Morgen gibt es auch ein Morgen

„Morgen!“, raunte er zum Abschied und ließ die Tür zur Garage zufallen. Der Knall verriet ihm, dass er doch etwas zuviel Schwung in seine Bewegung gelegt hatte. Als er ins Auto stieg, griff er mit beiden Händen fest ans Steuerrad. Dass sie ihn einfach nicht verstand. Er versuchte sich zu beruhigen, bevor er die Autotür nun leiser schloss.

Er schüttelte den Kopf um diesen frei zu bekommen. Dabei ging es ihnen doch gut. Da musste man nun mal auch Opfer bringen. Er war schon zwei Straßen weiter als er merkte, dass er mit den Gedanken noch immer Zuhause war. Zum Glück klingelte sein Handy. Es war Tobias. Sie telefonierten meistens so früh. So war die Zeit im Auto nicht verloren, und so früh waren sie noch ungestört. Später im Büro würden alle gleichzeitig auf ihn eintrommeln. Alle wollten sie Entscheidungen von ihm. Es war bisweilen anstrengend, doch er genoss die Arbeit, und die Verantwortung. Hier hatte er das Gefühl wirklich gebraucht zu werden und jeder hörte ihm zu. Nicht wie seine Susanne, seine Frau, die ihn scheinbar gar nicht verstand. Ach, zum Teufel, wo glaubte sie dann, dass all das Geld herkam. Da musste man auch mal Samstags ins Büro.

„Alles in Ordnung?“, fragte Tobias über die Freisprechanlage. „Du klingst angespannt.“

„Ach“, stöhnte Eric und klopfte auf das Steuerrad. „Nein, alles in Ordnung.“ Er musste sich zusammenreißen. „Was meinte der Engländer dann? War er einverstanden?“

Eine Weile später saß er an seinem Schreibtisch. Wie er hierher gekommen war, konnte er nicht mehr recht sagen. Heute störte ihn auch die Stille im Büro. An einem Wochentag wäre ihm das nicht passiert, dass er so zerstreut war. Dabei wollte er doch gerade heute so viel Liegengebliebenes aufarbeiten. Stattdessen erwischte er sich dabei, wie er Löcher in die Luft starrte. Der Haufen vor ihm wuchs von Woche zu Woche, dabei war vieles nur Fleißarbeit, nichts von dem, was ihn wirklich reizte. Aber irgendwie fand die Arbeit nur ihn. Er verstand auch nicht, wie die anderen Freitags schon so früh gehen konnten, manche gar schon vor 16 Uhr.

Dieser neumodische Kram von flexiblen Arbeitszeiten hatte ihm rein gar nichts gebracht. Eher im Gegenteil, und zu allem Überfluss war Susanne jetzt noch hinter ihm her, er solle sich ein Beispiel daran nehmen. Was dachten sich denn die Leute auf einmal alle. Das Leben besteht nun mal nicht nur aus Freizeit.

Abermals klingelte sein Handy. „Ja, warten Sie, ich komme gleich runter.“ Samstags schloss die Tür immer automatisch, so dass er seine Bestellung selbst nach unten holen gehen musste.
„Danke.“ Der Lieferjunge freute sich über das satte Trinkgeld. „Guten Appetit!“, sagte er noch, als wäre er Kellner in einem Restaurant. Dabei war es nur Penne Carbonara in einer Nudelbox. Bereits im Fahrstuhl nahm er die Plastikgabel und wollte anfangen, doch er verbrannte sich die Zunge. „Verdammt“, fluchte er ungehört. Der Italiener war gleich nebenan und seine Ungeduld war ihm hier schon öfters zum Verhängnis geworden. Er hätte es also wissen müssen. Mit dieser Wut auf sich selbst stellte er die Packung energiegeladen auf den Tisch, und bearbeitete noch schnell ein paar Formulare und stocherte ab und an nach seinen Nudeln.

„Ach, Scheiße!“ Eine Nudel klebte auf einem Dokument als er es weglegen wollte. „Warum hast du dir nicht ein anderes Blatt aussuchen können?“, schimpfte er über das irrationale Benehmen der Nudel. Wütend knüllte er das Papier zusammen und visierte den sich füllenden Papierkorb an. Doch auch hierbei wollte sich an diesem Tag kein Erfolg einstellen.

„Pfff“, stöhnte er und ließ sich in seinem Stuhl nach hinten fallen. Mit im Nacken verschränkten Händen legte er seinen Kopf schräg und ließ seinen Blick nach draußen gleiten. Der Frühsommer zeigte sich von seiner strahlend blauen Seite, als wollte er ihn für seinen Trübsal verspotten. „Ach“, ärgerte er sich. „Das wird heute nichts.“ Er wollte nicht länger wütend auf sich sein. „Vielleicht ist das auch ein Zeichen“, gab er sich mit dem Wetter versöhnlich. Er räumte die Stapel gerade. Wenigstens sein Schreibtisch sollte heute ordentlich sein. Dann stand er auf.

Doch als er draußen ankam, blieb er hilflos stehen. Einfach so nach Hause gehen konnte er auch nicht. Eigentlich hatte er Susanne versprochen heute mit ihr Picknicken zu gehen. Auch eine von diesen irrationalen Unternehmungen, die er nicht recht verstand, aber er hatte doch eingewilligt. Nach mehrmaligem Verschieben hatte er es fest für dieses Wochenende versprochen. Deshalb verstand er auch nicht, warum es so schlimm war, es auf Morgen zu verschieben.

Trotzdem, wenn er jetzt nach Hause kam, würde er vielen Fragen ausgesetzt sein. Nein, so wie er am Morgen seinen Notstand im Büro geschildert hatte, konnte er nicht hinter seine Worte. Er würde sich wohl etwas einfallen lassen müssen. Er rieb sich müde die Stirn und zuckte dann mit den Schultern, als müsste er sich dem Unausweichlichem stellen.

Zu Fuß ging er vier Blöcke weiter. Es herrschte reges Treiben in der Stadt. Einige gingen zügig und zielgerichtet, aber die meisten schlenderten vor sich hin, schauten mal hier- mal dorthin, und schleckten dabei ihr Eis. Er war einer derer, die zielgerichtet gingen. Und so trat er auch in den Laden, als die Türglocke nostalgisch sein Eintreffen verkündete.

Eric hielt direkt auf die Kasse zu, da sah er den Verkäufer hinter einem Regal knien. „Komme gleich.“ Er stellte noch den letzten Topf ins untere Regal und stand auf. Er wischte sich die Hände an seiner Schürze sauber. „Einen schönen guten Tag. Wie kann ich ihnen helfen?“

„Guten Tag“, antwortete Eric knapp. „Ich bräuchte einen Strauß von ihrem Grünzeug.“ Er machte eine ausladende Geste.

„Gerne.“ Sein Lächeln wirkte für den Augenblick aufgesetzt, doch er fing sich rasch. „Irgendwelche Vorlieben?“

Eric verkniff sich die Frage, ob er hier der Gärtner wäre. Sein Blick jedoch musste das auch so verraten haben. Der Mann nickte, als wollte er darauf antworten. „Ich kann ihnen auch gerne eine Vorschlag zeigen.“

„Sehr gerne.“ Eric lächelte nun auch, er war wohl etwas grob gewesen. Und dafür bestand kein Grund, wie er wenig später feststellte. Der Gärtner präsentierte einen wuchtigen, aber gefälligen Strauß. Eric zuckte nur kurz mit einer Braue, bevor er seine ebenfalls wuchtige Schuld mit seiner Karte beglich.

So bewaffnet fühlte er sich nicht mehr arg zu falsch unter den übrigen Passanten und fuhr wenig später aus der Parkgarage.

Abermals rieb er sich die Stirn und versuchte seinen Schreibtisch aus seinen Gedanken zu bannen, als er in die Einfahrt bog.

„Hallo“, trat er in den Flur. „Liebling?“ Er ging in die Küche. „Bist du da?“ Stille. Er rief noch einmal die Treppe hoch, doch das Haus war leer. Er blickte kurz auf den Strauß. Was sollte er tun? Sollte er sie anrufen? Nein, das würde in einem Streit enden. „Denkst du ich würde nun zu Hause sitzen und auf dich warten?“ Doch dann kam ihm eine Idee und so ging er nach draußen in den Garten. Dort kniete sie und wühlte in einem der Blumenbeete. Sie hatte nie gewollt, dass er einen Gärtner bestellte. Das wäre nicht das gleiche, meinte sie dann immer. Anfangs hatte er auch geholfen, aber nun fehlte ihm einfach die Zeit.

Etwas verloren stand er da, mit seinen Blumen. Susanne hatte ihn nicht gehört und war völlig in ihre Arbeit vertieft.

„Susanne?“, flüsterte er, weil sein Stimme eingetrocknet war. Er räusperte sich. „Liebling?“ Susanne fuhr erschrocken hoch.

„Uff, musst du dich so anschleichen?“

„Tschuldigung“, meinte er und hielt ihr die Blumen entgegen. Dabei wurde ihm bewusst, dass dies so wirken musste, als habe er ein schlechtes Gewissen. „Ich habe mir gedacht, dass heute wirklich zu schönes Wetter ist, um im Büro zu sein“, ging er in die Offensive.

„Was du nicht sagst“, lachte Susanne, aber es klang nicht froh. Sie bückte sich vor und zog die Erde über die Wurzeln der jungen Rosenstöcke.

„Ich habe mir gedacht wir könnten immer noch Picknicken gehen.“

„So so“, zeigte sich Susanne wenig überzeugt. „Woher der Sinneswandel?“

„Ich habe mich in letzter Zeit zu wenig um uns gesorgt. Du hast recht, wir sollten mehr Zeit zusammen verbringen.“ Eigentlich redete er sich in Teufels Küche. Das würde Susanne in Zukunft alles gegen ihn verwenden. Aber zumindest für den Moment hatte er seinen Frieden. Und das viele Gestreite gefiel ihm auch nicht.

Susanne hob skeptisch die Augenbrauen. „Und wenn ich den Picknick schon gegessen habe?“

„Wir wollten doch Morgen gehen?“ Eric dachte angestrengt nach, um bloß nichts Falsches zu sagen.

„Morgen soll es regnen“, erklärte Susanne nüchtern.

„Das wusste ich nicht.“

„Das habe ich dir aber gesagt. Heute Morgen noch.“

Und da war es schon geschehen, dachte Eric. „Aber dann können wir immer noch spazieren gehen“, wich er aus.

„Möchtest du das denn wirklich?“

„Aber sicher, sonst wäre ich nicht hier“, spürte Eric wieder Boden unter seinen Füßen.

„Na dann will ich nicht so sein“, stand Susanne endlich auf. „Ich glaube, ich nehme dir mal die Blumen ab, bevor du mit denen Wurzeln schlägst.“

„Gute Idee“, lächelte er und unterdrückte ein erleichtertes Ausatmen. „Wir können ja auch eine Flasche Wein mitnehmen und es uns am See gemütlich machen.“ Schadensbegrenzung war jetzt angesagt.

„Ich habe nichts angerührt, der Korb ist schnell gefüllt.“ Susanne sah ihren Mann prüfend an. „Allein macht das keinen Spaß.“

„Klasse.“ Sein schlechtes Gewissen war deutlich heraus zu hören, auch dass er wusste, dass die Wortwahl besser hätte sein können. „Dann lege ich die Decken ins Auto?“

„Mach das. Ich zieh mich rasch um.“

Eine halbe Stunde später saßen sie im Auto und Eric fuhr ausnahmsweise gemächlich über die Landstraße. Susanne mochte es nicht sonderlich, wenn er seinen gewohnt sportlichen Fahrstil an den Tag legte. Heute hatte sie kein Wort sagen müssen, aber auch ansonsten war die Fahrt reicht schweigsam. Jedem gingen eigene Gedanken durch den Kopf.

„So da sind wir“, sagte Eric unnötigerweise und ließ den Motor verstummen. Susanne sah ihn an und lächelte. „Judith meinte sie hätten im Winter hier einen Fitnesspfad angelegt und auch eine Baumallee, wo alle hier heimischen Baumarten wachsen sollen.“

„Oh interessant, dann bin ich mal gespannt“, meinte Eric und klopfte Susanne auf den Oberschenkel. Er lächelte und stieg aus.

„Ich nehme den Korb, du den Rucksack?“

„Ja.“ Susanne stieg nun auch aus. Wie immer, dachte sie, wollte es aber nicht aussprechen.

Der Wald war auch wie immer. Die Blätter bekamen allmählich ein dunkleres Grün und verrieten, dass der Frühling hinter ihnen lag. An etlichen Stellen lag noch Holz, das im Winter geschlagen worden war.

„Sieh, hier fängt der Fitnessweg an“, stellte Eric fest und blieb stehen.

„Ja“, antwortete Susanne. Es war das erste Wort, das sie unterwegs gewechselt hatten.

„Sieht eher nach einem Pfad aus“, lachte Eric geringschätzig.

„Sollen wir ihn mal anschauen?“

„Warum nicht?“ Eric war es gleich welchen Weg sie gingen. „Verlaufen werden wir uns wohl nicht.“

Der Pfad schlängelte sich eigenwillig durch den Wald und führte über viele Wurzel. „Das sind ja immer nur Stangen und Hindernisse“, kommentierte Eric kopfschüttelnd und lachte über das Angebot. „Da braucht man aber schon viel Fantasie, um sich müde zu machen.“

Susanne las die Beschreibung und gab sich einem Versuch hin. Eric wollte sich keine Faulheit nachsagen lassen. „Sieh, ich komme noch mit den Füßen an den Boden.“

Es sah einfach albern aus, wie er den Anschein gab, sich voran zu hangeln. Susanne lachte leise und brach ihren Versuch ab.

„Oh und hier kommt dann wohl die Allee“, spottete er über eine längliche Lichtung in der zwei Reihen mit Pfählen und eisernen Gittern vor ihnen auftauchte.

„Das soll die unterschiedlichen Alter der Bäume veranschaulichen. Es scheint als würden später die gleichen Bäume nachmals kommen, aber immer fünf Jahre älter.“

„Da haben einige wohl wirklich zu viel Zeit, um sich so etwas auszudenken. Als gäbe es hier im Wald nicht genug Bäume.“ Eric konnte nur noch den Kopf schütteln.

Susanne gab es auf, und sie gingen weiter. Eigentlich fand sie es interessant und wollte auch die zahlreichen Erklärungen lesen. Aber sie spürte seine Ungeduld. Den Rest des Pfades setzten sie ohne Unterbrechung fort. Auch wenn sie ihren vertrauten Weg immer wieder kreuzten, so folgten sie dennoch dem neuen Pfad. Sie hatten sich dazu entschieden, und warum sollten sie es ändern? Ansprechen taten sie es nicht. Sie gingen einfach weiter. Nur bei einer Kreuzung bogen sie ab zum See. Hier setzten sie sich auf die ihnen vertraute Bank, auch wenn sie in den letzten Jahren kaum noch hergekommen waren. Routiniert nahmen sie die zweit Decken und machten es sich gemütlich. Sie aßen Käse mit Trauben und Baguette und tranken dazu ihren Lieblingsrotwein. Es gab einfach Dinge die änderten nie, und waren immer gut.

Eric kratzte sich am Arm. Was er wohl dachte, fragte sich Susanne. Er war so weit weg. Vielleicht redeten sie wirklich nicht genug miteinander. Aber allein das störte sie nicht. Es war vielmehr ihr Schweigen, das sich nicht mehr so anfühlte wie früher.

„Du Eric?“

„Mhh?“ Er war wirklich weit weg gewesen. „Ja Liebling?“, fragte er reflexartig.

„Du kennst dich doch aus mit Geschäften.“

„Ja, das kann man so sagen“, lachte er. „Aber das weißt du doch.“ Er sah sie irritiert an. „Warum fragst du?“

„Ach nur so“, wich Susanne aus. „Es ist wegen Judith“, meinte sie dann doch. „Es geht mir etwas nicht aus dem Kopf.“

„Was hat sie mit Geschäften zu tun?“

„Nicht direkt. Wir haben nur so geredet.“

„So so“, sagte er. Der Ton verriet ihr, dass er sein Interesse verlor, das aber nicht sagen wollte.

Eine Weile schwiegen sie.

„Was würdest du einem Kunden raten, wenn er viele Firmen hätte, aber eine einfach nicht mehr so gut produziert?“

„Grunderneuern oder verkaufen. Normalerweise ist dann irgendwo der Wurm drin. Mit ein bisschen Ändern kann man da nichts mehr machen.“

„Aber wenn er an der Firma hängt!“

Eric lachte. „Das hat damit nichts zu tun!“

„Aber wenn es seine erste Firma war? Wenn er seine ganze Leidenschaft hinein gesteckt hat?“

„Egal, weg damit. Umso schlimmer, wenn man daran hängt. Dann trifft man die falschen Entscheidungen. Weg damit und neu anfangen.“

„Mhh.“ Susanne dachte darüber nach und Eric lachte leise vor sich hin. Woran er wohl dachte?

„Dann ist Liebe nichts worauf man etwas geben sollte?“

Eric wurde stutzig und sah sie nun direkt an. Sie erwiderte kurz den Blick, aber betrachtete dann erneut den See.

Eric ließ sich diesmal Zeit. „Liebe ist wichtig! Auch bei Geschäften.“ Er dachte nach und ließ seine Worte wirken. „Wenn man etwas tut, was man nicht liebt, dann wird es auch nicht gelingen. Aber man darf sich nicht blenden lassen, und nicht wegen der Liebe, die man am Anfang empfunden hat am Geschäft festhalten. Das zieht einen nur selbst runter, bis in den Ruin.“

Susanne antwortete nicht mehr und auch Eric schwieg. Aber von Zeit zu Zeit spürte Susanne einen Blick auf sich ruhen.

„Warum hat Judith davon geredet?“, brach er endlich das Schweigen und Susanne spürte, dass er ganz bei ihr war.

„Wegen Tobias. Ich glaube sie will sich scheiden lassen.“

Eric stand der Mund offen. Er setzte an etwas zu sagen, aber es formten sich keine Worte.

„Ich denke du solltest in nächster Zeit für ihn da sein.“

Eric nickte stumm und sah runter zum See. Es platschte als eine Ente aus dem See flog. Eine zweite direkt hinterher. Eric kratzte sich am Arm.

„Susanne?“

„Ja?“

„Ich liebe dich, das weißt du doch?“

„Ja, ich weiß.“ Sie griff nach seiner Hand.

„Ja, ich weiß.“