte Trinkgeld. „Guten Appetit!“, sagte er noch, als wäre er Kellner in einem Restaurant. Dabei war es nur Penne Carbonara in einer Nudelbox. Bereits im Fahrstuhl nahm er die Plastikgabel und wollte anfangen, doch er verbrannte sich die Zunge. „Verdammt“, fluchte er ungehört. Der Italiener war gleich nebenan und seine Ungeduld war ihm hier schon öfters zum Verhängnis geworden. Er hätte es also wissen müssen. Mit dieser Wut auf sich selbst stellte er die Packung energiegeladen auf den Tisch, und bearbeitete noch schnell ein paar Formulare und stocherte ab und an nach seinen Nudeln.

„Ach, Scheiße!“ Eine Nudel klebte auf einem Dokument als er es weglegen wollte. „Warum hast du dir nicht ein anderes Blatt aussuchen können?“, schimpfte er über das irrationale Benehmen der Nudel. Wütend knüllte er das Papier zusammen und visierte den sich füllenden Papierkorb an. Doch auch hierbei wollte sich an diesem Tag kein Erfolg einstellen.

„Pfff“, stöhnte er und ließ sich in seinem Stuhl nach hinten fallen. Mit im Nacken verschränkten Händen legte er seinen Kopf schräg und ließ seinen Blick nach draußen gleiten. Der Frühsommer zeigte sich von seiner strahlend blauen Seite, als wollte er ihn für seinen Trübsal verspotten. „Ach“, ärgerte er sich. „Das wird heute nichts.“ Er wollte nicht länger wütend auf sich sein. „Vielleicht ist das auch ein Zeichen“, gab er sich mit dem Wetter versöhnlich. Er räumte die Stapel gerade. Wenigstens sein Schreibtisch sollte heute ordentlich sein. Dann stand er auf.

Doch als er draußen ankam, blieb er hilflos stehen. Einfach so nach Hause gehen konnte er auch nicht. Eigentlich hatte er Susanne versprochen heute mit ihr Picknicken zu gehen. Auch eine von diesen irrationalen Unternehmungen, die er nicht recht verstand, aber er hatte doch eingewilligt. Nach mehrmaligem Verschieben hatte er es fest für dieses Wochenende versprochen. Deshalb verstand er auch nicht, warum es so schlimm war, es auf Morgen zu verschieben.

Trotzdem, wenn er jetzt nach Hause kam, würde er vielen Fragen ausgesetzt sein. Nein, so wie er am Morgen seinen Notstand im Büro geschildert hatte, konnte er nicht hinter seine Worte. Er würde sich wohl etwas einfallen lassen müssen. Er rieb sich müde die Stirn und zuckte dann mit den Schultern, als müsste er sich dem Unausweichlichem stellen.

Zu Fuß ging er vier Blöcke weiter. Es herrschte reges Treiben in der Stadt. Einige gingen zügig und zielgerichtet, aber die meisten schlenderten vor sich hin, schauten mal hier- mal dorthin, und schleckten dabei ihr Eis. Er war einer derer, die zielgerichtet gingen. Und so trat er auch in den Laden, als die Türglocke nostalgisch sein Eintreffen verkündete.

Eric hielt direkt auf die Kasse zu, da sah er den Verkäufer hinter einem Regal knien. „Komme gleich.“ Er stellte noch den letzten Topf ins untere Regal und stand auf. Er wischte sich die Hände an seiner Schürze sauber. „Einen schönen guten Tag. Wie kann ich ihnen helfen?“

„Guten Tag“, antwortete Eric knapp. „Ich bräuchte einen Strauß von ihrem Grünzeug.“ Er machte eine ausladende Geste.

„Gerne.“ Sein Lächeln wirkte für den Augenblick aufgesetzt, doch er fing sich rasch. „Irgendwelche Vorlieben?“

Eric verkniff sich die Frage, ob er hier der Gärtner wäre. Sein Blick jedoch musste das auch so verraten haben. Der Mann nickte, als wollte er darauf antworten. „Ich kann ihnen auch gerne eine Vorschlag zeigen.“

„Sehr gerne.“ Eric lächelte nun auch, er war wohl etwas grob gewesen. Und dafür bestand kein Grund, wie er wenig später feststellte. Der Gärtner präsentierte einen wuchtigen, aber gefälligen Strauß. Eric zuckte nur kurz mit einer Braue, bevor er seine ebenfalls wuchtige Schuld mit seiner Karte beglich.

So bewaffnet fühlte er sich nicht mehr arg zu falsch unter den übrigen Passanten und fuhr wenig später aus der Parkgarage.

Abermals rieb er sich die Stirn und versuchte seinen Schreibtisch aus seinen Gedanken zu bannen, als er in die Einfahrt bog.

„Hallo“, trat er in den Flur. „Liebling?“ Er ging in die Küche. „Bist du da?“ Stille. Er rief noch einmal die Treppe hoch, doch das Haus war leer. Er blickte kurz auf den Strauß. Was sollte er tun? Sollte er sie anrufen? Nein, das würde in einem Streit enden. „Denkst du ich würde nun zu Hause sitzen und auf dich warten?“ Doch dann kam ihm eine Idee und so ging er nach draußen in den Garten. Dort kniete sie und wühlte in einem der Blumenbeete. Sie hatte nie gewollt, dass er einen Gärtner bestellte. Das wäre nicht das gleiche, meinte sie dann immer. Anfangs hatte er auch geholfen, aber nun fehlte ihm einfach die Zeit.

Etwas verloren stand er da, mit seinen Blumen. Susanne hatte ihn nicht gehört und war völlig in ihre Arbeit vertieft.

„Susanne?“, flüsterte er, weil sein Stimme eingetrocknet war. Er räusperte sich. „Liebling?“ Susanne fuhr erschrocken hoch.

„Uff, musst du dich so anschleichen?“

„Tschuldigung“, meinte er und hielt ihr die Blumen entgegen. Dabei wurde ihm bewusst, dass dies so wirken musste, als habe er ein schlechtes Gewissen. „Ich habe mir gedacht, dass heute wirklich zu schönes Wetter ist, um im Büro zu sein“, ging er in die Offensive.

„Was du nicht sagst“, lachte Susanne, aber es klang nicht froh. Sie bückte sich vor und zog die Erde über die Wurzeln der jungen Rosenstöcke.

„Ich habe mir gedacht wir könnten immer noch Picknicken gehen.“

„So so“, zeigte sich Susanne wenig überzeugt. „Woher der Sinneswandel?“

„Ich habe mich in letzter Zeit zu wenig um uns gesorgt. Du hast recht, wir sollten mehr Zeit zusammen verbringen.“ Eigentlich redete er sich in Teufels Küche. Das würde Susanne in Zukunft alles gegen ihn verwenden. Aber zumindest für den Moment hatte er seinen Frieden. Und das viele Gestreite gefiel ihm auch nicht.

Susanne hob skeptisch die Augenbrauen. „Und wenn ich den Picknick schon gegessen habe?“

„Wir wollten doch Morgen gehen?“ Eric dachte angestrengt nach, um bloß nichts Falsches zu sagen.

„Morgen soll es regnen“, erklärte Susanne nüchtern.

„Das wusste ich nicht.“

„Das habe ich dir aber gesagt. Heute Morgen noch.“

Und da war es schon geschehen, dachte Eric. „Aber dann können wir immer noch spazieren gehen“, wich er aus.

„Möchtest du das denn wirklich?“

„Aber sicher, sonst wäre ich nicht hier“, spürte Eric wieder Boden unter seinen Füßen.

„Na dann will ich nicht so sein“, stand Susanne endlich auf. „Ich glaube, ich nehme dir mal die Blumen ab, bevor du mit denen Wurzeln schlägst.“

„Gute Idee“, lächelte er und unterdrückte ein erleichtertes Ausatmen. „Wir können ja auch eine Flasche Wein mitnehmen und es uns am See gemütlich machen.“ Schadensbegrenzung war jetzt angesagt.

„Ich habe nichts angerührt, der Korb ist schnell gefüllt.“ Susanne sah ihren Mann prüfend an. „Allein macht das keinen Spaß.“

„Klasse.“ Sein schlechtes Gewissen war deutlich heraus zu hören, auch dass er wusste, dass die Wortwahl besser hätte sein können. „Dann lege ich die Decken ins Auto?“

„Mach das. Ich zieh mich rasch um.“

Eine halbe Stunde später saßen sie im Auto und Eric fuhr ausnahmsweise gemächlich über die Landstraße. Susanne mochte es nicht sonderlich, wenn er seinen gewohnt sportlichen Fahrstil an den Tag legte. Heute hatte sie kein Wort sagen müssen, aber auch ansonsten war die Fahrt reicht schweigsam. Jedem gingen eigene Gedanken durch den Kopf.

„So da sind wir“, sagte Eric unnötigerweise und ließ den Motor verstummen. Susanne sah ihn an und lächelte. „Judith meinte sie hätten im Winter hier einen Fitnesspfad angelegt und auch eine Baumallee, wo alle hier heimischen Baumarten wachsen sollen.“

„Oh interessant, dann bin ich mal gespannt“, meinte Eric und klopfte Susanne auf den Oberschenkel. Er lächelte und stieg aus.

„Ich nehme den Korb, du den Rucksack?“

„Ja.“ Susanne stieg nun auch aus. Wie immer, dachte sie, wollte es aber nicht aussprechen.

Der Wald war auch wie immer. Die Blätter bekamen allmählich ein dunkleres Grün und verrieten, dass der Frühling hinter ihnen lag. An etlichen Stellen lag noch Holz, das im Winter geschlagen worden war.

„Sieh, hier fängt der Fitnessweg an“, stellte Eric fest und blieb stehen.

„Ja“, antwortete Susanne. Es war das erste Wort, das sie unterwegs gewechselt hatten.

„Sieht eher nach einem Pfad aus“, lachte Eric geringschätzig.

„Sollen wir ihn mal anschauen?“

„Warum nicht?“ Eric war es gleich welchen Weg sie gingen. „Verlaufen werden wir uns wohl nicht.“

Der Pfad schlängelte sich eigenwillig durch den Wald und führte über viele Wurzel. „Das sind ja immer nur Stangen und Hindernisse“, kommentierte Eric kopfschüttelnd und lachte über das Angebot. „Da braucht man aber schon viel Fantasie, um sich müde zu machen.“

Susanne las die Beschreibung und gab sich einem Versuch hin. Eric wollte sich keine Faulheit nachsagen lassen. „Sieh, ich komme noch mit den Füßen an den Boden.“

Es sah einfach albern aus, wie er den Anschein gab, sich voran zu hangeln. Susanne lachte leise und brach ihren Versuch ab.

„Oh und hier kommt dann wohl die Allee“, spottete er über eine längliche Lichtung in der zwei Reihen mit Pfählen und eisernen Gittern vor ihnen auftauchte.

„Das soll die unterschiedlichen Alter der Bäume veranschaulichen. Es scheint als würden später die gleichen Bäume nachmals kommen, aber immer fünf Jahre älter.“

„Da haben einige wohl wirklich zu viel Zeit, um sich so etwas auszudenken. Als gäbe es hier im Wald nicht genug Bäume.“ Eric konnte nur noch den Kopf schütteln.

Susanne gab es auf, und sie gingen weiter. Eigentlich fand sie es interessant und wollte auch die zahlreichen Erklärungen lesen. Aber sie spürte seine Ungeduld. Den Rest des Pfades setzten sie ohne Unterbrechung fort. Auch wenn sie ihren vertrauten Weg immer wieder kreuzten, so folgten sie dennoch dem neuen Pfad. Sie hatten sich dazu entschieden, und warum sollten sie es ändern? Ansprechen taten sie es nicht. Sie gingen einfach weiter. Nur bei einer Kreuzung bogen sie ab zum See. Hier setzten sie sich auf die ihnen vertraute Bank, auch wenn sie in den letzten Jahren kaum noch hergekommen waren. Routiniert nahmen sie die zweit Decken und machten es sich gemütlich. Sie aßen Käse mit Trauben und Baguette und tranken dazu ihren Lieblingsrotwein. Es gab einfach Dinge die änderten nie, und waren immer gut.

Eric kratzte sich am Arm. Was er wohl dachte, fragte sich Susanne. Er war so weit weg. Vielleicht redeten sie wirklich nicht genug miteinander. Aber allein das störte sie nicht. Es war vielmehr ihr Schweigen, das sich nicht mehr so anfühlte wie früher.

„Du Eric?“

„Mhh?“ Er war wirklich weit weg gewesen. „Ja Liebling?“, fragte er reflexartig.

„Du kennst dich doch aus mit Geschäften.“

„Ja, das kann man so sagen“, lachte er. „Aber das weißt du doch.“ Er sah sie irritiert an. „Warum fragst du?“

„Ach nur so“, wich Susanne aus. „Es ist wegen Judith“, meinte sie dann doch. „Es geht mir etwas nicht aus dem Kopf.“

„Was hat sie mit Geschäften zu tun?“

„Nicht direkt. Wir haben nur so geredet.“

„So so“, sagte er. Der Ton verriet ihr, dass er sein Interesse verlor, das aber nicht sagen wollte.

Eine Weile schwiegen sie.

„Was würdest du einem Kunden raten, wenn er viele Firmen hätte, aber eine einfach nicht mehr so gut produziert?“

„Grunderneuern oder verkaufen. Normalerweise ist dann irgendwo der Wurm drin. Mit ein bisschen Ändern kann man da nichts mehr machen.“

„Aber wenn er an der Firma hängt!“

Eric lachte. „Das hat damit nichts zu tun!“

„Aber wenn es seine erste Firma war? Wenn er seine ganze Leidenschaft hinein gesteckt hat?“

„Egal, weg damit. Umso schlimmer, wenn man daran hängt. Dann trifft man die falschen Entscheidungen. Weg damit und neu anfangen.“

„Mhh.“ Susanne dachte darüber nach und Eric lachte leise vor sich hin. Woran er wohl dachte?

„Dann ist Liebe nichts worauf man etwas geben sollte?“

Eric wurde stutzig und sah sie nun direkt an. Sie erwiderte kurz den Blick, aber betrachtete dann erneut den See.

Eric ließ sich diesmal Zeit. „Liebe ist wichtig! Auch bei Geschäften.“ Er dachte nach und ließ seine Worte wirken. „Wenn man etwas tut, was man nicht liebt, dann wird es auch nicht gelingen. Aber man darf sich nicht blenden lassen, und nicht wegen der Liebe, die man am Anfang empfunden hat am Geschäft festhalten. Das zieht einen nur selbst runter, bis in den Ruin.“

Susanne antwortete nicht mehr und auch Eric schwieg. Aber von Zeit zu Zeit spürte Susanne einen Blick auf sich ruhen.

„Warum hat Judith davon geredet?“, brach er endlich das Schweigen und Susanne spürte, dass er ganz bei ihr war.

„Wegen Tobias. Ich glaube sie will sich scheiden lassen.“

Eric stand der Mund offen. Er setzte an etwas zu sagen, aber es formten sich keine Worte.

„Ich denke du solltest in nächster Zeit für ihn da sein.“

Eric nickte stumm und sah runter zum See. Es platschte als eine Ente aus dem See flog. Eine zweite direkt hinterher. Eric kratzte sich am Arm.

„Susanne?“

„Ja?“

„Ich liebe dich, das weißt du doch?“

„Ja, ich weiß.“ Sie griff nach seiner Hand.

„Ja, ich weiß.“

Leos Rückkehr

Es war ein heißer Herbst dieses Jahr. Nach dem verregneten Sommer freute das Leo sehr. Er schlenderte gemütlich in Richtung Stadt. Die Sonne im Rücken war eine Wohltat und sein eben gefüllter Bauch dankte ihm für den Besuch auf dem Land. Inzwischen hatte er viel gelernt und er tat sich nicht mehr so schwer satt zu werden, schon gar nicht solange es noch Bäume gab, die Obst trugen. Der Hunger im ersten Jahr hatte ihn zu etlichen Rasterfahndungen rund um die Stadt genötigt, bis er die Stellen kannte, wo verlassen und vergessen Obsthaine ihre Früchte jedem feilboten, der willens war, seinen Arm nach ihnen auszustrecken. Als kleines Sparpaket hatte er eine Tüte voll Äpfel in seinem Rucksack und etliche Zwetschgen in seiner Jacke, die er vorsichtig um seine Hüfte gebunden hatte.

Wohlgelaunt setzte er seinen Weg fort und ließ sich auch nicht von den vorbeischießenden Fahrzeugen aus der Ruhe bringen. Die teils riskanten Überholmanöver, um später als erster im Stau zu stehen, stimmten Leo eher nachdenklich, als dass es ihn ängstigte. Vielleicht, so sinnierte er, sollte die Polizei neben Alkoholkontrollen auch Stresstests durchführen. Es war beängstigend, doch auf der Straße erkannte man den Sozialabbau am besten, es herrschte Krieg, einer gegen alle und alle gegen einen.

Leo spürte wie er sich nun doch ärgerte.

„Nein, ich will noch nicht in die Stadt“, sprach er zu sich selbst. Er erblickte eben einen kleinen Parkplatz, der sich in eine Kurve drückte und der von einige Bäume umgeben war. Oft hielt er hier eine kleine Rast, um noch einmal richtig durchzuatmen. Meist war es hier schattig und feucht, doch er hatte Glück. Die etwas notleidende Bank war in die Nachmittagssonne getaucht und war trocken und angenehm warm, als er sich hinsetzte. Die Sonne wärmte sein Gesicht und er schloss die Augen. Bald würde der Winter kommen, trübte ein Gedanke seine Stimmung. Leo erinnerte sich an sein früheres Leben, doch wie so oft wirkte es für ihn fern und fremd. Es war nicht sein Leben, er war nicht mehr der, der er einmal gewesen war vor dem großen Fall. Erst jetzt wusste er, was Freiheit bedeutete und er wusste wie sehr er gefangen gewesen war. Dabei war er immer am Puls der Welt gewesen, Multimedia war sein Leben, immer erreichbar, immer unterwegs und fortwährend bestrebt noch erfolgreicher zu sein. Leo öffnete seine Augen, betrachtete seine Hände und fragte sich, wie ihm sein altes Leben so leicht hatte entgleiten können? Seine Hände waren schmutzig. Ihm war nicht aufgefallen, dass die Bank an einer Stelle geharzt hatte. Susi tauchte in seinen Händen auf. Eigentlich hieß sie Susanne, aber er hatte sie immer Susi genannt, so wie sie seinen Namen zu Leo verkürzt hatte. Seinem Vater hatte das gar nicht gefallen. Er war einer der alten Garde. Vielleicht hatte er Susi auch deshalb verloren. Er war zu sehr geworden wie sein Vater.

Verwundert stellte Leo fest, dass seine Hände nicht wie sonst zitterten, wenn er an sein früheres Leben dachte. Aber vielleicht lag es auch daran, dass er nicht an alles dachte, sondern nur an das, was er wirklich verloren hatte. Eigentlich, so wurde er sich eben bewusst, war es nur Susi, die er vermisste, ihr Lachen, ihre Wärme, mit ihr über alles reden zu können. Sorgenfalten legten sich auf seine Stirn. Er hatte viel zu wenig mit ihr geredet. Viel zu wenig über die wichtigen Dinge, und mehr noch spürte er, dass er auch zu wenig über die unwichtigen Dinge gesprochen hatte. Kein Wunder, dass sie gegangen war. Eigentlich war er es, der sich von ihr getrennt hatte, ohne Worte, ohne Taten. Er hatte an ihr, und mehr noch an sich selbst vorbei gelebt.

War er deshalb so tief gefallen? Fand er deshalb nicht mehr zurück, weil er sich schon lange davor selbst verloren hatte?

Die Sonne setzte ihren Weg fort und ein einzelner Tannenast legte seinen Schatten auf die Bank. Es war der wärmste Augenblick des Tages, das wusste er, aber dennoch beschlich ihn ein Frösteln. War es die Vorahnung des Winters?

Er schüttelte das klamme Gefühl von sich. „Genug gerastet“, mahnte er sich. „Wir haben noch einiges vor.“ Er erinnerte sich an seinen Plan und fand wieder zu sich.

Er stand auf und spürte, dass auch seine Jacke Harz abbekommen hatte. Das würde ihn noch eine Weile ärgern, aber für den Moment war er nicht gewillt, sich damit zu beschäftigen.

Nach einem Kilometer kamen die ersten Häuser. Er war noch nicht ganz in der Stadt. Es war eher ein verschlafenes Dorf, das bald von der Stadt zugeschüttet werden würde. Hier gab es für ihn nichts zu suchen. Er spürte nur, wie die Hektik der Autofahrer zunahm. Gut, dass er hier einen Bürgersteig hatte, auf dem er sich vor diesen wild hupenden Wutbürgern verstecken konnte.

Nun, da ihn die Häuser flankierten, fand Leo, dass sich der Weg länger zog. Manchmal ertappte er sich dabei, wie er im Vorbeigehen durch die Fenster schaute. Doch in den meisten Wohnungen herrschte zu dieser Stunde ohnehin Stille und die Lichter waren aus. Das hinderte ihn trotzdem nicht daran, sich Geschichten auszudenken, wie es heute Abend dort drinnen sein mochte. Er liebte es, sich die Häuser voller Leben vorzustellen. Zumindest solange bis ihm schmerzlich bewusst wurde, dass er hier draußen stand, allein, mit einer Geschichte, für die sich keiner interessierte.

„Es wird Zeit, dass ich in die Stadt komme!“ Er beschleunigte seine Schritte, da er wusste, dass die vielen unbeirrbaren Menschen seine Melancholie verscheuchen würden. Er würde sich einfach an eine belebte Kreuzung stellen und dem wilden Treiben zusehen. Diese Impfung war seine Rettungsroutine gegen diese Vorstadtidylle. Sie zeigte ihm wie frei er war, ohne dieses als alternativlos vermarktete Hamsterrad.

Die Natur war allmählich auf dem Rückzug, und schon tauchte der erste Blumenladen auf. Ein geschäftig wirkender Mann stand mit einem Blumenstrauß davor und versuchte mit seiner freien Hand gleichzeitig zu telefonieren und sein Portemonnaie zu verstauen.

„Armer Kerl“, murmelte Leo. Für welche Lüge die wohl sein würden? Die, die er ihr erzählte oder die, die er lebte? Leo schüttelte den Kopf und ging weiter.

Jetzt ging alles Schlag auf Schlag, und bevor Leo sich versehen hatte stand er an einer seiner Lieblingsstellen. Er war gefüllt mit einer Unzahl an Kurzgeschichten, die für ihn zusammen ein Mosaik des Lebens ergaben. Hier an der großen Kreuzung tankte er den Klebstoff mit dem er alles verband. Noch war es zu früh, doch die ersten hatten bereits Feierabend oder eilten von einem Termin zurück ins Büro. Leo stand etwas abseits von einem breiten Zebrastreifen auf dem Bürgersteig. Die Menschen, die an ihm vorbeiströmten, beachtete er kaum, auch wenn es leicht belustigend war, wie unterschiedlich sie auf seine Anwesenheit reagierten. Einige nahmen ihn gar nicht wahr, aber die Mehrheit unterteilte sich in die, die ihn mitleidig oder beschämt ansahen und die, die verkrampft so taten als würden sie ihn nicht sehen. Er zeigte keine Regung. Er konzentrierte sich auf das Gesamtbild in einiger Entfernung, die einzelnen Menschen waren dabei unwichtig. Er liebte den todesmutigen Tanz der Menschenströme mit den unruhig rollenden Blechlawinen. Es hatte etwas Anmutiges an sich, wie sich die fremden Menschen im Gleichklang von Rot-Grün pulsartig über die Straßen ergossen, bevor sich Lücken in der Autoflut schlossen.

Leo lachte zufrieden auf und wandte sich der Innenstadt zu. Neben ihm blieb ein Passant erschrocken stehen. Amüsiert lächelte Leo ihm zu. „Alles in Ordnung?“, erkundigte sich Leo. Der Mann beeilte sich wortlos wegzukommen. Von einem Lachen in die Flucht geschlagen, höhnte Leo innerlich. Diese Gesellschaft war doch echt krank. Eine Gesellschaftsreform wäre da echt angebracht.

Eigentlich wollte Leo in die gleiche Richtung, doch er ließ den Mann in Ruhe ziehen. An der ersten Kreuzung bog er ab. Einen festen Weg hatte er ohnehin nicht und Zeit besaß er obendrein. Es war eine eher ruhige Straße an der man den Puls der Stadt nicht spürte, deshalb ging er selten hier lang. Ohne dass es beabsichtig war, begann er gleich mit seiner Arbeit. Er wurde zu schnell zu umfänglich fündig, als dass er daran vorbeigehen konnte. Er wühlte kurz in seinem Rucksack. Als er es rascheln hörte zog er eine der zahlreichen Tüten hervor und hob Zigarettenschachteln, Dosen und andere Verpackungen auf. Eine wirkliche Arbeit war es nicht. Es war vielmehr eine aus seiner Wut geborene Tätigkeit. Er wollte nicht, dass die Menschen seine Welt verschmutzten. Als er hatte feststellen müssen, dass alles Aufregen nichts half, fing er damit an den Schmutz aufzuheben. Er hatte ohnehin nicht viel zu tun und nun war er der Verschmutzung nicht mehr hilflos ausgesetzt. Vielleicht war es, weil er nie einer gewesen war, der etwas einfach hinnehmen konnte, vielleicht war es aber auch sein Hang zum Zynismus. Es selbst hatte schon oft darüber nachgedacht, was ihn dazu verleitet hatte, aber ganz sicher war er sich nicht. Aber die Vorstellung auf die einfältige Gesellschaft hinabzublicken, während diese zu ihm herabsah, erheiterte ihn zutiefst. Derart abgelenkt vom gesellschaftlichen Treiben schlenderte er im Zickzack durch die Einkaufsstraßen. Es war eine seiner besten Ideen gewesen, denn sie hatte ihm seine Würde gerettet, wie er fand, denn er hatte bis zum heutigen Tag nicht einmal betteln müssen, auch wenn er oft hungrig gewesen war, aber das wollte er nicht. Ohne dass es ihm bewusst gewesen wäre, gab es etliche Leute, die seinen Einsatz derart bewunderten, dass sie sich bei ihm bedankten, ihm Lob aussprachen und ihn mit Münzen für seinen gesellschaftlichen Dienst entlohnten. Anfangs hatte er den Schmutz noch selbst angefasst, doch inzwischen nannte er eine Zange und zwei Handschuhe sein Eigen. Inzwischen war er eine kleine Berühmtheit, selbst Stadtführer stellten ihn vor. Wenn Tobias mit einer Horde Japaner an ihm vorbeitrabte, dann konnte Leo sich sicher sein, dass mindestens die Hälfte ihm über die Schulter streichelte oder darauf klopfte, weil Tobias ihnen versicherte, dass dies Glück bringen würde. Mit der technisch-kapitalistisch aufgeklärten Gesellschaft der heutigen Zeit, war es selbstredend, dass sie sich bewusst waren, dass auch ein Glücksautomat nur dann funktionieren konnte, wenn Münzen eingeworfen wurden. Besonders Japaner taten dies mit größter Freude und dem breitesten Lächeln. Das nächste Mal, wenn sich Tobias und Leo trafen, würden sie Halbe-Halbe machen, jedenfalls glaubte Tobias das. Eigentlich gab ihm Leo alles, weil er nicht auf diese Weise Geld verdienen wollte. Mit dem Glauben anderer macht man keine Geschäfte. Aber Leo wusste, dass Tobias das Geld wirklich brauchte. Seine Frau war dem Alkohol verfallen und depressiv. Das Geld legte er zur Seite, weil nächstes Jahr seine älteste Tochter studieren ging.

Die erste Tüte war schnell voll. Nicht weit entfernt fand er eine öffentliche Schutttonne. Er löste den Knoten mit dem er sie an sich befestigt hatte. Leo spürte wie die Tüte an ihm festgeklebt war. Zum dritten Mal ärgerte er sich über den Harz. Da würde er später etwas unternehmen müssen. Er knotete die Tüte zu und entsorgte sie. Das war ein Moment, der ihn stets nachdenklich stimmte. Waren denn die anderen Menschen derart ungebildet, dass sie zu einer solchen logistischen Glanzleistung nicht fähig waren?

Er schüttelte den Gedanken weg und nahm gleich die zweite Tüte. Er ging keine zwanzig Meter, da stockte er. Was war denn hier los? Eine Schlange an Wartenden zog sich um die Ecke. Er folgte in sicherer Entfernung der zum Stehen verdammten Pilgerfahrt und fand in der Quergasse des Rätsels Lösung. Ein Kommunikationsgerätehersteller pries sein neustes Modell an und heute war der Verkaufsstart. Leo ließ sich Zeit, die dargebotene Show zu genießen. Die Fanmeile des Kapitalismus war erstaunlich heterogen. Am meisten faszinierte ihn die Spezies, die dort wartete und ungeduldig auf die Uhr blickte und ihrem Ärger, hier warten zu müssen, mit verzogenem Gesicht Luft machte und gequält ausatmete. Opfer des eigenen Wahns.

Leo behauptete immer er besäße auch ein Kommunikationsgerät. Aber seines habe eine Reichweite von rund dreißig Metern, wenn er unhöflich war. Aber meist nutzte er es nur auf eine Distanz von ein bis zwei Metern. Dafür war aber die Auflösung unschlagbar und es besaß sogar ein Touchscreen, welches einem eine recht plastische Vorstellung seines Gesprächspartners ermöglichte. Aber dieses nutzte Leo äußerst selten, es führte schlicht zu zu vielen Irritationen.

Leo war also bedient und nahm die nächste Gasse in Angriff. Als diese ihn schließlich in einem Viertel mit hohen Bürogebäuden herausspuckte, entsann er sich wohin er wollte und schlug einen Bogen ein, der ihn zurück führen sollte.

„Warte“, rief jemand. Erst reagierte Leo nicht, aber der Mann schien ihn zu meinen. Als Leo sich umdrehte, fiel ihm auf, dass sie beide allein waren. Er musste ihn wohl meinen.

Leo blieb stehen und wartete bis der Fremde zu ihm stieß. Dieser konnte sich nicht entscheiden ob er zügig schreiten oder langsam laufen sollte. In seinem Anzug wirkte das Laufen auch merkwürdig.

„Habe ich dich endlich“, freute sich der Fremde und gönnte sich einige Augenblicke, um zu Atem zu kommen.

„Scheint so zu sein“, lobte Leo ihn und lächelte ihm freundlich zu.

„Wenn ich gewusst hätte, dass du so schwer zu finden bist“, lachte er.

Leo nickte zustimmend, ohne zu wissen, um was es ging.

„Ich schulde Steve einen Gefallen“, begann er sich zu erklären und hob eine Papiertüte vor sich. „Ich musste ihm versprechen, dir dies zu geben.“

„Oh, es ist Donnerstag“, begriff Leo endlich. „Er sagte mir er wäre für ein halbes Jahr in den Staaten.“

„Genau, er sagte mir, wo ich dich Donnerstagsabends finden würde.“ Er blickte hinter sich.

Leo lachte auf. „Und weil ich dachte, er wäre nicht da, bin ich nicht gekommen. Dann hast du es jetzt drei Wochen versucht?“, fragte Leo verblüfft.

„Ja“, erklärte der Fremde und klang selbst verwundert.

Leo nahm die Tüte entgegen und wagte einen Blick hinein. Zwei Doppelschnitten Rosinenbrot mit je einer Lage Schinken und einer Lage Käse und wenn er sich nicht schwer täuschte, dann lagen unten noch etliche Kirschtomaten.

„Vielen Dank!“ Leo war ehrlich bewegt. Dieser Moment stellte mehr dar als ein Außenstehender jemals begreifen konnte. Es war die größte Anerkennung, die Steve ihm hätte geben können. Leo war sich bewusst, dass Steve hierfür keinen kleinen Gefallen eingetauscht hatte. Doch dann wurde Leo nachdenklich. Es ging hier nicht um ein paar Kirschtomaten, und einen Banker schickte man nicht als Boten.

„Hat Steve sonst etwas gesagt?“, fragte Leo und glaubte zu wissen, um was Steve ihn bat.

„Ja“, der Fremde kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Er meinte es würde nicht schaden, wenn ich ab und an ein paar Schritte mit dir gehen würde.“

Es war dem Fremden merklich peinlich, das auszusprechen.

Leo nickte vielsagend. „Ja, Steve und ich sind regelmäßig hier durch die Straßen gezogen. Er meinte, es würde ihm helfen sich über einige Dinge klar zu werden. Er schätzt wohl auch meine andere Denkweise und Perspektive.“

Der Fremde schwieg.

„Ob beruflich oder privat.“

Der Mann zuckte beim letzten Wort, blickte kurz in Leos Augen und sah dann weg.

„Mmh.“ Der Mann wurde etwas steif. „Steve hatte so etwas angedeutet.“

Eine peinliche Pause entstand, doch Leo war der letzte, der jemanden zu etwas drängen würde. Leo tat als interessierte er sich für sein Brot und biss ein Ecken ab.

Das riss den Fremden aus seinen Gedanken.

„Würdest du mich denn mitnehmen?“, fragte er, und es kostete ihn einiges an Überwindung.

„Wenn du das möchtest, gern.“

„Ich meine nächsten Donnerstag. Heute ist es schon recht spät.“ Er war wahrscheinlich selbst über seine Frage erschrocken und verdrängte es lieber auf später.

„Ich werde da sein“, antwortete Leo freundlich und wohlgelaunt.

„Wenn es so richtig war, dann mache ich es nochmal so“, zeigte der Mann auf die Tüte in Leos Hand und tat damit als ginge es hierbei um Leo.

„Gerne, ich freue mich.“ Damit drehte sich Leo um, damit die Situation den Mann nicht überforderte.

„Warte“, rief dieser ihn zurück. „Wer bist du eigentlich.“

Leo drehte sich um. „Niemand.“

„Nein, ich meine, wie du heißt.“ Dem Mann war nicht aufgefallen, dass er Leo damit recht gab.

„Niemand“, wiederholte Leo ruhig und mit einem Lächeln im Gesicht.

„Niemand heißt Niemand“, versuchte der Mann zu erklären.

„Nun“, begann Leo und sein Lächeln wurde zu einem Grinsen. „Wenn ich niemand bin, dann heiße ich auch so.“

Das irritierte den Mann. Sein Blick fiel auf die Tüte Müll, die an Leos Seite baumelte.

„Warum sammelst du eigentlich den Müll anderer Leute auf?“ Der Mann wollte das Gespräch nicht so enden lassen. „Dafür bist du ja gar nicht verantwortlich.“

„Niemand ist dafür verantwortlich!“

Der Mann verengte nachdenklich seine Augen.

„Bis nächsten Donnerstag dann“, verabschiedete sich Leo und zog weiter.

Auch wenn Leo so tat als ginge es ihn nichts an, so beschäftigte es ihn doch noch eine Weile. Wahrscheinlich war Steve gar nicht in den Staaten. Leo hatte gespürt, dass Steve sich verändert hatte, er war ausgeglichener und stellte auch nicht mehr so viele Fragen, deren Antworten er dann schließlich doch selbst finden musste. Leo hatte ihm eigentlich nur geholfen sich selbst zuzuhören.

Vielleicht wollte er nun, dass Leo seinem Freund half, wie zuvor ihm. Vielleicht hatte er sein Leben nun endlich so geändert, wie er es wollte, so wie er es ehrlich wollte.

Leo nahm sich vor in fünf Monaten den Mann zu fragen, was wirklich mit Steve war. Nun da er darüber nachdachte, ergab nur das einen Sinn. Vielleicht würde Steve es ihnen beiden auch in fünf Monaten selbst erzählen. Steve plante gerne weit im Voraus und er hatte eine Schwäche für Geheimnisvolles.

Leos Zeitplan war heute etwas durcheinander geraten, aber das störte ihn nicht sonderlich. Mehr war es seine Nachdenklichkeit, die ihm in letzter Zeit etwas zu schaffen machte. Er hatte in den dreißig Monaten viel gelernt, über sich, über andere Menschen, über das Leben. Er verstand jetzt mehr als je zuvor und doch spürte er eine innere Leere in sich entstehen, aber ganz anders als jene, die er vor seinem Fall in sich getragen hatte. Er wusste nur noch nicht, was das für ihn bedeutete. Aber die Welt war für ihn nicht länger böse und trostlos. Diese Ellbogengesellschaft aus der er geflohen war, war beseelt von empfindsamen, liebenden und gutherzigen Menschen. Im Kollektiv war es ein Zug auf Abwegen, von dem jeder wusste, dass er in die falsche Richtung fuhr, aber den niemand umlenken konnte.

Von diesem Zug war er abgesprungen und tief gestürzt, doch auch wenn er seine Reisefreiheit nun genoss, so war das doch nur der kleinste gemeinsame Nenner, eine Nulllösung, aus der Unfähigkeit geboren er selbst und Teil der Gesellschaft zu sein.

Etwas erschrocken stellte er fest, dass sein Schlendern zu langsam geworden war und er sich nun wirklich beeilen musste. Edith durfte nicht zu lange warten, sonst würde sie Ärger bekommen. Doch zum Glück war sie auch etwas später dran. Sie öffnete das Gitter in dem Moment als Leo um die Ecke bog.

„Ah, da bist du ja!“ Edith war ungewohnt hektisch. „Komm ich habe heute keine Zeit. Friderike wartet drinnen auf mich und die darf hiervon nichts erfahren.“

„Gut, ich beeile mich.“ Es war nicht Leos Art sich von Hektik anstecken zu lassen, aber er konnte schnell sein, wenn es sein musste. Er huschte hinter das Gitter und blickte in die große Mülltonne, die Edith eben geöffnet hatte, um die restlichen Dinge hinein zu tun.

„Es ist heute aber wieder reichlich gedeckt“, stellte Leo in einem freudigen Ton fest, dabei ärgerte es ihn nur.

„Ja, ich meine es nur gut mit dir“, plänkelte Edith. Sie hatte längstens aufgegeben sich darüber aufzuregen und bediente sich abwechselnd an Ironie oder Zynismus um es sich auf Distanz zu halten.

Leo griff gezielt aber wählerisch nach den Lebensmitteln, die er in seine große Tüte verschwinden ließ. Er versuchte seine Nahrung so zu ergänzen, dass sie ausgeglichen war. An Milch, Joghurt und Obst fehlte es wahrlich nicht und selbst die Qualität ließ keine Wünsche offen. Er nahm aber weit mehr als er essen konnte. Edith wurde ungeduldig und so füllte er den Rest etwas wahllos.

„Danke Edith.“ Er streckte eben seinen Kopf aus der Tonne.

„Nichts zu danken. Es will ja eh niemand“, entgegnete Edith mit einem schiefen Lächeln und nahm die vier Euromünzen wie fast jeden Abend entgegen.

Leo zog die Gittertür hinter sich zu und beeilte sich wegzukommen, weil er nicht sehen wollte, was nun geschah. Doch an diesem Abend hatte sich auch Edith beeilt und so hielt sie den geöffneten Behälter bereits über die Tonne. Als Leo das Plätschern hörte drehte er sich unwillkürlich um. Es tat ihm bis ins Innerste weh zu sehen, wie sich die Säure über die noch genießbaren Lebensmittel ergoss. Bei den Gedanken an all die Massen Wohlstandsmüll wurde ihm schlecht. Er ballte seine Hand zur Faust und sah zu, dass er schnell weg kam. Üblicherweise wartete Edith damit bis er weg war, weil sie wusste, dass es ihn aufregte.

Leo kam an diesem Abend viel früher als üblich im Park an, da seine Wut auf sein Tempo abgefärbt hatte. An einer Bank stellte er die Tüte ab und suchte sich das heraus, was er für sich wollte. Dann trat er zwischen eine Baumreihe und ließ die Lichtgrenze hinter sich.

Es brauchte eine Weile bis sich seine Augen an das Dunkel gewöhnt hatten. Eine dichte Eibe bot hier ausreichend Schutz vor Regen und neugierigen Blicken. Er hob die untersten Äste an und verstaute dort seinen Einkauf. Das vom Vortrag war alles weg. Nur ein wenig Verpackung war übrig geblieben. Die anderen mochten ihn nicht wirklich, er war zu anders und sie mieden ihn. Aber die Kost nahmen sie an. Dabei wusste Leo nicht wer alles kam und von dem Versteck wusste. Manchmal wartete er etwas Abseits und schaute dabei zu, nur um sicher zu sein, dass es den Zweck erfüllte, den es sollte. Doch irgendwie waren es oft andere die kamen, als würden die Einzelnen nur unregelmäßig das Versteck aufsuchen.

Das merkte er auch an den Überresten. Mal war es beinahe sauber, mal lagen die Verpackungen im Versteck oder gar verstreut. An diesem Abend hielt es sich in Grenzen, doch es ärgerte ihn dennoch. Er entfernte das wenige an Verpackung und umschritt weiträumig die Eibe und wurde hier und da fündig. Als würde es niemand etwas angehen, blieb der Müll wo er anfiel. Scheinbar spielte es keine Rolle aus welcher Gesellschaftsschicht der Einzelne stammte. Einige Menschen waren wohl nicht für ein gesellschaftliches Leben geeignet. Aber es ist doch unser aller Welt, dachte Leo. Zumindest war es Leos Welt und so bückte er sich und hob eine Dose auf. Sein Ärmel klebte dabei kurz an seiner Jacke.

„Pfff“, stieß er aus. „Jetzt aber wirklich. Harz Nummer 4.“

Er ging zur nächsten Bank und setzte sich hin. Leo fand in den Tiefen seines Rucksackes ein Stofftuch und benetzte es mit Wasser. Aber so leicht wurde er es nicht los. Der Harz blieb an allem haften, bloß nicht an dem Tuch, mit dem er es entfernen wollte. Einmal darin gefangen, wurde man es nicht wieder los. Da würde er wohl Hilfe brauchen. Zum Glück wussten die bei der Reinigung seine Dienste zu schätzen.

Er gab es auf daran herum zu reiben und entschloss Morgen dorthin zu gehen. Resignierend und müde ließ er sich nach hinten sinken und schloss die Augen.

„Leo?“

Leo erschrak. Niemand kannte seinen Namen. Verkrampft richtete er sich auf.

„Leo bist du das?“

Die Stimme kam ihm vertraut vor. Leos Blut schoss ihm durch die Adern. Langsam drehte er sich um.

„Susi?“

Papierverschwendung im Briefkasten

Seit dem Mittelalter hat sich unser Selbstverständnis für Technik mit zunehmender Geschwindigkeit entwickelt. Während lange Zeit die Herstellung und der Konsum materieller Produkte im Fokus standen, sind die letzten dreißig Jahre zunehmend von einer Digitalisierung geprägt. Neben Schattenseiten bringt diese aber auch Vorteile mit sich, die es bei umsichtiger Nutzung erlauben, die Umwelt zu schonen und Zeit zu sparen, die für sinnfreie Produktion und Konsum benötigt würde.

Mit zunehmender Sensibilisierung schaffen es viele ihren Müll zu reduzieren. Sei es durch bewusste Konsumentscheidungen oder die Annahme des Angebots, Rechnungen und bei Interesse gar Werbung per Email zu halten.

Doch eine Bastion der Papierverschwendung bleibt durch politische Entscheidungen für den einzelnen Einwohner uneinnehmbar – der Briefkasten. Trotz Aufkleber trudeln unaufgefordert Werbung, Prospekte oder gar Briefe ein, die zu einem großen Teil direkt im Papierkorb landen.

Dabei ist im Prinzip das Zusenden von Müll verboten, wenn es der Abnehmer nicht wünscht oder nicht vertraglich dazu verpflichtet ist. Doch für den Briefkasten gilt dies nicht, da Lobbyvertreter es schaffen, dass der Gesetzgeber hier eine analoge Entmündigung vornimmt.

Der Staatsapparat als schlechtes Beispiel

Selbst der Staat an sich, mit Hilfe seiner Administrationen, übt sich noch fleissig darin Papier zu drucken und jedem zukommen zu lassen. Dass es Menschen gibt, die darauf angewiesen sind, stelle ich nicht in Abrede und auch für solche, die das Papierformat bevorzugen, möchte ich das nicht widerspenstig machen. Aber mit den allgemein geäußerten Umweltzielen und dem gestiegenen Umweltbewusstsein, finde ich es bedauerlich, dass nicht – einer Demokratie würdig – das Wahlrecht auf analoge Unversehrtheit besteht.

Dabei wird auf vielen Formularen bereits eine Emailadresse abgefragt. Lediglich genutzt wird sie nicht und so werden Subventionen angefragt – selbst für Investitionen in den Umweltschutz und darauf folgen drei Briefe. „Wir haben ihre Anfrage erhalten“, „wir haben es geprüft und für gut empfunden“ und schließlich „Ihr Geld wird bald überwiesen“. Dabei gibt es eine Denkweise die das Papier rechtfertigen würde: Der Datenschutz kann nicht gewahrt bleiben. Nur warum wird die Emailadresse dann abgefragt? Zusätzlich gibt es MyGuichet.lu, wo solche Benachrichtigungen nach Wahl des Adressaten eintrudeln könnten. Auch Rundschreiben könnten hier aufgeführt werden und den Empfänger eine Email zukommen lassen, dass sein virtueller Briefkasten neue Benachrichtigungen aufweist.

Der Staatsapparat als Musterschüler

Bei vielem zeigen staatliche Organe und parastaatliche Unternehmen bereits, dass sie es können. Über MyGuichet ist vieles digital abwickelbar – Gehaltszettel, Bescheinigungen von Krankenkassen und vieles mehr können hier papierlos angefragt und empfangen werden.

Im Prinzip benötigt es längst keiner Papierrundschreiben mehr – einzelne Dokumente in Krisenzeiten könnten als Ausnahme fungieren – und selbst dafür gibt es Lösungen.

Die Listen von Adressen sind über mehrere Schnittstellen mit den Einwohnern verknüpft und hier braucht es auf MyGuichet nur einige Felder, welche Form von Benachrichtigungen digital erhalten werden sollen. Alle die diese Option nicht wählen erhalten weiterhin ihre Papierbriefe mit personalisierter Anschrift.

Kleinvieh macht auch Mist

Nur als Vergleich, damit einem die Ausmaße bewusst werden. Ein Rundschreiben mit einem DIN A4 Blatt Papier in einem Standard-Briefformat, das an alle Haushalte in Luxemburg (ca. 255 000) versendet wird, benötigt insgesamt 2 300 kg an Papier und 1 600 m² an Plastikfolie (Fenster für Adressen). Allein das Papier entspricht 908 Blöcken mit je 500 Blatt DIN A4-Papier. Um das zu rechtfertigen sollte es schon einen gewichtigen Grund geben.

Auswirkungen von Rundschreiben als Brief

Parallelen zu anderen Bereichen

Hausieren wurde verboten, damit Menschen nicht belästigt und über den Tisch gezogen werden. Spammails werden mit aufwändigen Algorithmen herausgefiltert und es ist untersagt Werbung mit Hilfe von Telefonanrufen zu verbreiten. Selbst Banken ist es verboten ohne schriftliche Erlaubnis ihre Kunden zu kontaktieren. Einzig der Briefkasten ist als Einfallstor gesetzlich privilegiert, wohl weil sonst die Wirtschaft geschädigt würde, sollte keiner mehr Dinge kaufen, die er nicht benötigt. Jedes Schreiben was als „Toute boite“ vertrieben wird, ist nichts anderes als legalisierte Spam vor der sich der Empfänger bis auf einen spirituell anmutenden Aufkleber nicht schützen darf.

Autoreifen

Formen des Recyclings

Reifen gibt es für alle möglichen Fahrzeuge, doch für alle stellt sich früher oder später die Frage, wohin damit? Es handelt sich um ein robustes Produkt mit einer sehr heterogenen Mischung aus Gummi, Ruß, Polyester und Stahl. Wer kennt nicht die Bilder des riesigen Reifenfriedhofes in Kuwait, die zeigen, dass Recycling lange kein Thema war. Aber auch wenn in Europa Reifendeponien nicht mehr erlaubt sind, so werden rund 50 % der Reifen in Zementwerken als Sekundärbrennstoff verheizt, und das Angebot an Reifen ist so groß, dass Zementwerke zum Teil gar Geld bekommen, damit sie den Brennstoff verwenden.

Mehr und mehr wird sich aber auch an ein stoffliches Recycling herangewagt, wofür Genan und Reifen Recycling gute Beispiele sind. So werden hier die Reifen zerkleinert und das Gummi in Granulat zur Wiederverwertung aufbereitet, das dann oft in stofflich geringeren Qualität, wie z. B. als Beimischung zu Asphalt oder zur Herstellung von Belägen für Sportplätze verwendet wird. Positiv ist aber auch, dass ein gewisser Teil sogar wieder bei der Produktion von neuen Reifen seine Verwendung findet. Wie dies funktioniert wird hier im Video eines Recyclingunternehmens einfach veranschaulicht.

Mit einem Recyclinganteil von 30 % in Deutschland ist dies ein ermutigender Trend, zumal die Gewinnung von Kautschuk auch seine Schattenseite hat – aber das gilt wohl für alles, was in Afrika oder Asien produziert wird, weil hier soziale und ökologische Standards weniger Beachtung finden.

Wiederbenutzen statt „recyclen“

Aber es geht sogar noch besser. Dieses Video von WDR Doku zeigt die Schattenseiten der Kautschukgewinnung aber eben auch, dass Reifen – auch PKW-Reifen zu einem guten Grad (ab Minute 35) wiederverwendet werden können. So ist es möglich das verbleibende Profil abzuschälen und die gesamte Unterkonstruktion 1 zu 1 wieder benutzen, um ein neues Profil drauf zu vulkanisieren.

Bei LKW und Flugzeugen ist dies gängige Praxis, doch auch ein PKW-Reifen könnte einmal runderneuert werden – nur das Image ist schlecht, weil es in der Nachkriegszeit mit geringerer Qualität verbunden war. Doch heute erfüllen die Runderneuerungsreifen die gleichen Anforderungen wie neue Reifen. Grundlage des Erfolges einer Runderneuerung ist im Prinzip, die Unterkonstruktion, die verwendet wird. Deshalb verwendet z. B. das größte Runderneuerungsunternehmen in Deutschland King Meiler nur Altreifen von renommierten Markten. Doch auch wenn es günstiger ist – schließlich wird auch mehr als 2/3 weniger Material verwendet – ist der Marktanteil bei unter 5 %.  Obwohl die Fertigungsverfahren im Prinzip die gleichen sind wie bei Neureifen, und die gleichen Qualitätsanforderungen zu erfüllen sind.

Nimmt man eine Ausschussquote von 20 %, wegen beschädigter Erstreifen, 30 % Marktanteil von weniger renommierten Marken (geschätzt) und die Tatsache, dass die Reifen je einmal runderneuert werden können, so wäre rechnerisch ein Marktanteil von 35 % möglich und damit ließe sich der Materialbedarf für die Produktion der gesamten PKW-Reifen um über 20 % reduzieren. Führt man sich vor Augen, dass jährlich 280 Millionen Reifen hergestellt werden, um neue PKW auszustatten und 1,2 Milliarden Ersatzreifen verkauft werden (Stand 2018, laut PS Welt) so würde, das der Menge an Material von rund 300 Milliarden Reifen entsprechen.

Mikroplastik

Davon unabhängig sollte natürlich eine defensive Fahrweise weiterhin die Maxime sein, denn die abgefahrenen Profile lassen sich mit keiner Methode der Welt wieder recyceln, denn sie verteilen sich als feinster Staub in alle Winde. So ist laut einer Studie vom Fraunhofer-Institut von 2018 der Abrieb von Reifen für 31 % der Primäremissionen von Mikroplastik in Deutschland verantwortlich. Die beiden Grafiken verbildlichen die Zahlen der jährlichen Emissionen laut dieser Studie (Kunststoffe in der Umwelt: Mikro- und Makroplastik,  Oberhausen, Juni 2018). Mit über 80 % stammt der Abrieb von PKW, also durchaus etwas, auf das geachtet werden sollte.

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* Die Zahlen der jährlichen Emissionen beziehen sich auf die weiter oben genannte Studie und gelten für Deutschland.

Quellenangabe: Das Titelbild ist von Magda Ehlers bei pexels.com

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Veranstaltungen

Lesungen gerne auf Anfrage unter: wortzeichner@hotmail.com

2020

29. Februar + 1. März / Salon du livre / Lux-Expo Kirchberg / CLAE

2019

16. + 17. November / Walfer Bicherdeeg / Walferdange / bicherdeeg.lu
10. März / 1. Stengeforter Bichermaart / Steinfort / Athletico Steinfort
2. + 3. März / Salon du livre / Lux-Expo Kirchberg / CLAE
24. Januar / Lesung – Musel-Sauer Mediathéik / Wasserbillig / MSM

2018

22. November / Lesung – Maacher Bibliothéik / Grevenmacher / Maacher Bibliothéik Facebook
17. + 18. November / Walfer Bicherdeeg / Walferdange / bicherdeeg.lu
14. Oktober / Signierstunde – Libo / Diekirch / Libo
06. August / Markt / Grevenmacher / AC Grevenmacher
29. Juli / Braderie – Libo / Grevenmacher / Libo
20. Juli / Markt / Grevenmacher / AC Grevenmacher
4. + 5. März / Salon du livre / Lux-Expo Kirchberg / CLAE
15. Februar / Buchpräsentation im Biodiversum / Remerschen / Biodiversum

2017

18. + 19. November / Walfer Bicherdeeg / Walferdange / bicherdeeg.lu
11. September / Stroossemaart Wasserbelleg / Wasserbillig / AC Mertert
10. September / Braderie / Clervaux / Union Commerciale Clervaux
4. September / Braderie – Libo / Luxemburg / Libo
09. August / Markt / Echternach / AC Echternach
30. Juli / Braderie – Libo / Grevenmacher / Libo
21. + 22. Juli / Braderie – Libo / Diekirch / Libo
12. Juli / Markt / Echternach / AC Echternach
20. Mai / Stroossemaart Wasserbelleg / Wasserbillig / Union Commerciale et Artisanale de Wasserbillig /Mertert
4. + 5. März / Salon du livre / Lux-Expo Kirchberg / CLAE

2016

19. + 20. November / Walfer Bicherdeeg / Walferdange / bicherdeeg.lu

2015

21. + 22. November / Walfer Bicherdeeg / Walferdange / bicherdeeg.lu

 

Wirtschaft 2.0

Wir leben in einer spannenden, aber auch merkwürdigen Welt, mit einer Wirtschaft, die scheinbar alles verwirklichen kann. Kommunismus und Planwirtschaft haben sich nicht bewähren können und wir loben unseren Kapitalismus als effizientes Instrument und Lobbyisten werden nicht müde, uns zu erzählen, dass er sich allein kontrollieren kann und fähig ist, all unsere Probleme zu lösen, da er vor allem eines ist – effizient und effizienzfördernd.

Aber was ist, wenn wir genau hinsehen?

Dann sehen wir, dass wir Gläser herstellen, um darin Lebensmittel zu transportieren und zu lagern, um diese dann nach dem Gebrauch zu zerschlagen, bei 900 °C einzuschmelzen und neu zu formen, weil es zu aufwändig wäre, sie schadfrei zurückzugeben und zu reinigen – gut, dass Energie billig ist. Wir fällen Bäume um daraus Zellulose zu gewinnen und schließlich Papier herzustellen, durch die Gegend zu fahren, um dann die Finger abzutrocknen und drei Sekunden später wegzuschmeißen, um es dann erneut durch die Gegend zu fahren, damit wir uns an dem Gedanken erfreuen, es recyceln zu können. Dabei wäre es so einfach, die Hände elektrisch zu trocknen.

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Aber so richtig absurd wird es, wenn wir unsere Briefkästen öffnen und uns trotz des angebrachten „Keine Reklame“-Schild bunt bedruckte Werbung entgegenlacht, am Besten noch in Plastik eingeschweißt. Vieles davon landet gleich im Papierkorb – Recycling ist wichtig, und so werden hohe Quoten erreicht.

Aber warum können wir nicht verbieten, dass wir ungewollt zugemüllt werden?

Richtig, wir müssen die Wirtschaft schützen. Dabei frage ich mich, was der Eigenwert der Wirtschaft ist? Im Prinzip ist es nur der Rausch des Wachstums. Für den Menschen zählen nur die Bedürfnisse, die die Wirtschaft abdecken kann. Folglich sollten die Bedürfnisse der Menschen im Fokus stehen, und nicht die Erweckung von unbekannten Bedürfnissen durch Werbung – allein der Gedanke ist schon ineffizient.

Wenn es tatsächlich so ist, dass wir Arbeit brauchen, um glücklich zu sein, dann gibt es so viele sinnvolle Tätigkeitsfelder. Durch die Herausforderungen der Ressourcenschonung und erst recht durch soziale Arbeiten wird es keinen Mangel an Arbeit geben können, auch nicht wenn Digitalisierung und Automatisierung viele Arbeitsplätze überflüssig macht. Eine ressourcenschonende Wirtschaft ist der größte Produzent an Arbeit der uns offen steht, und es sind Arbeitsplätze, die nicht ins Ausland verloren gehen können, da sie immer beim Endkunden entstehen, egal ob durch direkte Weiternutzung oder Reparaturangebote.

Auch rühmen wir Entwicklungsländer uns dafür, dass wir einen bedeutenden Dienstleistungssektor haben, doch wir haben Angst den nächsten Schritt zu gehen. Wenn wir die Wirtschaftsdiskussionen zusammenfassen, so wollen wir einen Wirtschaftswachstum, den wir in Form Bruttoinlandsprodukt (BIP) messen, und wir wollen einen starken Dienstleistungssektor. Das führt aber dazu, dass die Produktion der Rohmaterialien ins Ausland fließt und dort die Umwelt schädigt. Auf lange Sicht ist dies kein Wirtschaftsmodell. Das bedeutet, dass wir unser durchaus anzweifelbaren Zielsetzungen dadurch erreichen könnten, dass wir uns von der Produktion der Güter zumindest teilweise lossagen, und ein Wirtschaftsmodell aufbauen, das genutzte Gegenstände wieder veräußert und solange wie möglich aktiv im Wirtschaftsgeschehen belässt und bei jedem Weiterreichen aufs neue Arbeit in Form von Dienstleistung (Reinigung, Aufwertung und Verkauf) schafft und gleichzeitig den BIP steigert – ohne, dass dadurch Ressourcen aufgebraucht würden.

Das Potenzial ist riesig.

Das wird jedem bewusst, der in unseren festen oder mobilen Recyclinghöfen eine Weile stehen bleibt und sieht, was alles angeliefert wird. Vieles von dem ist absolut brauchbar und landet, wegen Zeitmangel, im Sperrmüll, da es sich nur schwer in seine Bestandteile trennen lässt oder sich schlecht recyceln lässt. Oft genug plagt die Menschen, die sich von so etwas trennen, ein schlechtes Gewissen, weil sie wissen, dass es noch brauchbar ist, sie aber keinen Nutzen daran haben. Hier und da ist die Frage zu hören, ob man dies nicht gesondert abstellen könnte, damit ein Anderer es sich nehmen kann. Doch oft fehlt die Zeit und der Platz, denn auch wenn etwas noch brauchbar ist, findet sich nur schwerlich auch der passende, der eben an der Stelle ist und dies nutzen wollen würde. Flohmärkte sind zwar eine gute Alternative, aber mühselig und zeitaufwändig. Was hier fehlt ist der große Markt, die kritische Masse, die es benötigt, um die Transaktionskosten so sehr zu senken, dass sich eine Dynamik entwickeln kann, die zu einem sich selbst tragenden Wirtschaftsmodell führt. Das Angebot ist riesig – alles was fehlt ist die Logistik. Es ist das Marmeladenglas, das wir lieber neu produzieren, anstatt es einmal zu waschen, um es erneut zu verwenden. Es ist, weil wir keine Zeit haben, weil wir uns lieber darauf konzentrieren, die Wirtschaft durch Werbung anzukurbeln, damit wir Zeit damit verbringen können, jene Gegenstände zu produzieren, von denen wir uns haben einreden lassen müssen, dass wir sie brauchen könnten – und wenn nicht, nun dann werfen wir sie weg, deshalb gibt es doch schließlich Recyclinghöfe. Es lebe die Wirtschaft, es lebe der Kapitalismus, es lebe die effiziente Produktion.

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Wohngebäude in Luxemburg

Energiebedarf der Wohngebäude

Wird der Energiebedarf aller Haushalte in Luxemburg betrachtet, fällt auf, dass er in den Jahren 2005 bis 2017 näherungsweise gleich geblieben ist, und das obwohl in der gleichen Zeit die Bevölkerung um 133.000, sprich um 28 % gestiegen ist.

Dies dürfte mehrere Gründe haben. Einer davon dürfte in den steigenden Anforderungen an die Energieeffizienz für neue Gebäude seit 1995 und insbesondere seit 2007 liegen, und auch an den energetischen Renovierungen und dem Trend zum Ersatzneubau. Auch fällt auf, dass der größte Teil der Energie für die Wärmeproduktion anfällt, und dass mehr und mehr Ölkessel durch Gaskessel ersetzt werden.

Gebäudebestand je Bauperiode

Interessant wäre jetzt zu wissen, wie viele Wohnhäuser es von welchem Typ in Luxemburg gibt und aus welchem Baujahr sie stammen. Hier aufgezeigt werden die Bestandzahlen von 2011 entsprechend den Angaben des Statec. Neuere Gebäude sind ohnehin für eine Betrachtung eines Einsparpotenzials uninteressant, da sie wesentlich effizienter sind als ältere Gebäude. Um die Verluste abzuschätzen, muss erst abgeschätzt werden, wie viel Flächen an Fußböden, Dächern, Wänden und Fenster im Bestand existieren. Deshalb werden zunächst einmal Annahmen für typische Gebäudegrößen der einzelnen Kategorien getroffen, und dann mit den Bestandszahlen multipliziert und je nach Alter aufgeschlüsselt.

Gebäudebestand

Einsparpotenzial für Wärmeenergie

Nehmen wir dann typische U-Werte der einzelnen Bauzeitalter und die Einsparpotenziale, wenn entsprechend heutiger Effizienzstandards optimiert würde, so lässt sich leicht je nach Bauzeitalter ein Potenzial abschätzen.

Weil aber Fenster in Luxemburg nach subjektivem Empfinden selten älter als 30 bis 40 Jahre sind, nehme ich dies als Grundlage, das Potenzial bereits pauschal zu reduzieren, indem alle alten Fenster auf den Standard von vor gut 30 Jahre gesetzt werden.

Aber auch hieraus ergibt sich ein Einsparpotenzial, das sich nur unter optimalen Bedingungen realisieren ließe. Es muss aber bedacht werden, dass nicht alles, was theoretisch denkbar ist auch sinnvoll realisierbar ist.

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So lässt sich eine Bodenplatte oft nur durch aufwändige Erdarbeiten durch eine Perimeterdämmung isolieren. Historische, wärmebrückenreiche Dächer lassen sich nur mit geringeren Dämmstärken isolieren. Wenn die Gebäude direkt an den Bürgersteig grenzen oder denkmalgeschützt sind, sind die Wände schwer zu optimieren und auch bei den Fenstern spielt der Denkmalschutz eine bedeutende Rolle.

Pauschal kann auch davon ausgegangen werden, dass in den letzten Jahren bereits ein gewisses Potenzial durch die energetische Sanierung erschlossen wurde.

Aber selbst nach einer groben Reduktion der Potenziale bleiben immer noch 2,1 Millionen MWh an Energie übrig, die eingespart werden könnten, wenn die Gebäudehüllen verbessert würden. Dabei bleiben der Austausch von alten Heizkesseln oder die Installation von Lüftungsanlagen als Potenziale noch gänzlich unbeachtet.

Teilen wir dies auf die Hauptenergieträger auf, so ließen sich dadurch jährlich 112 Millionen € an Heizkosten einsparen. Allein der Heizölbedarf ließe sich um 90 Millionen Liter reduzieren, was etwa 6.000 vollen Heizöllieferwagen entspricht, die bei Annahme von 50 km pro Lieferfahrt nur für die Lieferung 45.000 Liter Diesel brauchen – für die Lieferung des Heizöls, das eigentlich nicht notwendig wäre.

Eines, was nicht aus den Augen verloren werden sollte, ist, dass  es weniger Mehrfamilien- als Einfamilienhäuser gibt. Selbst unter dieser Berücksichtigung leben in Mehrfamilienhäusern weit mehr Menschen. Dies hat zur Folge, dass es für den Einzelnen schwierig ist, Entscheidungen zu treffen, die zur Energieeffizienz führen. Es kann nur gelingen, wenn alle überzeugt sind. Die Besitzer, die selbst Bewohner sind, aber auch die Mieter und vor allem die Besitzer, die vermieten und denen die Energiekosten nicht wirklich wichtig erscheinen.

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Aber letztlich sind Effizienzsteigerungen als eine Bank zu betrachten. Eine die kein Geld zurück gibt, aber die Zahlungen unnötig macht – und damit ist diese Bank konjunktur- und krisensicher.

Liberalisierung der Strommärkte

Mit der Liberalisierung der Strommärkte und der Trennung der Energievermarktung von der Betreibung der Stromnetze sollte der elektrische Strom für die Endkunden günstiger werden. Hierdurch kam viel Bewegung in den Stromsektor, mit neuen und wechselnden Marktteilnehmern. Oft werden erneuerbare Energien als einer der bedeutendsten Störfaktoren dargestellt, doch es zeigt sich, dass vor allem die Anfangszeit nach der Liberalisierung von enormen Preisdifferenzen geprägt war. Dies führte dazu, dass stundenweise der Strompreis an der Börse das 10-fache üblicher Stundenpreise betrug. Der Mittelwert von 2002 bis 2018 liegt bei rund 39 € pro Megawattstunde, doch 2003 erreichte der Strompreis für eine Stunde den Wert von 1719 €/MWh und 2006 sogar 2436 €/MWh.

Strombörse_2002-2018 + Extremwerte_1

Bis 2008 kamen noch Preisspitzen von über 200 €/MWh vor. Erstaunlicherweise seit 2009 nicht mehr. Aber vor 2009 gab es nicht nennenswert viel Einspeisung von erneuerbaren Energien, also kann dies hierfür auch nicht als Ursache für die Preisspitzen herangezogen werden.

Aber seit 2008 kommt es zu einem anderen Phänomen. Es kommt zu negativen Strompreisen an der Börse für die Stundenwerte des jeweils folgenden Tages. Das bedeutet, dass die Stromproduzenten teilweise dafür Geld bezahlen müssen, dass ein anderer elektrischen Strom verbraucht.

2009 gab es gar einen Niedrigpreisrekord bei dem Stundenstrompreis für den folgenden Tag von -500 €/MWh. Dies hat zwei Ursachen. Einerseits den Merit-Order-Effekt, der durch die Einspeisung von erneuerbaren Energien eine neue Variable erhält und fossile Energie verdrängen kann. Anderseits ist aber auch das schlechte Regelverhalten von vielen traditionellen Kraftwerken und hier insbesondere Braunkohlekraftwerken dafür verantwortlich, da sie auch dann Strom produzieren, wenn ausreichend erneuerbare Energien anfallen und eigentlich kein Bedarf mehr besteht – deshalb auch der negative Preis.

Strombörse_2002-2018 + Tendenz_1

Nichtsdestotrotz kommt es auch in den letzten Jahren zu Preisdifferenzen und diese werden wohl auch in Zukunft bestehen bleiben. Auch weil alte sogenannte Grundlastkraftwerke aus dem Markt gedrängt werden, weil sie nicht länger wirtschaftlich betrieben werden können. Wie sich der Strompreis entwickeln wird, ist schwer zu sagen, da es viele Einflüsse gibt. Neben den schwindenden alten Kraftwerken, werden mehr und mehr erneuerbare Energien mit einem volatilen Einspeiseverhalten hinzukommen.

Aber auch verbrauchsseitig ist viel Bewegung zu erwarten. So werden mit dem Ziel der Dekarbonisierung Europas Wärmepumpen und Elektromobilität einen Aufschwung erzielen, wobei Wärmepumpen hauptsächlich im Winter mehr elektrischen Strom beanspruchen und so eine neue saisonale Prägung hervorrufen. Beide letztgenannten Technologien aber auch andere werden dem hier gezeigten Preisanreiz in einem Smart Grid folgen und dafür sorgen, dass der Strom dann genutzt wird, wenn er produziert wird.

Das heißt, je mehr Strom aus erneuerbaren Energien im Netz ist, umso größer werden die Preisdifferenzen und je höher die Preisdifferenzen sind, je schneller wird sich ein Smart Grid durchsetzen und die Preisdifferenzen reduzieren.

Aus diesem Grund analysiere ich im folgenden Video, wie sich die EEX-Börsenpreise für die Stunden des jeweils folgenden Tages entwickelt haben und welcher Anreiz sich hieraus für ein Smart Grid ergeben kann. Anreize der Netzbetreiber und Hebeleffekte von Steuern werde ich dabei aber außer acht lassen.

Strompreis und Merit-Order-Effekt

Wenn wir elektrische Energie produzieren wollen, dann müssen wir Geld investieren. Einerseits als Investition in Anlagen, andererseits in Wartung und Instandsetzungen. Aber zum Teil auch in die Energie, die wir für die Umwandlung verwenden. Wenn wir die marginale Energieeinheit betrachten, sind die Investition und die Wartung als Fixkosten zu betrachten und eigentlich nur die Energiekosten definieren den Mindestpreis, der gezahlt werden müsste, um kostendeckend eine weitere Energieeinheit zu produzieren.

Daraus ergeben sich schließlich unterschiedliche Mindestpreise pro MWh, je nachdem, welche Energiequelle und welche Technologie mit welchem Wirkungsgrad verwendet wird.

Dies stellt natürlich eine vereinfachte Entscheidungsgrundlage dar. In einem dynamischen Prozess kommen auch andere Faktoren, wie etwa die Betriebsweise der Anlagen zum Tragen, sodass es auch zu Situationen kommt, wo unter diesem Preis dennoch produziert wird.

Addiert man die jeweiligen Leistungen aller Anlagen, die bis zu einem gewissen Preis produzieren wollen, erhält man die Angebotskurve für die Strombörse. In ähnlicher Weise entsteht auch die Nachfragekurve, wobei hier vor allem die Energieversorger den Bedarf ihrer Kunden einkaufen, und verpflichtet sind, deren Bedarf zu decken. Darüber hinaus sind aber auch Speicherkraftwerke als Käufer tätig, die versuchen günstig Strom einzukaufen, und die umso mehr elektrische Energie kaufen, umso günstiger der Preis ist.

Werden die Angebotskurve und die Nachfragekurve übereinandergelegt, so ergibt sich aus dem Schnittpunkt der aktuelle Strompreis. Solche Strompreise werden Beispielsweise für Stundenwerte, Viertelstundenwerte und für unterschiedliche Arten an Regelenergie immer wieder neu ermittelt.

Welchen Einfluss haben erneuerbare Energien?

Bis vor einigen Jahren war dies ein einigermaßen eingespieltes und vorhersehbares Preissystem. In der Nacht war die Stromnachfrage geringer und der Preis dementsprechend niedriger und am Tag war es umgekehrt, mit Preisspitzen am Morgen, am Mittag und am Abend. Dies Angebotsseite hat sich eigentlich kaum geändert. Nachts liefen die Grundlastkraftwerke, tagsüber zusätzlich die Mittellastkraftwerke und während den Bedarfsspitzen haben Speicher- und Spitzenlastkraftwerke den nötigen und teuren Spitzenlaststrom bereitgestellt. In den letzten Jahren haben die erneuerbaren Energien den Strommarkt aber durch den sogenannten Merit-Order-Effekt aufgewühlt.

Erneuerbare Energien, wie Wind- und Solarenergie haben nämlich keine Energiekosten, die beglichen werden müssen, ihre Grenzkosten sind demnach Null. Deshalb verdrängen sie die Produzenten mit fossiler Energie in der Angebotskurve nach hinten. Gleiches gilt auch für subventionierte BHKW und Biogasanlagen, die fix vergütet werden. Diese drängen auf den Strommarkt als hätten sie keine Grenzkosten, obwohl sie Energiekosten, und wenn nur in Form von Opportunitätskosten aufweisen.

Diese Verschiebung der Angebotskurve führt bei unveränderter Nachfragekurve zu einem niedrigeren Strompreis. Die Verschiebung des Schnittpunktes der beiden Kurven, durch Anlagen mit niedrigen Grenzkosten, wird als Merit-Order-Effekt bezeichnet.

Merit-Order-Effekt_1

 

Allerdings ist die Produktion von elektrischer Energie aus Wind- und Solarenergie nicht konstant und deshalb ist der Strompreis stärkeren Schwankungen ausgesetzt, je nachdem ob erneuerbare Energie elektrischen Strom liefert oder nicht.

Insbesondere Solarenergie, die hauptsächlich in den Mittagsstunden Energie liefert, hat dafür gesorgt, dass hier die Preisspitzen wesentlich seltener entstehen, oft genug ist der Strompreis hier sogar niedriger. Dies ist auch eine Auswirkung, die den traditionellen Stromproduzenten zu schaffen macht, weil sie bisher in diesen Stunden einen Großteil ihres Gewinnes einfahren konnten.

Strombedarf_1

Nun kommt es zunehmend zu der Kuriosität, dass der Börsenpreis negativ ist, dass also die Stromproduzenten Geld bezahlen müssen, damit sie elektrischen Strom produzieren dürfen. Das liegt einerseits daran, dass es den Produzenten von erneuerbarer Energie aufgrund der garantierten Einspeisevergütung gleichgültig ist und andererseits insbesondere Kohlekraftwerke nicht schnell genug ihre Leistung drosseln können und unnötigerweise produzieren müssen.

Viele Verfechter der Früher-war-alles-besser-Mentalität sehen das Problem in der Produktion von erneuerbarer Energie, doch die Wahrheit ist, dass die veralteten und unflexiblen Kraftwerke nicht für eine dynamische, saubere und zukunftsorientierte Stromproduktion geeignet sind. Deshalb werden sie auch mittelfristig durch den Merit-Order-Effekt aus dem Strommarkt verdrängt werden.

Börsenpreis_1.JPG

Nichtsdestotrotz wird sich auch unsere Stromnachfrage ändern müssen, damit wir vermehrt erneuerbare Energie dann verwenden, wenn sie produziert wird. Wir können diese Aufgabe nicht allein den Speicherkraftwerken überlassen. Nicht nur weil es zu viele Speicherkraftwerke beanspruchen würde und teuer wäre, sondern auch weil es ineffizient ist.

Die Aufgabe der Anpassung der Nachfragekurve, in Bezug auf das Angebot an erneuerbare Energie, wird das sogenannte Smart Grid übernehmen müssen.

Hier noch ein Blog mit Infos zur EEX-Strombörse und weitere Strombörse bezogene Texte der Energieblogger.