Leos Rückkehr

Es war ein heißer Herbst dieses Jahr. Nach dem verregneten Sommer freute das Leo sehr. Er schlenderte gemütlich in Richtung Stadt. Die Sonne im Rücken war eine Wohltat und sein eben gefüllter Bauch dankte ihm für den Besuch auf dem Land. Inzwischen hatte er viel gelernt und er tat sich nicht mehr so schwer satt zu werden, schon gar nicht solange es noch Bäume gab, die Obst trugen. Der Hunger im ersten Jahr hatte ihn zu etlichen Rasterfahndungen rund um die Stadt genötigt, bis er die Stellen kannte, wo verlassen und vergessen Obsthaine ihre Früchte jedem feilboten, der willens war, seinen Arm nach ihnen auszustrecken. Als kleines Sparpaket hatte er eine Tüte voll Äpfel in seinem Rucksack und etliche Zwetschgen in seiner Jacke, die er vorsichtig um seine Hüfte gebunden hatte.

Wohlgelaunt setzte er seinen Weg fort und ließ sich auch nicht von den vorbeischießenden Fahrzeugen aus der Ruhe bringen. Die teils riskanten Überholmanöver, um später als erster im Stau zu stehen, stimmten Leo eher nachdenklich, als dass es ihn ängstigte. Vielleicht, so sinnierte er, sollte die Polizei neben Alkoholkontrollen auch Stresstests durchführen. Es war beängstigend, doch auf der Straße erkannte man den Sozialabbau am besten, es herrschte Krieg, einer gegen alle und alle gegen einen.

Leo spürte wie er sich nun doch ärgerte.

„Nein, ich will noch nicht in die Stadt“, sprach er zu sich selbst. Er erblickte eben einen kleinen Parkplatz, der sich in eine Kurve drückte und der von einige Bäume umgeben war. Oft hielt er hier eine kleine Rast, um noch einmal richtig durchzuatmen. Meist war es hier schattig und feucht, doch er hatte Glück. Die etwas notleidende Bank war in die Nachmittagssonne getaucht und war trocken und angenehm warm, als er sich hinsetzte. Die Sonne wärmte sein Gesicht und er schloss die Augen. Bald würde der Winter kommen, trübte ein Gedanke seine Stimmung. Leo erinnerte sich an sein früheres Leben, doch wie so oft wirkte es für ihn fern und fremd. Es war nicht sein Leben, er war nicht mehr der, der er einmal gewesen war vor dem großen Fall. Erst jetzt wusste er, was Freiheit bedeutete und er wusste wie sehr er gefangen gewesen war. Dabei war er immer am Puls der Welt gewesen, Multimedia war sein Leben, immer erreichbar, immer unterwegs und fortwährend bestrebt noch erfolgreicher zu sein. Leo öffnete seine Augen, betrachtete seine Hände und fragte sich, wie ihm sein altes Leben so leicht hatte entgleiten können? Seine Hände waren schmutzig. Ihm war nicht aufgefallen, dass die Bank an einer Stelle geharzt hatte. Susi tauchte in seinen Händen auf. Eigentlich hieß sie Susanne, aber er hatte sie immer Susi genannt, so wie sie seinen Namen zu Leo verkürzt hatte. Seinem Vater hatte das gar nicht gefallen. Er war einer der alten Garde. Vielleicht hatte er Susi auch deshalb verloren. Er war zu sehr geworden wie sein Vater.

Verwundert stellte Leo fest, dass seine Hände nicht wie sonst zitterten, wenn er an sein früheres Leben dachte. Aber vielleicht lag es auch daran, dass er nicht an alles dachte, sondern nur an das, was er wirklich verloren hatte. Eigentlich, so wurde er sich eben bewusst, war es nur Susi, die er vermisste, ihr Lachen, ihre Wärme, mit ihr über alles reden zu können. Sorgenfalten legten sich auf seine Stirn. Er hatte viel zu wenig mit ihr geredet. Viel zu wenig über die wichtigen Dinge, und mehr noch spürte er, dass er auch zu wenig über die unwichtigen Dinge gesprochen hatte. Kein Wunder, dass sie gegangen war. Eigentlich war er es, der sich von ihr getrennt hatte, ohne Worte, ohne Taten. Er hatte an ihr, und mehr noch an sich selbst vorbei gelebt.

War er deshalb so tief gefallen? Fand er deshalb nicht mehr zurück, weil er sich schon lange davor selbst verloren hatte?

Die Sonne setzte ihren Weg fort und ein einzelner Tannenast legte seinen Schatten auf die Bank. Es war der wärmste Augenblick des Tages, das wusste er, aber dennoch beschlich ihn ein Frösteln. War es die Vorahnung des Winters?

Er schüttelte das klamme Gefühl von sich. „Genug gerastet“, mahnte er sich. „Wir haben noch einiges vor.“ Er erinnerte sich an seinen Plan und fand wieder zu sich.

Er stand auf und spürte, dass auch seine Jacke Harz abbekommen hatte. Das würde ihn noch eine Weile ärgern, aber für den Moment war er nicht gewillt, sich damit zu beschäftigen.

Nach einem Kilometer kamen die ersten Häuser. Er war noch nicht ganz in der Stadt. Es war eher ein verschlafenes Dorf, das bald von der Stadt zugeschüttet werden würde. Hier gab es für ihn nichts zu suchen. Er spürte nur, wie die Hektik der Autofahrer zunahm. Gut, dass er hier einen Bürgersteig hatte, auf dem er sich vor diesen wild hupenden Wutbürgern verstecken konnte.

Nun, da ihn die Häuser flankierten, fand Leo, dass sich der Weg länger zog. Manchmal ertappte er sich dabei, wie er im Vorbeigehen durch die Fenster schaute. Doch in den meisten Wohnungen herrschte zu dieser Stunde ohnehin Stille und die Lichter waren aus. Das hinderte ihn trotzdem nicht daran, sich Geschichten auszudenken, wie es heute Abend dort drinnen sein mochte. Er liebte es, sich die Häuser voller Leben vorzustellen. Zumindest solange bis ihm schmerzlich bewusst wurde, dass er hier draußen stand, allein, mit einer Geschichte, für die sich keiner interessierte.

„Es wird Zeit, dass ich in die Stadt komme!“ Er beschleunigte seine Schritte, da er wusste, dass die vielen unbeirrbaren Menschen seine Melancholie verscheuchen würden. Er würde sich einfach an eine belebte Kreuzung stellen und dem wilden Treiben zusehen. Diese Impfung war seine Rettungsroutine gegen diese Vorstadtidylle. Sie zeigte ihm wie frei er war, ohne dieses als alternativlos vermarktete Hamsterrad.

Die Natur war allmählich auf dem Rückzug, und schon tauchte der erste Blumenladen auf. Ein geschäftig wirkender Mann stand mit einem Blumenstrauß davor und versuchte mit seiner freien Hand gleichzeitig zu telefonieren und sein Portemonnaie zu verstauen.

„Armer Kerl“, murmelte Leo. Für welche Lüge die wohl sein würden? Die, die er ihr erzählte oder die, die er lebte? Leo schüttelte den Kopf und ging weiter.

Jetzt ging alles Schlag auf Schlag, und bevor Leo sich versehen hatte stand er an einer seiner Lieblingsstellen. Er war gefüllt mit einer Unzahl an Kurzgeschichten, die für ihn zusammen ein Mosaik des Lebens ergaben. Hier an der großen Kreuzung tankte er den Klebstoff mit dem er alles verband. Noch war es zu früh, doch die ersten hatten bereits Feierabend oder eilten von einem Termin zurück ins Büro. Leo stand etwas abseits von einem breiten Zebrastreifen auf dem Bürgersteig. Die Menschen, die an ihm vorbeiströmten, beachtete er kaum, auch wenn es leicht belustigend war, wie unterschiedlich sie auf seine Anwesenheit reagierten. Einige nahmen ihn gar nicht wahr, aber die Mehrheit unterteilte sich in die, die ihn mitleidig oder beschämt ansahen und die, die verkrampft so taten als würden sie ihn nicht sehen. Er zeigte keine Regung. Er konzentrierte sich auf das Gesamtbild in einiger Entfernung, die einzelnen Menschen waren dabei unwichtig. Er liebte den todesmutigen Tanz der Menschenströme mit den unruhig rollenden Blechlawinen. Es hatte etwas Anmutiges an sich, wie sich die fremden Menschen im Gleichklang von Rot-Grün pulsartig über die Straßen ergossen, bevor sich Lücken in der Autoflut schlossen.

Leo lachte zufrieden auf und wandte sich der Innenstadt zu. Neben ihm blieb ein Passant erschrocken stehen. Amüsiert lächelte Leo ihm zu. „Alles in Ordnung?“, erkundigte sich Leo. Der Mann beeilte sich wortlos wegzukommen. Von einem Lachen in die Flucht geschlagen, höhnte Leo innerlich. Diese Gesellschaft war doch echt krank. Eine Gesellschaftsreform wäre da echt angebracht.

Eigentlich wollte Leo in die gleiche Richtung, doch er ließ den Mann in Ruhe ziehen. An der ersten Kreuzung bog er ab. Einen festen Weg hatte er ohnehin nicht und Zeit besaß er obendrein. Es war eine eher ruhige Straße an der man den Puls der Stadt nicht spürte, deshalb ging er selten hier lang. Ohne dass es beabsichtig war, begann er gleich mit seiner Arbeit. Er wurde zu schnell zu umfänglich fündig, als dass er daran vorbeigehen konnte. Er wühlte kurz in seinem Rucksack. Als er es rascheln hörte zog er eine der zahlreichen Tüten hervor und hob Zigarettenschachteln, Dosen und andere Verpackungen auf. Eine wirkliche Arbeit war es nicht. Es war vielmehr eine aus seiner Wut geborene Tätigkeit. Er wollte nicht, dass die Menschen seine Welt verschmutzten. Als er hatte feststellen müssen, dass alles Aufregen nichts half, fing er damit an den Schmutz aufzuheben. Er hatte ohnehin nicht viel zu tun und nun war er der Verschmutzung nicht mehr hilflos ausgesetzt. Vielleicht war es, weil er nie einer gewesen war, der etwas einfach hinnehmen konnte, vielleicht war es aber auch sein Hang zum Zynismus. Es selbst hatte schon oft darüber nachgedacht, was ihn dazu verleitet hatte, aber ganz sicher war er sich nicht. Aber die Vorstellung auf die einfältige Gesellschaft hinabzublicken, während diese zu ihm herabsah, erheiterte ihn zutiefst. Derart abgelenkt vom gesellschaftlichen Treiben schlenderte er im Zickzack durch die Einkaufsstraßen. Es war eine seiner besten Ideen gewesen, denn sie hatte ihm seine Würde gerettet, wie er fand, denn er hatte bis zum heutigen Tag nicht einmal betteln müssen, auch wenn er oft hungrig gewesen war, aber das wollte er nicht. Ohne dass es ihm bewusst gewesen wäre, gab es etliche Leute, die seinen Einsatz derart bewunderten, dass sie sich bei ihm bedankten, ihm Lob aussprachen und ihn mit Münzen für seinen gesellschaftlichen Dienst entlohnten. Anfangs hatte er den Schmutz noch selbst angefasst, doch inzwischen nannte er eine Zange und zwei Handschuhe sein Eigen. Inzwischen war er eine kleine Berühmtheit, selbst Stadtführer stellten ihn vor. Wenn Tobias mit einer Horde Japaner an ihm vorbeitrabte, dann konnte Leo sich sicher sein, dass mindestens die Hälfte ihm über die Schulter streichelte oder darauf klopfte, weil Tobias ihnen versicherte, dass dies Glück bringen würde. Mit der technisch-kapitalistisch aufgeklärten Gesellschaft der heutigen Zeit, war es selbstredend, dass sie sich bewusst waren, dass auch ein Glücksautomat nur dann funktionieren konnte, wenn Münzen eingeworfen wurden. Besonders Japaner taten dies mit größter Freude und dem breitesten Lächeln. Das nächste Mal, wenn sich Tobias und Leo trafen, würden sie Halbe-Halbe machen, jedenfalls glaubte Tobias das. Eigentlich gab ihm Leo alles, weil er nicht auf diese Weise Geld verdienen wollte. Mit dem Glauben anderer macht man keine Geschäfte. Aber Leo wusste, dass Tobias das Geld wirklich brauchte. Seine Frau war dem Alkohol verfallen und depressiv. Das Geld legte er zur Seite, weil nächstes Jahr seine älteste Tochter studieren ging.

Die erste Tüte war schnell voll. Nicht weit entfernt fand er eine öffentliche Schutttonne. Er löste den Knoten mit dem er sie an sich befestigt hatte. Leo spürte wie die Tüte an ihm festgeklebt war. Zum dritten Mal ärgerte er sich über den Harz. Da würde er später etwas unternehmen müssen. Er knotete die Tüte zu und entsorgte sie. Das war ein Moment, der ihn stets nachdenklich stimmte. Waren denn die anderen Menschen derart ungebildet, dass sie zu einer solchen logistischen Glanzleistung nicht fähig waren?

Er schüttelte den Gedanken weg und nahm gleich die zweite Tüte. Er ging keine zwanzig Meter, da stockte er. Was war denn hier los? Eine Schlange an Wartenden zog sich um die Ecke. Er folgte in sicherer Entfernung der zum Stehen verdammten Pilgerfahrt und fand in der Quergasse des Rätsels Lösung. Ein Kommunikationsgerätehersteller pries sein neustes Modell an und heute war der Verkaufsstart. Leo ließ sich Zeit, die dargebotene Show zu genießen. Die Fanmeile des Kapitalismus war erstaunlich heterogen. Am meisten faszinierte ihn die Spezies, die dort wartete und ungeduldig auf die Uhr blickte und ihrem Ärger, hier warten zu müssen, mit verzogenem Gesicht Luft machte und gequält ausatmete. Opfer des eigenen Wahns.

Leo behauptete immer er besäße auch ein Kommunikationsgerät. Aber seines habe eine Reichweite von rund dreißig Metern, wenn er unhöflich war. Aber meist nutzte er es nur auf eine Distanz von ein bis zwei Metern. Dafür war aber die Auflösung unschlagbar und es besaß sogar ein Touchscreen, welches einem eine recht plastische Vorstellung seines Gesprächspartners ermöglichte. Aber dieses nutzte Leo äußerst selten, es führte schlicht zu zu vielen Irritationen.

Leo war also bedient und nahm die nächste Gasse in Angriff. Als diese ihn schließlich in einem Viertel mit hohen Bürogebäuden herausspuckte, entsann er sich wohin er wollte und schlug einen Bogen ein, der ihn zurück führen sollte.

„Warte“, rief jemand. Erst reagierte Leo nicht, aber der Mann schien ihn zu meinen. Als Leo sich umdrehte, fiel ihm auf, dass sie beide allein waren. Er musste ihn wohl meinen.

Leo blieb stehen und wartete bis der Fremde zu ihm stieß. Dieser konnte sich nicht entscheiden ob er zügig schreiten oder langsam laufen sollte. In seinem Anzug wirkte das Laufen auch merkwürdig.

„Habe ich dich endlich“, freute sich der Fremde und gönnte sich einige Augenblicke, um zu Atem zu kommen.

„Scheint so zu sein“, lobte Leo ihn und lächelte ihm freundlich zu.

„Wenn ich gewusst hätte, dass du so schwer zu finden bist“, lachte er.

Leo nickte zustimmend, ohne zu wissen, um was es ging.

„Ich schulde Steve einen Gefallen“, begann er sich zu erklären und hob eine Papiertüte vor sich. „Ich musste ihm versprechen, dir dies zu geben.“

„Oh, es ist Donnerstag“, begriff Leo endlich. „Er sagte mir er wäre für ein halbes Jahr in den Staaten.“

„Genau, er sagte mir, wo ich dich Donnerstagsabends finden würde.“ Er blickte hinter sich.

Leo lachte auf. „Und weil ich dachte, er wäre nicht da, bin ich nicht gekommen. Dann hast du es jetzt drei Wochen versucht?“, fragte Leo verblüfft.

„Ja“, erklärte der Fremde und klang selbst verwundert.

Leo nahm die Tüte entgegen und wagte einen Blick hinein. Zwei Doppelschnitten Rosinenbrot mit je einer Lage Schinken und einer Lage Käse und wenn er sich nicht schwer täuschte, dann lagen unten noch etliche Kirschtomaten.

„Vielen Dank!“ Leo war ehrlich bewegt. Dieser Moment stellte mehr dar als ein Außenstehender jemals begreifen konnte. Es war die größte Anerkennung, die Steve ihm hätte geben können. Leo war sich bewusst, dass Steve hierfür keinen kleinen Gefallen eingetauscht hatte. Doch dann wurde Leo nachdenklich. Es ging hier nicht um ein paar Kirschtomaten, und einen Banker schickte man nicht als Boten.

„Hat Steve sonst etwas gesagt?“, fragte Leo und glaubte zu wissen, um was Steve ihn bat.

„Ja“, der Fremde kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Er meinte es würde nicht schaden, wenn ich ab und an ein paar Schritte mit dir gehen würde.“

Es war dem Fremden merklich peinlich, das auszusprechen.

Leo nickte vielsagend. „Ja, Steve und ich sind regelmäßig hier durch die Straßen gezogen. Er meinte, es würde ihm helfen sich über einige Dinge klar zu werden. Er schätzt wohl auch meine andere Denkweise und Perspektive.“

Der Fremde schwieg.

„Ob beruflich oder privat.“

Der Mann zuckte beim letzten Wort, blickte kurz in Leos Augen und sah dann weg.

„Mmh.“ Der Mann wurde etwas steif. „Steve hatte so etwas angedeutet.“

Eine peinliche Pause entstand, doch Leo war der letzte, der jemanden zu etwas drängen würde. Leo tat als interessierte er sich für sein Brot und biss ein Ecken ab.

Das riss den Fremden aus seinen Gedanken.

„Würdest du mich denn mitnehmen?“, fragte er, und es kostete ihn einiges an Überwindung.

„Wenn du das möchtest, gern.“

„Ich meine nächsten Donnerstag. Heute ist es schon recht spät.“ Er war wahrscheinlich selbst über seine Frage erschrocken und verdrängte es lieber auf später.

„Ich werde da sein“, antwortete Leo freundlich und wohlgelaunt.

„Wenn es so richtig war, dann mache ich es nochmal so“, zeigte der Mann auf die Tüte in Leos Hand und tat damit als ginge es hierbei um Leo.

„Gerne, ich freue mich.“ Damit drehte sich Leo um, damit die Situation den Mann nicht überforderte.

„Warte“, rief dieser ihn zurück. „Wer bist du eigentlich.“

Leo drehte sich um. „Niemand.“

„Nein, ich meine, wie du heißt.“ Dem Mann war nicht aufgefallen, dass er Leo damit recht gab.

„Niemand“, wiederholte Leo ruhig und mit einem Lächeln im Gesicht.

„Niemand heißt Niemand“, versuchte der Mann zu erklären.

„Nun“, begann Leo und sein Lächeln wurde zu einem Grinsen. „Wenn ich niemand bin, dann heiße ich auch so.“

Das irritierte den Mann. Sein Blick fiel auf die Tüte Müll, die an Leos Seite baumelte.

„Warum sammelst du eigentlich den Müll anderer Leute auf?“ Der Mann wollte das Gespräch nicht so enden lassen. „Dafür bist du ja gar nicht verantwortlich.“

„Niemand ist dafür verantwortlich!“

Der Mann verengte nachdenklich seine Augen.

„Bis nächsten Donnerstag dann“, verabschiedete sich Leo und zog weiter.

Auch wenn Leo so tat als ginge es ihn nichts an, so beschäftigte es ihn doch noch eine Weile. Wahrscheinlich war Steve gar nicht in den Staaten. Leo hatte gespürt, dass Steve sich verändert hatte, er war ausgeglichener und stellte auch nicht mehr so viele Fragen, deren Antworten er dann schließlich doch selbst finden musste. Leo hatte ihm eigentlich nur geholfen sich selbst zuzuhören.

Vielleicht wollte er nun, dass Leo seinem Freund half, wie zuvor ihm. Vielleicht hatte er sein Leben nun endlich so geändert, wie er es wollte, so wie er es ehrlich wollte.

Leo nahm sich vor in fünf Monaten den Mann zu fragen, was wirklich mit Steve war. Nun da er darüber nachdachte, ergab nur das einen Sinn. Vielleicht würde Steve es ihnen beiden auch in fünf Monaten selbst erzählen. Steve plante gerne weit im Voraus und er hatte eine Schwäche für Geheimnisvolles.

Leos Zeitplan war heute etwas durcheinander geraten, aber das störte ihn nicht sonderlich. Mehr war es seine Nachdenklichkeit, die ihm in letzter Zeit etwas zu schaffen machte. Er hatte in den dreißig Monaten viel gelernt, über sich, über andere Menschen, über das Leben. Er verstand jetzt mehr als je zuvor und doch spürte er eine innere Leere in sich entstehen, aber ganz anders als jene, die er vor seinem Fall in sich getragen hatte. Er wusste nur noch nicht, was das für ihn bedeutete. Aber die Welt war für ihn nicht länger böse und trostlos. Diese Ellbogengesellschaft aus der er geflohen war, war beseelt von empfindsamen, liebenden und gutherzigen Menschen. Im Kollektiv war es ein Zug auf Abwegen, von dem jeder wusste, dass er in die falsche Richtung fuhr, aber den niemand umlenken konnte.

Von diesem Zug war er abgesprungen und tief gestürzt, doch auch wenn er seine Reisefreiheit nun genoss, so war das doch nur der kleinste gemeinsame Nenner, eine Nulllösung, aus der Unfähigkeit geboren er selbst und Teil der Gesellschaft zu sein.

Etwas erschrocken stellte er fest, dass sein Schlendern zu langsam geworden war und er sich nun wirklich beeilen musste. Edith durfte nicht zu lange warten, sonst würde sie Ärger bekommen. Doch zum Glück war sie auch etwas später dran. Sie öffnete das Gitter in dem Moment als Leo um die Ecke bog.

„Ah, da bist du ja!“ Edith war ungewohnt hektisch. „Komm ich habe heute keine Zeit. Friderike wartet drinnen auf mich und die darf hiervon nichts erfahren.“

„Gut, ich beeile mich.“ Es war nicht Leos Art sich von Hektik anstecken zu lassen, aber er konnte schnell sein, wenn es sein musste. Er huschte hinter das Gitter und blickte in die große Mülltonne, die Edith eben geöffnet hatte, um die restlichen Dinge hinein zu tun.

„Es ist heute aber wieder reichlich gedeckt“, stellte Leo in einem freudigen Ton fest, dabei ärgerte es ihn nur.

„Ja, ich meine es nur gut mit dir“, plänkelte Edith. Sie hatte längstens aufgegeben sich darüber aufzuregen und bediente sich abwechselnd an Ironie oder Zynismus um es sich auf Distanz zu halten.

Leo griff gezielt aber wählerisch nach den Lebensmitteln, die er in seine große Tüte verschwinden ließ. Er versuchte seine Nahrung so zu ergänzen, dass sie ausgeglichen war. An Milch, Joghurt und Obst fehlte es wahrlich nicht und selbst die Qualität ließ keine Wünsche offen. Er nahm aber weit mehr als er essen konnte. Edith wurde ungeduldig und so füllte er den Rest etwas wahllos.

„Danke Edith.“ Er streckte eben seinen Kopf aus der Tonne.

„Nichts zu danken. Es will ja eh niemand“, entgegnete Edith mit einem schiefen Lächeln und nahm die vier Euromünzen wie fast jeden Abend entgegen.

Leo zog die Gittertür hinter sich zu und beeilte sich wegzukommen, weil er nicht sehen wollte, was nun geschah. Doch an diesem Abend hatte sich auch Edith beeilt und so hielt sie den geöffneten Behälter bereits über die Tonne. Als Leo das Plätschern hörte drehte er sich unwillkürlich um. Es tat ihm bis ins Innerste weh zu sehen, wie sich die Säure über die noch genießbaren Lebensmittel ergoss. Bei den Gedanken an all die Massen Wohlstandsmüll wurde ihm schlecht. Er ballte seine Hand zur Faust und sah zu, dass er schnell weg kam. Üblicherweise wartete Edith damit bis er weg war, weil sie wusste, dass es ihn aufregte.

Leo kam an diesem Abend viel früher als üblich im Park an, da seine Wut auf sein Tempo abgefärbt hatte. An einer Bank stellte er die Tüte ab und suchte sich das heraus, was er für sich wollte. Dann trat er zwischen eine Baumreihe und ließ die Lichtgrenze hinter sich.

Es brauchte eine Weile bis sich seine Augen an das Dunkel gewöhnt hatten. Eine dichte Eibe bot hier ausreichend Schutz vor Regen und neugierigen Blicken. Er hob die untersten Äste an und verstaute dort seinen Einkauf. Das vom Vortrag war alles weg. Nur ein wenig Verpackung war übrig geblieben. Die anderen mochten ihn nicht wirklich, er war zu anders und sie mieden ihn. Aber die Kost nahmen sie an. Dabei wusste Leo nicht wer alles kam und von dem Versteck wusste. Manchmal wartete er etwas Abseits und schaute dabei zu, nur um sicher zu sein, dass es den Zweck erfüllte, den es sollte. Doch irgendwie waren es oft andere die kamen, als würden die Einzelnen nur unregelmäßig das Versteck aufsuchen.

Das merkte er auch an den Überresten. Mal war es beinahe sauber, mal lagen die Verpackungen im Versteck oder gar verstreut. An diesem Abend hielt es sich in Grenzen, doch es ärgerte ihn dennoch. Er entfernte das wenige an Verpackung und umschritt weiträumig die Eibe und wurde hier und da fündig. Als würde es niemand etwas angehen, blieb der Müll wo er anfiel. Scheinbar spielte es keine Rolle aus welcher Gesellschaftsschicht der Einzelne stammte. Einige Menschen waren wohl nicht für ein gesellschaftliches Leben geeignet. Aber es ist doch unser aller Welt, dachte Leo. Zumindest war es Leos Welt und so bückte er sich und hob eine Dose auf. Sein Ärmel klebte dabei kurz an seiner Jacke.

„Pfff“, stieß er aus. „Jetzt aber wirklich. Harz Nummer 4.“

Er ging zur nächsten Bank und setzte sich hin. Leo fand in den Tiefen seines Rucksackes ein Stofftuch und benetzte es mit Wasser. Aber so leicht wurde er es nicht los. Der Harz blieb an allem haften, bloß nicht an dem Tuch, mit dem er es entfernen wollte. Einmal darin gefangen, wurde man es nicht wieder los. Da würde er wohl Hilfe brauchen. Zum Glück wussten die bei der Reinigung seine Dienste zu schätzen.

Er gab es auf daran herum zu reiben und entschloss Morgen dorthin zu gehen. Resignierend und müde ließ er sich nach hinten sinken und schloss die Augen.

„Leo?“

Leo erschrak. Niemand kannte seinen Namen. Verkrampft richtete er sich auf.

„Leo bist du das?“

Die Stimme kam ihm vertraut vor. Leos Blut schoss ihm durch die Adern. Langsam drehte er sich um.

„Susi?“